Klaus M. Rarisch und der Ultimismus im Spiegel der Presse

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Klaus M. Rarisch schaut in den Spiegel der Presse:
»Pressekritiken über Klaus M. Rarisch,
über die Gruppe der Vier + 4, den Ultimismus
und das Berliner ›Massengrab‹«

(Stand 1974)



Hoffnungsfreudigster Eindruck des Abends: also gibt es doch eine Jugend, die … sehr ernstzunehmend um ureigene Probleme ringt.

KURIER vom 20. 5. 1957


Die »Gruppe der Vier« – das sind junge Leute, die sich und ihre Zeit bitter ernst nehmen …

TAGESSPIEGEL, 28. 5. 57


Was ist Ultimismus? Die »Ultima ratio«, der letzte Ausweg in einer Epoche künstlerischer Sterilität … Und was steht dahinter? Viel guter Wille und viel Ratlosigkeit, eine neue »verlorene Generation«, die nur noch Scherben geerbt hat.

KURIER vom 18. 3. 1958


Im Verlauf der ersten »Massengrab«-Soirée wurde allmählich deutlich, was die Ultimisten sind: sie sind anti – antiklerikal, antibürgerlich, antimilitaristisch, antifaschistisch, antikommunistisch und antinationalistisch. Sie sind, mit einem Wort, schlechthin »anti«, ganz so, wie es der alten dadaistischen Tradition entspricht. Während vom Tonband lästerliche Songs erklangen, während die Ultimisten verzweifelt-aufbegehrende Verse vortrugen, während sie sich in der anschliessenden Diskussion energisch gegen die – übrigens nicht durchweg zutreffende – Behauptung verwahrten, sie böten nicht Geformtes, sondern bloss Gerülpstes, während also dies alles geschah, wähnte man mitunter tatsächlich, die dadaistische Revolte von 1916 erlebe im Berlin von 1961 eine Wiederholung …

MANNHEIMER MORGEN vom 3. 8. 1961


Ihr Symbol ist der Turm von Babylon, der das Höchste, den Himmel erreichen sollte und durch ein metaphysisches Hindernis niemals fertig geworden ist. Ähnlich sehen die Ultimisten die heutige Situation in der Kunst. Der Ultimismus bedeutet für sie keine neue Kunstrichtung, sondern die Synthese der bisherigen Tendenzen. Sie werfen den Künstlern vergangener Epochen vor, dass diese die Tendenzen, die in der Literaturgeschichte vorhanden waren, nicht weiterentwickelt haben, dass sie die vorhandenen Ergebnisse nicht berücksichtigt hahen, sondern immer wieder von vorn begonnen und dadurch die Kunst zum Stillstand gebracht hahen.

Gisela Ernst, DIE WELT v. 2. 7. 1962


Und man muss sagen, Rarisch machte sich seine Aufgabe nicht leicht. Er übte, immer an Hand der Textstellen, fundierte Kritik an der Goebbelsschen fadenscheinig-philosophischen Literaturkritik, und er gab schliesslich eine genaue Analyse der geistigen und politischen Persönlichkeit dieses – zweifellos intelligentesten, aber auch bedingungslosesten – Gefolgsmannes von Hitler.

Gisela Huwe, DER TAG vom 11. 7. 1962


Und dann der Protest: Erst, beschwert sich Rarisch, ist bei den Künstlern der krampfhafte Hang zur Originalität, dann folgt das Einverstäindnis mit den Kunstmanagern, und schliesslich bringen diese mit viel Geschick die »Ware« beim »Verbraucher« unter. Cliquen steuern, herrschen, unterdrücken – Talente verdorren. Da soll das »Massengrab« Abhilfe schaffen, soll den von der Erfolgskrippe Gedrängelten eine Chance, ein Publikum geben. Rarisch: »Ich kenne (unbekannte) Autoren, hinter denen sich Günter Grass verstecken kann.«

TELEGAF, 25. 7, 1962


Die Bewohner des »Massengrabes« besitzen offenbar etwas, was deutsche Intellektuelle nur selten besitzen: Zivilcourage nicht nur hier, wo sie sich von selber verstehen sollte, sondern auch dort, wo sie, wenn nicht das Leben, so doch die Freiheit kosten kann … Was immer das »Massengrab« sein mag, etwas ist es gewiss nicht: ein Elfenbeinturm. Die skeptischen Insassen, die die dadaistischen Eierschalen längst abgestreift haben, halten dafür, dass auch die Schriftsteller mitverantwortlich sind für das, was geschieht. Das könnte ihre Arbeit auch künftig fruchtbar machen.

Hellmut Kotschenreuther, BERLINER MORGENPOST vom 24. 8. 1962


… hier aber wurde man den Eindruck nicht los, dass das Abnorme um seiner selbst willen gesagt wurde. Und da fängt es dann wirklich an, bedenklich zu werden.

DER TAG, 20. 10. 1962


… jede Formulierung ein Drahtseilakt, der Beifall heischt.

TAGESPIEGEL, 2. 11. 1962


Gleich, in welchem Jahrhundert der Dichter gelebt hat: Hauptsache er war dagegen, und zwar grundsätzlich. Im »Massengrab«, fünf Meter unter der Erde, treffen sich die Gleichgesinnten – und das sind immerhin schon etwa tausend.

