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Über das Komische und den Witz.

Von Rolf Wolfgang Martens.

Die Literatur bietet uns eine stattliche Anzahl verschiedenartiger Erklärungen des Komischen, die zum größten Teil den Fehler aufzeigen, daß sie zu eng und zu weit sind, d. h. daß sie einerseits nicht umfassend oder intensiv genug sind, um alles Komische unter sich zu begreifen, und daß sie andererseits sich auch auf Prozesse anwenden lassen, die wir nicht als komisch bezeichnen [1]. Ein Grund dieser [460] Unzulänglichkeit liegt in der Natur der Systemphilosophie, die jede neue Erscheinung im Zusammenhang ihrer allgemeinen Welterklärung verständlich zu machen bestrebt ist; auch hat wohl den gelehrten Erklärern für ihre Untersuchung eine nicht genügend große Anzahl komischer Prozesse, wie Anekdoten und humoristische Kunstgebilde, vorgelegen.

Wenn wir die komischen Prozesse betrachten, — sowohl die Ereignisse im Leben, die wir komisch nennen, z. B. das unfreiwillig Komische, als auch jedes künstlerische Erzeugnis des Humors, — wenn wir sie zunächst ganz im allgemeinen betrachten, so fällt uns vor allem ins Auge, daß in unserer Seele Lustgefühl und Fröhlichkeit ausgelöst wird, wie das im übrigen nur durch sinnliche Genüsse geschieht, die zur Erhaltung unseres Lebens und zur Erhaltung der Gattung dienen, und bei den darauf bezüglichen Gedankengängen. Daraus folgt, daß der Grundcharakter des Komischen ein lebenbejahender, lebenfördernder sein muß. Soll etwas komisch wirken, so muß die Empfindung des Genusses am Dasein herausleuchten. Eine pessimistische Lebensauffassung — mag sie der Überzeugung und Stimmung des Einzelnen auch noch so sehr entsprechen — hat mit Komik nichts zu schaffen. — So kann ein Gebilde völlig die Struktur des Witzes zeigen und wirkt doch nicht komisch, weil eben die Heiterkeit fehlt. In Aeschylos’ »Totenopfer« sagt der Knecht zur Klytemnaistra: »Die Toten, sag’ ich, morden die Lebendigen!« — Worauf diese entsetzt erwidert: »Weh, — ich verstehe schon dein Rätselwort!« — Die komische Struktur — mit der wir uns unten näher befassen werden — ist hier in den beiden kontrastierenden Vorstellungen vorhanden: »Die Toten«, als eine leblose, für das menschliche Wirken abgetane Sache, — und »Die Toten« in anderer Bedeutung, als Begriff von dem Rechte des Gestorbenen, das wegen des ihm schmählich zugefügten Verbrechens in seinen Nachkommen lebendig ist und sie zur Rache treibt. Aber trotz dieses für das Komische charakteristischen Baues wird wegen des finsteren Charakters niemand das Wort als scherzhaft ansehen. — Ein anderes Beispiel: wir lächeln, wenn wir im Heine lesen, daß er, nachdem er uns die Sage von den »Meerbischöfen« erzählt hat, uns versichert, daß diese nicht etwa von ihm erfunden seien, denn er hätte schon an den »Landbischöfen« genug und werde sich hüten, noch »mehr Bischöfe zu machen«! Aber der Humor vergeht uns, wenn wir dasselbe Wortspiel hören in der Verbindung, daß ein westfälischer Reisender, der in Italien, nachdem er ein Glas Wasser getrunken hatte, noch mehr Wasser verlangte, worauf ihm salziges Meerwasser gebracht wurde, daß darauf der sehr kräftige Reisende den kleinen, italienischen Kellner, der ihn positiv mißverstanden hatte, fast zum Krüppel schlug.

Die für das Komische kennzeichnende lebenbejahende Freude am Dasein äußerte sich in den Anfängen der Kultur als Bestätigung des Ichgefühls zumeist in dem Bekämpfen der anderen. Diesen Charakter trägt die damals geprägte Komik und noch heute. Wir haben auch hier, biogenetisch gesehen, die Ähnlichkeit in der Geschmacksrichtung der Völker im Urzustande, der Kinder und der Ungebildeten.

