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»Der Schimmelreiter«
Notizen zum Film von 1933

Der Schimmelreiter 1933

Von Robert Wohlleben


Theodor Storm: Vertreter des »poetischen Realismus« wie etwa Jeremias Gotthelf mit seiner »Wassernot im Emmental«. Storms Novelle »Der Schimmelreiter« war mindestens 1991 oder 92 noch Schullektüre. Zumindest in Wasserkantennähe. Damals hatte ich ihn meiner Tochter vorgelesen, mit dem Kalkül, dem Schulunterricht zuvorzukommen. Dem traute ich nämlich nicht. Gerade noch rechtzeitig, denn nur drei Wochen später kam Storm tatsächlich dran. Was die Lehrerin daraus machte, war gar nicht schlecht. Mein Mißtrauen also unberechtigt.

Döchting hörte aufmerksam zu. Als es hieß, »ein Marschfieber hatte den Deichgrafen ergriffen; auch mit ihm ging es nah am Rand der Grube her«, warf sie ein: »Malaria.« War mir neu. Und ist plausibel. Sie kam drauf, weil sie kurz zuvor ein Referat über Moskitos verfaßt hatte. Auch mein alter Meyer von kurz nach 1900 – Fraktur für sie schon kein Problem mehr – war dafür angezapft worden. Er führt unter den von Malaria betroffenen Regionen auch die »Ost- und Nordseeküsten« auf, vermerkt für die Zeit seines Erscheinens nur noch vereinzeltes Auftreten der Krankheit hierzulande, allerdings sei sie »vor Trockenlegung von Sümpfen und Regulierung der Flüsse bedeutend häufiger« gewesen. Das paßt zum »Schimmelreiter«, dessen Geschichte im Jahre 1756 mit der großen Sturmflut vom 7. Oktober endet.

Kindlers neues Literatur-Lexikon weiß von drei Filmen, denen »Der Schimmelreiter« zugrunde liegt: 1933, 1978 und 1984 entstanden. Filmographische Details bei filmportal.de, ausführlicher, etwas kommentiert und bebildert bei der Theodor-Storm-Gesellschaft, die auch eine Filmographie der zahlreichen Storm-Verfilmungen bietet. Die 1978 in die Kinos gekommene Verfilmung inszenierte Alfred Weidenmann mit John Phillip Law als Hauke Haien und Anita Ekström als dessen Frau Elke, Gert Fröbe spielte Tede Volkerts, den alten Deichgrafen. Die 1984 fürs Fernsehen bestimmte Co-Produktion (DDR/Polen) unter der Regie von Klaus Gendries, mit Sylvester Groth und Jolanta Grusznic in den beiden Hauptrollen. »A fairly good adaptation of the famous novel by Theodor Storm (at least it is famous in Germany)«, beginnt ein Kommentar zum betreffenden Eintrag bei International Movie Database und spezifiziert: »In any case it’s better than the west German screen movie from 1978 because of its historical accuracy. The inevitable social ›message‹ stays very close to the novel.«

Einstimmendes Textinsert im Schimmelreiter-Films von 1933:

    Ein stolzes, wetterhartes Volk, so leben die Friesen an Deutschlands Nordküste; in zähem Kampf mit dem Meer, das unerbittlich sein Opfer an Land und Menschen fordert.
    Schwer war dieses Land zu gewinnen. Noch schwerer muß es immer wieder gegen die Naturgewalten verteidigt werden.
    Einsam lagen die Höfe in der weiten Marschlandschaft. Wortkarg, gottesfürchtig und zugleich von Aberglauben befangen lebten die Menschen dort, als Hauke Haiens – des »Schimmelreiters« – Geschichte begann.

Mit einer Qualitätsgarantie wurde das Publikum entlassen:

    Dieser Film wurde von der Filmwertungskammer mit dem höchsten Prädikat als »künstlerisch« und »besonders wertvoll« ausgezeichnet und auf Grund seines ungewöhnlichen Wertes als Spitzenleistung der deutschen Filmproduktion für das Reichs-Filmarchiv bestimmt.

