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Reinhold Grimm

ÜBER ARNO HOLZ.
DEUTUNG – POLEMIK – REPLIK

In Erinnerung an den scharf-
züngig-heiteren Polemiker
Siegfried Sudhof

 

Arno Holz: Im Thiergarten

Im Thiergarten, auf einer Bank, sitz ich und rauche;
und freue mich über die schöne Vormittagssonne.

Vor mir, glitzernd, der Kanal:
den Himmel spiegelnd, beide Ufer leise schaukelnd.

Über die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant.

Unter ihm,
zwischen den dunklen, schwimmenden Kastanienkronen,
pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht,
– den Kragen siegellackrot –
sein Spiegelbild.

Ein Kukuk
ruft.

 

Reinhold Grimm: Spiegelungen

Was Impressionismus in der Malerei ist, weiß jeder. Beim Impressionismus in der Dichtung scheinen selbst die Kenner manchmal zu zögern. Doch wenn irgend etwas, so vermitteln diese zwölf Zeilen von Arno Holz (ursprünglich ohne Überschrift, weil dessen Phantasus-Zyklus entstammend) eine geradezu klassisch zu nennende Vorstellung davon, was impressionistische Lyrik war und zu leisten vermochte. Und da sie obendrein, bezeichnenderweise, in einen jugendstilhaften Schnörkel auslaufen, so markieren sie zugleich aufs genaueste den literarhistorischen Ort ihres Dichters. Denn hier, zwischen Impressionismus und Jugendstil, nicht etwa in den Gedichten des Naturalisten, die fast durchweg leiernd und epigonal bleiben, liegt in der Tat der geschichtliche Ort des Lyrikers Holz, soweit dieser zählt. Und die Momentaufnahme aus dem Berliner Tiergarten, trotz oder eigentlich wegen ihres bescheidenen Sujets und der behäbigen Beschaulichkeit, die sie atmet, ist sicher eine seiner gelungensten Leistungen. Angesiedelt in der konkreten Lokalität der preußisch-deutschen Hauptstadt um die Jahrhundertwende, wo offenbar nicht bloß die wohlhabenden Bürger, sondern auch die armen Poeten müßiggehen konnten, vom Drohnenleben der Offizierskaste zu schweigen, bietet dieses Gedicht ein kleines, ganz auf die subtile Wiedergabe des optischen Eindrucks abgestelltes Augenblicksbildchen, das beinah nur aus Lichtern und Farben und deren zitternden Schwingungen besteht. Zwei einleitende Zeilen geben die Situation; zwei abschließende setzen eine zierliche, gleichsam synästhetische Pointe; dazwischen entfaltet sich die lyrische Miniatur, die einerseits exakteste impressionistische Schilderung ist – unübertrefflich der Farbtupfen »siegellackrot« – und andererseits, damit verknüpft, verschlungenste Ornamentik im Sinne des Jugendstils. Denn was könnte jugendstilhafter sein als diese Verdoppelung durch Spiegelung, diese durchs leise schaukelnde Wellenspiel aufgelösten, gebrochenen, spiralig gewundenen Konturen, die »pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht« sind, wie es abermals mit glücklichster Formulierung heißt? Ja, sogar die mechanische Anordnung der Verse um eine Mittelachse, von Holz als revolutionäre Neuerung proklamiert, ist hier mehr als doktrinäre Marotte: nämlich zusätzliches Ausdrucksmittel, das tatsächlich das im Gedicht Ausgesagte typographisch ›verbildlicht‹. Der lautmalende Schlußsatz aber, der Kuckucksruf, verdoppelt die Verdopplung noch einmal, indem er sie durch Assonanz unterstützt, nun zudem ins Akustische überführt und so dieses inhaltlich wie formal vollkommene, beinah schwerelose Gebilde vollends abrundet.

Zugegeben, statt »schwerelos« könnte man,mit weniger feinsinniger Wendung, auch sagen, das von Holz Gebotene sei doch wirklich fast ohne Gewicht und Gehalt, sei selbtzufrieden, ja spießig und letztlich eine Banalität. Und zumindest jenes Bürgerlich-Pläsierliche, das Gottfried Benn – zu Unrecht, wie ich glaube – dem alten Fontane vorwarf, trifft auf den Lyriker Holz zweifellos in vieler Hinsicht zu. Vielleicht sollte man sein Gedicht Im Thiergarten, farbige Postkarte aus dem wilhelminischen Berlin, nicht lediglich als selbstgenügsame Spiegelung lesen, sondern auch als spiegelverkehrte Ergänzung zu anderen poetischen Grüßen, etwa dem Park Monceau Kurt Tucholskys aus dem Paris der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts? Mir jedenfalls scheint, daß gerade diese zwei Gedichte einander wechselseitig spiegeln. Und in beiden spiegelt sich außerdem, meine ich, was deutsche Dichter, ob auf einer Bank sitzend oder sonstwo und – wie, so dachten oder auch nicht dachten.