Das Kind befriedigt nichts mehr, wie Kuno Fischer richtig bemerkt, als wenn wir im Spiel mit ihm uns so anstellen, daß es sich uns überlegen fühlen kann. Und wie der Ungebildete sich hier verhält, erfährt man am besten, wenn man zu einer Sonntagnachmittagsvorstellung in den Zirkus geht und die Menge in wieherndes Gelächter ausbrechen hört, sobald der Clown dem »Dummen August« eine schallende Ohrfeige versetzt. Die Zuschauer nehmen nicht, wie es Kultur und Humanität erfordern, für den Geschlagenen Partei. Das würde kein Lustgefühl auslösen; der Kampfinstinkt will eben beschäftigt sein. — Wohl aber erweist es sich hier schon als nötig, daß zu diesem Zwecke Kunst aufgewendet werden muß, [461] damit keinerlei entgegengesetzte Interessen aufkommen: Der dumme August muß eine groteske Erscheinung sein, deren närrisches Gebaren, lächerlicher Anzug und dummes Gesicht Mitleid von vornherein ausschließen. Er muß die Merkmale des Törichten tragen, über das wir uns im Leben oft haben ärgern müssen und über das wir vielleicht auch in Fällen triumphiert haben, wo das Recht nicht auf unserer Seite war. Daher können wir uns mit dem Gegner identifizieren und uns über die Niederlage des armen Tölpels freuen. Unsere kriegerischen Instinkte werden durch den siegreichen Angriff geweckt und ihre Erregung läuft lustgemäß ab.

Die gleiche Freude an dem Verletzen des anderen finden wir in den komischen Erzeugnissen der Völker in ihren frühen Entwicklungsstadien. Ich will hier einen Bericht aus der Hansezeit erwähnen, der sich mit den Spielen der Deutschen in Bergen von 1478 bis zu Ende des 16. Jahrhunderts beschäftigt, ein Bericht, der also nicht einmal aus einer ganz frühen Epoche stammt [2].

Es handelte sich um Spiele, die bei der Aufnahme der im Kontor neuangekommenen Hanseaten veranstaltet wurden. — Da ist zunächst das »Rauchspiel«; Butterfässer wurden mit Lohe, Tran, Holz, Unrat und alten Haaren gefüllt und angezündet, während man den Neuaufzunehmenden an einem Strick darüber hinaufzog bis zur Höhe des Klappfensters im »Schütting« und geraume Zeit im Qualm hängen ließ. Nachdem ihm Mund und Nase gehörig damit angefüllt waren, wurden ihm Fragen vorgelegt, die er beantworten mußte; danach wurde er zur Tür hinaus geführt und mit 6 Tonnen Wasser beschüttet, um den Rauch abzuspülen. Nur einer, heißt es gemütvoll, sei bei dem Spiele erstickt. Die Neulinge wurden weiterhin betrunken gemacht und auf einer Pritsche verprügelt, nachdem man ihnen einen Teppich über den Kopf gebunden hatte, damit sie ihre Peiniger nicht erkannten; dazu wurde auf einem Becken getrommelt, um das Geschrei zu übertönen. Es gab ferner noch ein Beichtspiel, ein Barbierspiel, das Pferdeken-Beslan, Vinkenfangen, Swineken-Bräuen, Ankersmeden, Schinkenschniden, Endekenstricken usw. Bei allen bildete Schlagen und Wehetun die Pointe.

Eine andere Art des komischen Ergötzens, die ebenfalls auf der Befriedigung des Machttriebes beruht, ist der obszöne Witz. Wenn man erwägt, daß Sitte und Anstand den Menschen in einer Art umspannen, die oft — und besonders auf jugendliche und rohe Gemüter — einengend und bedrückend wirkt, so erscheint es begreiflich, daß sich das Ich gehoben fühlt, sobald es diese Schranke durchbricht. Bekannt ist die Ausdehnung und Beliebtheit dieser komischen Art im Volke und bei der Jugend. Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, wie ein einziges unanständiges Wort oft genügt, um jubelnde Heiterkeit auszulösen.

Die Scherzart des Verletzens und des Obszönen bildet die Komik der Völker in den Stadien der beginnenden Kultur, wie auch die der breiten Volksmassen. Wir begegnen ihr beim Kasperle, dem Kölner Henesche, bei Till Eulenspiegel, und dem Hans Wurst, den, als das literarische Moment die Oberhand gewann, der alte Gottsched auf der Bühne der Neuberin in Leipzig verbrennen ließ. Bei den romanischen Nationen finden wir diese Komik der Kampfinstinkte in den Spielen des Arlechino, der Kolombine, des Pantalone usw. Die gleiche Struktur weisen die Scherze von Poggios Facetien, Boccaccios Dekamerone und ihren Nachahmern auf. Viel ist aus solchem volkstümlichen Humor in die Lustspiele des Venetianers Goldoni, wie auch in die komischen Dichtungen Shakespeares und seiner Zeitgenossen übergegangen. [462]

