Zu www.fulgura.de mit Navigations-Kolumne

Unreine Reime

Tieck reimt «lieben» auf «drüben» wie ein Weile später Wilhelm Busch «bösen» auf «lesen». Oder vor ihm Hans Sachs: «Die rotbrünstige Morgenröt / Her durch die trüben Wolken geht, / Daraus die lichte Sunn tut blicken. / Des Mones Schein tut sie verdrücken.» August Graf von Platen-Hallermünde sah darin Barbarei. Dennoch wurde und wird es wohl noch «gern» gemacht, weil es von Fall zu Fall den im Deutschen gelegentlich mageren Fundus an Reimwörtern angenehm erweitert. Funktionieren tuts in den Fällen i/ü und e/ö, in langer wie kurzer Qualität. Die Diphthonge ei (oder ai) und eu (oder äu) gehn mit. Entscheidend ist also wohl die Zungenhaltung bei der Aussprache der Umlaute. Sie entspricht etwa der bei der Aussprache von i bzw. e. Die bei den Umlauten ins Spiel kommende Lippenrundung wie bei u bzw. o fällt dagegen kaum ins Gewicht. Zwischen ü und u sowie ö und o wird ja keine Klangähnlichkeit empfunden.

Bevor Theodor Siebs 1898 mit seinem Buch «Deutsche Bühnenaussprache» die in Gang gekommene Normierung der Hochlautung festschrieb, waren ungebremst auch mundartliche Zungenschläge im Schwange. Da konnten halt i und ü und so weiter zusammenfallen und als erlaubt gelten. Ich als Norddeutscher kann im Alltagsgespräch durchaus ein langes ä zu langem e werden lassen, würd mich aber wie bei den andren lautlichen Nachbarschaften scheuen, darauf einen Reim zu bauen. Als Klaus M. Rarisch vor einer Reihe von Jahren in seinem Sonett «Der Köchin Fluch» (enthalten in «Bilanz», dem Meiendorfer Druck Nr. 35) Küche auf Sprüche und Leistenbrüche reimte, meinte ich, eine Reimstörung monieren zu müssen, weil langes ü in Küche auf zwei kurze gereimt sei … mußte mich belehren lassen, daß nur kurze ü im Spiel sind. Ich hatte die Küche anders gelernt, allerdings nie als Reimwort benutzt, daß etwa Küche und Flüche zusammengekommen wären.

In einem Sonett von Albrecht Barfod ist das Reimspiel so weit getrieben, daß unreine Reime gar in den Status des reinen Reims erhoben sind:

 

Unreine Reime

Des Nachts ein Heulen … Verse! Ich erwehre
mich kaum der einzeln doch so netten Tiere.
Sie nahn schon und – wenn ich mich gar nicht rühre?
Ich bin umzingelt und ich merks, ich nähre

mit meinem Angstschweiß nur die Schweinechöre.
Da hilft kein Ach – kein Wichsen – keine Schwüre –
hier all mein Geld! Ich streu es aus und piere
ringsum – sie trampeln nur auf meine Øre.

Es half auch nie, dass ich sie ehr und feire
und flugs dann meines eignen Weges steure.
Ich fühl es schon seit Mittwoch, dass ich eire;
durch Hornhaut ins Gelenk fraß sich die Säure.

Ein letzter Krampf im Bauch, das Hirn weht irr –
ein Zauberwort schenk mir, Mamatschi!

 

 

„Brrr!“
 


 

Rechte bei RW
 


 

Link zur Initiave zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein