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Arno Holz 1924

Weniger feierliche denn wesentliche Worte
zum 60. Geburtstag von Arno Holz

gesprochen am 26. April 1923 im Lessing-Museum Berlin
von Alfred Richard Meyer

Werk-Verlag Berlin

1923


Im Jahre 1901 entsann sich die gute alte Stadt Braunschweig, daß seit einigen Jahrzehnten in ihren Mauern ein Mann lebte, der sehr viel dicke Bücher geschrieben hatte, die es freilich durchweg nicht über die erste Auflage hinaus brachten, die aber dennoch, schon wegen ihrer Anzahl und ihres beträchtlichen Umfangs, allmählich das unbestimmte Gerücht verstärkten, daß ihr Verfasser ein nicht gerade alltäglicher Dichter sei und in besagtem Jahr seinen siebenzigsten Geburtstag begehe. Da mußte zweifellos etwas geschehen. Die Stadt der guten Mettwürste, des vorzüglichen Honigkuchens, der wundervollen Mumme, des prächtigen Spargels, die Stadt in der Till Eulenspiegel einmal als Bäckergeselle aus Brotteig Eulen und Ratten gemacht hatte, zerrte also den alten Herrn, um den man sich zwei Menschenalter nicht gekümmert hatte, aus seiner Einsamkeit, nachdem ein Aufruf, ihm ein Dichterhäuschen zu schenken, ziemlich negativ verlaufen war, steckte ihn in einen vorsintflutlichen, speckigen Frack, schleppte ihn in den Festsaal des alten Rathauses, drückte ihn in einen ganz mit Lorbeer eingekleideten geschnitzten Eichensessel, baute vor ihm auf einem Katheder den zünftigen Literaturprofessor Adolf Stern aus Dresden auf, der dann in wohlgefügter, zweistündiger Rede dem in sich mager zusammengekauerten WILHELM RAABE den Inhalt seiner Hauptwerke analysierte und ihm klar machte, daß er in sieben Hauptperioden zerfalle, von denen jede einzelne wiederum deutlich drei Unterabteilungen aufweise, in denen man noch einmal wiederum je fünf ziemlich scharf ausgeprägte Schaffenskurven erkennen könne: Römisch Eins, A, a Strich usw. Da – ich werde diesen Augenblick in meinem ganzen Leben nicht vergessen – ging ein bitteres, verhaltenes, heißaufströmendes Schluchzen durch den verhungerten, zermürbten, vermergelten Körper Wilhelm Raabes, und sein Geist entglitt aus dem prunkenden Festsaal, aus der feierlich schwarzberockten Menge in ein kleines Zimmer, das einzig von seiner Not wußte, von seiner Qual, von seiner Entsagung, von seinen Sehnsüchten, von seinen [4] Hoffnungen, entglitt auch aus dem betäubenden Geruch des Lorbeers, der auf die Dauer ebenso fade schmeckt wie die Wassersuppe des Alltags und der bis an sein Lebensende ausreichen würde, ihm die Ochsenschwanzsuppe, das Gulasch, den Hasenpfeffer zu würzen, sofern – sofern ihm nur seine Bücher die Möglichkeit gestatteten, sich solche Delikatessen kaufen zu können. Von Lorbeerblättern einzig, professoralen Reden, Ehrendoktorhüten, Adressen, Straßenbenennungen wird auch ein Dichter allein auf die Dauer nicht satt, weil ihn das Schicksal zur Gattung Zoon, als da ist fleisch- oder doch zum mindesten pflanzenfressend, verdammte; und das ewige Einerlei: Nektar und Ambrosia, das einem die Olympischen am apollinischen Tische servieren lassen durch die Dame Hebe, erweckt auch im Dichter bisweilen den Wunsch nach einem kräftigeren Schoppen Mosel- oder Rheinweins.

