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Horst Gronemeyer schreibt in der
Auskunft
Mitteilungsblatt Hamburger Bibliotheken
19. Jahrgang, Heft 1, März 1999:

Es ist ein großes Verdienst von Hans-Wemer Engels, aus der Zeitschrift Hamburg und Altona eine Reihe von Beiträgen neu ediert zu haben, die, wie er überzeugend nachweist, aus der Feder von Heinrich Würzer stammen. Der in Hamburg im Jahre 1751 geborene Würzer, wegen seines kritischen Geistes, der ihn sogar kurzfristig in Haft gebracht hat, von vielen Zeitgenossen sehr geachtet, hat in den Jahren 1801–1804 eine Reihe von Skizzen und topographischen Darstellungen veröffentlicht, die den oft beschriebenen Gegensatz der Städte Hamburg und Altona zum Gegenstand haben und dem Vergleich neue Aspekte abgewinnen. Es ist fast rührend zu sehen, wie die Urteile fast immer zugunsten Altonas ausfallen. Hier seien die Straßen sauberer, hier herrsche eine bessere, wenn auch strengere Polizeiordnung, hier vermeide man in der Gesellschaft einen übertriebenen Luxus. Die Ordnung durch einen guten – dänischen – Monarchen ist in den Augen Würzers der republikanischen Freiheit Hamburgs durchaus vorzuziehen.

Dabei wird aber keineswegs alles, was Altona angeht, schöngeredet. Der sozialkritische Ansatz kommt bei Würzer immer wieder zum Tragen. Das in Altona stattfindende Lotto, das zur Spielsucht und zum Müßiggang führe, wird ebenso kritisiert wie die Ausbeutung der Nachtwächter, deren karger Lohn sie dazu zwinge, auch tagsüber noch eine weitere Beschäftigung auszuüben.

Immer wieder gerühmt jedoch wird Altonas Toleranz, besonders den Juden gegenüber, die, anders als in Hamburg, in Altona jedenfalls de facto bürgerliche Rechte besäßen und gesellschaftlich nicht geächtet seien. Auch die größere Preßfreiheit in Altona wird von Würzer sehr hervorgehoben.

Lesenswert sind Würzers Ausführungen nicht zuletzt deswegen, weil man viel Alltägliches erfährt. Die mangelnde Beleuchtung der Straßen und die damit verbundene Pflicht, nachts ein Licht bei sich zu tragen, die Grausamkeiten der amtlichen Hundefänger, das Punschzimmer im Theater, das sich mindestens der gleichen Beliebtheit erfreue wie die aufgeführten Stücke – all dies gibt einen nachhaltigen Eindruck vom Leben in Altona vor zweihundert Jahren.

Man kann Hans-Wemer Engels und dem Verleger Robert Wohlleben nur dankbar sein, daß sie Würzers Texte in einer sorgfältig edierten, hervorragend kommentierten und ansprechend gestalteten Ausgabe vorgelegt haben.



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