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Der Schimmelreiter
von Finkenwerder

Erstes Kapitel

Der Schimmelreiter von Finkenwerder



Herbst 1993

Wie wieder alles zusammengekommen ist! Wohl anderthalb Jahre zuvor hatte ich meiner Tochter Lena den Schimmelreiter vorgelesen, noch schnell bevor die Schule ihn verordnet. Das gelang auch gerade rechtzeitig und mit gutem Timing: Keine zwei Wochen nach vollendetem Vorlesen war Theodor Storms Buch Thema im Deutschunterricht.

Mir ist als Schüler glücklicherweise erspart geblieben, den Schimmelreiter als Schullektüre zwangsverabfolgt zu kriegen. Und heute gehört das Buch für mich zu den in vieljährigen Abständen wiedergelesenen Büchern. Darunter sind z. B. Frank Herberts Dune, Candid, Gullivers Reisen, die beiden Alice-Bücher (Wahnsinn!) und Wilhelm Hauffs Memoiren des Satans. Peter Schlemihl!

Nu, was ich da mit unerschüttert ungetrübtem Vorurteil vom Deutschunterricht befürchte, ist lebhafter Reflex gut vier Jahrzehnte zurückliegender Erfahrungen, gut gestützt und bestätigt durch mannigfach gleichartiges Angewidertsein in Freundes- und Bekanntenkreis. Hin auf die Frage »Habt ihr damals auch ... lesen müssen?« gehts heftig los!

(Und nu! ich sollte auch ein wenig gerecht sein! Eindruck gemacht haben mir damals in der Schule wohl Thomas Manns Tonio Kröger und Somerset Maughams Outstation – beide nach Erwerb für den Deutsch- bzw. Englischunterricht sogleich »verschlungen«. Also bevor der Unterricht darauf zugriff. Ich bin dankbar für die Hinweise.)

Wie ich aber genauer hinsehe, will ich doch wenigstens das ausnehmen, was Lena mit Ulrike Bischoffs Aufgabenstellungen erlebte. Da ist es mal vorgekommen, daß die Tochter nachts um drei, in der vertrackt spannenden Hausaufgabe versackt, ernsthaft zur Bettruhe gemahnt werden mußte. Da transponierte sie eine Passage von Kabale und Liebe in heutiges Rotlichtmilieu, so etwa: »Ich steck den richtigen Leuten, daß du auf Äitsch bist, und dann ist cold turkey angesagt.« (Mit dem Ergebnis schließlich, daß die Tutorin sich sorgte, Lena könnte in eine falsche Szene abgedriftet sein.)

Weiter. Wie der 93er Sommer noch die Stadt heizte, ließ ich mich von meinem maurerischen Freund Bernd überreden, ihn mit dem Salon Gloria in der Ottenser Hauptstraße und dessen Haarschneidekünsten bekannt zu machen – für ihn als Bauunternehmer wohl nötig, um Auftraggebern bereits durch sein Äußeres die gebotene Seriosität zu signalisieren. Für mich hätten wohl noch so zwei Monate mindestens dahinpassieren können. Daß ich schließlich wieder als Alt-Achtundsechziger mißdeutet worden wäre [1].

Dies Unternehmen war schlicht geplant: Ich sollte zuerst unter die Schere, auf daß der mißtrauische Bernd sich traue. Wie wir aber so in der schwarzledern schwellenden Sitzgruppe der Warteecke warteten, rief die halbwegs ältere der beiden Friseusen uns als Nächste auf. Halb hatte ich mich verabredungsgemäß erhoben, da startete Bernd schon entschlossen zum Barbiersitz. Nun gut, da war ich also der Anfangszwanzigerin überantwortet. Nicht zu meinem Schaden. Bernd hingegen hatte dem Alter vertraut und fiel Murphys Gesetz zum Opfer – anscheinend nimmt er dem Salon Gloria was übel. Er war immer noch nicht wieder dort.

Frisch die Treppe runtergefallen, kamen wir in einen Regenguß hinaus, flüchteten ins Schlicht-Antiquariat »Bücherwurm« auf der andern Straßenseite (»Einfahrt freihalten. Der Wurm«). Gerade nur den Regen abzuwarten und nichts zu suchen. Aber Gorch Focks Seefahrt ist not! mußte mit, wie es da auf einem der bücherüberhäuften Tische mit den Neuzugängen oben lag. Mit 8 Mark bald überbezahlt. Nicht, daß ich die Klamotte hätte in meinen Kanon des Wiederzulesenden aufnehmen wollen ... nein, aus eher praktischen denn emotionalen Gründen sollte mir das im Umschlag angefleckte Stück des 188. bis 192. Tausends von 1933 die unscharfe Kindheitserinnerung ans Seestück auffrischen.

Dies Vorhaben hatte sich nämlich schattenhaft mit dem Näherrücken der vom nordkolleg rendsburg veranstalteten Tagung »Literatur vom Meer und von Schiffen« (3.–5.9.93) angebahnt [2] und nun endlich – dank Bernd, Salon Gloria und Regenschauer – realisiert.

