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Klaus M. Rarisch unterm 18. März 1999 in einem Brief an RW:

1.

Den »poeta doctus« schenke ich Dir! Wo Du es doch bist, der mit Fachtermini (»Feldbegriff der Physik«; »entlegenerem Fachwortschatz«; gar »Diskontinuitätsebene« bzw. »Mohorovicic-Diskontinuität«) um sich wirft. Ich bedaure, daß Du »doch schon alles gewußt« hattest – so daß auch diese meine Anmerkung überflüssig sein mag. Weil ich ja offenbar ein unverbesserlicher Rechthaber bin. ABER: Ich rechne mich auf NICHTS raus! Entwickle KEIN »System des Dichtens«. Bin kein eingefleischter Theoretiker, obwohl mich dieses Schimpfwort nicht stören würde, wenn es zuträfe. Das MISSVERSTÄNDNIS scheint auf Deiner Seite zu liegen. Ich hatte – offenbar vergebens – gehofft, mein Selbstkommentar zu den GEIGERZÄHLERN müßte für sich sprechen. Tut er aber nicht. Deshalb, halten zu Gnaden, lasse ich folgendes nachklappen: Meine Sonette entstehen spontan, ohne vorgefaßten Plan und ohne Rechnerei. Trotzdem kann es wundersamerweise passieren, daß sich aus der nachträglichen (Selbst-)Analyse (auch aus den scharfsinnig-tiefschürfenden Analysen von EJD) so etwas wie eine Sonett-Theorie ansatzweise entwickeln läßt. Dir als DEM Arno-Holz-Kenner müßte ich es doch nicht erklären: Wie bei Holz, hinkt auch bei mir die »Theorie« immer der poetischen Praxis hinterher; diese »Theorie« – so angreifbar sie auch sein mag – dient immer in erster Linie der Selbstvergewisserung des Poeten und kann bestenfalls sekundär auch didaktischen Wert für andere haben. – In vielem, vor allem, was naturwissenschaftliche Grundlagen betrifft, bist Du mir haushoch überlegen; ich akzeptiere das neidlos und dankbar, soweit sich daraus die von Dir verfaßten Klappen- und Reklametexte (u.a. zu den GEIGERZÄHLERN) ergeben. Wenn ich also »Theoretiker« bin, so bist Du es in mindestens gleichem Maße. Eine Theorie kann ja auch in Ansätzen und sporadischen Hinweisen nützlich sein, muß sich ja nicht immer zu einem System verdichten (z.B. »Kunst = Natur minus x«). So war auch Nietzsche ein bedeutender Philosoph, aber alles andere als ein Systematiker. Weshalb er auch von den zünftigen Philosophen unter-, von den Poeten aber überschätzt wird. – – – Wenn ich Dir also einen »Tort« (und gar einen »äußersten«) angetan habe, so nur zugunsten der Poesie, die wir doch beide gleichermaßen lieben.

2.

Dein Verdikt der »Wie-Vergleiche« ist erstens nicht originell und darf zweitens nicht absolute Geltung beanspruchen. Bei Benn (»Probleme der Lyrik«) heißt es:

    Bitte beachten Sie, wie oft in einem Gedicht »wie« vorkommt. Wie, oder wie wenn, oder es ist, als ob, das sind Hilfskonstruktionen, meistens Leerlauf. [...] Dies Wie ist immer ein Bruch in der Vision, es holt heran, es vergleicht, es ist keine primäre Setzung. Aber auch hier muß ich einfügen, es gibt großartige Gedichte mit WIE. Rilke war ein großer WIE-Dichter.

