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DIE HAUT ZU MARKT,
DAS FELL GEGERBT,
ENTSTELLT ...

Robert Wohlleben:
Sonettdichter und Verleger

RW im März 2002

Manuskript:
Redaktion:
Sendung:

  

Klaus M. Rarisch
Dr. Walter Münz
Bayerischer Rundfunk München
9.7.2002, 19 Uhr, Bayern2Radio

 



Bolle und Haspa in der Ottenser Hauptstraße

Mein Supermarkt seit neulich neu gestylt.
Das heizt das Herz, wie jetzt die Waren winken.
Gemüse grünt am langen Marsch zum Schinken ...
der Zucker weiter weg, zutiefst verkeilt.

Das heißt: vor vier noch haspawärts geeilt,
läßts auch den Kontostand noch flinker sinken.
Ein schöner Schein entspringt Computerzinken ...
das lose Kleingeld wird an Punks verteilt.

Zurückgetrabt. Jetzt noch die krumme Treppe.
Die Arme sind vom Tragen all der Tüten
so lang und müde, daß die Hand schon krampft.

Von Bank und Bolle abgerechnet, schleppe
ich mich am Mehrwert schlapp, daß nachts ein Wüten
von Heavy Metal in den Headphones stampft.


Nach Haus

Die Ampel springt auf Rot, da willst du halten,
der Fahrer neben dir trägt Hut: Es hackt!
Egal ob er beim Start verstört versackt –
du springst ins Gelb mit grellem Höherschalten!

Wie Straßen sich im Plan und Auge falten,
so fährst du zwangsweis, wie die Stadt sich zackt.
Verschwenkte Leuchtspur pulst im Ampeltakt
und nah vorbei an schwankenden Gestalten.

Und Schlüssel rum und raus! – und endlich fliehn
dahin, wo lächelnde Gesichterfetzen
vom Wind gedrängt in Abdrift sich versetzen.

Ein Kuß in Luft geküßt. Die Münder ziehn
Bilanz aus Plunder, Schwund und Planungsschwächen.
Ein Pony noch! – und dann zusammenbrechen.

Das waren zwei Gedichte aus einer Streßsituation. Ein Mann eilt gehetzt nach Hause, hat keine Zeit, egal, ob er zu Fuß geht oder fährt. Der Mann ist Hamburger im Stadtteil Ottensen; er muß, bevor er im Supermarkt »Bolle« einkaufen kann, noch Geld bei der Hamburger Sparkasse »Haspa« abheben. Er fühlt sich von Zeitgenossen bedroht, zum Beispiel von pedantischen Autofahrertypen, die am Steuer Hut tragen. Zu Hause angekommen, trinkt er grad noch eine Pikkoloflasche Sekt, einen »Pony«, und bricht zusammen. – Wer ist dieser genau beobachtende Autor? Er heißt Robert Wohlleben, wurde am 15. Juli 1937 in Rahlstedt geboren und feiert jetzt in Hamburg-Ottensen seinen 65. Geburtstag. Im Literaturbetrieb der Gegenwart ist er eine einzigartige Erscheinung. Kleinverleger gibt es viele, Sonettdichter sind rar, aber Wohlleben ist beides in Personalunion. In seinem 1967 gegründeten Verlag hat er bisher in sechs verschiedenen Broschüren, die er (nach einem anderen Hamburger Stadtteil) »Meiendorfer Drucke« nennt, 72 eigene Sonette veröffentlicht, darunter vier Nachdichtungen nach Shakespeare. Auch die wichtigsten Sonettisten der Gegenwart sind im Robert Wohlleben Verlag erschienen, der sich deshalb mit Fug und Recht im Untertitel als »Zentralverlag für Sonettwesen« bezeichnen kann. Gedichte schrieb Wohlleben schon vor der Verlagsgründung; seine Veröffentlichung von 1959 trug den Titel »Psalmen für eine lebendige Mumie«.

