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Meiendorfer Drucke 1967 bis 2009
fulgura frango

»Zentralverlag für Sonettwesen«

Meiendorf
Von 1966 bis 1970 habe ich zusammen mit dem Maler Frank Böhm, Hamburg, als gleichbeteiligtem und -berechtigtem Partner die Reihen der Meiendorfer Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes und der Meiendorfer Drucke herausgegeben und verlegt. Auch ein Denkmal für Meiendorf:

Wo die Stadt allmählich in Form von Beton und geordneten Mülldeponien über die glazial überformte Feldmark hinwucherte;

wo im Stellmoorer Tunneltal Rentierjäger (Ahrensburger Stufe) ihre jungsteinzeitliche Steinschlag-Akademie betrieben und am Opferteich Rentierschädel gepfählt hatten;

wo die Greife Rebhühner, Ammer und Würger überwachten und die Füchse die Hasen;

woher meine granitene dänische Kanonenkugel stammt ...

Jens Cords: Grüner Plan, 1969
 


Meiendorfer Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes

1966 bis 1970 insgesamt 15 großformatige Text/Graphik-Blätter (Texte u. a. von Rolf Haufs, Arno Holz, Klopstock, Ulrich Krause, Jörg Steiner, Wohlleben; Graphik von Frank Böhm, Jens Cords, Jan Willmes, Wohlleben u. a.) Die Meiendorfer Beiträge sind (zuallermeist) einfarbig gedruckte Siebdrucke, Papierformat 50 cm x 70 cm, Auflagen um 150 Exemplare (nur die Nummern 1 und 2 etwa 400).

Wir haben sie für einen blödsinnig und unrealistisch niedrigen Preis von 3 Mark per Stück angeboten, 2,50 im Abonnement. Im ersten Überschwang hatten wir an wöchentliches Erscheinen gedacht (nie realisiert ... die Zwischenräume streckten sich allmählich auch immer weiter ... das als Abschluß der zweiten Abonnementsperiode vorgesehene Blatt 16 ist nie erschienen). Gleich im ersten Anlauf kamen wir auf rund 100 Abonnements. Buchhandel und Galeristen dagegen »mochten« uns nicht, nur drei spielten mit ... die Blätter brauchten halt Platz und boten keine »Spanne«. Unser Konzept von »Kunst fürs Volk« (Taschenbuch-Idee auf Druckgraphik übertragen) ging ins Aus. Mißlich auch: Eine kleine Weile nach unsren ersten »Beiträgen« begannen Horst Janssens »Bilderbogen« zu erscheinen, da kriegten wir dann immer mal wieder gesagt, wir wären Janssen-Nachäffer (ha!).

In Meiendorf hat Frank Böhm 1965 den Prototyp der Meiendorfer Beiträge gezeichnet:


1 Rekrutenvereidigung. Sonett Wohlleben, Graphik Böhm. 1.11.1966 (1)

2 Wohnsiedlung. Lyrik Wohlleben, Graphik Cords. 1.11.1966 (1)

3 Schlachtespiel. Text Brüder Grimm, Graphik Böhm. 13.12.1966 (1)

4 Pasiphaë. Lyrik Arno Holz. Graphik Cords. Wann? (1)

5 Die Kinder. Lyrik Ulrich Krause, Graphik Böhm. 24.1.1967 (1)

6 AVCO-Turbinen. Alexandrinersonett Wohlleben, Graphik Jan Willmes. 14.2.1967 (2)

7 Das Gehör. Lyrik Klopstock, Graphik Cords. Wann? (1)

8 Der Spitzel. Lyrik Rolf Haufs, Graphik Böhm. 28.3.1967 (3)

9 Schöne Maske. Lyrik + Graphik Gerhard Steindl. 2.5.1967 (1)

10 Blut- und Leberwurst. Text Brüder Grimm, Graphik Cords. 22.5.1967 (1)

11 Wohnsiedlung. Lyrik Wohlleben, Graphik Böhm. 11.6.1967 (1)

12 Jodspielregel. Text Jörg Steiner, Graphik Herbert Morawetz. 17.8.1967 (4)

13 Echte Freiheit. Text- und Bildmontagen Alfons Teschau. 20.2.1968 (1)

14 Sanitätshaus AESCULAP. Kommentar Alfons Teschau, Montage Jens Cords. 1.4.1970 (5)

15 Kokoschka malt Berlin. Text- und Bildmontagen Wohlleben. 20.2.1968 (5)

(1) Regulärausgabe auf Werkdruck 50 cm x 70 cm, Vorzugsausgabe auf diesem oder jenem Bütten, immer etwas kleiner

(2) Regulärausgabe auf Werkdruck 50 cm x 70 cm, Vorzugsausgabe auf Offsetkarton 50 cm x 70 cm

(3) Regulärausgabe auf gelbem Offsetkarton 50 cm x 70 cm, Vorzugsausgabe auf Bütten, etwas kleiner

(4) Regulär- und Vorzugsausgabe auf gelbem Offsetkarton 50 cm x 70 cm

(5) Regulärausgabe auf Werkdruck 50 cm x 70 cm, Vorzugsausgabe auf schwerem Offsetkarton 50 cm x 70 cm

Die mit 700 Exemplaren angegebenen Auflagenhöhen sind allesamt gelogen. Die Blätter I und II haben mit rd. 400 Exemplaren die bei weitem größte Auflage – wir hatten viele davon gratis ausgestreut. Für die folgenden Blätter dürften sich die Auflagen bei 200 bis 250 Exemplaren bewegen, gegen Schluß sacken sie dann auf 100 bis 150 ab. Die Vorzugsausgaben stets in 20 numerierten Exemplaren.

Zum Blatt VII erschien eine Radierung von Jens Cords als Supplement, an Auflagenhöhe erinnere ich mich nicht. Supplemente zum Blatt XI waren 20 Handzeichnungen von Frank Böhm, jeweils mit einem handschriftlichen kurzen Lyrik-Unikat von mir darin.

Deine Brücke (Rahlstedt) schreibt
über die Meiendorfer Beiträge

Die Welt am Sonntag schreibt
über die Meiendorfer Beiträge

Im Sonntagsblatt schreibt Heinz Klunker
über die Meiendorfer Beiträge und
die Meiendorfer Drucke 1 und 2


Herein!

1967 von Frank Böhm gemalt

Wohllebens Sonett dazu!

Meiendorfer Drucke

1968 Meiendorfer Druck 1
Robert Wohlleben: Zwölf Gedichte mit zwölf Zeichnungen von Frank Böhm
21 cm x 21 cm, kartoniert, 30 Seiten (100 Exemplare) – vergriffen
Gummistempel-Typographie »Alfons Teschau«
im Siebdruck hergestellt

Schon fallen mir anheim
dein Siebengestirn, trudelnder Mond,
dein Mars dort links überm Hauptbahnhof.

Wie dein Gesicht in Architektur zerfällt:
Im Lift herrschen Enge und Rotlicht,
weil die Wiesen der Neuen Heimat gehören
und naß sind
(jetzt im Herbst).

Ja, längst,
wie die U-Bahn bedeutsam scheppert,
gehört die Nacht
Helena Rubinstein und Mampe.

1968 Meiendorfer Druck 2
Arno Holz: Kräckerakra. Aus dem Phantasus
mit 10 Zeichnungen von Jens Cords
21 cm x 21 cm, kartoniert, 24 Seiten (100 Exemplare) – vergriffen
Text der bei Luchterhand erschienenen Werkausgabe entlehnt
im Siebdruck hergestellt

Tlicktlacktlucktönn! Schuw em rönn!
Plödderiplarsch! Aewer quarsch! Plödderiplär! Aewer Quär!
Op m Stohl! Anne Eer!
Drömmeldidrank! Aewre Bank! Drommeldidrett! Aewert Bett!
Drömmeldidrickjeck! Rönn ön n Spickspeck!
Tscharktscheräktschönn! Dor geit nich rönn!
Tscherktscheräktschut! Dor geit blot rut!
Tscharktscheräktscho! Glik bito! Tscharktscheräcktschi! Dicht derbi!
Plinkeplinkeplengel! Wat n Stengel! Tinketlinketlengel! Wat n Schwengel!
Binkeblinkeblengel! Wat n Bengel! Tschäckteräcktschief! Stat de stief!
Tschittscheretschönn! Lat em sönn! Plittschereplönn! Drönn is drönn!