Im Cigarettenbilder-Album »Vom Werden deutscher Filmkunst. 2. Teil: Der Tonfilm« von 1935 läßt der Filmhistoriker Oskar Kalbus nach Abhandlung verschiedener Filmkategorien mit meist vor Dreiunddreißig entstandenen Filmen zunächst im Kapitel »Film-Deutschland erwache!« Joseph Goebbels als »Schirmherrn des deutschen Films« mit Auszügen aus Reden von 1933 und 34 breit und direktiv zu Worte kommen und präsentiert »Flüchtlinge« als den »Staatspreisfilm 1933/34«, bevor er sich unter der Überschrift »Film muß Volkskunst sein« auch mit dem »Schimmelreiter« befaßt. Hier das »zeitgemäße« Zeugnis:

    Die Forderung unserer Zeit: »Gemeinnutz geht vor Eigennutz!« spiegelt sich in den wuchtigen Gedanken und den erdgebundenen Menschen des Films »Der Schimmelreiter« wider. Die Stormsche Erzählung ist von den Drehbuchautoren Curt Oertel und Hans Deppe ins Bildgeschehen übertragen worden. […]
    Es liegt natürlich eine Gefahr in dem Wunsch und Bestreben eines jeden Regisseurs aus der Zeit nach dem 30. Januar 1933, mit seinem Film unbedingt recht »zeitgemäß« zu sein. Storm hat in seiner Novelle das Spukhafte und Gespenstische aufzeichnen wollen, während der Film den nüchternen und praktischen Landgewinnungsgedanken des Deichgrafen Hauke Haien ganz breit auswalzt und dadurch manches von dem sagenhaft-mythischen Urgrund der Fabel unerfüllt läßt. Vielleicht kommt es in diesem Film aber auch weniger auf die Geschehnisse inmitten der Katen und auf den Deichen an, mehr vielleicht auf die schicksalhafte Natur und ganz besonders auf das Meer. Dieser Film ist ja ohnehin fast ein stummer Film, und gerade die Wortkargheit wirkt hier stilbildend: die Friesen machen auch nicht viel Worte.
    Mathias Wieman ist ein wortkarger, knorriger, grüblerischer Friese von der Waterkant, und das schmale eindrucksvolle Gesicht der Marianne Hoppe ist wie geschaffen für die Jungfer Elke. Man glaubt diesem einfachen, innerlich gefestigten nordischen Frauentyp die herbe Friesin.
    Die deutsche Landschaft ist hier nicht nur Kulisse für die Handlung, sondern beide fließen zu einer Einheit zusammen. Die herbe Landschaft der Wattenküste klingt mit dem balladenhaften Stoff zu herrlichster Harmonie zusammen. Selbst die Innenaufnahmen klingen mit – Bilder von gemäldeartiger Kraft, die an holländische Meister des 17. Jahrhunderts erinnern. Ein Heimatfilm von deutschen Menschen, deutschen Räumen, deutschen Gegenden! Wer Storm verfilmen will, muß schon die Fähigkeit haben, die Synthese von Landschaft und Menschen in ihrem Stimmungs- und Wesensgehalt sichtbar zu machen, mit anderen Worten: »in Bildern zu dichten« – weil Storm ein »visueller« Dichter ist.

So weit Oskar Kalbus.

Das Lexikon des internationalen Films, herausgegeben vom Katholischen Institut für Medieninformation (KIM) und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, verzeichnet den Film kurz ab und mit knappster Formel für den Plot um den ehrgeizigen oder gar – so Regina Fasold in ihrem Theodor-Storm-Buch von 1997 (Sammlung Metzler 304) – von »narzißtischer Größenphantasie« besessenen Deichgrafen. Keine ideologiekritische Anmerkung:

    Ein friesischer Deichgraf im 19. Jahrhundert [!] kämpft gegen Trägheit und Unwissenheit der Landleute um den Bau eines Damms und stürzt sich samt seinem Pferd ins Meer, als dieser bei einer Sturmflut bricht. Die Verfilmung von Theodor Storms Novelle nimmt dem Stoff das Balladesk-Mythische zugunsten eines zeitgemäßeren Realismus, besticht aber durch ihre Bildkompositionen und gute Darsteller.

Zu Aufgabe und Praxis von Literaturverfilmung gibts bestimmt Theorien, widerstreitende vermutlich. Da würd ich nicht rangehn mögen. Also nur wenige Beobachtungen zum Fall »Schimmelreiter«, faktengebunden.

Der »Regisseur, Kameramann, Verbandsfunktionär« Curt Oertel, Jahrgang 1890, und der »Regisseur, Autor, Schauspieler« Hans Deppe, Jahrgang 1897, haben gemeinsam das Drehbuch verfaßt und Regie geführt, Deppe übernahm auch die Rolle des Knechts Iven Johns … »Der Schimmelreiter« seine erste Regiearbeit bei einem Langfilm.

Zuerst müssen die beiden darüber nachgedacht haben, wie Storms Stoff zurechtzustutzen ist, um handhabbar zu sein. Laut Vorspann wurde daraus ein Film »frei nach einer Novelle von Theodor Storm«.