 


Gaswerk

Beim Gaswerk geht, am Wasser des Kanals,
das Sonnenbilder träumt und Ratten denkt,
zur Nacht ein Tier herum, den Fang verrenkt
und voll von all dem Rost zerfreßnen Stahls.

Mich narrt, was mich entsetzt: Was in mir ruht
und geierköpfig mir entgegentritt,
es hat, seit ihm ein Traum die Klauen schnitt,
das Rotgeleucht der Kokerei im Blut.

Am Grund der Kohlenhaldennachte wächst,
was schwarze Träume schafft, ein Feuerkraut.
Der Ort hat mich in schwarzes Fell gehext:

Der Kohlenwind häuft Berge auf im Rund,
im Gasometer wird ein Gift gebraut,
ein fremder Atem geht aus meinem Schlund.

Dieses Sonett, eines der frühesten von Wohlleben, bezeichnete ein Literaturredakteur 1962 als »perfekte Heym-Imitation« und lehnte die Veröffentlichung ab. Nun wären die Berlin-Sonette von Georg Heym kein schlechtes Muster gewesen, aber Wohlleben berief sich auf sein wahres Vorbild, auf den »größten Dichter der Deutschen«, auf Klopstock. – Nach dem Gaswerk behandelte Wohlleben auch ein ähnlich bedrohliches Elektrizitätswerk, im Zusammenhang mit dem Hamburger Veranstaltungsort »Fabrik«.

 


Archie Shepp in der »Fabrik« am 8. Juli 1986

Ganz früher sangen Züge durch die Nächte,
da stampften Dampfer lang durch schwere See.
Wo Gäule keuchten, weh vom Göpeldreh,
da stieß die Fahrkunst ächzend in die Schächte.

Im E-Werk pulsen unzähmbare Machte,
ein Martinshorn sirent im Strichcarré,
ein Jet stößt niedrig hin: Das Ohr tut weh,
als ob die Hölle jetzt das Ende brächte.

Im Ohr verschallen flackernd Katarakte
von Dröhnen, Heulen, Schreien, je gehört –
verschollen schon im Ohr, als wärs stockblind.

Ein blasses Mitleid stiehlt sich ins gezackte
Stakkato, kommt ganz nah und unverstört –
das faßt uns an, wo wir noch faßbar sind.

Bald aber werden wir für Wohlleben nicht mehr faßbar sein: »da liegt Berührung wohl unendlich fern«.

 


Berührung

Die Haut zu Markt, das Fell gegerbt, entstellt:
Ich setz dir Nachtisch vor, den Schaum mit Kirschen.
Der hilft, wenn Sätze zwischen Zahnen knirschen –
die sagen uns, was Bitternis enthält.

Ein Wein noch, eh bei uns die Klappe fällt.
Der Kopf wird voll von Wölfen, Hähern, Hirschen.
Wir gehn mit jedem Wort auf Menschen pirschen –
wir sagen uns, was spät als Schmerz zerschellt.

Auch Kaffee noch? Ganz schwarz, mit reichlich Zucker?
Dann schweigen, uns ums Spiegelbild bestehlen.
Ich leg »Durango« auf, das hörst du gern.

Wir spürens schwelen: nichts für Feuerschlucker.
Wir haben viel zuviele Parallelen –
da liegt Berührung wohl unendlich fern.

Die Schlußverse haben das mathematische Paradoxon »Die Parallelen schneiden sich im Unendlichen« ins Poetische gewendet. Das erklärt sich aus dem Untertitel des Sonetts: »Grabschrift«. Die Geliebte, die der Dichter hier vergegenwärtigt, ist schon gestorben. – Das nächste Sonett »Traum-Haft« ist weniger ein poetischer Traum als vielmehr die Haft, das Gefangensein im Traum und läuft auf die ewige Wiederkehr des Immergleichen hinaus.

