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ARNO HOLZ (Litho von Heinrich Büttner 1922)

Plakat für die Phantasus-Lesung mit Anna von Strantz-Führing
am 3. Februar 1922
Lithographie von Erich Büttner


Arno Holz arbeitet am Phantasus

Hatte er einen bestimmten geistigen Inhalt zu bewältigen, der ihm als Aufgabe klar erschaut vor Augen stand, so sammelte er zunächst mal systematisch alle Begriffe oder unter der musikalischen Perspektive: »klangmalenden Lautbilder«, die ihm die Sprache, von deren gegebenen Möglichkeiten er ja, wie er wußte, abhing, zur Lebendigmachung des betreffenden Inhalts überhaupt darbot; wohlweislich aber vorerst nur die sogenannten »Stämme«, das heißt also bloßen »Vorstellungskerne«, noch ohne alle die Satzbeziehung oder sonstiges ausdrückenden Endungen und zumeist auch noch ohne »Vorsilben«. Lediglich diese (sich so wenig wie angängig vorweg festlegend) auf Quartblätter aufnotiert und mit seiner schon vom Vater ererbten und hoch in Ehren gehaltenen, um nicht zusagen, mitsamt ihren Rostflecken und sonstigen Mängeln über alles von ihm geliebten Papierschere, Reihe für Reihe und Stück für Stück, in einzelne kleine, nicht gerade sehr regelmäßige Vierecke zerschnitten, was bei seinem von ewig ruheloser Energie erfüllten, hastwirblig ungeduldigen, ständig aus sich Funken stiebenden Temperament – »ein Feind des Lärms, den andre machen« – stets mit fabelhafter, »klirrendster«, zwischendurch metallisch erschreckendst aufdröhnender Handgeschwindigkeit geschah, wurden als Sinnfarben noch wirr durcheinander, aber doch in gut überschaubar militärischen Kolonnen auf große Pappen verschiedensten Formats gelegt, die bei allen möglichen Gelegenheiten »erhamstert«, zu Dutzenden in der einen Hinterecke seines asketisch kargen, im letzten Jahrzehnt mehr und mehr verwahrlosten und selten noch einer gründlichen Reinigung unterzogenen Dachateliers – eine solche »Staatsaktion« brachte immer zuviel nachträgliche Wirrnis und war, von der Arbeitsstörung abgesehen, des öfteren auch monatelang, was man gleich einsehen und entschuldigen wird, gar nicht durchführbar – die also, man verzeihe schon die Umständlichkeit, mit der ich sehr Ungewöhnliches leider nur darstellen kann, in dem vernachlässigsten Dunkelwinkel seiner dem Waschboden benachbarten und oft von ihrem leisen Duft »geschwängerten« Arbeitsklause, durch raschen Hinwurf beliebig gestapelt, neben aufgehäuften Handbücherstößen, von denen ihm das meiste gar nicht gehörte, auf dem nackten, graublauen, verbogen ritzenklaffigen (in einem trichtertief ausgeplatzten Astloch verschwand zudem oft tückisch der zu Zeiten unglaublich winzige, in solchem Endstadium jedoch aus guten Gründen doppelt geschätzte Gummi), sagen wir also nun endlich schon: Fußboden lagen, zunächst durch derbe Schlagentstäubung und rücksichtslose Arbeitsrockärmelwischung erst einmal wieder »ehrlich gemacht« werden mußten und hierauf den witzig humorvoll kennzeichnenden »Geusen«- und Ehrennamen »Backbretter« führen durften.

Wenn er dann das ihm für seine Aufgabe zu Gebote stehende »linguistische Grundmaterial«, das auch mit Ausnutzung aller seiner »Ressourcen«, leider vielzu spärlichen Wörter- und Quellbüchern, herbeigeschafft wurde, vollkommen, wie er wenigstens überzeugt sein mußte, beisammen hatte – eine Sammlung, welche natürlich schon ein sozusagen »urschöpferischer« Vorgang war, da er es mit der angestrebten Vollständigkeit bloß bei starker Anspannung der Phantasie, ja »Intuition« in den verstreut entlegensten Sprachwinkeln, vorausschauend und innerlich bereits heimlich »disponierend«, ein jedes Mal aufzustöbern vermochte – ging es unter schärfster Hirnkonzentration und lebhaftester Anteilnahme des »Ohrs«, das, wie gesagt, stets die eigentliche, gleichsam »magische« Führung übernahm, an die wirkliche Gestaltung und erst bei ihr, die zwischenwährend loser, von jedem unvorsichtigen Atemhauch ständig bedrohter Zusammenfügung der nach geistiger Eräugung mit dem leicht angefeuchteten Zeigefinger einzeln wieder von den Urpappen herausgepickten, nur mit »viel Geduld und – so weiter« von ihm zu »bannenden« und in »seinen schöpferischen Zauberkreis« hinüberzuziehenden Schnipselchen auf neuen, dann immer besonders ausgesuchten »Backbrettern« erfolgt--, erhielten die bis dahin wie man sich wohl noch erinnern wird, lediglich »Stämme« einen bestimmten »Redeteil«- und sonstigen grammatischen Charakter, wurden also durch Hinzufügung von flüchtig angekritzelten Endungen, die jedoch oft wieder wegradiert und ausgewechselt wurden.- »Substantiv«, »Verbum«, Adjektiv«, Partizipium«, »Vorwort«, aber auch »Diminutiv«, Komparativ«, Superlativ« und ähnliches, schossen durch einfache Aneinanderreihung zu mehr oder weniger reichen, manchmal sogar den Inhalt eines ganzen kleinen Teilgedichts greifenden Wortgebilden zusammen, ordneten sich unter Einstreuung von Formworten: »Präpositionen«, »Konjunktionen«, die zusammen mit »Artikeln« und »Fürwörtern« zumeist gleich in ganzen Garnituren angefertigt und verbraucht wurden, sowie sonst etwa noch nötigen feststehenden Begriffen, wie vor allem »Zeitadverbien« und »bestimmten« und »unbestimmten Zahlwörtern« zu selbstverständlich stets sofort exakt »statischen« Zeilen an und gewannen so schließlich unter vielem »erbittertem«, jedoch auch unterweilen grifflachend frohlaunedurchwürztem »Schweiß«, der sich ja seines Könnens und Endsieges immer durchaus und bis ins Letzte gewiß blieb, zum allemal festverfugt »Hand und Fuß« habenden, genau das, was er fassen sollte, auch wirklich fassenden, regenbogenfunklig farbenüberschillerten und in immer wieder neu aufrauschenden Klangkaskaden – jede von wechselndem Wurf und Tonfall, jede die Grundmelodie festhaltend und weiterführend, jede den gegebenen Dingen vollrund angepaßt – dahinströmenden Satz.