So ist ganz und gar die Jugendgeschichte des Protagonisten Hauke Haien ausgespart. Sein Vater, der tüftlerische Instrumentenbauer Tede Haien mit kleiner Landwirtschaft, kommt nicht vor. Nichts vom einsamen Zeitvertreib des einzelgängerischen Hauke, »ein Junge, der von wenig Worten war«. Er liest sich an Hand einer holländischen Euklid-Ausgabe in Mathematik ein, streift allein am Watt umher, um gelegentlich zielsicher Alpenstrandläufer, einmal einen Eisvogel mit Steinwürfen zu erlegen. Nichts über die alte Trin Jans und ihren vom jungen Hauke im Zorn umgebrachten Angorakater.

Pferdegerippe auf Jevershallig
Jevershallig

Zum »Schimmelreiter« zitiert Kindlers neues Literatur-Lexikon Storms selbstbekundetes Vorhaben, »eine Deichgespenstsage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen«. Das Gespenstische grundiert Storm mit der vorgelagerten Hallig »Jeverssand« oder »Jevershallig«:

    an mondhellen Abenden sah man vom Deiche aus nur die Nebeldünste leichter oder schwerer darüber hinziehen. Ein paar weißgebleichte Knochengerüste ertrunkener Schafe und das Gerippe eines Pferdes, von dem freilich niemand begriff, wie es dort hingekommen sei, wollte man, wenn der Mond von Osten auf die Hallig schien, dort auch erkennen können.

Der Knecht Iven Johns und der Dienstjunge Carsten vermeinen, dort ein weidendes Pferd statt des Skeletts zu sehen:

    Der Knecht hob den Arm und wies stumm nach der Hallig. »Oha!« flüsterte der Junge; »da geht ein Pferd – ein Schimmel – das muß der Teufel reiten – wie kommt ein Pferd nach Jevershallig?«

Am nächsten Abend rudert der Junge zur ungenutzten Hallig, sieht dort aber bloß das Pferdegerippe liegen. Der Film zieht beides in einen Zeitverlauf mit wenig Dialog zusammen, Essenz in einer Bemerkung des filmischen Iven Johns bewahrt: »In manchen Nächten tun die Knochen so, als ob sie lebendig wären. Ich will wissen, ob da der Teufel seine Hand im Spiel hat.« – Die weiteren mit dem Pferd zusammenhängenden Nennungen des Teufels unterschlägt der Film – wie er beim unmittelbar nach der Jeversshallig-Episode beschriebenen Kauf zugegen zu sein scheint und als der Schimmel Iven Johns nicht hat aufsitzen lassen:

    Als aber der Knecht sich jetzt auf seinen Rücken schwingen wollte, sprang er mit einem jähen Satz zur Seite und stand dann wieder unbeweglich, die schönen Augen auf seinen Herrn gerichtet. »Hoho, Iven«, rief dieser, »hat er dir Leids getan?« und suchte seinem Knecht vom Boden aufzuhelfen.
    Der rieb sich eifrig an der Hüfte. »Nein, Herr, es geht noch; aber den Schimmel reit der Teufel!«
    »Und ich!« setzte Hauke lachend hinzu. »So bring ihn am Zügel in die Fenne!«

Vor allem: Das Pferdegerippe scheint danach von Jevershallig verschwunden zu sein, was Hauke Haiens Dienstjungen Carsten spekulieren läßt:

    »Du, Iven!« sagte er endlich, »weißt du, das Pferdsgeripp auf Jeverssand!«
    »Was ist damit?« frug der Knecht.
    »Ja, Iven, was ist damit? Es ist gar nicht mehr da; weder Tages noch bei Mondschein; wohl zwanzigmal bin ich auf den Deich hinausgelaufen!«
    »Die alten Knochen sind wohl zusammengepoltert?« sagte Iven und rauchte ruhig weiter.
    »Aber ich war auch bei Mondschein draußen, es geht auch drüben nichts auf Jeverssand!«
    »Ja«, sagte der Knecht, »sind die Knochen auseinandergefallen, so wird’s wohl nicht mehr aufstehen können!«
    »Mach keinen Spaß, Iven! Ich weiß jetzt; ich kann dir sagen, wo es ist!«
    Der Knecht drehte sich jäh zu ihm. »Nun, wo ist es denn?«
    »Wo?« wiederholte der Junge nachdrücklich. »Es steht in unserem Stall; da steht’s, seit es nicht mehr auf der Hallig ist. Es ist auch nicht umsonst, daß der Wirt es allzeit selber füttert; ich weiß Bescheid, Iven!«
    Der Knecht paffte eine Weile heftig in die Nacht hinaus. »Du bist nicht klug, Carsten«, sagte er dann; »unser Schimmel? Wenn je ein Pferd ein lebigs war, so ist es der! Wie kann so ein Allerweltsjunge wie du in solch Altem-Weiber-Glauben sitzen!«
    – – Aber der Junge war nicht zu bekehren: wenn der Teufel in dem Schimmel steckte, warum sollte er dann nicht lebendig sein? Im Gegenteil, um desto schlimmer! – Er fuhr jedesmal erschreckt zusammen, wenn er gegen Abend den Stall betrat, in dem auch sommers das Tier mitunter eingestellt wurde, und es dann den feurigen Kopf so jäh nach ihm herumwarf. »Hol’s der Teufel!« brummte er dann; »wir bleiben auch nicht lange mehr zusammen!«