Alle Art der Komik jedoch, wie Karl Groos will, auf den Kampftrieb (in Verbindung mit den beiden kontrastierenden Vorstellungen, von denen wir weiter unten noch zu sprechen haben werden) zurückzuführen scheint mir nur dann möglich, wenn man den Begriff des »Kampfinstinktes« unberechtigt weit ausdehnt (vergleiche Groos, Spiele der Menschen, S. 298). Wenden wir uns daher einer zweiten Auffassung zu, die mehr die objektive und intellektuelle Seite komischer Phänomene betont, und die, wie ich meine, am treffendsten von Ed. v. Hartmann dahin ausgedrückt worden ist, der komische Vorgang bestehe in einer reductio ad absurdum des Unlogischen, das sich als Gernegroß spreize. Von den primitiven Arten des Komischen, die wir in den Anfangsstadien der Entwicklung gesehen haben und deren Spuren wir hier und da noch begegnen, steigen wir hiermit zu den feineren und vergeistigteren auf und betreten damit das Gebiet, wo für den Gebildeten eigentlich erst Humor und Komik beginnen, nämlich in der künstlerischen Gestaltung der Kulturepoche. —

Um eine festumrissene und dabei ausreichende Definition des komischen Kunstwerks aufzustellen, sind die einzelnen Objekte nach Völkern, Zeiten und Sitten zu verschiedenartig; wohl aber lassen sich gewisse Dominanten feststellen, die in den komischen Gebilden wiederkehren und sich in verschiedener Weise miteinander kreuzen und gegenseitig bestimmen. Das in allen komischen Vorgängen vorhandene Merkmal ist das oben erwähnte Prinzip der Daseinsfreude.

Eine freudige Bejahung unseres Ichgefühls findet unter anderem auch statt, wenn wir uns einem fehlerhaften oder kleinlichen Objekt gegenübersehen und uns ihm überlegen fühlen können, im Gegensatz zum Erhabenen, das den Beschauer, »indem es ihn erhebt, zermalmt«. Durch das Sich-überlegen-fühlen entsteht schon die gute Stimmung, die wieder weitere komische Momente entdeckt und sich so ausbreitet. Fernerhin darf das Verletzen oder ein anderes negatives Moment im komischen Vorgang nicht so schwerwiegend sein, daß es uns niederdrückt. Über die Ohrfeige des Clowns können wir noch lachen, über einen Totschlag nicht. Dergleichen hatte Aristoteles vor Augen, als er im fünften Kapitel der Poetik schrieb: »Das Lächerliche ist nämlich eine solche Abirrung und Entstellung, welche weder Schmerz noch Schaden bereitet, wie denn die komische Maske etwas Entstelltes und Verzerrtes ist, aber ohne schmerzlichen Ausdruck«. Aus diesem Grunde kommen für den feiner organisierten Menschen gewisse unverschuldete Übel, wie die des Buckligen und des Wahnsinnigen als Gegenstände komischen Genusses nicht mehr in Frage [3]. So darf auch beim obszönen Witz das Unappetitliche oder Sittenlose nie überwiegen, — oder es ist um die humoristische Wirkung geschehen. Das Empfinden ist auch hier individuell, wie das erhöhte Feingefühl unserer Frauen beweist. Ferner verlangt es der Charakter der Heiterkeit, daß uns das Verstehen eines Witzes oder einer Lustspielsituation leicht gemacht werden muß. Wir erinnern uns an das Shakespearewort: »Weil Kürze denn des Witzes Seele ist…!« Komik verträgt eben am allerwenigsten Erdenschwere.

Ergaben sich die bisherigen Schlüsse durch die Betrachtung der komischen Prozesse in großen Zügen, so stellen sich uns, wenn wir — nach Fechnerscher Methode der Ästhetik von unten — eine genügend große Anzahl von Anekdoten uns vor Augen führen und untersuchen, bei allen komischen Prozessen (wie wir [463] schon oben erwähnt) zwei verschiedene Vorstellungskreise entgegen, die, wenn auch nicht immer, miteinander kontrastieren, was die alte Ästhetik behauptete, so doch entgegengesetzt sind. Allerdings finden sich auch komische Gefüge, wie z. B. die, welche aus einem Satz oder einer Handlung bestehen, bei denen die zweite Vorstellung zu fehlen scheint. Dies erweist sich jedoch als Täuschung, denn sobald wir genau prüfen, worüber wir lachen, stellt sich heraus, daß wir die zweite Vorstellung sillschweigend ergänzt haben, und daß unsere Freude nur durch ihre Hilfe zustande kommt. So verhält es sich mit dem Talleyrandschen Paradoxon: »Die Sprache ist dazu da, die Gedanken zu verbergen!« Die herbeigerufene Vorstellung ist: »Die Sprache ist das Ausdrucksmittel der Gedanken«.

