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Altona
Kurz nach 1800 … gesehen von Würzer
(Auszüge aus »Ein Spazziergänger in Altona«)

Am Vormittage verhindert, nahm ich den folgenden Nachmittag mein Geschäft, die mir übrigen Merkwürdigkeiten der großen Freiheit in Augenschein zu nehmen, wieder vor. Ich kam heut über den sogenannten Klütenstieg, durch ein andres Thor, nach Altona; da ich denn meine Straße zur linken Hand suchen mußte, wo ich sie auch in einer kleinen Entfernung vom Thore fand. Der Theil derselben, den ich jezt betrat, zeichnete sich gegen den öbern, auf welchem ich gestern Bemerkungen gemacht hatte, durch eine sehr abstechende Stille aus, die erst in deren Mitte mit einer größern Lebhaftigkeit nach und nach abwechselte, welche heute, als am sogenannten blauen Montag des gemeinen Mannes, und – wie ich hernach vernahm – wegen der morgen bevorstehenden Ziehung des Lotto’s, weiter oben zum Gedränge wurde. Ich eilte in dasselbe hinein, und nachdem ich mich eine Weile an dem Anblik, der in ihrem Frohsinn ungestörten Menge gelabt hatte, blieben meine Blikke zulezt an dem königlichen Lottohause haften. Mehr als dieses, in der That ansehnliche Gebäude, interessirte mich die abwechselnd hinein und herausströmende Menge. Man drängte sich hinzu, als würde das Glük hier verschenkt. Allen stralte die Hofnung aus den Augen, und die Zettel, welche die Herauskommenden zum Theil in der Hand hielten, schienen für die Meisten den Werth eines guten, morgen zahlbaren Wechsels zu haben. Ein Mahler, dem aufgetragen wäre, eine personifizirte Hofnung zu mahlen, fände hier die vortreflichsten Originale in Menge! – Der Gemeinspruch, daß Alles, auch das Schlimmste, doch eine gute Seite habe, ist so wahr, daß er auch in Ansehung des Lottos, das doch gewiß das schlimmste Ding in der Welt ist, sich als wahr zeigt. – Unglükliche Menschen, unter den Unglüklichen die Unglüklichsten, namentlich, arme entkräftete Alte und Krüppel aller Art, vom nahen Hamburger Krankenhofe; Blinde von Lahmen geleitet, wankende Greise von Blinden unterstüzt, strömen schleichend herbei, um hier für ein paar Schillinge, die die Wohlthätigkeit ihnen reichte, und die ohne diese Bestimmung zu einem Schnaps oder einem Kaffee verwandt worden wären, mit williger Entsagung dieser Labsale, das, in ihren übrigen Verhältnissen ihnen fremd gewordne, unnennbar süße Gefühl der Hofnung, das wonnevolle Vergnügen auf einige Stunden zu erkaufen, ein mit allen Bequemlichkeiten versehenes Luftschlößchen zu erbauen, dessen Fundament eine Terne oder Quaterne ist, die sie auf einige ausgeträumte Nummern zu gewinnen rechnen. – Glükliche Illusion! du bist wohl der Entbehrung eines Schnapses oder eines Kaffee’s werth; und dich giebt – das Lotto! ….

Und an anderer Stelle schreibt Würzer:

Ich gebe zu, daß das Altonaer Lotto schon oft die Mutter manches Unheils geworden ist, und erinnere mich bei dieser Gelegenheit eines Epigramms, welches einen Hamburger Gelehrten zum Verfasser hatte, von folgendem Inhalte:

Das Schiksal gab dem Orient
Die Pest, partheiisch war es nie –
Es gab daher dem Occident
Die Zahlenlotterie.