Der bereits von Oskar Kalbus vermißte »sagenhaft-mythische Urgrund der Fabel« von Storms Novelle ist damit für den Film weitestgehend eskamotiert.

Schimmelkauf
Hans Deppe, Mathias Wieman, Walter Griep

Die Episode mit dem Pferdekauf, durch den Hauke Haien zum Schimmelreiter wird, liest sich bei Storm so, in die ausgesprochen vorlagegerechte filmische Umsetzung eingegangener Wortlaut hervorgehoben:

    »Du wolltest von dem Schimmel mir erzählen«, sagte sie leise.
    »Das wollt ich, Elke. Ich sagte dir schon, mir war Kopf und Herz voll Freude über die gute Nachricht, die der Oberdeichgraf mir gegeben hatte; so ritt ich eben wieder aus der Stadt hinaus, da, auf dem Damm, hinter dem Hafen, begegnet’ mir ein ruppiger Kerl; ich wußt nicht, war’s ein Vagabund, ein Kesselflicker oder was denn sonst. Der Kerl zog den Schimmel am Halfter hinter sich; das Tier aber hob den Kopf und sah mich aus blöden Augen an; mir war’s, als ob es mich um etwas bitten wolle; ich war ja auch in diesem Augenblicke reich genug. ›He, Landsmann!‹ rief ich, ›wo wollt Ihr mit der Kracke hin?‹ [Film: mit dem Schimmel]
    Der Kerl blieb stehen und der Schimmel auch. ›Verkaufen!‹ sagte jener und nickte mir listig zu.
    Nur nicht an mich!‹ rief ich lustig.
    Ich denke doch!‹ sagte er; ›das ist ein wacker Pferd und unter hundert Talern nicht bezahlt.‹
    Ich lachte ihm ins Gesicht.
    Nun‹, sagte er, ›lacht nicht so hart; Ihr sollt’s mir ja nicht zahlen! Aber ich kann’s nicht brauchen, bei mir verkommt’s; es würd bei Euch bald ander Ansehen haben!
    Da sprang ich von meinem Wallach und sah dem Schimmel ins Maul und sah wohl, es war noch ein junges Tier. ›Was soll’s denn kosten?‹ rief ich, da auch das Pferd mich wiederum wie bittend ansah.
    ›Herr, nehmt’s für dreißig Taler!‹ sagte der Kerl, ›und den Halfter geb ich Euch darein!
    Und da, Frau, hab ich dem Burschen in die dargebotne braune Hand, die fast wie eine Klaue aussah, eingeschlagen. So haben wir den Schimmel, und ich denk auch, wohlfeil genug! Wunderlich nur war es, als ich mit den Pferden wegritt, hört ich bald hinter mir ein Lachen, und als ich den Kopf wandte, sah ich den Slowaken, der stand noch sperrbeinig, die Arme auf dem Rücken, und lachte wie ein Teufel hinter mir drein.«

Schimmelkauf
Walter Griep

Nur eine weitere Dialogstelle ist ebenso nah am Buch: Bei Storm wird Hauke Haien bei einer deichbaubezüglichen Versammlung im Krug von Ole Peters der Selbstsucht bezichtigt, die Stormschen Formulierung im Filmdialog gut wiederzuerkennen. Der Film verlegt die Szene ins Vorland, wo der neue Deich entstehen soll, Haukes Entgegnung dort – hervorgehoben – dieser Buchpassage entnommen:

    Der Deichgraf stand an dem Tisch, auf dem er zuvor seine Papiere gebreitet hatte, er hob seinen Kopf und sah nach Ole Peters hinüber. »Du weißt wohl, Ole Peters«, sprach er, »daß du mich verleumdest; du tust es dennoch, weil du überdies auch weißt, daß doch ein gut Teil des Schmutzes, womit du mich bewirfst, an mir wird hängenbleiben! Die Wahrheit ist, daß du deine Anteile los sein wolltest und daß ich ihrer derzeit für meine Schafzucht bedurfte; und willst du Weiteres wissen, das ungewaschene Wort, das dir im Krug vom Mund gefahren, ich sei nur Deichgraf meines Weibes wegen, das hat mich aufgerüttelt, und ich hab euch zeigen wollen, daß ich wohl um meiner selbst willen Deichgraf sein könne; und somit, Ole Peters, hab ich getan, was schon der Deichgraf vor mir hätte tun sollen.«

