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Rechtschreibung

(Aufnahme: Thomas Witecka)


Nein! Ich WILL ja eigentlich nix aufwärmen oder breittreten … nur: Das thema lief mir so possirlich über den weg, daß ich davon erzähle.

* * *

Viele monate hatte ich schon damit hingebracht, Johann Gottfried Schnabels INSEL FELSENBURG für die Zweitausendeinssche neuausgabe typographisch herzurichten, als so gegen ende 1996 vom idyllischen Weilheim hinterm Walde her der wasserglasige sturm gegen die reformirung unsrer rechtschreibung loßbrach. Ach … da konnt ich nur lachen und in ein allgemeines schütteln des kopffes gerathen.

Denn schon hatte ich begonnen, mich an die erfrischende praxis der vier theile der WUNDERLICHEN FATA zu gewöhnen und ein sonderliches vergnügen dran zu finden. Zwischen 1731 und 1743 sind sie erschienen. Und ist nicht zu glauben, daß damahls die menschen schlechter hätten dencken können als wir heutigen … joi joi joi!

Sicher: Vor zweihundertfünfzig jahren lebte es sich nicht gemüthlich … aber wann hätte es das je gethan?! Und mag damals auch des läppischen affenkrams genung gewesen seyn … nur all der kratzfüßigen conventionen zu gedencken. Doch wenigstens belastete man seinen kopf allenfalls mit perruquen oder dreispitzen, aber nicht mit so unwesentlichen und müßigen fragen, ob nun

Wirtschaft oder Wirthschaft oder Wirthschafft oder Wirtschafft

so oder so oder so oder so zu schreiben sei ... wo doch alles gleich gut erkant werden kann.

Mithin RICHTIG ist.

Ironischerweise flog mir im Dezember ’97 unvermuthet auch die aufgabe zu, meinen anteil an »In Deutschland leben« *) auf die »neue rechtschreibung« umzuarbeiten. Ach du je!

Normirung leuchtet mir ein, wo es um glühlampen-fassungen geht. Nu, deretwegen gibts ja auch kein geschrey. Aber rechtschreibung normiren …?

Manchmal wills mir scheinen, das dringen auf eine neue norm so gut wie der schrei nach der alten – beide im grunde unsinnig in ihrer pusseligen enge – sind denselben zwangscharakteren zu danken. Das arbeitet sich ab, um sich mit normen einschnürend zu corsettiren.

Aber das gerücht, in den schubladen warte schon der Katalog mit den ahndungsmaßnahmen zur bewehrung der betreffenden vorschriften (»punkte in Mannheim« für den anfang), mag ich nicht glauben … wenn so etwas auch ins allgemeine bild passen würde.

Robert Wohlleben

*) In Deutschland leben. Lehrbuch für Deutsch als Fremdsprache von Ilse Sander, Claus-Peter Schmid, Robert Wohlleben und Heinrich P. Kelz


GRUNDSEZE UND ZWEK UNSRER JEZIGEN RECHTSCHREIBUNG

Das einzige Regelmässige, welches di gewönliche Ortografi in Betracht der Schreibung fon nicht wenigen Worten hat, beruhet auf dem Grundsaze der neüen, disem nämlich: Das Gehörte der deütschen, nicht landschaftischen Aussprache nach der Regel der Sparsamkeit zu schreiben. Ich denke denn doch, daß dises bemerkt zu wärden ferdint, und daß där, welcher es für einen Näbenumstand bei der Untersuchung der Sache helt, nicht weis, was är sagt. Di neüe Ortografi hat keinen andern Fäler, als daß si jenen Saz ÜBERAL anwendet. Der Fäler mus indes nicht klein sein. Denn sie wird nicht nur mit Gründen bestritten, dären Erfinder so gar for dem Scheine der Warheit ekelt, (man läse und sehe, ob nicht selbst diser Ausdruk noch zu schwach sei) sondern si wird auch beina angefeindet. Doch dises nimt wol nur dän Wunder, där noch nicht weis, daß Forurteile fon alter und tifer Wurzel so gar solch Unkraut tragen.

Friedrich Gottlieb Klopstock, 1781

Der orthographische Narr

Rechtschreibmalaise Anno 1845:
Der orthographische Narr
(ausgegraben von Hans Wald)