Hierauf wurden nach intensivster Ohrüberprüfung und auch »Zahlenkontrolle« – das sozusagen »Richtig-Hirnhafte« gerann und verstand sich immer von selbst und bedurfte eigentlich so gut wie nie noch einer Nachkorrektur – die einzelnen Zeilen in feinen männlich-edel klaren Zügen, fast wie gemalt ebenmäßig, Buchstabe für Buchstabe, mit spitzestem »Kohinoor HB« – zwischendurch, in beinahe rhythmischen Abständen und immer nur mit genau drei Umdrehungen schwungradkreiste seine »Jupiter«-Bleistiftschärfmaschine – minutiös klein, aber aufdruckkräftigst, gleichsam für die Ewigkeit ins Papier geprägt niedergeschrieben, von der unglaublich »sicheren Hand« des Dichters in ganz egale, stets linealgrade, schmale Streifen geschnitten, die trotz einer gewissen ihm dabei durchaus eignenden Flinkheit nie die leiseste Inkorrektheit aufwiesen, und entweder abermals noch lose und von jedem unwillkürlichen »Nieser«, »Huster« oder auch bloß etwas stärkerem »Anstoßer« wie von einem dann alles wieder wild durcheinanderwirbelnden Erdbebenunglück oder Taifun überdreut, eng sauberst aneinander und streng fehlerfreist wagrecht ausgerichtet, auf dritte »Backbretter« gelegt – sämtliche zur Verfügung stehenden Möbelflächen und Vorsprünge waren manchmal, und dann oft auf recht lange Zeit von ihnen bedeckt, so daß kummervollst, trotz des über dem Raum ständig in Schwaden lagernden »Londoner« Rauchnebels kaum die Fenster geöffnet werden konnten und der Gedanke an eine plötzlich jetzt eintreten, ja bloß den Türspalt lüpfen könnende Reinmachefrau geradezu etwas »gespenstisch Schreckhaftes« hatte – oder auch gleich wikingkühn mit sparsam aufgestrichenem Pelikanolkleister und so gut wie immer tadellosestem Augenmaß mittlings auf einem als Mittelachse dienenden, schnell-eifrig durch ihn gefertigten und haarscharf grade und gleichmäßig angestückten Papierstreifen befestigt. Ein solches vorläufiges, jedesmal erst verliebt von ihm beäugtes und in seiner ganzen Länge prüfend gegen das Licht gehaltenes, denn auch architektonisch stets seltsam wundergestaltiges Schlußgebilde mit seinen vergnügt flatternden und raschelnden Fiederfähnchen – auch an diesem Laut hatte er immer seine besondere Freude – hieß dann ein »Vogel«, der aber, bevor er durch recht umständliche und Zeit erfordernde Klebanheftung auf Manuskriptblätter endgültig eingefangen wurde, zunächst immer auch noch erst einer gewissen Warte- und Karenzfrist unterworfen blieb.

Die »Dachkammer« von Arno Holz, 1930
Das Dachatelier, Stübbenstraße 5
(1930 photographiert von Wilhelm Niemann)

Quelle: Robert Reß: Die deutsche Form der Wortkunst und ihre Schöpfung durch Arno Holz. Nachgelassenes Manuskript (rd. 1000 hs. Blätter) im Arno-Holz-Archiv (Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin). S. 775-785b. Abschrift: RW

Text abgedruckt
a) in: die horen Nr. 116, 4. Quartal 1979, S. 103 f.
b) in: Arno Holz: Berg des Lebens.
Ein Phantasus-Gedicht fürs Theater.
Aus der Tragödie »Sonnenfinsternis«.
Meiendorfer Druck Nr. 5 (1980).


O. E. Lessing:
Nachruf auf Robert Reß

 

 

 

 

 

Arno Holz bei fulgura frango
Robert Ress bei fulgura frango

 

 


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