In Fortsetzung der Rede greift Hauke Haien im Film im wesentlichen auf das zurück, was im Buch der alte Jewe Manners unterstützend vorbringt:

    Wir haben Gott mit jedem Tag zu danken, daß er uns trotz unserer Trägheit das kostbare Stück Vorland gegen Sturm und Wasserdrang erhalten hat; jetzt aber ist es wohl die elfte Stunde, in der wir selbst die Hand anlegen müssen, es auch nach all unserm Wissen und Können selber uns zu wahren und auf Gottes Langmut weiter nicht zu trotzen.

Ole Peters
Walter Süßengut

Wiederholt, doch weniger ausführlich erinnern markante Dialogzitate an das Buch, im Film öfters von andren gesprochen als in der Vorlage. So wird in Buch wie Film Hauke, der Kleinknecht, zum Deichgrafen Volkerts gerufen, auf daß er sich ums Rechnungswesen kümmere. Ole Peters, der Großknecht, fühlt sich zurückgesetzt, flucht im Buch: »Hol der Teufel den verfluchten Schreiberknecht!«, beschränkt sich im Film auf »Schreiberknecht!« – Im Film berichtet Hauke den Deichgevollmächtigten, daß drei Leichen »wieder angeschwemmt worden« seien. Er nutzt zur Beschreibung wörtlich (und gestisch), was er im Buch als Kind über einen Leichenfund im Watt hat erzählen hören: »Ein junges Weib, die dabeigewesen war, als man sie in das Dorf geholt hatte, stand redselig vor dem alten Haien. ›Glaubt nicht, daß sie wie Menschen aussahen«, rief sie; »nein, wie die Seeteufel! So große Köpfe‹, und hielt die ausgespreizten Hände von weitem gegeneinander …«. Die »norwegischen Seegespenster«, die ihm bei Storm daraufhin »in den Sinn« kommen, hat er aus der Erzählung eines alten Kapitäns – im Film bringt sie einer der Versammelten an. – Der Film übernimmt Haukes und Elkes heimliche Verlobung einschließlich des entscheidenden Dialogs, allerdings von einem Tanzvergnügen im Krug zum abrupt beendeten Hochzeitsfest versetzt:

    »Kannst du warten, Hauke?« frug sie leise.
    Der kluge Friese besann sich doch noch ein paar Augenblicke. »Auf was?« sagte er dann.
    – »Du weißt das wohl; ich brauch dir’s nicht zu sagen.«
    »Du hast recht«, sagte er; »Ja, Elke, ich kann warten wenn’s nur ein menschlich Absehen hat!«

Bewahrt ist auch das geradezu lutherdeutsche »fressend Werk«, das der Deichgraf Hauke Haien der Gemeinschaft mit seinem Deichbau »gestiftet« habe. Bei Storm äußert Ole Peters den Vorwurf in einer Krugrunde – Storm: »ein etwas unruhiger Trupp im Kruge droben am Trunke festgeblieben« –, im Film gebraucht der Deichgevollmächtigte Manners die Wendung, als er Hauke Haien in einem Vieraugengespräch darüber aufklärt, »was die Leute im Dorf sagen«.

Babyschuh

Laut Buch gebiert Hauke Haiens Frau Elke im neunten Ehejahr die schwachsinnige Tochter Wienke: Das Geschrei des Neugeborenen »war wunderlich verhohlen und hatte der Wehmutter nicht gefallen wollen«. Dennoch heißt es über Hauke Haien: »an der Wiege seines Kindes lag er abends und morgens auf den Knien, als sei dort die Stätte seines ewigen Heils«. Der Film spart das Kind praktisch ganz aus. Nur, daß Elke nach Haukes Besuch beim Oberdeichgrafen – souverän wohlwollend von Eduard von Winterstein verkörpert – noch vor dessen Amtssitz ihrem Mann wortlos ein währned der Wartezeit gekauftes Kinderschühchen zeigt, ihm damit ihre Schwangerschaft andeutend. In den Szenen um die fiebernd phantasierende Wöchnerin ist lediglich einmal die am am Bildrand abgeschnittene Wiege zu sehen. Das ist alles. Das Kind fehlt dem Film dann eigentlich als Hintergrund der buchgemäßen Filmszene, in der Hauke Haien aufgebracht verhindert, daß die Arbeiter beim Deichbau einen jungen Hund lebendig als Bauopfer »verdämmen« … »Halt! sag ich«, schrie Hauke wieder; »bringt mir den Hund! Bei unserm Werke soll kein Frevel sein!« Einer von ihnen begründet: Es »muß was Lebiges hinein« [Film: Lebendiges] und »Ein Kind ist besser noch«. Von Hauke Haien abgefertigt: »Schweig du mit deinen Heidenlehren«. Bei Storm zielt der Subtext auf die kleine Tochter des teils wachsender Deichlasten wegen und als scharfer Antreiber beim Deichbau unbeliebten, teils als Gottloser mit Teufelspferd verschrieenen Deichgrafen.