 


Traum-Haft

Das Licht von nirgends, Wände nicht von Stoff,
die Hände greifen leer in zahllos viele
Gelasse voll Gestühl verschollner Stile,
an Fenstern enden alle Welten schroff.

Wo einst Sekret aus Drüsen niedertroff,
entstehen Fleck um Fleck die Schattenspiele
von Tuschen, hinschraffiert mit blindem Kiele,
daß kein Beschauer auf Verstehen hoff.

Wer alles ist durch dies hindurchgegangen –
durch Welten, doch in einer stets gefangen?
Die Spuren all der Gänge sind verworrn,

wie sie sich trafen, trennten, sich verschlangen,
um endlich, endlich auswärts zu gelangen
– wo doch das Ende wieder hieß: von vorn!


Nicht Thule

Kompakt im Clairobscur von Packeiskliffen
sind ganz tief innen Rümpfe aufgespiert.
Die sind aus heißem Schwall ins Eis gegiert,
das hat die leichte Prise blind ergriffen.

Da endlich klafft der Firn auf und gebiert
den Schattenriß von eingefrornen Schiffen.
Vollzeug gesetzt und unter Bootsmannspfiffen
gehn die auf Törn, bis Licht die Segel fiert.

Dann geht ein Schrein an, daß die Ohren gellen
und Vögel ihre Flügel aufgeschreckt
und weit gespannt dem Sturm entgegenstellen.

Wer schreit da was? Wen hats zum Schrein geweckt?
Die Albatrosse segeln ab, die Wellen ...
sie stehn vor Thule: ewig unentdeckt.

Die maritime Thematik ist eine Spezialität von Wohlleben. Es wäre unnütz, die nautischen Fachausdrücke entschlüsseln zu wollen – wir würden im Packeis sprachlich steckenbleiben. Die folgenden Sonette kommen als Scherzo-Stücke daher. Aber Idyllen sind es nur scheinbar. Schon der Diwan – fürwahr kein westöstlicher – ist gefährdet, denn der Autor rechnet damit, daß er brutal zertreten wird. Und vollends die Bildbeschreibung nach Paul Klee zeigt weniger Humor als Sarkasmus.

 


Diwan

Mein Diwan hat vier Beine,
die stehn nur scheinbar fest.
Doch wenn man sie denn läßt,
so stehn sie von alleine.

Stabilität hats keine,
vom Polster nur noch Rest.
Verwanzt und durchgenäßt ...
wer kriegt das Trumm ins Reine?!

Wem ziehn wir ab das Fell
und überziehn damit
das Möbel de nouveau?

Wer festigt das Gestell,
bis wer dagegentritt:
gezielt und comme il faut?               RW spricht


Zwei Menschen einander in höherer Stellung vermutend

Der Stich sei Stahl bis hin zum Steinerweichen,
da schrein wir beide schwarz und wieder schweigend,
da ist, von Megalithen niedersteigend,
die Nacht bald voller kieselkleiner Zeichen.

Und Speichel rinnt, wir sehn uns einer reichen
Verätzung ausgesetzt – dann bieder zeigend,
was letztlich bleibt, ein Leichenlied vergeigend.
Gebiß beißt zu. Das läßt Gebein verbleichen.

Was heißt: die Zunge über Babel hissen ...?
Sie leckt die frischgepißte Schneckenspur.
Was zuckt sie unter all den Gabelbissen?

Sie schleicht auf abgeschleckten Strecken stur
zu Grund- und Um- und Ab- und Kabelrissen ...
Von hier zu weggeätzten Schrecken nur.

In den Terzetten des letzten Sonetts zeigt sich Wohlleben als Virtuose, mit »reichen«, das heißt mehrsilbigen Reimen: Babel hissen / Gabelbissen / Kabelrissen und Schneckenspur / Strecken stur / Schrecken nur. Wir werden diesem Phänomen in den nächsten Beispielen wieder begegnen. Im Sonett »Sandversteck« erreicht der Dichter sogar das Maximum: alle 14 Zeilen sind reich gereimt.