Von dem einen Vorstellungskreise springen wir gewissermaßen in den anderen hinein; dieser Sprung erfolgt zwanglos, ganz in den Anschauungen und der Logik der ersten Vorstellungsgruppe, aber er vollzieht sich plötzlich und in überraschender Weise, — meistenteils durch ein Wort, das eine doppelte Bedeutung hat — oft auch durch eine falsche und unerwartete Beziehung. Ich möchte dies den komischen Sprung nennen. Ein Beispiel: »Der große Ornithologe X. hat festgestellt, daß die Tauben nicht hören!« — Wir sind zunächst verblüfft über die Neuigkeit, die wir da erfahren. Wir verstehen diesen Ausspruch aus dem Anschauungskreise der Zoologie: Die Taube, der Ornithologe, aber plötzlich begreifen wir, daß hier ein Doppelsinn des Wortes »Die Tauben« vorliegt. Wir geraten in die Gedankenkreise des Otologen und wissen, daß Nichthörende damit gemeint sind. Die anfangs verblüffende Tatsache zerflattert in eine leere Tautologie.

Th. Lipps hat in seiner Schrift »Komik und Humor« versucht, den Vorgang des Komischen psychologisch zu deuten; leider aber hat seine Bemühung nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Er gehört zu denjenigen Erklärern, die, wie wir anfangs sagten, das besondere Problem vom Standpunkt ihrer allgemeinen Anschauungen aus zu beleuchten suchen; bei Lipps muß für das Komische seine Stauungstheorie des seelischen Flusses herhalten, die von der Tendenz getragen ist, alles seelische Geschehen aus dem Mechanismus des Vorstellungslebens zu erklären. Von der großen Anzahl Arten der gegensätzlichen Vorstellungen nennt Lipps nur die erhabene und die unbedeutende und sucht mit ihnen das Zustandekommen jedes komischen Eindrucks zu deuten. Natürlich tut er damit den Dingen Gewalt an und ist bestrebt, die Eigenschaften des Großen und Minderwertigen auch in solche Arten der beiden Vorstellungsgruppen des komischen Gefüges hineinzukonstruieren, in denen sie nicht enthalten sind. Er kommt zu dem Schluß, daß alle Komik auf folgendem psychischen Vorgang beruht: Eine große und erhabene Vorstellung wird plötzlich durch das, was wir den komischen Sprung genannt haben, in ein Kleines und Niedriges verwandelt, z. B. die Dekoration eines Königspalastes kippt durch das Versehen des Theatermaschinisten über dem Haupte des agierenden Tragöden zusammen und erweist sich als ein bemalter Papp- und Leinwandfetzen. Die für die große Vorstellung des Königspalastes aufgewendete Energiemenge in uns kann nicht durch die enge Bahn der banalen Vorstellung einer Theaterkulisse sogleich abfließen. Sie staut sich und flutet, wie Lipps behauptet, zu dem erhabenen Vorstellungskomplex des Königspalastes zurück, von wo sie wieder zu dem kleinen Gedanken hingewiesen wird; — so pendelt sie einige Male hin und her. — Diese Theorie scheint in einer Bemerkung Kants (Kritik d. Urt.) einen Vorläufer zu haben: »Unsere gespannte Erwartung in der Komik, die in keiner Weise erfüllt wird, sehen wir als einen Mißgriff an, die wir wie einen Ball noch eine Zeitlang hin und her schlagen, indem wir bloß gemeint sind, ihn nur zu ergreifen und festzuhalten!«

Lipps irrt aber; denn es handelt sich beim komischen Vorgang zunächst einmal [464] nicht immer um pathetisch große und kleine Vorstellungen. Bei folgendem Scherz ist jedenfalls nicht zu sagen, welches die erhabene und welches die minderwertige Vorstellung sein soll: »Einem Herrn, der im Nichtraucherabteil mit brennender Zigarre angetroffen wird, bemerkt man, daß hier ‚Für Nichtraucher‘ sei. — ‚Ja, ja, ich weiß! Bin ja auch Nichtraucher!‘ — ‚Aber Sie rauchen doch!‘ ‚Herrgott noch einmal! — Das geschieht nur ausnahmsweise!‘«