Wiege
Margarethe Albrecht, Marianne Hoppe, Mathias Wieman

Im Film liegt Elke mit Kindbettfieber schwerkrank darnieder. Das tut sie im Buch auch. Der Deichgraf dagegen bleibt im Film von Krankheit verschont, also kein lebensbedrohender Anfall von »Marschfieber«. Weitgehend entfallen sind ferner Aberglaube und pietistisch-fundamentalistische Bigotterie, die ganze Erzählung hindurch immer wieder von Leuten niederen Standes geäußert. Damit fehlt auch die Abständigkeit zum damaligen Konventikelwesen.

Von Kürzungen nun zu Vereinfachungen, Abänderungen und Neuzutaten, teils offensichtlich im Dienste der Dramaturgie, teils wohl, um »Schauwerte« zu gewinnen.

Der Film läßt Hauke Haien mit Elke Volkerts tanzen … was im Buch nicht vorkommt, dem Helden auch fremd ist: »ich verstehe das nicht gut genug; sie könnten über dich lachen; und dann …«, erklärt er Elke, als sie ihn im Krug um einen Tanz bittet. – Im Film stirbt der alte Deichgraf während eines Hochzeitsfestes an der im Freien aufgestellten Festtafel, was filmisch mehr an »Action« hergibt – plötzlicher Abbruch der Tanzmusik, erschreckt zum Toten hinstrebende Feiergesellschaft – als das Buch: »eines Morgens nach Ostern hatte man den Deichgrafen Tede Volkerts tot in seinem Bett gefunden; man sah’s an seinem Antlitz, ein ruhiges Ende war darauf geschrieben.« (Wilhelm Diegelmann hatte als Dreichgraf Tede Volkerts seine letzte Filmrolle, 72-jährig starb er am 1. März 1934, sieben Wochen nach der Schimmelreiter-Uraufführung.)

Im Film beteiligt sich der von Walter Süßengut anschaulich aufs Verschlagene rausgespielte Ole Peters, Haukes Gegenspieler, aktiv am Deichbau. Dem Buch nach kaum wahrscheinlich, denn als inzwischen wohlhäbiger Bauer mit »Klei unter den Füßen« dürfte er nur Gespanne und Leute geschickt, aber nicht selbst zu Zügel oder Spaten gegriffen haben. Auch zeigt sich dort der alte Deichgevollmächtigte Jewe Manners, im Buch ist er zu der Zeit längst verstorben.

Vollina Harders
Walter Süßengut, Ali Ghito

Das Stormsche geruhsame Eisboßeln in Haukes Zeit als Kleinknecht beim alten Deichgrafen ist im Film durch ein bewegtes Quintana-artiges Lanzenreiterspiel ersetzt. Gewinnen tut Hauke Haien in beiden Fällen. Eine aparte Veränderung erlebt die im Buch unverheiratete »dicke Vollina«, die sich schließlich als begüterte Erbin in spe mit Ole Peters ehelich zusammentut, weil beide darauf spekulieren, daß Ole als Herr ihres Hofs neuer Deichgraf wird. Im Film ist sie junge Witwe, verkörpert von der durchaus schlanken Ali Ghito (= Adelheid Schnabel-Fürbringer), seinerzeit von Hans Habe, mit dem sie später ein paar Jahre lang stürmisch verheiratet war (Der Spiegel 28. 5. 1952), als »Mischung zwischen der Garbo und der Dietrich« in den Himmel gehoben.

Vereinfacht und verkürzt ist der Tod von Hauke Haien und seiner Frau Elke, schon weil die Tochter Wienke fehlt. Elke kommt zu Fuß und allein zum gefährdeten Deich. Hier der Storm-Ton … Hauke Haien sieht Frau und Kind in einer »zweirädrigen Karriole« Richtung Deich fahren, »die schäumende Wassermasse drängte auf sie zu«:

    Da sank aufs neu ein großes Stück des Deiches vor ihm in die Tiefe, und donnernd stürzte das Meer sich hintendrein; noch einmal sah er drunten den Kopf des Pferdes, die Räder des Gefährtes aus dem wüsten Greuel emportauchen und dann quirlend darin untergehen. […] Er richtete sich hoch auf und stieß dem Schimmel die Sporen in die Weichen […]. »Vorwärts!« rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte. »Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!«
    Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.