Ich würde, gegen Benns Meinung, eher sagen: Rilke war ein großer ALS-OB-Dichter. Aber lassen wir das. Ich will statt dessen einen untadeligen, optimalen Wie-Vergleich heranziehen. Bekanntlich bezieht sich das Phantasus-Gedicht »Rote Rosen« von Arno Holz auf die Reiterstatue des Condottiere Colleoni in Venedig. Nachdem ich per Zufall erfahren hatte, daß Holz nicht nur in der Phantasie, sondern einmal auch leibhaftig in Venedig war, wollte ich das Gedicht schon vor Jahren analysieren, nur fehlten mir bisher Abbildungen dazu (in den letzten Jahren gab es unbegreiflicherweise in ganz Venedig keine einzige Postkarte mit dem Colleoni mehr), die Du mir nun beschafft hast. (Danke, Robert!) Im Ur-Phantasus (Zweites Heft, 1899) besteht das Gedicht aus 12 Zeilen. Die entscheidende Zeile 8 steht isoliert, bildet also gleichzeitig eine komplette Strophe, und lautet:

Ich reite wie aus Erz.

Hier muß es »wie« heißen. »Ich reite aus Erz« wäre erstens sinnlos und würde zweitens auch rhythmisch nicht stimmen (auf den »richtigen« Rhythmus kommt es im »Phantasus« primär an). In der venezianischen Realität ist das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni von Verrocchio (1436-88) aus Erz, nämlich aus Bronze. Der Condottiere Colleoni, den die schlauen Venezianer noch um seinen Wunschstandort auf der Piazza San Marco betrogen, indem sie die Statue vor der Scuola di San Marco neben der Dogen-Gruftkirche S. Giovanni e Paolo aufstellten, reitet also tatsächlich »aus Erz«. Abbildungen aus kunsthistorischen Dokumentationen zeigen dieses großartigste Reitermonument der Welt allerdings zumeist aus einer irreführenden Perspektive, als ob es sich in Augenhöhe des Betrachters befände.

Tatsächlich aber steht es auf einem hohen, schmalen Marmorsockel,*) scheint also, vom Betrachter zu ebener Erde aus gesehen, zu schweben und geradewegs in den Himmel zu fliegen.

Auch der Dichter Arno Holz muß bei seinem Besuch in Venedig diesen Eindruck gewonnen haben. In seiner Phantasie belebt sich die Statue: der lebendige Colleoni reitet »wie aus Erz«. Zudem ist dieser ständige zeitlose Ritt noch der eines Verdammten, eines zweiten Sisyphos, der sein verfolgtes Ziel nie erreichen kann, wie die unmittelbar folgende Schlußstrophe zeigt:

Immer
dicht vor mir,
fliegt der Vogel Phönix
und singt.

Der »Vogel Phönix« als Anspielung auf das unlängst durch Brandstiftung eingeäscherte Opernhaus »Gran Teatro La Fenice« beweist, daß das Gedicht in Venedig lokalisiert werden muß (vgl. Beate Hannemann: Im Zeichen der Sonne. Geschichte und Repertoire des Opernhauses La Fenice von seiner Gründung bis zum Wiener Kongreß, 1787-1814; Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. 2. – Zugleich phil. Diss. Hannover 1995). Allerdings evoziert das Gedicht einen Condottiere, den Holz aus dem historischen venezianischen Kontext in die zeitlose Sphäre des Mythischen transponiert hat, und zwar nur durch das eine, hier absolut zu verstehende Wort »wie«. Damit hat Holz das innerste Kompositionsprinzip seines »Phantasus« mustergültig und knappest erfüllt. Das folgende Wort der Einwortzeile »Immer« wird unausgesprochen und virtuos, auf den verlebendigten Colleoni bezogen, in die gegenteilige Bedeutung transponiert: Niemals.**) Niemals wird der eherne Reiter den Vogel Phönix erreichen können. Bleibt zu hoffen, daß der versprochene Wiederaufbau des »Fenice«, die Auferstehung des Phönix aus der Asche, sich nicht etwa auch am Sankt Nimmerleinstag vollziehen wird.

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*) Mein alter BAEDEKER »Ober-Italien« von 1891, Seite 252, ist von derart pedantisch-liebenswürdiger Gründlichkeit, daß er sogar angibt, von wem »der schöne Sockel herrührt«, nämlich von einem Al. Leopardi (1495), der auch die Statue gegossen hat. (KMR im Brief vom 27.3.1999)

**) Klingt da das französische Changeant »jamais« (immer/nie) an ...? (RW)


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