1969 Meiendorfer Druck 3
Alfons Teschau: Veilchen und Mährrettich.
Gedichte mit 7 Zeichnungen von Frank Böhm
16 Seiten Oktav ohne Umschlag (150 Exemplare) – vergriffen
Stempel-Typographie: Alfons Teschau
im Siebdruck hergestellt

dann sag ich dann sag ich denn sag ich
(ich kann das nicht so schreiben: so),
daß die Keeler sich jückt und löchert,
sobald Glemritzer steinhart
vorm harten Stuhl an dem nichts Böses.
Was aber immer wenn klemmt überhaupt alles
(alles noch wohl in der Familie).
Da wird dann ein Stück geklemmt
vom neuen Alten:
das sterbst sich so hin, hin und hin
zu einem würklich großen Durchfall, der alles ändert.
Da schmeißt ja schon der erschte Schtein
die große Scheiben ein.
Nun aber schnell her mit dem Apparat,
in Verehrung
Frank gewidmet drei Fotos:
snepp (diese klobeschrege Gusche)
snepp (o du dicker Klüten)
snepp (überhaupt allesalles).


Alfons Teschau = Robert Wohlleben (auch in späteren Publikationen, in denen Teschau für Typographie und gelegentlich auch Graphik zeichnet). Die blockbuchartig hergerichteten Nummern 1 und 2 sahen in ihrem dezent grauen Kartonumschlag derartig BIBLIOPHIL aus, daß ich zurückschreckte und mir »nie wieder!« geschworen hab! Mit Nummer 3 kamen wir auf eine uns gemäß erscheinende Minimalform: Ein zweiseitig bedruckter, dreimal gefalzter, zweimal geklammerter (den »Bibliophilen« dreht sich ’s Herz im Leibe um, ich kanns und wills nicht helfen), nicht aufgeschnittener Bogen. Ein Modell dafür waren mir Alfred Richard Meyers »Lyrische Flugblätter«. Für den Meiendorfer Druck 1 hab ich mir bei Hagedorn + Dänicke, Bürobedarf, die Gummistempel (sogenannte Signierstempel) gekauft, mit denen »Teschau« seither so manchen Meiendorfer Druck gestaltet hat (Nr. 19 der zur Zeit letzte): Sauarbeit ... jeder Buchstabe einzeln zu stempeln.

 

Weitere Produktion

Ab 1976 machte ich als »Robert Wohlleben Verlag« allein weiter.

1976 Robert Wohlleben: Deutsch für heute I
Arbeitstexte für die Grundstufe Deutsch als Fremdsprache
(112seitige Arbeitsmappe A4, ein Lehrerheft sowie drei Tonbänder
mit Texten und Sprechübungen umfassend)
(1. Auflage in 2000 Exemplaren gedruckt, verschiedene Fortdrucke)

An dieser Stelle der Traum, einen Verlag aufzubauen, der vom »Nischenbedarf« marginal zu leben imstande ist. Ich kannte die Lücken in den seinerzeit verfügbaren Materialien für Deutsch als Fremdsprache, war durch die Jahrestagungen Deutsch als Fremdsprache mit einer Reihe kreativer Leute in Kontakt, der Kontakt mit Leuten in einem ehemaligen Pfarrhaus tief im Aude war da, die hatten sich dort – bei Seuil ausgeschert – mit einem kleinen Verlag und ein paar Druckmaschinen auf eigene Füße gestellt ... kam alles anders. Und dabei hatte es sich gut angelassen: »Deutsch für heute« war eine 14000-Marks-Produktion, die ich »aus der Luft« finanziert hab (ich hatte ja NIX) ... und am Ende war was übrig! Ich ging gegen Ende 1976 wieder in den Deutschunterricht für politische Flüchtlinge (später kamen Aussiedler dazu): Aus Rücksicht auf meine zunächst zwei, dann drei Kinder mußte ich mir »Experimente« verbieten. Und dann folgten ab 1977 anfallsweise die Meiendorfer Drucke Nr. 4 &c.