Die Einladung nach Rendsburg war ihrerseits in einem meiner sonettistischen Seestücke verankert [3]:

Törn

Der Tag geht an mit Halsen, Schlag um Schlag
verschlingt der Kurs sich in die Archipele,
daß keins der Eilande im Logbuch fehle:
die Länge, Breite, wie’s zum Winde lag ...

An Deck das Tauwerk, Ladung laut Vertrag.
Zu leicht im Kiele, krängt nun die Kraweele.
Ins Bilgenwasser leckt des Schiffes Seele.
Wahrschau und Kopp weg! Sie geht über Stag!

Die Dünung wälzt sich her im steten Treck,
in Schwall und Gischt zertrennt der Bug die Fluten.
Kielwasser hetzt zum Himmel hinterm Heck.

Der Törn durchzackt die Karte über Eck.
Zenit und Nadir flackern durchs Vermuten
und vage Azimute ins Besteck.

»Segelst du?« wurde ich daraufhin verschiedentlich gefragt. Nee. Das ganze Traum-Sonett fließt schlicht aus meerischer Lektüre in der Jugend: Joseph Conrad, Jack London, Forrester, das Totenschiff, Cooper, Poe, Swift & Cons. Ja: Gorch Focks Seefahrt ist not! auch. Der lektüregespeisten Phantasie ist ja die See die Verheißung, stets sich zuschwemmender Verlandung zu entkommen.

Und wenn ich jetzt offenbaren sollte, daß Törn ein Liebesgedicht ist ...?

Seefahrt ist not! also ... war schnell durchgelesen. Wundern tat mich, wie ich mich so gar nicht ans reichlich eingesprengte Plattdeutsch erinnerte. Muß das also wohl als Junge so weggelesen haben. Klar: im elterlichen und großelterlichen Bäckerei-Haushalt im ehmals stormarnsch preußischen Rahlstedt gingen genügend Plattdeutsche ein und aus. Damals gabs im frischgebackenen Hamburger Vorort, wo der Danzbaron Detlev von Liliencron (1844–1909) und ich (1937–?) denselben Friseur hatten, noch Bauernhöfe und Störche. Die aber ziehts schon lange nicht mehr hin zu den Wohnblocks und der geschrumpften Feldmark mit ordentlich begradigten Bächen (kann sein, die werden jetzt wieder »zurückgebaut« oder »renaturiert«) und sehr anmutigen Hügelzügen aus Müll [4].

Ebenso wenig waren Gorch Focks stramm nationalistische, gar mal kriegstreiberische Töne in Erinnerung oder sein schollerndes Tremolo immer dann, wenn besondere Seelentiefe zu markieren ist. Lena ließ ich an einigen besonders gelungenen Passagen teilhaben, und sie kam bei diesen Gelegenheiten auf die – berechtigte! – Frage, ob da etwa eine zweite Person dazwischengeschrieben habe ...? Wir haben diese Frage so stehenlassen. Denn durchaus wärs ja im Rahmen gar nicht mal so weit entlegener menschlicher Möglichkeiten, daß Gorch Fock sich den Deutero-Autor ganz und allein aus den Möglichkeiten seines Innern berufen hat.

Nun gut, so was schwarzweißrot Bronziertes vorzufinden war mir keineswegs Überraschung. Etwas in dieser Art hab ich von Gorch Fock wohl erwartet – ein mit Wonne! durch keinerlei Überprüfung auch nur im Ansatz getrübtes Vorurteil. Die einstmalige Rührung beim Schiffbruch des Helden hat sich nicht wieder einstellen wollen.

So hatte ich also Schimmelreiter und Seefahrt ist not! frisch intus. Da ging ich daran, ein Typoskript meines Freundes Klaus M. Rarisch als Meiendorfer Druck herzurichten [5]. Wie der ultimistische Sonettist KMR [6] da Motive von Huelsenbeck, Huysmans, Lautréamont und Vitrac und wem sonst noch in der Grass’schen Blechtrommel aufspürt und jakobinisch als Plagiat verfolgt, hab ich ebenso angeregt wie gehässig gelacht und gedacht, auf Teufel komm raus und todernst Zusammenhang zu »beweisen« für zwei Bücher, die nichts miteinander zu tun haben: Mit Seefahrt ist not! und Schimmelreiter wollte ich mir eine Kontrafaktur zu KMRs Streitschrift erfinden ... warum soll ich nicht mal Witze machen?

Oliver Böhm: Lithographie Seepferd I

Nu, ich hätte auch über die Frage nachdenken können, was denn ein Plagiat wäre. Wird wohl drauf rauslaufen, daß ichs doch noch tu. Ungern. Denn a) ist mir das Phänomen eigentlich ziemlich wurscht, und b) fällt Faulheitsbedürfnis mich an gegenüber den genauere Bestimmung heischenden mehreren gattungsinternen wie –übergreifenden – sowieso dann auch überdies von Emotionen gequollenen – Grenzziehungen zwischen Bearbeitung, Adaptation, Kontrafaktur, Travestie, Parodie, schlichtem Abkupfern und was wohl noch!