 


Feuerlied

Bloß kein Applaus! Daß meine Sachen gut sind,
steht nicht dahin, ich geh mit euch zur Kehr,
das braucht – ich sag mal: – Federn, etwas Teer,
Methode halt ... für die ich mich aufs Blut schind.

Ist nicht so, daß ichs jedem auf den Hut bind ...
der Dreh gelingt wie nix, da fällts dann schwer,
den Schwung ins Lot zu zwingen, der da quer
im Pendel schwingt: geschliffen und vor Wut blind.

Zum G-Punkt findet sich den Weg ein Finger
– verlaßt euch drauf (und wahrt euch)! – übernimmt,
was schwelt, zu schüren hin zu schriller Glut.

Das Ding geht ab als linkstes aller Dinger ...
Beweis: Im Maelstrom namens Unschuld schwimmt
ein Auge, dem das Feuer Gutes tut.


Sandversteck

Hoch aufgerichtet an der Wand vergehn
die Fensterkreuze in vertrackten Nonen.
Die Schattengötzen auf gelackten Thronen
sehn Gruß und Abschied elegant verwehn.

Sind Hand und Fuß mit Halt und Stand versehn,
vertappen rundvereist in nackten Zonen,
wo doch von Kursen die gezackten lohnen.
Wir können den verwehten Sand verstehn.

Der Weg von Tisch zu Bett ist gut vermessen,
wir werden beide nicht zersägen wollen,
solang ein Tuch noch Hieb und Stich verdeckt.

Weht bös! Da sei kein Helm und Mut vergessen.
Weht fort: Was wir noch hätten wägen sollen,
hält sich in uns für mich und Dich versteckt.

Es folgt Wohllebens maritimes Meisterwerk »Meerwärts«. Es ist bemerkenswert nicht wegen des Seemannsvokabulars – das findet sich bei anderen Autoren auch –, sondern wegen einer verborgenen sprachlichen Feinheit. Es ist die, wie Wohlleben selbst meinte, »manieristische Zensurenskala«, die Abfolge der Worte »sehr gut / gut / befriedigend / ausreichend / mangelhaft / ungenügend«, und diese absteigende Skala reflektiert quasi innersprachlich den Untergang des Dampfers an dem Punkt, »wo zwischen Kiel und Grund kein Faden klafft«.

 


Meerwärts

Sehr gut befährt der Dampfer, was er kennt,
vorm Spiel der Wasserstände auf der Hut.
Wir sehn den Strom: Die Position ist gut.
Die Barren? – Mählich wächst das Sediment.

Wir drehn den Pott dann doch befriedigend:
Da mischt sich Bug mit Ruder, Eis mit Glut.
Ausreichend Wasser unterm Kiel vertut,
was Flut dem Ebbstrom schuldet: null Prozent.

Gerät die Lotung letztlich mangelhaft,
verräts der Wasserspiegel ... läßlich lügend.
Belügt sich da nicht blind die Lotsenschaft?!

Was ausgerufen wird, bleibt ungenügend.
Wo zwischen Kiel und Grund kein Faden klafft,
wird achteraus nur Treibsel angegafft.


Grenze

Wer fahndet nun nach unverwehtem Fakt?
Wer spannt die rückwärts eingeschnittnen Netze
zu den Trigonen leergewehter Plätze,
wo schon die Abdrift die Vektoren packt?

Wer pulst dem Wellenfeld von Sand den Takt,
daß Korn um Korn sich Quant um Quant versetze,
entlang den Flächenfugen auswärts hetze,
wo Schichtung schon sich fügt zum Tesserakt?

Im Lug und Trug von flackernden Kontrollen
verkanten steil die aufgebrochnen Schollen –
hielt denn das Kraftfeld Flucht und Sturz im Lot?

