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In spätester Herbst-Zeit wurden fast die meisten Einwohner der Insul eines Abends in besonderes Schrecken gesetzt, denn wie ich theils selbst gesehen, theils aus dem Berichte dererjenigen, welche auf dem Nord-Felsen die Wacht gehabt, vernom-[511]men, kam anfänglich zwischen West und Nord eine dicke blaß-feuerige Pyramide aus der See am Himmel herauf gestiegen, welche sich zumahlen an denjenigen Stellen, wo etwas dicke Wolcken waren, recht gräßlich ansehen ließ. Bald kamen sehr viele Strahlen oder Pfeile, auf die Art, wie die Donner-Pfeile gemahlet zu werden pflegen, heraus geschossen, bald aber sprungen einzelne groß und kleine helleuchtende Funcken heraus, dergleichen man in den Feuer-Eßen der Schmiede siehet. Binnen einer Stunde verlohr sich die Pyramiden-Gestalt, hergegen zohe sich eine Streiffe, die ohngefähr 5. oder 6. mahl breiter, als ein gewöhnlicher Regenbogen zu seyn schien, erstlich gantz biß an den Polar-Stern hinauf, zertheilete sich so dann der Länge nach in etliche schmählere Streiffen, die da ingesammt gegen Osten zu, wieder biß in die See reichten, und sich gantz wunderbar unter einander verzogen. Hierbey sahe man unter diesen lichten Streiffen ein öffteres Zucken, ungewöhnliches Blitzen, und Flimmern, welches aber doch nicht also in die Augen fiel, als ein ordentliches Wetterleuchten und Blitzen, so vor dem Donner herzugehen pfleget. Um Mitternachts-Zeit erhub sich ein mittelmäßiger Wind, der die Streiffen aus ein ander trieb, an deren Stelle sich fast am gantzen Himmel sehr wunderbare Figuren zeigten, die aber nicht gar lange in einerley Stellung blieben, worbey das Zucken, Flimmern oder Blitzen beständig fort dauerte, je näher aber der Tag heran ruckte, je blasser begunten die feurigen Strahlen und andere Figuren zu werden, biß endlich mit anbrechenden Tage das gantze Gesichte verschwand.

[512] Wie ich bereits oben gemeldet, waren nicht allein die allermeisten Einwohner hierüber hefftig erschrocken, so daß auch fast kein eintziger Mensch an das Schlaffen gedacht, sondern das Ende abgewartet hat, sondern es wurde auch davor gehalten, daß dieses Feuerzeichen eine vorher Verkündigung gantz besonderer Zufälle seyn müsse; allein da Herr M. Schmeltzer, Mons. Litzberg, Herr Wolffgang nebst dem Alt-Vater, und andern, die sich von der Physic einen rechten Begriff machen konten, die Sache weiter überlegten; und darinnen einig wurden, daß dieses Wunder vor ein starckes Meteoron oder Nord-Licht zu achten sey, Herr Mag. Schmeltzer auch nächst darauf folgenden Sonntage Nachmittags einen erbaulichen Sermon darüber gehalten, und die Wunder GOttes, welche er in die Natur gelegt, anbey die vernünfftigen Ursachen solcher Feuerzeichen angezeigt hatte, verwandelte sich der meiste Theil des Schreckens bey allen in eine Gottesfürchtige Bewunderung, so daß wir dergleichen Meteora, welche sich nachhero noch etliche mahl, wiewohl nicht gar so sehr fürchterlich zeigten, sämtlich mit mehrerer Gelassenheit betrachteten.

    Mons. Eberhard Julius hat bey dieser Passage einen gar feinen und gelehrten Discours, den die Felsenburgischen Herrn Naturkündiger dieses Meteori wegen gehalten, beygebracht, weil aber derselbe gar zu weitläufftig, über dieses seit wenig Jahren fast aller Orten verschiedene Observationes und Abhandlungen von solcher Materie, in deutscher, Lateinischer und andern Sprachen gedruckt zum Vorscheine [513] gekommen sind, so daß fast ein jeder gemeiner Mann in Deutschland ziemlich wohl darvon zu raisoniren weiß, als habe mich unterstanden, selbigen aussen zu lassen.


Aus:

Johann Gottfried Schnabel
INSEL FELSENBURG
Wunderliche Fata
einiger Seefahrer
Theil II
(1732)
[Seiten 543-545]

1997 erschienen bei
Zweitausendeins
Postfach
D-60381 Frankfurt am Main

RW merkt an:
Ich habe den Eindruck, daß der Autor hier eine Ufo-Sichtung oder gar Ufo-Landung beschreibt. Die mit dem Schnabelschen UFO verbundenen Phänomene lassen an die von C. G. Jung angezogenen Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert denken. Ich kann mir vorstellen, daß sich diese Motivik in der Art einer Wandersage oder urban legend zäh gehalten hat und so – weil so schön curieux – gleich zweimal in die Insel Felsenburg eingehen konnte. Ob eine motivgeschichtliche Nachforschung etwas brächte ...?

Weiter über UFO-Sichtungen bei C. G. Jung

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