Es gibt außerdem auch noch komische Gefüge, in denen es sich allerdings um erhabene und kleinliche Gedankengruppen handelt, aber bei denen, umgekehrt, wie Lipps behauptet, die erhabene Vorstellung die nachfolgende ist. — Ein Beispiel: Katharina II. fragt in einer Staatsratssitzung, in der man bemüht war, einen Vorwand für den neuen Krieg gegen die Türken zu finden, als ein Geräusch an der Tür entstand, »Que c’est cela, Patiumkin?«»Majesté, ce n’est rien! La porte demande la graisse!«»Quoi donc, La Porte demande la Grèce? — casus belli!«

Die Lippssche Auffassung läßt sich also bei objektiver Betrachtung vieler komischen Prozesse nicht halten. Seine Behauptungen über das Pendeln zwischen den Vorstellungen erweisen sich, wie Richard Bärwald im Band II, 2 dieser Zeitschrift nachgewiesen hat, nur bei wenigen Individuen als zutreffend; ebensowenig läßt sich die Stauungshypothese in allen Fällen des Pendeins feststellen. — Dem möchte ich noch hinzufügen, daß meines Erachtens ein überraschend guter Witz so intensiv auf uns wirkt und eine so wichtige Stellung in unserer Gedankenwelt einnimmt, daß wir nicht gleichgültig über ihn zu anderen Vorstellungskreisen hinweggehen, sondern noch öfter genießend zu ihm zurückkehren, wie wir dies ja auch bei allen gewichtigen Vorstellungen zu tun pflegen.

Ein wesentlich anderes Bild, als Lipps es entwirft, zeigt mir die Selbstbeobachtung während des komischen Genusses; auch die Berichte, die ich auf mein Befragen von anderen Personen erhielt, lauten dem meinen ziemlich ähnlich. Im übrigen vermag ja ein jeder den Vorgang in sich selbst nachzuprüfen. — Bei dem plötzlichen Hinübertreten aus dem einen zuerst angeschlagenen Vorstellungskreise in den anderen, fremdartigen, befällt uns zunächst eine Überraschung, wie auch Lipps anerkennt, eine Überraschung durch die neuen Eindrücke, die andere, unerwartete Gefühlstöne in uns wachrufen. Unsere Aufmerksamkeit wird in intensiverer Weise angespannt, wir vergleichen und erkennen zwischen den beiden verschiedenartigen Vorstellungsgruppen entweder verborgene Ähnlichkeiten (Jean Paul), oder auch Verschiedenheiten, wo Gleichheiten erwartet werden, wenn z. B. ein Ausdruck doppeldeutig ist und zwei ganz verschiedene Begriffe bezeichnet, wie wir es oben an dem Beispiel mit den »Tauben« gesehen haben. Auf dieser Struktur beruhen die meisten Scherze. — Eine andere häufig vertretene Art des Komischen ist, wie Schopenhauer sie charakterisiert, die Subsumtion eines Dinges unter einen falschen Oberbegriff; noch eine andere Handlungsweise, die durch verkehrte Mittel zu ihrem Zwecke zu kommen sucht, wie v. Kirchmann ausführt. — Diese Dinge haben sich bei den Kulturvölkern allmählich zu den Hauptmomenten des Komischen heraus entwickelt, und das, was mit den Kampfinstinkten zusammenhängt und im Anfang den Ausschlag gab, erscheint jetzt nur noch als Hilfsprinzip. Die Beschäftigung mit dem Komischeu geschieht, wie aller Kunstgenuß, nicht unter dem Druck und Zwang unserer realen Lebensbetätigung, sondern frei im ästhetischen Anschauen, in idealer Hinsicht. Deshalb definiert Kuno Fischer den Witz als »spielendes Urteil«. —