Den Grund- und Aufriß nun umreißen wollen
war Eins. Ein Andres hieß: die Pulse sollen
die Grenze halten zwischen Traum und Tod.

»Die Grenze halten zwischen Traum und Tod« – ist nicht dies die Berufung des Poeten? Wohlleben allerdings formuliert das sprachlich sehr ungewöhnlich. Seine Neigung zur Technik und deren mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen verleitet ihn zu dem Gebrauch eines seltenen, erklärungsbedürftigen Wortes: »Tesserakt«, auch »Hyperkubus« oder »Achtzell« genannt. Es ist die vierdimensionale Entsprechung zu einem Würfel, das heißt es verhält sich zum Würfel wie dieser zum Quadrat. Salvador Dali hat das in seinem Gemälde »Cruzifixion« dargestellt.

 


Abschied

Was soll uns Trost – wo doch im Kräbenflug
die dunklen Kurse schon die Knoten schlugen?
Und Wasser zog der Rumpf durch all die Fugen,
so trumpft die Grundsee dumpfer an den Bug.

In Takelung verschlungen: Lug und Trug.
Ins Segel fuhr ein Sturm, die Stöße trugen
vom Tuch was fort, und Mond und Sonne lugen
durchs Loch – der Sichelkiel verlor an Zug.

Fahr hin! Laß an der Kimmung Dich verschwinden!
Der Himmel schwimmt schon still zu blinden
Gestirnen hin: wie Zirrenspiel zerfiel.

Wir werden Wimpel an die Spieren binden,
ihr Spiel im Wind wird Dich nicht finden –
doch wehn sie Dir zum Gruße: Richtung Ziel.

Dies war Wohllebens »Grabschrift für Richard Klaus«, seines Verlagsautors und Sonettisten, der als Jugendlicher zur See gefahren war und 1991 in Berlin 66jährig starb. Das Sonett wurde am offenen Grab von Richard Klaus verlesen.

 


Kino

Genau genommen, hätts so kommen sollen,
wie Lichterspiel vorm dunklen Raum sich staut:
Von weither schwingt die Welle an und baut
sich auf zum Brecher, weithin auszurollen.

Da widersteht die Schattenhand im vollen
Remake und sucht sich im Gesicht die Haut,
sie mählich zu verschatten, bis sie graut
und kontrahiert, als würd sie schaudern wollen.

Im Maskentrick verbacken sich Modelle,
zu Haut und Haar verschwimmt das virtuelle
Gestade, grad als wäre da ein Meer.

Und Bild um Bild treckt an den Strand die Welle
und rührt sich nicht und niemals von der Stelle,
denn aus der Rückpro schwallt die Brandung her.          RW spricht

Das war das Titelsonett aus dem Meiendorfer Druck »Kino«. Gemeint ist das Kino im Kopf, also die geheimnisvollen Entstehungsbedingungen des menschlichen Selbstbewußtseins, um die sich neuerdings auch die Hirnforschung bemüht. – Das nächste Sonett trägt den Titel »Neues Leben II« und ist die Antwort auf das Sonett »Neues Leben« eines Freundes. So, im Sinne altitalienischer Tenzonen, wurde im Kreis von Wohllebens Verlagsautoren häufig gemeinsam sonettiert. – Der »Große Erg« in Vers 4 ist nicht, wie man meinen könnte, die physikalische Einheit der Energie; gemeint ist vielmehr die Wüste, genauer: der »Grand Erg oriental«, ein Ausläufer der Sahara zwischen Algerien und Tunesien, wie der Autor auf Anfrage explizierte. Leider geschieht im Literaturbetrieb das Nächstliegende viel zu selten, nämlich den Autor, solange der noch lebt, nach »dunklen Stellen« zu befragen.

 


Neues Leben II

Die Räume leer und Träume ausgeträumt –
kam Trost in Schmerz und Scheitern uns abhanden?
Was jetzt sich träumen will, scheint zu versanden
im Großen Erg, der Traumgesichte säumt.

