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Meiendorfer Drucke 21 bis 25

NEUES VON DEN MEIENDORFER DRUCKEN

»Wörter umdrehen und sehen, was wohl darunter krabbelt. Wortschätze aufbrechen und dann mal prüfen, wie die Bruchflächen aussehen und sich anfassen.« Diese sprachversessene Visitenkarte zu einer der Neuerscheinungen der Maiendorfer Drucke, 15 Gedichten von Louis Ulrich, liest sich wie ein Programm des Hamburger »Mikro Verlages«, wie Robert Wohlleben sein engagiertes Unternehmen nennt. Sonette und Gedichte verlegt er, auch experimetentelle Kurzprosa. Der Leser benötigt erst einmal ein Federmesser, um die 2 gehefteten Druckblätter zu öffnen. Dann erschließt sich ihm bei Albrecht Barfod z.B. auf 16 Seiten eine kunterbunte Flugbahn zwischen 1 mal schlagenden Normaluhren, abgeblendeten Augen und einem schluchzenden Paul, hinter sich Orplid. »Alp und Ohm«, lautet der verdrehte Titel der schmalen Gedichtsammlung – ein ganz persönliches Alpha und Omega zwischen Alptraum, Dichtung und ollem Onkel. Manche der poetischen Bonsai-Monolithen von 1959 bis heute reimen sich streng gebaut, nie aber läßt sich ein Sinn zusammenreimen. Die Gedichte tasten sich vielmehr wie im Dunkeln an bedeutungsschweren Wortumfeldern entlang, hinter denen der Begriff zum Schemen wird. Dabei wird mit »großer« Lyrik munter gespielt. In dem Poem »Paul Klee in memoriam 1968« steigt Barfod ganz locker mit der Anfangszeile einer der schönsten Dichtungen der Welt ein, mit Stefan Georges »Komm in den totgesagten park und schau«. Barfod schreibt: »Komm in den Park der gelben Vögel, schau.« Und am Schluß der ersten Strophe stand Matthias Claudius Pate: »Über den Ockern ist Unruh«, heißt es da, »plakarot-mal-blau«. Das Bändchen »Alp und Ohm« liest sich in seiner Mischung aus Anspruch, Wortlust und Gelächter wie extra geschrieben für eine Edition wie Wohllebens Meiendorfer Drucke – wobei dieses A und O auch mal in die Nähe von »charmant und attraktiv« gerät, von C&A. Bestsellerautoren werden in den Meiendorfer Drucken nicht verlegt. Vielmehr solche Leute, die neben ihrem Beruf statt Sportschau gucken oder Video lieber Gedichte schreiben. Albrecht Barfod z.B. – ein Pseudonym – hat unter seinem bürgerlichen wie geheimen Namen nicht nur zu Schachproblemen schriftlich Stellung bezogen, sondern auch Lyrik veröffentlicht. Nur der letztes Jahr gestorbene Richard Klaus arbeitete hauptberulich als Schriftsteller – allerdings im Bereich Erotica. Louis Ulrich, Autor des Meiendorfer Druckes Nr. 21 mit dem Titel »Widergesicht«, hatte mit 40 Jahren erst ein einziges Gedicht veröffentlicht. »Falsch und wunderbar« heißt die kleine Sammlung mit neuen Sonetten des spiritus rector Robert Wohlleben, illustriert mit düsteren Federzeichnungen von Frank Böhm. Zu ahnen sind Körperteile eng an eng. Eine Art Witz, so der Autor, sei der Abdruck des Sonetts »Gaswerk«. Vor über 30 Jahren habe ihm Dieter – immer noch E Punkt – Zimmer dieses Gedicht zurückgeschickt mit der Bemerkung, es sei eine perfekte Heym-Imitation. Dabei ginge der Satzbau doch auf Klopstock zurück, korrigiert Wohlleben. Das Titelgedicht »Falsch und wunderbar« ist versehen mit dem Vermerk »nach Nr. 119 von William Shakespeare«. Hier kommt der Autor zu der Einsicht: »Da hilft das Falsche! Endlich wird mir klar: was besser war, wird vom Kaputten besser.« Das letzte Sonett, »Alt werden«, greift die Überschrift wieder auf: »Der Sterne flic flac – falsch und wunderbar.« Liebe, Abschied, Törn – Wohlleben drechselt 2 mal 4 plus 2 mal 3 Zeilen zu besinnlichen Themen. Oft geht das so: Nachdem sich der Autor leidenschaftlich in den Sprachrausch aus heftig zuckenden Alliterationen geworfen hat, legt sich der Wortsturm in den letzten Zeilen. Wie der Himmel nach dem Unwetter klart das Gedicht auf, es entstehen kleine, präzise Bilder. Aber wer will schon dauernd Sonette lesen? Also vertreibt der Kleinverleger auch von den Autoren oder Interpreten Vorgelesenes. Robert Wohlleben spricht auf Kassette seine Sonette »Der grinsende Vater«. Richard Klaus liest »Eissprung I & Eissprung II« und Klaus M. Rarisch präsentiert »Fünfzehn maurerische Sonette für einen Holzschneider« von Dieter Volkmann, und 99 eigene Sonette von Rarisch gibt es auch: »Die Geigerzähler hören auf zu ticken.«

Isabel Bayer

Sender Freies Berlin 19. 7. 1993 Sender Freies Berlin