Vergegenwärtigen wir uns unser Verhalten beim komischen Genuß an folgendem Beispiel: Einem übelberüchtigten Börsenmakler, der auf sein Anbieten von Papieren, da niemand mit ihm etwas zu tun haben will, keine Antwort bekommt [465] und deshalb wütend schreit: »Ein Gebot will ich hören!« wird erwidert: »Du sollst nicht stehlen!« Aus der ersten Vorstellung von Preisangebot für Börsenpapiere geraten wir durch den komischen Sprung (das Wort »Gebot«) in die andere Vorstellungsgruppe der religiösen Gebote. Unser Urteil wird in Bewegung gesetzt zu erkennen, daß hier etwas Unähnliches, Wesensverschiedenes vorliegt. Wir kommen zu einer Überraschung, die in uns das Gefühl der komischen Freude auslöst, verstärkt durch das befriedigte Gerechtigkeitsgefühl über die dem Betrüger gesagte Wahrheit. Wenn nun der Kunstgenuß überhaupt einen spielerischen Charakter trägt, so möchte ich den komischen Sprung und die sich daranschließenden, spielenden Urteilsfunktionen usw. mit einer Unterart des Spiels, einer bekannten körperlichen Tätigkeit, nämlich der turnerischen Bewegung unserer Gliedmaßen vergleichen. Wie dort ein Recken und Strecken unserer Sehnen und Muskeln stattfindet, so hier ein ähnliches unserer seelischen Kräfte. Bei den verschiedenartigen komischen Fällen, vom einfachen Witz bis zu dem feinsten und kompliziertesten Lustspiel werden unsere Seelenfunktionen in mannigfacher Weise in Bewegung gesetzt und die ausgelösten Gefühle und Willenstriebe laufen, ohne, wie im realen Leben durch neue Reize, die dazwischen kommen, gestört und unterbrochen zu werden, ihrer Natur gemäß ab, was eine Lust in uns auslöst. Diese Lust bildet den Selbstzweck der künstlerischen Tätigkeit an Stelle der praktischen Absichten. Wie es nun beim körperlichen Turnen die verschiedensten Übungen gibt, von der Freiübung bis zum Geräteturnen an Barren, Reck, Stange, Sprungbrett, so gibt es auch auf dem psychischen Gebiet die verschiedensten Variationen, von denen Lipps nur das Hinund Herpendeln an den Ringen erwähnt.

Wenn wir Witz und Anekdote unter ästhetischen Gesichtspunkten zergliedern, so stellt sich uns ihre Struktur folgendermaßen dar: 1. die Fabel mit der heiteren Tendenz; 2. und 3. die beiden gegensätzlichen Vorstellungsgruppen; 4. der komische Sprung. — Und dazu kommen noch 5. die Hilfsprinzipien, wie wir sie von Fechner her kennen. Ein Scherz ohne Hilfsprinzip wirkt dürftig: z. B. Unterschied der roten Nasen und der Kanonen; die einen kommen von Trinken, die anderen von Essen. Das Hinzutreten eines Hilfsprinzipes, z. B. das der Abwehr oder auch Bosheit, gibt die Würze, z. B.: Ein französischer Gesandter wirft einem Deutschen die vielen gleichbedeutenden Worte unserer Sprache vor, z. B. Essen und Fressen! Das stimme nicht, erwidert der Deutsche, denn der Gesandte könne wohl gefressen, aber nicht gegessen werden! Darauf versetzt jener hartnäckig: »Und senden und schicken?« Das stimme wieder nicht, denn jener sei wohl ein Gesandter, aber kein geschickter! — Als Hilfsprinzip kann alles dienen, wie wir dies in der historischen Entwicklung gesehen haben, was mit den Kampfinstinkten zusammenhängt. Zunächst das Verletzen des anderen, und auch die Freude an der Schlagfertigkeit und Scharfsinnigkeit. Darin liegt unser Gefallen an der witzigen Antwort, die die alternde Hofdame dem Talleyrand gab, auf sein feindseliges Wortspiel: »Passez, passez beauté!« indem sie erwiderte: »Comme votre renommée!« Ferner gibt die Erregung der Kampfinstinkte das Hilfsprinzip beim Satirischen, besonders beim satirischen Epigramm.

Schließlich entsteht die Lust am Sieg des Logischen und der damit verbundenen Niederlage des Törichten (reductio ad absurdum). Aber auch hier, wo wir dieses Moment als Hilfsprinzip kennen lernen, verlangt die beabsichtigte, lustvolle Gesamtwirkung die öfters schon erwähnte Begrenzung, daß niemals eine allzuernste Schädigung stattfinden darf. Doch ist die persönliche Empfänglichkeit, wie wir oben gesehen haben, verschieden; ich z. B. kann über einen rohen Scherz nicht mehr lachen und mich bei einem Lustspiel, wie George Dandin von Moliere, nicht ergötzen.