Miszelle aus Würzers Aufsatz »Ueber den Zustand unsrer Judenschaft«:

Gelegentlich muß ich noch mit Bedauern bemerken, daß neuerlich auch Einer der Verfasser unsers Journals, mit dem Geiste desselben gar nicht übereinstimmend, bei Erwähnung des Einzuges des gegenwärtigen Oberrabbiners *), sich einige witzelnde Aeusserungen erlaubt hat, die in Ansehung eines Schriftstellers, der übrigens so mancherlei schäzbare Kenntnisse verräth und der, statt des Saamens der Zwietracht noch mehr auszustreuen, lieber dahin zu wirken bemüht seyn sollte, eine, unser Zeitalter entehrende Antipathie gegen ein anders glaubendes Volk auszurotten, eine sehr üble Pläsanterie genannt zu werden verdient. – Besonders ist diesem Verfasser der Ausdruk Residenz sehr auffallend und es scheint, daß er es ganz unzulässig findet, den Wohnsiz eines jüdischen Oberrabbiners eine Residenz zu nennen: aber aus welchem hinreichenden Grunde? – – Es ist wahr, daß der Sprachgebrauch dem Worte Residenz, das im Grunde nichts mehr als einen festen Wohnsiz bezeichnet, eine Nebenbedeutung beigefügt hat, und daß man heutiges Tages unter Residenz gemeiniglich den Aufenthaltsort eines großen Herrn oder doch eines Mannes von vorzüglicher Bedeutung verstehet. Allein, ein Altonaer Oberrabbiner ist auch ein Mann von vorzüglicher Bedeutung; ist mit einer ziemlich ausgedehnten Gewalt in geistlichen und weltlichen Dingen das Oberhaupt aller, in einer großen Provinz und in der angrenzenden Reichsstadt Hamburg befindlichen Individuen seiner Glaubensparthei; und sein Amt giebt an Wichtigkeit gewiß demjenigen manches Bischofs der römischen Kirche, dem man ja doch eine Residenz zugestehet, im Geringsten nichts nach. Wenn also ein Jude gegen den gedachten Verfasser geäussert hat, daß sein Oberrabbiner seinen Einzug in seine neue Residenz gehalten habe: so finde ich in diesem Ausdrukke nichts Unzulässiges, man nehme ihn nun in seinem ursprünglichen oder in seinem adoptirten Sinne. Allein jener Verfasser scheint darauf gar nicht geachtet zu haben: oder, der jüdische Oberrabbiner schwindet auch blos deswegen in seiner Vorstellung zu einem so kleinen Lichtchen herab, weil er nur das Oberhaupt von Juden ist; ein Grund, der freilich ziemlich Grattenauerische Principia verrathen würde. Ein Mann von humanen Grundsätzen, vermeidet sorgfältig dergleichen Ausfälle, die ganz und gar keinen Nutzen haben und nur dazu dienen, auf der einen Seite neuen Stof zu beleidigenden Nekkereien und auf der andern, Anlaß zu einem fortdauernden Mißtrauen gegen die Christen zu geben. In Ansehung des gegenwärtigen Oberrabbiners ist der gerügte Ausfall um so tadelnswerther, da derselbe von einem solchen Charakter ist, der schon jeden, einigermaßen gutdenkenden Mann abhalten sollte, sich Aeusserungen zu erlauben, die demselben wenigstens nicht angenehm seyn können. Er ist in der That ein schäzbarer Mann, der bei aller, bei seinem Amte und bei seinen Verhältnissen nothwendigen Strenge gegen sich selbst in Beobachtung der jüdischen Gesetze, gegen Andre eine sehr löbliche Toleranz und Nachsicht beweiset; und der keinesweges ein Ignorant auch ausser der Grenze seines Faches ist. Noch ist seine Wohlthätigkeit gegen Arme ein schöner Zug seines Charakters. Von Allem, was er einnimmt, gehört der Zehend den Dürftigen; und das ist bei ihm so feste Regel, daß er jedesmal, wenn er Geld einnimmt, sogleich dasselbe zählt, um allezeit den zehenden Schilling für die Armen zurükzulegen, für die Wahrheit dieser Anführung kann ich mich verbürgen, da mein Gewährsmann sehr sicher und glaubwürdig ist.

*) Zwi Hirsch. Aus Polen gebürtig. Zunächst Rabbiner in Groß-Glogau, seit 1802 Oberrabbiner in Altona.

Altona
Fast vierzig Jahre später …


2010: Schluß mit dem
Altonaer Museum?



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