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August Grad von Platen-Hallermund, nach dem Relief von F. Woltreck

Platens Lieder –
unterwegs zum Sonett

Von Klaus M. Rarisch



Von den Gedichten des Klassizisten Platen (1796–1835) gibt es verschiedene Ausgaben [1]. Gelesen werden die Gedichte des August von Platen heute nicht mehr, mit zwei Ausnahmen, die in zahlreichen Anthologien vertreten sind. Es handelt sich um die Ballade »Das Grab im Busento« von 1820 und den berühmten »Tristan« [2] von 1825 mit den Anfangsversen

    Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
    Ist dem Tode schon anheimgegeben […]

In seinem Platen-Essay von 1930 zitiert Thomas Mann, der dem homoerotischen Dichter geistesverwandt war, dieses Gedicht und fährt fort:

    »Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!« Von dem, der dies gestand, hat Goethe geurteilt, er habe der Liebe nicht. Der große Mann irrte. Er mochte auf Platen – und auf wen nicht! – mit hochväterlichem Lobe und Tadel herabsehen […] Was aber der glücklich Große ihm absprechen zu sollen meinte, die Liebe, eben sie hatte er: die Liebe nämlich, die jenes Gedicht durchtränkt und sein ganzes schwermütig-lobpreisendes, zu höchsten Flügen immer wieder begeistert ansetzendes Werk erfüllt, die unendliche und unstillbare Liebe, die in den Tod einmündet, die der Tod ist, weil sie auf Erden nicht Genüge findet, und die er, ein früh und unheilbar Getroffener, den »Pfeil des Schönen« nennt. [3]

»Liebe, die in den Tod einmündet« könnte als Motto für alle Lieder Platens gelten. – Ernst-Jürgen Dreyer schließt seine Funk-Abhandlung mit dem nämlichen Gedicht und bemerkt zu den drei Strophen eines nie ausgeführten Tristan-und-Isolde-Dramas:

    Sie sollen hier unvertont erklingen, denn sie sind in ihrer Art schon selber Musik. [4]

Die hier zugrundeliegende Gedichtausgabe von 1870 enthält in einem ersten Abschnitt auf 71 Druckseiten »Lieder und Romanzen«, nach Entstehungsjahren seit 1812 geordnet. Die Romanzen sind von geringem Interesse, behandeln konventionelle Themen und fallen nur gelegentlich wegen der experimentellen Sprache auf, so das Gedicht »Irrender Ritter« von 1820, in dem alle Substantive ohne Artikel gebraucht werden [5]. Die erste von sieben Strophen mag als Beispiel genügen:

    Ritter ritt ins Weite
    Durch Geheg und Au,
    Plötzlich ihm zur Seite
    Wandelt schöne Frau.

Als Muster für den Typus der Platenschen Lieder sei hier »Fischerknabe« von 1817 zitiert [6]:

    Des Abendsterns ersehnter Schein
    Beglänzt den Saum der Flut,
    Der Knabe zieht den Kahn herein,
    Der still im Hafen ruht.

    Mein Tagewerk ist treu vollbracht,
    Doch, liebe Seele, sprich,
    O sprich, wie soll die lange Nacht
    Vergehn mir ohne dich?

    Am Ufer steht ein Weidenbaum,
    Und dran gelehnt ein Stein,
    Und drunter liegt im schmalen Raum
    Ihr kaltes Totenbein.

Das kreuzweis gereimte Gedicht mit dem aparten Wechsel von vier- und dreifüßigen Jamben ist formal makellos, wie bei Platen nicht anders zu erwarten. Die drei Strophen erwecken den Anschein absoluter Symmetrie. Inhaltlich jedoch steht die Schlußstrophe in dialektischem Gegensatz zu den ersten beiden, die den naiven Knaben mit seiner Sehnsucht nach einer vielleicht unbekannten Geliebten zeigen. Daß diese Frau möglicherweise gar nicht existieren könnte, wird in Vers l sehr zart angedeutet: »ersehnter Schein«. Der Knabe weiß nicht, was die dritte Strophe nicht ihm, aber dem Leser offenbart: daß sie, die seine Geliebte hätte werden können, längst tot ist. Die ersehnte Form jedoch, die hier durchscheint, ist die des Sonetts. Bis der Dichter diese ideale Form findet, tritt der dritte Vierzeiler an die Stelle der Sonett-Terzette.

Nicht immer bleibt Platens Sprache so schlicht. Ein anderes Lied (von 1815) beginnt:

    Werden je sich feinde Töne
    Fügen im verbundnen Klange? [7]

Die Verknappung, »feindliche« zu »feinde«, wirkt radikal und expressiv. Gegenteilige Kühnheiten, nämlich enorme Neologismen, die schon auf den »Phantasus« von Arno Holz vorausweisen, finden sich bei Platen ebenfalls: »Froschmolluskenbreinatur« und »Obertollhausüberschnappungsnarrenschiff« (aus der Komödie »Die verhängnisvolle Gabel« von 1826, l. bzw. 4. Akt).