Puppenspiel
Marianne Hoppe, Mathias Wieman

Filmische Hinzuerfindungen: Elkes Garten-Glaskugel von Bösgesinnten zerschlagen und die Rosen vorm Fenster abgeknickt; das nach Fertigstellung des neuen Deichs für den Oberdeichgrafen ausgerichtete Festmahl bei Storm wurde im Film zu einem jahrmarktsartigen Dorffest bei aufziehendem Sturm und mit dem Omen des Todes, der sich als Handpuppe des Kaspertheaters zeigt und Hauke und Elke ansieht, nachdem der Kasper von einem äußerst hakennasigen Teufel in die Tiefe gezerrt wurde. Könnte sein, daß das Puppenspiel aus Storms Novelle »Pole Poppenspäler« herzitiert ist. Von einer Figur des Todes ist dort nicht die Rede, ein »Kasperl« jedoch gehört zu den Marionetten des wandernden Puppenspielers »Joseph Tendler aus der Residenzstadt München« und hat in jeder Inszenierung seinen Auftritt. »Freili, der is allimal dabei!«, sagt die kleine Puppenspielertochter Lisei über den »Wurstl«, in der Novelle in den Stücken »Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genoveva, Puppenspiel mit Gesang in vier Aufzügen« und »Doktor Fausts Höllenfahrt, Puppenspiel in vier Aufzügen«, in letzterem sind außer Mephistopheles noch drei Teufel im Spiel. Möglicherweise ebenfalls bewußt von Storm zitiert die Gallionsfigur über dem Eingang von Elkes Elternhaus, sie erinnert an eine Stelle in der Novelle »Im Nachbarhause links«:

    In ihrem Garten war ein seltsames Lusthäuschen gewesen, das der Vater einmal aus den Trümmern eines früheren Schiffes hatte bauen lassen. […] Über der Tür des Lusthauses war die frühere Gallion des Schiffes angebracht, eine schöne, hölzerne Fortuna, die mit vorgestrecktem Leibe aus dem Frontespize hervorragte.

Gallionsfigur

Hinzu erfunden auch die orgelbegleiteten Szenen mit den vor der Überflutung Geflüchteten in der Dorfkirche. Am Wege beobachtet. Die Trachten, die Gänsekiele zum Schreiben, die langen Tonpfeifen, aus denen wiederholt würdig geschmaucht wird, passen gut zu Zeit und Ort. Doch das Akkordeon der Musik auf den Dorftänzen hat sich verirrt, es wurde erst eine ganze Weile später erfunden, wie auch die Rahmen für die Sinnsprüche im Volkertsschen Haus »eigentlich« etwas zu neuzeitlich anmuten.

Sinnspruch laut Storm
Marianne Hoppe

Einen Sinnspruch im Hause Volkerts beschrieb Storm:

    Elke sah die Türen vor dem Wandbett, in dem ihr Vater seinen letzten Schlaf getan hatte, offenstehen und ging hinzu und schob sie fest zusammen; wie gedankenlos las sie den Sinnspruch, der zwischen Rosen und Nelken mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben stand:

      Hest du din Dagwark richtig dan,
      Da kummt de Slap von sülvst heran.

Im Film kurz und wie nebenbei gezeigt, ist dieser Spruch von den Schiebetüren des Alkovens in einen Rahmen an der Wand der Schlafkammer gewandert, das dort außerdem zu sehende Porträt nicht von Storm verbürgt.

Es kommt das Leid, / Es geht die Freud; / Es kommt die Freud, / Da geht das Leid – Die Tage sind nimmer dieselben.

Als zunächst auf den Text beschränktes Vollbild stimmt – anachronistisch – ein kurzes hochdeutsches Gedicht von Storm auf Elkes Trauer um ihren Vater ein, bevor es, gerahmt an der Laibung eines Wohnraumfensters hängend, zu sehen ist. Für ein derart pointiertes Textelement erschien Plattdeutsch wohl als wenig geeignet in einem Film, der auch binnenlands in die Kinos sollte. (Gewiß aus vergleichbarem Grund war auch Storm mit Plattdeutsch – oder gar Friesisch – höchst sparsam umgegangen, Gotthelf – nicht ganz so konsequent – mit Berndütsch.)