In Nummer 2 das Arno-Holz-Thema, in Nummer 5 dann fortgesetzt. Vielleicht kommt noch mehr. Ich hatte in den 60er Jahren bei Hans Wolffheim in Hamburg das Dissertationsthema »Genetische Textsynopse der Tragödie ›Sonnenfinsternis‹ von Arno Holz« übernommen. Ist nie zu Ende gediehen. Aber die bei der Arbeit daran angefallenen Funde und Befunde sind nach wie vor ergiebiger Steinbruch, in den horen steht dies und das. Auch im Text+Kritik-Heft über Arno Holz (Nr. 121/1994): Da gehts um die gründlich fehlbeurteilte »Arno-Holz-Schule« ... müßte eigentlich für die Meiendorfer Drucke anstehn.

Welche Fehl- und Fährnisse dem Zwerg- oder Kleinverlag in seinem Fahrwasser begegnen können, ist vielleicht ein kurtzweylig lesen: rw/verlag.htm.

Zur Zeit – in diesem August 2000 und seit drei Jahren – zählen die Meiendorfer Drucke bei 43. GERN würd ich die Reihe weitertreiben ... hätte auch Ideen. Was Hans-Werner Engels gern Neues von GEORG KERNER ans Licht bringen würde, wär eine GUTE Nachfolge des »Spazziergängers in Altona« (wenns auch eigentlich in einem Verlag mit weniger kurzatmigem Vertrieb besser aufgehoben wär). Ob ich LOUIS ULRICH bewegen kann, mir was von dem zu überlassen, was etwa in seinem Heft fuck pegasus steht? Und da fällt mir auch gleich WERNER LAUBSCHER ein. Und HEL. (Und »Unterm Heilgenschein« von Arno Holz, falls Karl Riha das seit Jahrenden nicht zustande kommende Projekt freigibt) Nu, die Nummern 44 bis 47 sind druckreif und im neuen Verlagsprospekt festgeschrieben ... ach! Geld fehlt.

Seit einer Weile schmücke ich die Meiendorfer Drucke mit dem Ehrentitel »Zentralverlag für Sonettwesen«.

Mit der Nummer 64 endet die Reihe der Meiendorfer Drucke

Bisher Erschienenes weiterhin lieferbar (sofern nicht vergriffen)
 

Cassetten

Donnerwetter (Meiendorfer Druck 11)

Als Supplement:
Vier Seewetterberichte

Sonette * Sonette * Sonette (Meiendorfer Drucke 13, 15, 16, 17)

(Markus R. Weber über die Cassette »Sonette«)

Die Geigerzähler hören auf zu ticken (Meiendorfer Druck 20) 2 Cassetten

Heinz Ohff über die Cassetten »Geigerzähler«

Falsch + wunderbar (Meiendorfer Drucke 22, 28, 34, 41)

Abrechnungen (Meiendorfer Drucke 23, 32, 35, 38, 43)

Außer der Reihe

Stadt + Land Hand in Hand

Beiträge zur 

Erleuchtung
Beleuchtung

Mitteleuropas

Heft 1
Herausgegeben von Frank Böhm, Hajo Maerz, Wolfgang Uster + Robert Wohlleben
(1980)
Die seinerzeitige Vorschau

Rudolf Wohlleben:
FRÜHE SPÄTLESE
Gedichte (1997)
vergriffen

Frank Böhm
Oliver Böhm
Jens Cords

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