Seltsam zerrissen klingt ein »Gesang der Toten« von 1819; das Lied sei hier auszugsweise zitiert:

    Wir sind zu Staub verwandelt
    In dumpfer Grüfte Schoß:
    O selig, wer noch wandelt,
    Wie preisen wir sein Los!

    Nach Weihrauch duftet es und morschen Kränzen,
    Von trocknen Salben ist die Luft beschwert.
    Und in geborstnen Särgen schwimmt das Glänzen
    Der Totenkleider, dran Verwesung zehrt.

    Dir flimmert gleich Gestirnen
    Der Blumen bunter Glanz,
    An unsern nackten Stirnen
    Klebt ein verstäubter Kranz.

    Der Wind zerschlägt ein Fenster. Aus den Händen
    Nimmt er der Toten dürre Kränze fort
    Und treibt sie vor sich hin an hohen Wänden,
    In ewigen Schatten weit und dunklen Ort.

Der aufmerksame Leser wird bei dem jambischen Metrum den Wechsel von drei- zu fünffüßigen Strophen bemerken - eine Unregelmäßigkeit, die so gar nicht zu Platen paßt. Und der Leser hat recht: Von Platen stammen nur die Strophen l und 3 [8]. Dagegen wurden die Strophen 2 und 4 dem Gedicht »Gruft« von Georg Heym (1887–1912) entnommen, aus dem Band »Der ewige Tag« von 1911. Die beiden Gedichte trennen 92 Jahre; trotzdem behandeln beide dasselbe Thema. Und man wird kaum behaupten können, die Sprache des Expressionisten Heym [9] sei »avancierter« als die des Klassizisten Platen, bei dem aber noch eine Feinheit auffällt: die Blankreime »verwandelt / wandelt« und »Gestirnen / Stirnen«, die dem Dichter gewiß nicht zufällig unterlaufen sind. Vielmehr unterstreichen die fast identischen Reimwörter die starre Unbeweglichkeit der Toten.

Versteckt zwischen drei konventionellen Strophen eines Liedes von 1819, taucht bei Platen ein hochartifizieller Vierzeiler auf [10]:

    Bunt am Bach ein Bad zu weben,
    Bauen Büsche Baldachine,
    Balsam bildend buhlt die Biene,
    Beet und Blatt und Blüte beben.

Die Strophe in vierfüßigen Trochäen bietet 16 betonte Silben auf (bekanntlich werden in der Metrik nur die Betonungen bewertet). Von diesen 16 Silben beginnen nicht weniger als 14 mit »b« (das sind 87,5 %). Für das Kunstmittel der Alliteration erreicht Platen damit einen Spitzenwert, unaufgeregt und unscheinbar in einem kleinen Gartengedicht verborgen. Das unterstreicht den etüdenhaften Charakter dieses und vieler anderer Lieder Platens. Weniger die Beschreibung und Beseelung eines Gartens war für den Dichter von Interesse als vielmehr das Ausprobieren eines formalen Kunstgriffs.

Manche der Lieder enden sentenzenhaft und sind, um altmodische Kategorien zu bemühen, eher der Gedanken- als der Stimmungslyrik zuzuordnen. So lauten die Schlußverse eines Liedes von 1822:

    O suche ruhig zu verschlafen
    In jeder Nacht des Tages Pein;
    Denn wer vermöchte Gott zu strafen,
    Der uns verdammte, Mensch zu sein! [11]

In meisterlicher Kürze, vergleichbar dem Tenor eines Gerichtsurteils, formulieren die vier Zeilen eine kühne Gedankenführung: Das angesprochene lyrische Du soll zu schlafen versuchen; vermutlich wird es ihm aber nicht gelingen; es dürfte schlaflos bleiben, nachdem jeder Tag nur Pein bringt. Diese allgemeine Bedingung des Menschseins ist ein Verdammungsurteil, von Gott verhängt. Wer es könnte, müßte umgekehrt dafür Gott selbst bestrafen. Und zwar mit dem Tode, wie es Nietzsche später verkünden sollte.

Damit ist dieses Lied das Gegenstück oder die Vorstufe zu einem konkreten Sonett von Platen. Es trägt die Nummer 79 und endet mit den Terzetten:

    Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,
    Allein das Glück, wenn’s wirklich kommt, ertragen,
    Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

    Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
    Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
    Und auch der Laufer wird es nicht erjagen. [12]

Das folgende Lied von 1823 weist auf die innere Sonettstruktur voraus. Nach den ersten beiden Strophen tritt eine gedankliche Zäsur ein, und der Schluß stellt eine Conclusio dar, hier mit dem Wort »drum« angedeutet. Diese sechs Schlußzeilen sind den Terzetten eines Sonetts zu vergleichen:

    Was wir fühlen, was wir denken,
    Halten drum wir im Geheimen,
    Denn wer möcht’ ein Korn versenken,
    Wenn’s noch nicht vermag zu keimen?
    Laßt indes uns in den Schenken
    Liebliche Gedichte reimen! [13]

Inhaltlich bedient Platen auch hier nur Konventionen. Klang das Gartenlied rokokohaft, so wandelt der Dichter hier, nach dem Vorbild Goethes im »West-östlichen Divan«, auf den Spuren des Hafis. Der wahre Platen spricht daraus nicht. Mehr vom Wesen Platens verrät der Schluß eines Liedes von 1822:

    Vor allem hat mich stets erbaut,
    Zu sitzen in der Schenke traut;
    Da denk ich, was ich sonst erreicht,
    Und was nun wieder kommt – vielleicht!