Da wir angeblich im Zeichen des Fortschritts leben, hat sich im lieben Deutschland allmählich die Sitte eingebürgert, des Dichters bereits an seinem 60. ja sogar schon an seinem 50. Geburtstag »preisend mit viel schönen« Reden zu gedenken – freilich nur dann, wenn man es frühzeitig genug verstanden hat, »Liebling des Volkes« zu sein, wie wir es im Falle Gerhart Hauptmann erlebten, der von Jahr zu Jahr, nach der Ansicht der Auguren, Goethe ähnlicher als Goethe sich selbst sieht. Wir lasen in den Gazetten wochenlang von dem gefeierten, feiernden Dichter, von dem Trommelfeuer der Reden in der Universitätsaula, der freilich die Jugend unter Protest fern blieb, von Festbanketten, von theatralischen Huldigungen in den Theatern, von Stiftungen und Geschenken, von Dankesworten, mühsam wie Werg aus dem Papier herausgezupft. Einer, der einmal in seinen »Webern« Wasser predigte, um heimlich Wein zu trinken. Dieser selbe Hauptmann, der im Selbstschriftenbuch des Berliner literarischen Vereins »Durch«, das dieser Tage zur Versteigerung kam, aus dem Jahre 1887 mit folgender selbstkritischen Eintragung vertreten ist: »Worte sind Fehlschüsse, leider aber unsere besten Treffer!« – wobei ich es Ihrer persönlichen Kritik über-[5]lasse, welche Werke Hauptmanns Sie als Fehlschüsse bzw. Treffer bezeichnnen möchten – dieser selbe Hauptmann widmete sein erstes Stück »Der Sämann«, das er dann auf seines Kameraden Arno Holz Rat hin umtaufte in »Vor Sonnenaufgang«, dem »konsequentesten Realisten« Bjarne P. Holmsen, dem Verfasser des Buches »Papa Hamlet«, hinter welchem Pseudonym sich bekanntlich kein anderer denn besagter Kamerad Arno Holz mit seinem Schüler Johannes Schlaf verbarg, widmete es mit den Worten: »in freudiger Anerkennung für die empfangne, entscheidende Anregung«, in so sehr dankbarer freudiger Anerkennung, daß er in der nächsten Auflage desselben Buches an Stelle des Namens Arno Holz diejenigen der Taufpaten von »Vor Sonnenaufgang«: Brahm und Schlenther setzte, in so sehr dankbarer freudiger Anerkennung, daß er noch im vergangenen Jahr, anläßlich des 60. Geburtstages von Johannes Schlaf, in einem Telegramm mysteriös vom Katzengold anderer Dichter sprach – ein heimlicher, giftgetränkter Pfeil gegen den Kameraden und entscheidenden Anreger Arno Holz. Die Festnagelung dieses Menschlichen, Allzumenschlichen geschieht hier nicht in polemischer Absicht, sondern lediglich aus der Erkenntnis heraus, daß es zunächst Persönliches war, Allzupersönliches, das den Dichter und Kämpfer Arno Holz in den Hintergrund, in den Schatten drängte, das ihm den Weg versperrte, das ihn verbitterte, das ihn schließlich in materiellster Not ließ. »Worte sind Fehlschüsse, leider aber unserer besten Treffer –«? Arno Holz sagt:

»Pinsel, Hammer, Meißel, Stift,
über alles siegt die Schrift.
Idol, vor dem die übrigen verblassen –
die Welt in Worte fassen!«