Es lassen sich aber wiederum Fälle finden, in denen gerade die Gegenteile der [466] soeben angeführten Prinzipien als ästhetische Hilfen auftreten. So kann zu dem egoistischen Angriffsprinzip, mit welchem der Zuschauer sich einfühlend sympathisiert, dasjenige hinzutreten, was man mit »poetischer Gerechtigkeit« zu bezeichnen pflegt. Ich habe selten im Theater ein so herzlich-jubelndes Gelächter gehört, als über Onkel Bräsig (in einer Dramatisierung des Reuterschen Romanes), als er dem guten, schwergeprüften Habermann den Spazierstock, den er beim Durchprügeln des intriganten Übeltäters Pomuchelskopp zerbrochen hat, zurückgibt. — Daß man einen Spazierstock, der durch seinen zerbrochenen Zustand wertlos geworden ist, zurückerstattet, ist ein mäßiger Witz; aber daß hierdurch gezeigt wird, wie ein gemeiner Mensch seine gebührende Strafe erhalten hat, macht das Volk jubeln.

Eine noch feinere Art der durch befriedigenden Gerechtigkeitssinn verstärkten Komik findet sich in den Lustspielen des Beaumarchais »Figaro« und »Figaros Hochzeit«, auch in Molières Komödien, in Scribes »Glas Wasser« und »Frauenkampf«, in dem »Zerbrochenen Krug« Heinrich von Kleists und in Gogols »Revisor«. Hier hat die vornehmste Art der Komik, der Humor eingesetzt, von dem zum Schluß noch zu reden sein wird.

Ebenfalls kann das Gegenteil der Freude am Logischen, das Paradoxe als Hilfsprinzip dienen, doch nur selten, da die Freude am Unlogischen zu sehr mit dem Lebensnerv aller Komik, der Daseinsfreude im Widerspruch steht.

Als weiteres Hilfsprinzip tritt uns das Durchbrechen der sittlichen Normen entgegen, ähnlich wie das Durchbrechen des Anstands im obszönen Witz. Wenn wir hören, daß eine junge Mutter auf die Rede »Dein Kind ist ja der ganze Vater!« erwidert: »Nicht wahr! — und mein Mann bildet sich ein, es sieht ihm ähnlich!« — so lächeln wir über die Kenntnisnahme des Ehebruches.

Außer den hier angeführten Momenten, denen, die aus dem Kampfinstinkte entspringen, denen aus Lust an der Schlagfertigkeit und dem Geistreichsein, denen aus der Freude über den Sieg des Logischen und der Niederlage des Törichten, denen aus der Befriedigung unseres Gerechtigkeitsgefühls und ferner denen aus der Lust am Paradoxen und denen aus Freude am Durchbrechen der sittlichen Schranken, — außer diesen werden sich noch andere als solche erweisen; — grundsätzlich ausgeschlossen sind nur diejenigen, die keine lebensfreudige, ichbejahende Tendenz haben.

Die Schwierigkeit, auf dem ästhetischen Sezierboden mit dem Skalpell der Kritik die fünf einzelnen Teile herauszuschälen, ist freilich größer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wie in der Fassung mancher Scherze — wir sahen es oben bei dem Talleyrandschen Ausspruch — die zweite Vorstellung nicht in das Auge fällt, weil sie sich nicht ausgeprägt vorfindet, so ergeben sich jene einzelnen Teile nicht ohne weiteres, und erst, nachdem wir nach der Ursache dessen, worüber wir lachen, geforscht haben, gelangen wir zu der gewünschten Klarheit. Selbst ein Theodor Fechner gibt bei den von ihm angeführten Scherzen (Vorsch. d. A. 1. Teil, S. 222) den komischen Sprung, den er »Bindeglied« oder »einheitliche Vermittlung« nennt, jedesmal falsch an. Seine Beispiele lauten: Von einer Tänzerin, die 4000 Taler bekommt und hauptsächlich Elfenrollen tanzt, wird gesagt: 2000 Taler für jedes Bein, das ist teures Elfenbein! — Ferner: Saphir sagt zu dem Bankier, der ihm 300 Gulden zu leihen zugesagt, und der deshalb zu ihm kommt, auf dessen Rede: Sie kommen um die 300 Gulden! —: »Nein, Sie kommen um die 300 Gulden!« — Und die dritte: In einer Gesellschaft, auf der man fast auf alle Anwesenden unter den nichtigsten Vorwänden getoastet hatte, erhebt sich ein Engländer, der seine mangelhafte Beherrschung der deutschen Sprache dazu benutzte, um Wortspiele zu machen und läßt die Onkels mit Nichten leben! — [467]

Fechner erklärt: »Im ersten Beispiel ist es der Begriff der Teuerung, im zweiten das Geschäft mit den 300 Gulden, im dritten der Toast auf die Mitglieder der Gesellschaft, was die einheitliche Vermittlung zwischen den verschiedenen Bedeutungen begründet!« — Das ist unrichtig, denn im ersten Fall ist es das Wort »Elfenbein«, worunter 1. das Bein der elfentanzenden Tänzerin, 2. Elephantenzahn verstanden wird. Im zweiten Fall ist es der Ausdruck »kommen, um«, — was 1. bedeutet »hergehen«, und 2. »verlieren«. Im dritten Fall bildet das Wort »mit Nichten« den komischen Sprung; 1. bedeutet es »mit Geschwisterkindern«, 2. »unberechtigterweise«. — Wie ich während der Vorarbeiten zu dieser Studie feststellen konnte, hängt die Fähigkeit hier richtig zu urteilen, lediglich von der Häufigkeit der Übung ab.