    (Zuerst erschienen in: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 5.4.1980, Tiefdruckbeilage, im Rahmen der FRANKFURTER ANTHOLOGIE. Jetzt auch in: Frankfurter Anthologie. Gedichte und Interpretation. Hg. und mit einer Nachbemerkung von Marcel Reich-Ranicki. 5. Bd. Frankfurt am Main 1980, S. 129 – 132.)

*

Diese Deutung blieb nicht unwidersprochen. Klaus M. Rarisch, Literarischer Nachlaßverwalter von Arno Holz, brachte seine Einwände in einem Brief an Marcel Reich-Ranicki von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vor. Ebenfalls in einem Brief an Marcel Reich-Ranicki erfolgte die Replik auf den zur Kenntnis gebrachten Rarisch-Brief. (Der Auszug aus dem unveröffentlichten Brief von Klaus M. Rarisch wird mit dessen freundlicher Genehmigung hier wiedergegeben.)

Klaus M. Rarisch, 3. Mai 1980 (Auszug):

Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki –:

ich wende mich an Sie, weil Sie mir früher einmal schrieben, Sie seien in Ihrem Hause für Literatur zuständig. Und zwar beziehe ich mich auf zwei kürzlich in Ihrem Blatt erschienene Artikel, aus denen mir ein gestörtes Verhältnis zu Arno Holz zu sprechen scheint, der sich zu Lebzeiten selbst dagegen zur Wehr gesetzt haben würde. Da ich mich nur stellvertretend äußern kann, verlange ich nicht, daß Sie diese Zeilen, die ohnehin zu lang geraten werden, als Leserbrief abdrucken sollen. Aber vielleicht kann meine Replik Sie selbst und Ihre Autoren zum Nachdenken veranlassen.

1.) Zu dem Kommentar von Reinhold Grimm über das Phantasus-Gedicht Im Thiergarten von Arno Holz (Frankfurter Anthologie, FAZ v. 5.4 .80):

Wieso sind die Gedichte des Naturalisten Holz (welche aus welchem Gcdichtband sind gemeint?) »fast durchweg leiernd und epigonal«? Wer so scharf kritisiert, muß das Kritisierte beim Namen nennen! Was soll mit dem Satz angedeutet werden: »... wo offenbar nicht bloß die wohlhabenden Bürger, sondern auch die armen Poeten müßiggehen konnten«? Will Herr Grimm damit sagen, Holz sei 1898/99, zur Entstehungszeit des Ur-Phantasus, etwa kein armer Poet gewesen? (Die diffamierenden Thesen in den Büchern von Helmut Scheuer, 1971, und Gerhard Schulz, 1974, über Holz würden diese Deutung nahelegen.) Oder will Herr Grimm bestreiten, daß ein Mindestmaß an Muße, und sei es auch nur eine Viertelstunde Rast im Tiergarten, zu den notwendigen Entstehungsbedingungen von Poesie gehört? Oder sollte es nicht auch Herrn Grimm einleuchten, daß Arno Holz, der eben nicht zu den wilhelminischen Modepoeten, sondern zu deren entschiedensten Gegnern zählte, kein Handwerk mit goldenem Boden ausübte und daher vielleicht nicht müßiggehen konnte, sondern mußte, weil ihm nämlich in der Gesellschaft seiner Zeit ein sinnvolles literarisches Tätigkeitsfeld nicht geboten wurde? Und inwiefern ist die in dem Gedicht formulierte Naturimpression »spießig und letztlich eine Banalität«? Müßte ein solches Pauschal-Verdikt dann nicht auf alle Naturlyrik generell zutreffen? Und was besagt der Vergleich mit Tucholsky und der Schlußsatz, daß deutsche Dichter, auf einer Bank oder sonstwo sitzend »dachten oder auch nicht dachten«? Will Herr Grimm damit dem unbefangenen Leser suggerieren, Poeten wie Tucholsky hatten gedacht, andere jedoch wie Holz wären dazu nicht willens oder imstande gewesen? Oder haben vielleicht Emotionen und Empfindungen im ästhetischen System des Herrn Grimm keinen Platz? (...)

Reinhold Grimm, 16.5.1980 (Auszug):

(...)
eigentlich erübrigt es sich, auf das Schreiben des Herrn Rarisch einzugehen. Was daraus spricht. ist die gleiche quengelig-rechthaberische Empfindlichkeit, die bereits Holz selber so unrühmlich auszeichnete; von Holz-Jüngern ganz zu schweigen. Hinzu kommt bei Herrn Rarisch freilich ein bemerkenswertes Unvermögen, einen einfachen deutschen Text zu lesen. Wenn ich daher trotzdem auf seine Auslassungen antworte, so allenfalls in der vagen Hoffnung, ihn wenigstens zu sorgfältigerer I.ektüre anleiten zu können. Kritisches, gar selbstkritisches Nachdenken ist von Zeloten ja kaum zu erwnrten.