Dieser Ostpreuße aus Rastenburg, dessen lyrisches Schaffen sich in der prächtigen Quadriga: »Das Buch der Zeit«, »Phantasus«, »Die Blechschmiede«, »Dafnis« präsentiert, dessen dramatisches Werk von der »Familie Selicke« über die »Sozialaristokraten« bis »Sonnenfinsternis« und »Ignorabimus« wuchs, ist über Dichtergenerationen [6] hinaus derselbe geblieben, von dem Maximilian Harden vor Jahren sagte: »Einer nur ist aufrecht geblieben, einer, dem es nicht um frühen Erfolg zu tun war, sondern um den Sieg eines schwer erkämpften und unter Qualen zärtlich und treu gehegten Glaubens: Herr Arno Holz!« Konsequent – über jeden Ismus hinaus, so sehr, daß man viele der Phantasus-Gedichte, die sich aus einigen wenigen Zeilen, im Satzbild zum erstenmal auf Zentral-Achse gestellt, zu Seiten, ja bis zu einem besonderen Buch im Laufe der Zeit phantastisch auswuchsen, zuerst als impressionistisch empfand – Dr. Richard Schmidt-Cabanis sprach damals von diesen Versen als »Fäkaldichtungen«, »Exkrementen eines Gesäßschwielenlyrikers, dessen Phantasus-Prachtausgabe auf weichem Arno Holz-Papier bald in keinem deutschen Familienklosett fehlen würde« – eine Lächerlichkeit, die ihresgleichen nur hat in dem freundschaftlichen Rat des »Kladderadatsch« an den Dichter des »Buches der Zeit«: – Essigfabrikant zu werden – zuerst, sagte ich, als impressionistisch empfand, um sie zwei Jahrzehnte später als typisch expressionistisch zu werten, zu loben, zu lobpreisen. Woraus hervorgeht, daß Publikus – die anwesenden Damen und Herren selbstmurmelnd ausgenommen! – nicht ganz so konsequent wie der Autor blieb, der an Stelle des Metrums den Rhythmus seines Herzens setzte, der unser Ohr bis in die letzte musikalische Feinheit der Silben schärfte, die ein Wort ergeben, von dem ersten schon klassisch gewordenen Satz an, der den Dichter damals aufhorchen ließ, als er mit der Niederschrift eines Romans »Goldne Zeiten«, der die Kindheit eines Knaben, seine eigene Kindheit »einfach und tatsachenschlicht« darstellen sollte, abgedruckt in seinem Buche »Die Kunst«: »In Holland mußten die Paradiesvögel entschieden schöner pfeifen und die Johannisbrotbäume noch viel, viel wilder wachsen!« Dieses Aufhorchen ergab den theoretischen Satz: »Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Maßgabe ihrer Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung.« Dieses Aufhorchen ergab praktisch die Zusammenarbeit mit [7] Johannes Schlaf im Winter 1887/88 in Nieder-Schönhausen in einer Vogelbauer-Bude hoch über der märkischen Winterlandschaft, als Buch »Neue Gleise« genannt, mit dem Inhalt: Die papierne Passion, Papa Hamlet, die Familie Selicke, jenes Drama, von dem die Presse schrieb, daß diese Tierlautkomödie für das Affentheater zu schlecht sei, jenes Drama, von dem der alte Theodor Fontane in der Vossischen Zeitung aber seherisch bekannte: »Diese Vorstellung wuchs insoweit über alle vorhergegangenen an Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu. Die beiden am härtesten angefochtenen Stücke, die die »Freie Bühne« bisher brachte; Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« und Tolstois »Die Macht der Finsternis« sind auf ihre Kunstart, Richtung und Technik hin angesehen, keine neuen Stücke; die Stücke bzw. ihre Verfasser haben nur den Mut gehabt, in diesem und jenem über die bis dahin traditionell innegehaltene Grenzlinie hinauszugehen, sie haben eine Fehde mit Anstands- und Zulässigkeitsanschauungen aufgenommen und haben auf diesem Gebiete dieser kunstbezüglichen, im Publikum gang und gäben Anschauungen zu reformieren getrachtet, aber nicht auf dem Gebiete der Kunst selbst. Ein bißchen mehr, ein bißchen weniger, das war alles; die Frage, »wie soll ein Stück sein?« oder »sind Stücke denkbar, die von dem bisher _blichen vollkommen abweichen?«, diese Frage wurde durch die Schnapskomödie des einen und die Knackkomödie des anderen kaum berührt.« Um bei der Theorie zu bleiben, an Arno Holzens »Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze« schloß sich seine »Revolution der Lyrik«, die er heute als Evolution verstanden wissen will, und schließlich (1921) »Die befreite deutsche Wortkunst« – eine theoretische Hyperbel, die alles andere als grau ist und keineswegs schulmeisterlich verstanden sein will, die vielmehr in des Dichters »Phantasus« und in seiner »Blechschmiede« den praktischsten Beleg auf jeder Seite gefunden hat, Werke, die noch immer nicht abgeschlossen sind, die ins Gigantische, Homerische, [8] Danteske, Balzacsche wachsen: urlebendig, kerndeutsch, phantastisch traumhaft, ein Garten der Herrlichkeiten, ein Wald der Wunder – die Welt, »in Worte gefaßt« durch die Rhythmik, d. h.: »permanente, sich immer wieder aus den Dingen neu gebärende, komplizierteste Form-Notwendigkeit, statt, wie bisher, primitiver, mit den Dingen nie oder nur höchstens ab und zu, nachträglich und wie durch Zufall, koïnzidierender Form-Willkür.« Aus der unsichtbaren Mittelachse des Gedichts erwächst sein Ohrbild, seine typographische Musik, aufgeklungen zuerst aus der Sehnsucht, aus der Qual des Bewußtseins: Zwang, den sich der Dichter selbst mystisch also deutete:

Sitze ich über dem »Phantasus«,
nicht bloß, weil ich’s »will«, nein, weil ich’s muß,
wird mir oft wunderlich seltsam zumut,
wie aus fern fernster Urzeit her pulst mein Blut,
Ich WAR alles, ich BIN alles, ich WERDE sein,
flüchtiger als ein Windhauch, gefügter als aus Stein!
Was ich schreibe, was ich treibe, es flüstert sich mir zu:
Tat wam asi, das bist du!
»Dein« ... »Werk«? ... »Dein« ... »Tun«? ... Jenun, jenun!
Wir lassen dich nicht locker, wir lassen dich nicht ruhn!
Wir weben an dir Tag und Nacht,
wir schlagen durch dich unsere Gedankenschlacht!
Was du dir langsam ergrübelst, es stand schon einmal da!
Wir helfen dir! Wir sind dir nah!
Ohne UNS, ohne UNS, du kämst nicht vom Fleck!
Du bist nur Mittel. Du bist nicht Zweck!
Suche weiter! Schürfe tiefer! Hör nicht auf!
Was schiert die »Welt« dich und ihr »Lauf«?
Eh nicht zu Ende dein »Gedicht«:
Wir lassen dich nicht! Wir lassen dich nicht!
So raunt’s und wispert’s um mich herum, [9]
ich sitze gebückt, ich sitze krumm,
und nur noch ... dieses Eine ... bleibt mir ... als Rest:
Ich ... entziffere ... mühsam ... ein ... Palimpsest!

»Alle Dichtung ist im letzten Grunde Selbstdarstellung. Diese geschieht entweder direkt oder indirekt. Ihre beiden reinsten Formen sind demnach die lyrische und die dramatische« – auch hier mühsames Entziffern eines Palimpsestes, mühsam in der »Sonnenfinsternis«, im hiesigen Staatstheater unzulänglich und ad usum Delphini bearbeitet aufgeführt, mühsamst im »Ignorabimus«, der Tragödie – hie Materialismus, hie Spiritualismus –, der bisher die Tragödie wurde, überhaupt noch nicht aufgeführt zu werden. Fünf Personen – acht Stunden Spielzeit – die Buchausgabe vergriffen – Problem: Erkenntnis – neben Dostojewskis »Raskolnikow« das erschütternd wuchtigste Werk der Weltliteratur – da ist es bequemer über Millionen von Betten, Sofas, Chaiselonguen das in Schwarz und Rot gedruckte Gedicht hängen zu lassen: »Hab Sonne im Herzen!« Als ob es überhaupt jemals in Deutschland so viel Sonne geben würde, wie es sich diese Millionen von Ansichtspostkarten zusammen wünschen!

In eine kleine, verstaubte, seit Jahren bereits legendär gewordene Dachkammer an der Grenze von Schöneberg und Wilmersdorf, Stübbenstraße 5, V Treppen, schaut von der Wand nicht dieser Wunsch. Der Herr Mitte Fünfzig hat da in plötzlich grimmstem, schlimmsten _ber-Herwegh-Ton gegen die Wand gebrüllt:

Vor keinem bog ich je mein Knie,
nicht einem war ich je sein Sasse!
Und wenn auch alles in mir schrie,
ich pfiff’s in eine Melodie,
Krambambuli, potz Tirili,
und blieb ein Kerl von Schrot und Rasse!
Nicht bloß »Talent«, nein, frech, Genie,
verfemt von meiner Mitwelt Masse, [10]
ein Winkelried der Poesie,
aus eigner Kraft und Energie,
ich war ein »Mensch«, ich war kein »Vieh«,
brach ich der Zukunft eine Gasse!

Und nachklingend spricht der Herr über Siebzig, seine Knochen im Dunkeln in ein Schnupftuch sammelnd:

Ich will mich nicht zu sehr gebärden,
was geschehn ist, ist geschehn,
aber das eine bleibt bestehn:
Deutschland ließ es mir sauer werden!