Das Komische selbst kann aber wiederum seinerseits als Hilfsprinzip respektive als Mittel für andere Zwecke auftreten, z. B. in den politischen Komödien der Alten, in der Satire, in der Karikatur usw., zu den realen Zwecken der Verächtlichmachung des Gegners oder der Diskreditierung gewisser Ansichten und Geistesrichtungen, oder zur Verhöhnung unberechtigter Machtfaktoren. — Die Ironie benutzt die komische Form einer scheinbaren Anerkennung von bestimmten Eigenschaften des Gegners oder der zu tadelnden Sache, um auf das Fehlen derselben oder ihren unzulänglichen Zustand hinzuweisen. In der Parodie dient das komische Element zur Verspottung einer literarischen Stilform, in der Travestie zur Herabsetzung eines mißliebigen Stoffes. Auch die ernste Dichtung gebraucht das Komische zur Verstärkung des Gegensatzes zum Tragischen, wie die vielen komischen Figuren in seriösen Werken beweisen.

Die Komik, auch der Witz kann nun in einer ganz besonders veredelten Form auftreten, die man seit dem achtzehnten Jahrhundert mit Humor bezeichnet. (Früher wurde das Wort ziemlich gleichbedeutend mit Komik gebraucht; ein scharf umrissener Begriff hat sich erst nach und nach herausgebildet.) Wenn wir nun feststellen wollen, was im Humor zu den komischen Grundelementen (der Fabel mit der heiteren Tendenz, den beiden verschiedenartigen Vorstellungen, und dem komischen Sprung) noch hinzutritt, so werden wir finden, daß es sich hier im wesentlichen nicht um ein Moment handelt, das der Sache anhaftet (also objektiv ist), sondern daß es hier auf unsere Betrachtungsweise, mit der wir das komische Objekt auffassen, ankommt. Es handelt sich im Humor um eine erweiterte Anschauungsform, die uns die Dinge sub specie aeternitatis sehen läßt, und die sie mit einer Weltanschauung in Verbindung bringt. Das Kleinliche, Lächerliche des vorliegenden komischen Vorfalls wird verglichen mit dem Ewigen und den dahinterliegenden Gesetzen der Natur. Dadurch gewinnt unsere Stellungnahme eine Größe, ein Verstehen des Unvollkommenen und Erbärmlichen, ein Verzeihen des Fehlerhaften und oft sogar ein Aussöhnen mit der Wirklichkeit, das etwas Optimistisches an sich hat. Am einfachsten sagt es eine Bemerkung Dessoirs: »Unter Humor verstehen wir eine Gemütsstimmung, in der ein Mensch sich seiner Bedeutung und zugleich seiner Bedeutungslosigkeit bewußt ist.« (Ästhetik und allgem. Kunstwissenschaft, S. 224.)

Anmerkungen
1] Diese Bemerkung findet sich schon bei Jean Paul (Vorsch. d. Ästh. I, par. 26), bei Schopenhauer (Welt a. W. u. V. II, S. 106) und bei Kuno Fischer (Über den Witz, S. 14). – Ein jeder macht seinen Vorgängern den gleichen Vorwurf und übersieht, daß er auch auf ihn selbst paßt.
2] Die Spiele der Deutschen in Bergen. Von Privatdozent J. Harttung in Tübingen. — In den Publikationen aus dem k. preuß. Staatsarchiv. Leipzig, bei Hirzel 1878.
3] E. v. Hartmann will das Unlogische, das im komischen Vorgang ad absurdum geführt wird, nicht etwa als notwendige Folge der natürlichen Unzulänglichkeit unseres menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögens dargestellt wissen, sondern nur als fahrlässig verschuldetes Übel.

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Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.
Hg. von Max Dessoir.
15. Bd., H. 4, S. 459-467.
(Wiedergegeben nach dem OCR-Text zum Digitalisat der Universität Heidelberg.)