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EIN JAHRBUCH FÜR MINDERWERTIGE LYRIK

1979 erschien im Athenäum Verlag, Königstein/Ts., das »Jahrbuch für Lyrik 1«, herausgegeben von Prof. Karl Otto Conrady. Das Buch enthält Gedichte von 114 lebenden Lyrikern der Jahrgänge 1900 bis 1953, darunter von so bekannten Autoren wie Jürgen Becker, Peter Härtling, Walter Höllerer, Ernst Jandl, Heiner Kipphardt, Karl Krolow, Christoph Meckel, Franz Mon, Heinz Piontek, Peter Rühmkorf, Wolfgang Weyrauch und Peter Paul Zahl, die alle literarisch (wenn auch nicht in jedem Falle gesellschaftlich) etabliert sind. Wie der Herausgeber in seinem Nachwort auf S. 158 ausdrücklich vermerkt, »konzentriert sich der vorliegende Band auf Autoren der Bundesrepublik Deutschland«.

So erfreulich ein solches Unternehmen bei der schlechten Konjunktur für Lyrik den beteiligten Autoren erscheinen mag, sollte sich doch niemand Illusionen machen. Da Kritik und Publikum heute keine ästhetischen Maßstäbe mehr haben, da also jedes Urteil über Gedichte mangels nachprüfbarer Kriterien notwendig eine subjektive Geschmacksäußerung bleiben muß, ist die Chance für den einzelnen Autor, in einer solchen Anthologie positiv »aufzufallen«, sich zu »profilieren«, eine rein zufällige. Sie hängt nur von der Zahl der Beiträger ab, beträgt also hier genau 1:114. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung muß ein Autor, der sich auf diese Weise einen Namen machen will, also in 114 Anthologien vertreten sein, um einmal als hervorragend anerkannt zu werden. Aber wer schafft das schon? (Das Honorar von 20 Mark pro Gedicht ist ohnehin uninteressant).

Wie die hauptberufliche Literaturkritik auf solche Anthologien reagiert, zeigt das Beispiel des Vielschreibers Jürgen P. Wallmann, der über das Jahrbuch eine gleichlautende Rezension in mehreren großen Zeitungen veröffentlichte, u.a. im Berliner »Tagesspiegel« vom 16.9.1979. Der Text, mit dem Herr Wallmann an Honoraren schätzungsweise das Fünfzigfache der von ihm kritisierten Autoren verdient haben dürfte, ist ein völlig unqualifizierter Pauschalverriß. Wallmann nennt zunächst 17 bundesdeutsche sowie »sämtliche Lyriker aus der DDR«, die er in dem Jahrbuch vermißt. Er fährt fort:

»Aus dem Unterholz des Mittelmaßes ragen allenfalls die ohnehin schon bekannten Lyriker hervor, die mitgewirkt haben« ohne zu merken, daß ein »Unterholz« eben nur Untermaß, aber nicht »Mittelmaß« haben kann. Er liefert also den Prototyp einer schiefen Metapher, um anschließend ungeniert einige ähnlich mißglückte Formulierungen den kritisierten Autoren vorzuwerfen, Modisch-kokett resumiert er: »Lyrik? Nein danke!«

Als beteiligter, aber von Wallmann nicht zitierter Autor schickte ich am 17.9.1979 eine Stellungnahme an die (sich »Demokratisches Forum« nennende) Leserbriefrubrik des »Tagesspiegels«. Es hieß darin:

    Aber gerade daß Conrady auf ein paar Etablierte, die sonst allenthalben dem Nachwuchs den Platz wegnehmen, verzichtet hat, ist ein Vorzug seiner Anthologie.

Daraufhin schrieb mir Günther Grack, der Feuilleton-Redakteur des »Tagesspiegels«, am 24.9.1979:

    ...ein Buch, das sich ›Jahrbuch für Lyrik‹ nennt, muß es sich gefallen lassen, daß man dort tatsächlich einen breiten Querschnitt aller, also auch der bekannteren, Lyriker erwartet. Wäre es anders, müßte es einen anderen Titel führen – etwa »Eine Gasse für die Unbekannten«, »Zu Unrecht übersehen« oder wie auch immer.