Und der Herr über Siebzig wird wieder der Herr Mitte Fünfzig und sinniert:

Phantasus! Noch immer seh ich
ihn vor seinem Kistlein kauern,
das er nächtlich sich als Schreibpult,
zitternd, an sein Bett gerückt!
Durch das wolkennahe Dach
tröpfelt der Novemberregen,
und im spindeldürren Rauchfang
tanzen Konter die vier Winde.
Neben ihm im faulen Stroh,
knuspert ohne Furcht ein Mäuschen,
und um seine blasse Stirn
webt ein Talglicht seine Glorie.
Phantasus! Erst später kam ich
hinter deinen Mechanismus.
Und ich weiß es heut: Du warst nur
mein verfrühtes – Selbstporträt!

Wie war es doch gewesen, daß der Herr Mitte Zwanzig damals in seinem »Buche der Zeit« geschrieben hatte, magisch verblendet vom Spiegel Zukunft: [11]

Und als der Morgen um die Dächer
sein silbergraues Zwielicht spann,
da war der arme, bleiche Schächer
ein stummer und ein stiller Mann.
In seines Mantels grauen Falten,
so lag er da, kalt und entstellt –
fürwahr, er hatte Recht behalten,
sein Reich war nicht von dieser Welt!
Ein goldnes Sonnenstäubchen tippte
ihm auf die Stirn von ungefähr
und seine lieben Manuskripte
verschloß der Armenkommissär.
Sein Freund, der Doktor, aber zierte
brutal sich durch das Kämmerlein
und schneuzte sich und konstatierte
Verhungert! auf dem Totenschein.

Was ist Zukunft? Was ist Vergangenheit? Freunde der Jugend – Verrat! Verrat! Und schrieb man nicht in demselben Jahr stolzbewußt:

Kein rückwärts schauender Prophet,
geblendet durch unfaßliche Idole,
modern sei der Poet,
modern vom Scheitel bis zur Sohle! –?

Jetzt – dieses Rückwärtsschauen, einmal dieses Vorwärtsblicken auf den Jubiläumstag, auf dieses Gedicht, das heute als Ursteinzeichnungs-Druck des Werk-Verlags Berlin-Wilmersdorf, mit Figurinen und Arabesken von Hanns Steiner versehen erscheint, uns allen zur Freude, zur olympischen Heiterkeit, soweit wir uns noch zu solcher aufraffen können. – Blütensterne – Hungerblümchen – Mozart – Tränen – Fünfundsiebzigpfennigschlips – Drachenmotiv – ein Jubiläumstag – ohne Batterieen geleerter Flaschen – einer, der sein Leben lang [12] Wein predigte und der selbst heimlich Wasser trank. Und der – quand même! – reckenhaft jugendlich geblieben ist, ohne daß er sich nach den Altersbildnissen eines Klassikers zu frisieren braucht. Einer, der sich nie zurechtfrisiert hat. Einer, der sich nicht so ziemlich ein halbes Jahr lang jubiläend als »Schmonzifex Maximus Germaniae« von Stadt zu Stadt reichen läßt. Einer, dem die Jugend bis in die letzte Generation treu geblieben ist. Einer, der auch heute Abend nicht aus seiner Dachkammer herauszukriegen ist – nicht um alles in der Welt! Einer, dem Leben und Kunst dasselbe, das gleich blieb wie vor Jahren, dem Kunst erstes und letztes Gesetz ist – ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Diesen Segen Dir und uns, lieber Arno Holz! Das ist der Wunsch unseres Herzens – in multos annos! Noch lange über Deinen 60. Geburtstag hinaus! [13]

Nachbemerkung [14]