Eduard von Winterstein
Eduard von Winterstein

Gar nicht nach Storm, sondern entschieden wie auf die neuen Kulturpolitiker schielende – und dann ja auch entsprechend belohnte – Hinzudichtung klingt die »markig« schollernde Rede des Oberdeichgrafen nach Fertigstellung des neuen Deichs:

    Das Werk ist vollendet, ein Deich ist entstanden. Er ist ein Bollwerk gegen die Gewalt des Meeres, wie bisher noch keines erstand. Wollt ihr euer Land in Zukunft weiterschützen, so gebt dem alten Deich die gleiche neue Form, die Hauke Haien geschaffen hat! Ja, baut solche Deiche weiter hinaus, für euch und für unser Volk neue Erde, neuen Lebensraum zu schaffen! Euer Werk legt Zeugnis dafür ab, was Gemeinschaftswille vermag. Geht weiter mit Hauke Haien! [Kindergruppe im Bild] Kommende Generationen werden ihm danken für seine Tat. [nun von »visionärer« Bildsequenz illustriert:] Dort wird neues Land erstehen, neue Höfe, neue Äcker. Dort wird reiche Ernte Jahr für Jahr reifen – lebendige Kunde von dem, was der Deichgraf heute geschaffen hat.

… wobei ja nun angesichts all des im »Buch zum Film« wie im Film waltenden Widerstands gegen das Haiensche Projekt von einem »Gemeinschaftswillen« nicht so recht die Rede sein kann. Die nationalsozialistische » inevitable social ›message‹« lag damals also weitab der Vorlage.

Wilhelm Diegelmann
Wilhelm Diegelmann

Fürs Schauspielerische soll die Wertung »gute Darsteller« im Lexikon des internationalen Films genügen und gelten. Zu Wilhelm Diegelmann als altem Deichgrafen Tede Volkerts, wie er vor den Resten seines Bratens sitzt, merk ich an, daß ich die Regieanweisung ahne: »Spielen Sie mal ›Behagen‹!« … von Oskar Kalbus im abschließendem Kapitel »Für immer stumm …« bestätigt: »er schöpfte im Leben gern und behaglich aus dem Vollen«. Gute alte Schule also. Die Szene hatte die Beschreibung im Buch einzulösen (die dortige Ente hat sich im Film wohl zu einer Gans ausgewachsen):

    Der starke, etwas schlagflüssige Hauswirt saß am Ende des blankgescheuerten Tisches im Lehnstuhl auf seinem bunten Wollenpolster. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und starrte aus seinen runden Augen befriedigt auf das Gerippe einer fetten Ente; Gabel und Messer ruhten vor ihm auf dem Teller.

Auf Stimmung bedachte Musik von Winfried Zillig. Ich kann mir nicht helfen: Gelegentlich, wenns fröhlich wird, meine ich, jetzt kommt gleich »Wir winden dir den Jungfernkranz«.

Zum Schluß und im Stormton noch mal zur schauermärchenhaften Unterfütterung, die der zweite Erzähler gleich zu Beginn der Novelle in einem Begebnis aus den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts aufgeistern läßt:

    Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte nichts; aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald, da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, einem hochbeinigen hageren Schimmel; ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an.

Der zweite Erzähler rückt es zum Schluß in aufklärerisches Licht:

    … dem Sokrates gaben sie ein Gift zu trinken, und unsern Herrn Christus schlugen sie an das Kreuz! Das geht in den letzten Zeiten nicht mehr so leicht; aber – einen Gewaltsmenschen oder einen bösen stiernackigen Pfaffen zum Heiligen oder einen tüchtigen Kerl, nur weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war, zum Spuk und Nachtgespenst zu machen – das geht noch alle Tage.

Zuvor läßt er aber noch etwas zur Geschichte von Hauke Haien nachgeistern:

    Freilich, die Wirtschafterin unseres Deichgrafen würde sie Ihnen anders erzählt haben; denn auch das weiß man zu berichten: jenes weiße Pferdsgerippe ist nach der Flut wiederum, wie vormals, im Mondschein auf Jevershallig zu sehen gewesen; das ganze Dorf will es gesehen haben.

Filmschluß

Gegen Schluß des Films flattert der dunkle Mantel um Mathias Wieman, wie er schimmelberitten in den Sturmflutsequenzen zu sehn ist. Daß er dann aber eigenhändig seinen »eigenen Koog ansticht«, ist nicht buchgemäß. Ende: Ein reiterloser Schimmel verschwindet galoppierend im Nebel. Spukhaft.

(Bilder entliehen von der DVD »Der Schimmelreiter«,
Universum Film GmbH, München.)





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