Was Lieb und Lust verhießen, rauscht und schäumt
als Ahnung nach, der wir uns längst entbanden,
seit Schatten schwarz und schweigend uns umstanden,
anstatt daß golden Hoffnungsgrün sich bäumt.

Was drängt uns fort zum Himmel, als verhehlten
sich tief in unsern Herzen die Gesandten
der Gottheit, die in Opferbrand verraucht?

Es scheint, daß all die Gluten längst verschwelten
und allen Traum zu Terracotten brannten
– bis leichter Atem sie ins Leben haucht.

Gott ist tot, ist im Opferbrand verraucht, aber der Brand hat den Traum, als wäre Gott noch da, zu Terracotta verfestigt. So entsteht Poesie!

 


Wortbruch

War nicht ein sanfter Tag – wenn nicht gewährt –
so doch auf Ehrenwort uns zugesagt?
Wir hätten uns ins Licht getraut, wenns tagt,
von Lieb empfangen und von Luft genährt.

Wir hätten uns gezapft, was lange gärt,
dann wär ein Beutezug wie nix gewagt!
Zu Fluß und Auen ging die wilde Jagd ...
zu warten, daß der Abend niederfährt.

Doch ätsch! Da zog herauf die Wetterwand,
auf briste Wind und stürmte bald aus Nord.
Da hats die Haut mit schwarzem Frost gebrannt.

Das knackt die Knochen, bis das Aug verdorrt.
Ein Netz vom Morgen bis zur Nacht gespannt ...
das hält uns sorglich fest im Sog von Mord.

Wohlleben hat außer Gedichten auch Rezensionen und kritische Aufsätze veröffentlicht, vor allem über Arno Holz und dessen Freundeskreis. Im eigenen Verlag ließ er 1995 als Meiendorfer Druck Nr. 31 eine umfangreiche komparatistische Studie erscheinen: »Der Schimmelreiter von Finkenwerder. Theodor Storms ›Schimmelreiter‹ in Gorch Focks ›Seefahrt ist not!‹ entdeckt – Lektüre eines Vexier-Romans«. Das Buch ist wissenschaftlich fundiert, aber zugleich in sehr persönlichem Stil geschrieben, amüsant und gut lesbar auch für Laien.

Das letzte Sonett ist wiederum Bestandteil einer Tenzone, denn der Titel »An mich« hat fast zwangsläufig andere Sonettisten zum Nachdenken über sich selbst herausgefordert. In der Anfangszeile »Es braucht, bis eins erkennt ...« fehlt ein leicht zu ergänzendes Wort: Es braucht Zeit. Die fehlende Zeit war bereits das Motiv der ersten Beispiele über die gehetzte Heimkehr in Hamburg vom Einkaufen, zu Fuß oder im Auto. So schließt sich der Kreis. Nur daß dem Dichter schließlich sogar die Zeit fehlt, um die fehlende Zeit zu benennen.

 


An mich

Es braucht, bis eins erkennt: Das nennt sich Welt,
was da gebraut ist, recht und schlecht vergoren,
was stets die Augen auswäscht und die Ohren
verrauscht, bis aller Raum von Restlicht gellt.

Was wuchs und wächst aus unurbarem Feld,
zerfurcht von Schmerz und Lust, hat sich zerfroren,
ist neu getaut, sproß auf, gab sich verloren
ums liebe Leben und auf sich gestellt.

Was je im Lauf von leicht zählbaren Jahren
den Weg verlegt und gar verhaut, hat sich
verfangen im Geflecht von Haut und Haaren.

Ein Log entsteht, das wie ein Kupferstich
die Schwärze hält, das Helle auszusparen.
Ein Clair-obscur wächst an und nennt sich Ich.

 

Rechte am
Sendemanuskript:

Bayerischer Rundfunk