Nur mühsam zwängte ich mich durch den verzwickten Stuhl- und Menschenwirbel des engen Korridors, bis in welchen sich die Zuhörermenge des schier platzenden Saales ausdehnte, die eben die Dafnis-Gestaltungen von Resi Langer und Carl Cleving bejubelte, über die Treppe des Hauses von Christoph Friedrich Nicolai herab, das Gotthold Ephraim Lessing (»Hei havve nix, hei kunne nix, hei dogte ok nix, aber schmöken dan hei ’n ganzen Dag«, sagte später seine Wolfenbüttler Wirtschafterin von ihm) während des siebenjährigen Krieges vorübergehend Heimat war, da er seine Fabeln und den »Philotas« schrieb, daneben des Herrn Diderot Theater und schlüpfrige Romane übertrug – als sich in meine Hand eine unsichtbare, typisch Lessingsche Pranke krallte und in eine seltsame, in der Brüderstraße haltende Luftdroschke zog. »Den Dichter werden wir auch schon noch kriegen!« brammelte etwas aus der Dunkelheit; über meinen Schoß flog der Dr. Hans W. Fischer; hui – ging es die Linden hinunter, daß wir fast den Kammergerichtsrat E. Th. A. Hoffmann überfuhren, der just in die Charlottenstraße zu Lutters Weinstube abbiegen wollte; und hurre hurre, hop hop hop! preschte es schon durch den Tiergarten, ward übertönt vom »Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft ...« der Dickschnabelsittiche vom Zoo, warf uns endlich ins Lichte einer angenehmen Zimmerfolge, die sogleich von einer mächtigen Orgel aufdröhnte: die ersten dreißig Takte der Meistersinger-Ouvertüre. Verschämt verkroch sich der gewaltig schlotternde Dichter hinter der geflammten Birken-Causeuse seiner Muse Flördeliese, um die sich noch Flördebella, Flördelotte, Flördedorinde, Flördetilly, Flördemucki, Flörderesi – sozusagen die sieben Altäre Bileams oder die sieben Posaunenstöße der Apokalypse – drohend kuschelten. Da aber zog Einer schon, der sich die Maske von Oskar dem Jerschken vorgebunden hatte, ein kleines Manuskript aus der Kravatte: das erste Gedicht des Dichters, der in sich zusammenwinselte, als es, für sieben Millionen ausgeboten, absolut keinen Abnehmer finden wollte, und erst durch einen erfrischenden [15] Strahl Schwarzwälder Kirschwassers einigermaßen wieder zu sich kam, um erstaunten Ohrs, verwunderten Gesichts wahrzunehmen: Friedrich der Große spielt eigenhändig auf dem Spinett den Hohenfriedberger im Originalsatz. Längst hatte sich Richard Wagner in den bekannten Miepe aus dem »Faust« verwandelt und plätscherte famulustig in der von Munkepunke sachlich abgeschmeckten Orangenbowle herum. Aus einem Müller wurden hastenichgesehn! zwo, von denen sich der eine einen Alfball vorgebunden hatte, während der andere behauptete, aus Bayern zu stammen, und deshalb antibayreuthisch, d. h. stolzenbergamaskisch in die Saiten fiel, so sehr, daß Papa Stolzenberg persönlich, im Profil jetzt ganz der olle Fritz, Materialisation wurde, so sehr, daß der berühmbte Schäffer Dafnis im merkwürdigen Dualismus Carl Cleving und Resi Langer sich üppig zu Sprache und Gesang ballte, so sehr, daß auch der Dichter mit großen Jungensaugen wieder aus seiner Versenkung auftauchte und sich so gar nicht mehr strafgerichtlich verfolgt vorkommen zu müssen vermeinte, bis sich – wehe! wehe! wehe! – Flördemucki – dat is nich so vel as wenn mi ene Mügge steckt! seggt der Pommer – sehr improvisatorisch in Flördekäferle verwandelte, ihre Pegasuse aus Straßburger Tagen in höchster Schule vorführte – ein faunischer Pucki. Sssst – glitschte der Dichter bereits wieder unter die Causeuse, beschwor inbrünstigst seine alten Freunde Schielewippe, Plantschneese, Niepepiep, dem Alpdruck endlich ein Ende zu bereiten. Peng! – war es wieder die Dachstube in der Stübbenstraße »und als der Morgen um die Dächer sein silbergraues Zwielicht spann.« – »O Adame, o Eve, Vita somnium breve! Schlafen, vielleicht auch träumen. Wer möchte sich erkühnen, hier sagen zu wollen: was immer im Leben Traum oder Wirklichkeit ist, Traum oder Wirklichkeit war selbst in dieser Nacht! »... unter wehenden Blumen blüht tausend Trost. Vergiß! Vergiß! ...«

Editorische Anmerkung:
Sperrung durch Versalien, Satz in Antiqua kursiv wiedergegeben. – – – Robert Wohlleben

Alfred Richard Meyer: Sonettenkranz Berlin

Ein Wort auch
zu Alfred Richard Meyers Sonettenkranz »Berlin«,
1907 im Druck erschienen,
2011 von Peter Salomon
bei der Corvinus Presse neu ans Licht gebracht