Was also zunächst das Leiernde und Epigonale des frühen Holz betrifft, so empfehle ich dem literarischen Nachlaßverwalter, zum Beispiel Verse wie »Apage, blonder Satan« aus dem Buch der Zeit aufzuschlagen. Nicht einmal das berühmteste Gedicht dieser Sammlung, »Meine Nachbarschaft«, ist von derlei frei; und jene Wortwahl war somit keineswegs unberechtigt. Desto abwegiger sind dafür die rhetorischen Fragen, die Herr Rarisch, voll blinder Beflissenheit, an meine Bemerkung vom Müßiggang der »armen Poeten« knüpft. Denn daß Holz zu ihnen gerechnet wird, obzwar nicht ohne Ironie, sollte für jeden, der des Deutschen einigermaßen mächtig ist, eindeutig genug sein. Doch dem Abgott darf eben nichts außer purem Weihrauch und unverhüllte Lobhudelei dargebracht werden; alles andere gilt seinem Adepten als verwerflich. Wer hat hier wohl – ich frage so rhetorisch wie Herr Rarisch, wenn auch lediglich belustigt – »ein gestörtes Verhältnis– zum Heiligen Arno?

Daß dieser ferner, wie uns bedeutet wird, einerseits ein vielbeschäftigter Mann war, der »ein Mindestmaß an Muße« brauchte, um überhaupt dichten zu können, andererseits jedoch »müßiggehen (...) mußte«, weil ihm die Gesellschaft kein »sinnvolles literarisches Tätigkeitsfeld« bot, ist ebenfalls nicht gerade eine nachlaßverwalterische Glanzleistung. Noch schlimmer verhält es sich aber mit dem angeblichen »Pauschal-Verdikt«, das mir Herr Rarisch in die Schuhe schiebt; denn er hat in seinem Eifer gänzlich übersehen, daß nur ein paar Zeilen über der von ihm gerügten Wendung »spießig und letztlich eine Banalität« eine andere zu finden ist, welche schlicht und unmißverständlich lautet: »dieses inhaltlich wie formal vollkommene, schwerelose Gebilde.« Gemeint ist damit, Herr Verwalter, dasselbe Gedicht »Im Thiergarten«, das Sie so empört verteidigen zu müssen glauben und von dem es übrigens schon zu Beginn meines Kommentars heißt, daß es »sicher« (sicher!) zu den »gelungensten Leistungen« von Arno Holz zähle. Beide Aspekte, pflegt man den Studenten im Proseminar zu erklären, gehören in einem solchen Fall zusammen; und das Urteil, das sie dann gemeinsam bilden, ist sowenig ein pauschales, wie mein Verhältnis zu Holz (wenn ich denn unbedingt eines haben muß) ein gestörtes ist. Ich versuche ganz einfach, etwas von der widersprüchlichen Einheit dieser lyrischen Miniatur und ihres Autors zu erfassen – der man allerdings, soviel ist abermals sicher, mit dem apologetischen Holzhammer schwerlich beizukommen vermag.

Obwohl Herr Rarisch offenbar weder Tucholskys Parc Monceau kennt noch sich die Mühe gemacht hat, meine in der FAZ vom 24.11.1979 erschienenen Betrachtungen dazu nachzulesen, schließt er ruppig auftrumpfend: »Oder haben vielleicht Emotionen und Empfindungen im ästhetischen System des Herrn Grimm keinen Platz?« Sie haben, Verehrtester, sie haben. Wenn nämlich Ihre Lesefähigkeit nicht so kläglich beschränkt wäre, so hätten Sie sich fast zwei Spalten lang, will sagen auf über zwei Dritteln meines Beitrags, sattsam davon überzeugen können, daß das von Ihnen in meinem »ästhetischen System« (was für eine geschwollene Redeweise) Vermißte dort durchaus seinen »Platz« hat und daß ich Holz sogar ausdrücklich bescheinige, Emotionen und Empfindungen in seinem Gedicht nicht bloß benannt, sondern »mit glücklichster Formulierung«, ja »unübertrefflich« eingefangen und vermittelt zu haben. Doch Verse sind halt in der Regel etwas komplexer als sich die hölzerne Gefolgschaftstreue literarischer Leibwächter das träumen läßt.


Erschienen in:
Arbeitskreis Heinrich Mann
Mitteilungsheft
– Sonderheft –
SIEGFRIED SUDHOF
(1927 – 1980)
zu gedenken

Herausgegeben von Peter-Paul Schneider
in Zusammenarbeit mit
dem Senat der Hansestadt Lübeck
Amt für Kultur
Lübeck 1981
Seiten 108-114

Rechte bei Reinhold Grimm



 

Klaus M. Rarisch nimmt noch mal Stellung