    Dabei vergeß ich ganz und gar,
    Man altre leider Jahr um Jahr,
    Und werde dann doch auch zuletzt
    Zum andern Moder beigesetzt. [14]

Das »vielleicht« wirkt ironisch, ist aber eher ein Lächeln unter Tränen. Mit der romantischen Ironie bei Platens Todfeind Heine, die zur Desillusionierung eingesetzt wird, hat das nichts zu tun.

Nicht nur die Liebe, auch die Natur tendiert bei Platen zum Tode hin. So auch in einem Lied von 1820:

    Was sind die Blumen? Feine
    Schattierungen auf Särgen!
    Denn Erde ward zum Schreine
    Gewölbt für Totenbeine;
    Wird meine bald sie bergen? [15]

Stilistisch fällt das Zeilenenjambement nach »Feine« auf. Es ist bei Platen selten; dagegen kommt es bei seinem überschätzten Nachfolger als Sonettdichter, bei Rilke, bis zum Überdruß häufig vor. Hinzuweisen ist auch auf den Binnenreim »meine«, der die Ernsthaftigkeit der Schlußfrage unterstreicht.

Unmittelbar zu einem Sonett führt ein anderes Lied von 1820:

    Und Jeder, welchem klar sich dies entschieden,
    Will von sich werfen jegliche Beschwerde,
    Und lange sehnte Keiner sich nach Frieden:
    Denn wer verweste nicht in schwarzer Erde? [16]

Auch das nicht für Lieder, wohl aber für Sonette gebräuchliche Versmaß des fünffüßigen Jambus weist dieses Lied als Vorstufe von Platens Sonett Nr. 74 aus, mit den Terzetten:

    Auch euch, befürcht’ ich, hat die Welt betöret,
    Vereitelt wurden eure besten Taten,
    Und eure liebsten Hoffnungen zerstöret.

    Drum selig Alle, die den Tod erbaten,
    Ihr Sehnen ward gestillt, ihr Flehn erhöret,
    Denn jedes Herz zerhackt zuletzt ein Spaten. [17]

Der Schlußvers verkörpert ein Formideal, nach dem man in der Lyrik lange wird suchen müssen, nämlich die Identität von metrischer und sprach-rhythmischer Betonung. [18]

Als Fazit dieser Betrachtung ist festzustellen: Platens Lieder lassen inhaltlich die Liebe in den Tod einmünden, formal aber sind sie unterwegs zum Sonett.


1] 

Hier benutzt: Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. In zwei Bänden. Erster Band. Stuttgart: Cotta 1870. V, 432 Seiten. Im folgenden zitiert als: Platen, Gedichte. – Die Orthographie wurde behutsam normalisiert, offensichtliche Druckfehler stillschweigend korrigiert.

2] 

Platen, Gedichte, S. 67 f.

3] 

Thomas Mann, Adel des Geistes. Berlin: Aufbau-Verlag 1956, S. 439.

4] 

Ernst-Jürgen Dreyer, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen – August von Platen und die Musik. Funkmanuskript, gesendet im Jahre 2000 vom Südwestfunk. – Der Text bringt auch Informationen zur Biographie von Platen.

5] 

Platen, Gedichte, S. 46 f.

6] 

Ebd., S. 13.

7] 

Ebd., S. 19.

8] 

Ebd., S. 30.

9] 

Eine Analyse der expressionistischen Lyriker Jakob van Hoddis und Alfred Lichtenstein aus dem Umkreis von Georg Heym bietet der Essay von Klaus M. Rarisch, Das Weltende statistisch betrachtet (unveröffentlichtes Manuskript).

10] 

Platen, Gedichte, S. 32.

11] 

Ebd., S. 63.

12] 

Ebd., S. 232.

13] 

Ebd., S. 59 f.

14] 

Ebd., S. 65.

15] 

Ebd., S. 41.

16] 

Ebd., S. 52.

17] 

Ebd., S. 230.

18] 

Vgl. dazu: Klaus M. Rarisch, Die Geigerzähler hören auf zu ticken – 99 Sonette mit einem Selbstkommentar. Hamburg: Robert Wohlleben Verlag 1990 (Meiendorfer Druck Nr. 20); S. 135 ff.




 



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