Verschiedene Widrigkeiten – na gut, ich lasse das nicht so ganz im Ungewissen: Unter anderem ging Ende Juli ’93 mein Arbeitgeber, große private Sprachschule, in Konkurs und mir meine fast 17 Jahre mit Spaß (und Erfolg?) betriebene Arbeit im Deutschunterricht für Flüchtlinge und Aussiedler flöten. Verschiedene Widrigkeiten also hatten mir meinen 93er Urlaub gestohlen. Doch ein paar Tage der Hamburger Sommerferien waren noch übrig, daß ich mit Lena zu Freunden ins Brabantische reisen konnte ... Storm und Gorch Fock als Ferienlektüre im Gepäck.

Dort, unweit Waterloos, am Küchentisch, umtrubelt von Kindern, Hunden und Katzen, das halbe Haus erweiterungshalber eine Baustelle und von Bauarbeitern bevölkert, legte ich die beiden Bücher nebeneinander. Und das große Erstaunen setzte ein: Kein Witz! Die Verwandlung von Wienke Haiens Möwe Klaus in die Krähe Kluß des kleinen Klaus Mewes machte mich stutzen und immer schräger über Seefahrt ist not! hinsehen. Mir ging auf, daß Gorch Fock sein Buch wiß und wahrhaftig im Bezug auf Storms Schimmelreiter erfunden hat.

Um dies gleich zu Anfang klarzustellen: Ich kanns nicht als »Plagiat« werten, wie Gorch Fock den Stormschen Schimmelreiter-Stoff für sein Buch Seefahrt ist not! ausgewertet und sich daran abgearbeitet hat. Nein: Kein Diebstahl ist anzuklagen, sondern ein gelungenes Kunststück im Sinne des literarischen Manierismus zu bewundern. Gorch Fock hat eine höchst kunstvolle Adaptierungstechnik angewandt, wie wir sie ganz ähnlich etwa bei Joyce und Arno Schmidt finden können.

Ein bei DelHaize gekauftes kräftiges belgisches Schulheft wurde mit Notizen voll fürs Grundgerüst. Wieder in Hamburg dann, fächerte ich die Lektüre-Basis ein wenig aus. Bei Hans-Helmut Tiedemann in Ottensen fand ich Gorch Fock-, Storm- und Hebbel-Ausgabe, Gorch Fock-Briefe und ein paar Einzelausgaben bei einem Trödler in der Nähe; bei Paul Hennings herabgesetzt die klapperdürre Dissertation Die Sprache der Finkenwerder Fischer (nicht uninteressant!); zwischen Stephansplatz und Gänsemarkt bei Wiedebusch Gorch Focks Kriegs- und Bordbuch, daß mir die Haare zu Berge standen.

Mehr war und ist zur Zeit nicht, kein Blick in den Gorch Fock-Nachlaß (könnt vielleicht »interessant« sein). Kein Rumschmökern in Gorch Fock-Sekundärliteratur: Da lesen sich schon die Titel so grauslich. Und ich will doch auch gar nicht zum Gorch Fock-Forscher mutieren! ... Dem Erkenntnisgang sei aber auch so nachgestiegen.

Ach ja: Zu gern hätte ich in Rendsburg Seefahrt ist not! als intrikates Beispiel für »Literatur vom Meer und von Schiffen« eingespielt. Hätte mir Spaß gemacht! die eine oder andre Passage mit gehöriger Betonung vorzulesen: »Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten«. Mit Seewetterberichten gelingts mir ja auch wunderbar: »Ozeanwetterschiff Lima: nicht auf Position«. Aber brav (zu brav?) hab ich mich der ja längst festliegenden Programmfolge gefügt, so daß der Rendsburger Runde und dem Raben Nr. 39 die Erstaufführung entgangen ist.

1] S. dazu: Anspruchsvolle lyrische Kost. Robert Wohlleben: Ottenser Avantgardist und Kleinverleger. – In: Altonaer Wochenblatt vom 18.3.1992. Vgl. auch Heide Soltau: Pfeifen aufs Duett. Von Singles, Alleinstehenden und anderen Solisten. (Köln:) Kiepenheuer & Witsch (1993). S. 73.
2] Deren Ergebnisse in Der Rabe Nr. 39. Zürich: Haffmans Verlag 1994.
3] Robert Wohlleben: Falsch und wunderbar. (Hamburg:) (Robert Wohlleben Verlag 1992) = Meiendorfer Druck Nr. 22.
4] Vgl. dazu Meiendorfer Meinungs- und Müllverwertungs-Co.: Meiendorfer Müll. Konzepte für seine künstlerische Begleitung. (Gersthofen:) Maro Verlag (1972) = Maro-Manuskript Nr. 6.
5] Klaus M. Rarisch: Günter Grass als Plagiator? (Hamburg:) (Robert Wohlleben Verlag 1994) = Meiendorfer Druck Nr. 30.
6] S. Ultimistischer Almanach. Hg. von Klaus M. Rarisch. Mit Originalholzschnitten von Hans Arp u. Raoul Hausmann. (Köln:) Hake (1965).

Lithographie »Seepferd I« von Oliver Böhm



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