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Sonette von Robert Wohlleben

In karl rihas Sicht: naturform des sonetts nach l.

Wandernder Engel

Ich spann dir Himmelszelte frei nach Wahl,
du kannst sie tauschen, bis die Zeichen passen,
sich nach Belieben kommandieren lassen
und wiederkehren ein- und allemal.

Bestimmen kannst du dann nach Maß und Zahl,
wie, wo und wann zu lieben oder hassen,
wovor zu fliehen und wonach zu fassen ...
du ahnst jetzt: kein Vertun mit Glück und Qual.

Du brauchst mir dafür nur im Tausch zu geben,
was nächtens dich mit Sternen überspannt
und dich allein läßt mit dem Wunsch zu leben.

Daß nur durch Zufall eine fremde Hand
vertraut dich anrührt, dich dann aufzuheben ...
wird das nun wenig oder viel genannt?


Ottensen, 27. August 1997
für Swantje Körner

Golem

Die Lippe bebt, im Lidschlag zuckt der Blick,
mit Wort und Stimmfall kommt ein Bild zusammen,
schraffiert sich stracks zu Faltenwurf und Flammen,
versteckt in Schatten Stirne wie Genick.

Der Golem bebt und sucht sich das Geschick,
aus Wellenfronten statt aus Schlick zu stammen.
Er rührt sich. Eingespülten Kryptogrammen
verdankt sich Gang wie aller andrer Trick.

Die Wellen trecken weiter, bis sie wann
auf Wehre oder Sperrwerkwände prallen,
zurück sich schwingen, um im Rückwärtsschwallen

zu doppeln, was zuerst sich draus entspann.
Und abermals. Und wieder. Und mit allen
Reflexen mehrt und stetigt sich der Bann.


für Karl Grune
Ottensen, 16./17. September 1997

Havarie

Der Wind nimmt zu. Du weißt Bescheid:
Jetzt gilt’s, behend nach Luv sich wehren,
sonst wird der Großbaum dich verheeren.
Denn: Jedes Ding hat seine Zeit.

Sind auch die Fetzen aufgegeit,
könnt Sturm sich schwer ins Tauwerk scheren,
daß Rumpf und Mast sich kenternd kehren
zur Grundsee hin ... sie kommt von weit

und schwellend, bis sie gischtend bricht.
Wer fragt da noch, was sich verlor
mit Widersee und allem nicht

verwahrten Gut, solang sich hält
gelassenes Entsetzen vor
der immer unverfugten Welt.


für Frank Böhm
Ottensen, grad Ende September/Anfang Oktober 1997

Bei Kleve (Kreis Steinburg) am 7. Juni 1986

An rauchend abgebrannten Himmelsrändern
ziehn Helikopter hin und kurven ein.
Wo fern ein Wald schweigt, gellt Kommandoschrein –
und Wolken drüber hin in Tarngewändern.

Ein Regen fällt. Wie sich die Schatten ändern,
tapp ich durch Kraut und Gras, in Pfützen rein.
Ein Flackerbild: Da blutet wie ein Schwein
ein Kopf mit Schrei im Blick und Tränenbändern.

Und Achselschweiß rinnt ab mit kaltem Stechen,
schon stockt die Luft, wie’s auch der Atem tut,
die Haut wird eisig starr und gleich zerbrechen.

Mit ruhig-festem Tritt – sonst nix am Hut –
umstellt mich Polizei. Verschlägt mir ’s Sprechen –
und aus dem Schweigen, weiß ich, wächst nur Wut.

Feuerland

Losgetretnes Grinsen dringt mit trägen
Pseudopoden durch zum Traum vom Tod.
Fleisch klebt an, verrottet zäh zu Kot:
Schiß vorn Bug dem aufgekommnen Brägen.

Menschengeist ersetzt die Kettensägen,
Ketchup kleckst Gazettenspalten rot,
Fadenkreuze bringen fix ins Lot
Schwarzgekreuztes aus zerzackten Schlägen.

Fleisch und Blut und Haar und Haut und Knochen
drehn den Reihen stier und unverwandt ...
ausgelatschte Spur verglast im Sand.

Meilenweit wirds noch in Luv gerochen:
Blüht ein Grillen dem vereisten Land
... geh! Auch Feuerland ist abgebrannt.

Für Lars Clausen

(so viel [und nicht mehr] zur je seienden Weltlage)

Wegzeichen

Zu gut verschlüsselt ist das Sternenzelt,
als daß sich lesen ließe, ob von klaren
Bescheiden jemals Spur und Ahnung waren …
was solls, daß so was mir den Kopp zerspellt!

Gehört all Selbstberechnetes zerschellt?
Vernarbte Würgemale von Kandaren
verraten, wie uns dann, wenn grad die raren
Versprechen blühn, Verhängnis Hoffnung schwellt.

Die Atmung hetzt, und Schweiß tritt aus den Poren,
verrinnselt hin zu tief vertorften Mooren,
versickert sich, wo Felsen Gletschern wich.

Dort wuchs Geringes, aber wuchs und glich
Verwunschnem, wenn das Rudel Carnivoren
in engen Kreisen uns ums Biwak strich.

Epitaphe und Abschiede

Ad me ipsum

Die Sonett-Verbildlichung »naturform des sonetts nach l.«
verdanke ich folgender Publikation:
karl riha: so zier so starr so form so streng. 14 text- und 9 bildsonette.
(bielefeld:) pendragon (1988) – dort die Rechte



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