Ich erwiderte am 25.9.1979:

    Diese Einstellung beruht auf dem Vorurteil, nur das Bekannte könne gut sein. Merken Sie denn nicht, wie sehr Sie damit den heute gängigen Erfolgsmaßstab im Literaturbetrieb verinnerlicht haben? Ihren Vorschlag, die Anthologie etwa als »Eine Gasse für die Unbekannten« oder »Zu Unrecht übersehen« zu betiteln, empfinde ich als blanken Hohn. Sie werden doch nicht im Ernst behaupten, daß Sie ein Buch mit einem solchen Titel hätten dreispaltig besprechen lassen! Mit dem gleichen Recht könnte ich Ihnen erwidern, das Buch hätte, um Wallmanns Erwartungshorizont zu rechtfertigen, einen anderen Titel führen müssen – etwa ›Jahrbuch für Erfolgslyrik‹, ›Zu Unrecht übersehätzt‹ oder wie auch immer.

Daraufhin lehnte Herr Grack am 27.9.1979 die Veröffentlichung meines Leserbriefs endgültig ab und schrieb:

    Wer – außer Böll, Grass, Lenz, Walser, Handke und vielleicht noch ein paar – ist schon ein ›Großschriftsteller‹?

Grack wollte wohl damit sagen, er würde sich in seinem Feuilleton am liebsten nur mit den Genannten befassen. Er bezog sich damit auf eine Äußerung von Wallmann, der in einem Aufsatz »Zum Selbstverständnis und zur Praxis eines Literaturkritikers« (die horen, Bd. 107/1977, S.104) festgestellt hatte: »Abhängig ist der Kritiker übrigens auch – selbst wenn er sich dessen bewußt ist und sich dagegen wehrt – von den Trends, die andere vorgegeben haben. Schlägt er einer Redaktion zur Besprechung ein Buch eines ziemlich unbekannten Autors aus einem kleinen Verlag vor, so wird oft genug abgewinkt. Die Zeitungen und Sender, ohnehin in Platznot, wollen wenigstens die ›großen‹ Namen berücksichtigen, die im Gespräch sind, und nur selten gelingt es da, Unbekannte ins Gespräch zu bringen. So dreht sich die Diskussion immer wieder um die von einflußreichen Verlagen und einer wie immer auch entstandenen öffentlichen Meinung lancierten Großschriftsteller.«

Wallmann deutet also kokett an, er als integrer Kritiker würde ja gern auch mal Unbekannte besprechen, aber die bösen Redaktionen ließen das nicht zu: soweit sein heuchlerisches »Selbstverständnis«. In der Praxis aber drischt er auf die Unbekannten ein und vergießt Krokodiltränen über das Fehlen eines Teils der Prominenz in einem »Jahrbuch für Lyrik«.

Wie aber reagiert darauf der Herausgeber des attackierten Jahrbuchs, der einflußreiche Ordinarius für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft der Universität Köln, Prof. Dr. Karl Otto Conrady, dem 114 deutsche Lyriker arglos ihre Manuskripte anvertraut hatten? Dieser Ehrenwerte solidarisiert sich mit dem schärfsten Kritiker seines Jahrbuchs, das ja – sinngemäß – gerade die Minderwertigkeit der deutschen Gegenwartslyrik dokumentieren sollte, und schreibt am 31.8.1979 an Wallmann:

»Über die Qualität mancher im ›Jahrbuch‹ gedruckten Gedichte dürfte es schwerlich Streit geben. Bei einer Diskussion würde man wahrscheinlich bald auf den Punkt kommen, ob angesichts der Schwächen der eingereichten Gedichte auf den Druck nicht hätte verzichtet werden sollen. Nach wie vor bin ich jedoch der Meinung, das ›Jahrbuch‹ zeige gerade auch so etwas von der Lage der Lyrik heute... Ihnen ist ›nichts bemerkenswertes Neues aufgefallen‹. Mir auch nicht. Das eben dokumentiert das Jahrbuch... Mir liegt nichts daran, die Schwächen der Gedichte zu bestreiten, ganz und gar nicht. Es mag durchaus sein, daß Lyrik so schwach ist.«

Aber Literaturbetrieb so? Nein danke!

Klaus M. Rarisch

publikation, 26. Jg., Nr. 3/1980, S. 14/15
 

     
 

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