BERI.INER MORGPNPOST, 9. 2. 1963


Mit verführerischer Brillanz, zynischem Nihilismus und obszöner Dekadenz goss … der Berliner Avantgardistling neuer Dichtung, Klaus M. Rarisch, seine giftigen Verse in die Ohren der gut fünfzig, zum Teil fassungslosen Hörer. Er präsentierte sein Wortwerk mit für Dichterlesungen sogar beachtlicher Sprechtechnik in kristallscharf geschliffener, oft sogar faszinierender Form. Er schleuderte sein abstruses Erzeugnis revulotionären Schöpfertums wider die »Masse in Lau«, die »Christusbeweiner« und die »Leninverneiner“. Wie er die Sprache in visionträchtige Bildakkorde auflöste, das war teilweise von bestechender Machart … Wer das »Schweigen« als einen etwas gewagten Film empfand, dem musste Regisseur Ingmar Bergman verglichen mit dem neutönenden Poeten Rarisch als ein harmloser grossväterlicher Märchenerzähler erscheinen … Er tat uns fast ein wenig leid, dieser junge Mann, der seine Begabung einem grenzenlosen Hohn aufopfert, ohne seinen Jüngern ein positives Ziel verkünden zu können.

AACHENER VOLKSZEITUNG, 3. 6. 1964


Die Zukunft wird zeigen, ob Klaus M. Rarisch, der über beachtliche Begabung verfügt, zu den Grossen zu rechnen sein wird. Sein persönlicher Mut ist anzuerkennen …

AACHENER NACHRICHTEN vom 3. 6. 1964


Klaus M. Rarisch offenbart in einigen seiner Gedichte ein grossartiges Sprachtalent. Er findet bezeichnende Bilder und brillante Vergleiche …

NRZ, AACHENER ZEITUNG vom 4. 6. 1964


Rarisch bevorzugt das Sonett. Es passt für ihn, der die Gebärde in einen Schreikrampf ausarten lassen möchte, aber dann doch begabt genug ist, das im letzten Augenblick zu verhindern.

Karl Krolow, TAGESSPIEGEL, 14. 6 1964


Man will, angewidert und vom Widerlichen wiederum auch fasziniert, alles Bisherige zynisch, schnoddrig und sentimental durch artistische Überperfektion zum letzten, »ultimistischen« Ende führen.

Dieter Hasselblatt, FRANKFURTER ALLGEMEINE vom 24. 11. 1964


»Totentanz«, »Letztes«, »Untergänge« – die Titel deuten die ultimistische Auffassung einer finalen Gegenwart an. Oft gelingen beiden Autoren Formulierungen von einer lapidaren Prägnanz, die grosses Kabarett ist .

SPANDAUER VOLKSBLATT vom 12. 9. 1965


Einen artistischen Protest scheinen uns auch die Ultimisten vom Naturell der Knor, Rarisch, Teufel und Volkmann vorzutragen … Der apokalyptische Zug der jüngsten deutschen Literatur, der nirgends so stark sichtbar wird wie hier bei den Ultimisten, wird von Rarisch auf Benns Begriff der »finalen Gegenwart« zurückgeführt … Die Protagonisten dieser Kunstauffassung sehen im »endzeitlichen« Zustand den wesentlichen Unterschied zwischen sich und den Dadaisten, mit denen sie im übrigen manches verbindet,

Fritz Werf, BUCHMARKT Nr. 1/1966


… lyrische Kunst zu höchster Intensität gesteigert … »St. Janus« von Klaus M. Rarisch … Zitate extrahieren zu wollen wäre barbarisch. Wer schlägt schon einer Statue die Nase ab, um an diesem Bruchstück die Vollkommenheit des ganzen Kunstwerks zu zeigen?

Rudolf H. Reschke, WEL T DER LITERATUR vom 19. 1. 1967


Man tut immer unrecht, den jungen Poeten nicht sein Ohr zu leihen und sie nicht zu ermutigen. Wir wissen alle, dass diese Gruppen und Bewegungen früher oder später einige Talente oder sogar Genies hervorbringen, Der Begabteste von denen, die uns hier interessieren, scheint Klaus M. Rarisch zu sein, der seine kleine Gruppe durch seine Vitalität und seinen poetischea Glauben mitreisst.

Prof. Jean Bréjoux, ALLEMAGNE D’AUJOURD’HUI,
Paris, Heft 5, Jan./Febr. 1967


Als herausragender Kopf erweist sich Klaus M. Rarisch – vom Diskussionsleiter … als »Meister der Provokation« avisiert … Rarisch vermag die schäumenden Wortkaskaden, die sich bei den meisten Gruppenmitgliedern finden, wirklich zu bändigen, in Zucht zu nehmen … Stabreime, Wortspiele und Wortklänge sind immer wieder verwendete Stilmittel. Aus einer Vielzahl von Assoziationen, zu entschlüsseln nur mit nahezu lexikalischem Wissen, entstehen überraschende Gags.

Detlev F. Otto, COLLOQUIUM, Februar 1967


Eine Fülle von Witz, beissender Ironie, geistvoller Satire, unangenehmer Wahrheit und Phantastik in eigenwillige Dichtungen, Poesie und Prosa gedrängt, ein Kaleidoskop der Welt von hente!

MODERNE LITERATUR, Wien, Juli 1967


Wenn wir nur mehr junge Poeten aus der Machart eines Klaus M. Rarisch hätten! … Denn dass sich der »Ultimismus« als eine »Schule« zu etablieren sucht, beweist das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl seiner Gründer, also von Rarisch, Manfred A, Knorr und Dieter Volkmann. Ohne dergleichen Erscheinungen, nur mit Kommerz-Trusts wie der Gruppe 47, sterben die literarischen Kontroversen, die jeder nationalen Literatur mittels Trend und Anti-Trend zur Gestaltannahme verhelfen … Wenn man längst die Ford-Foundation vergessen haben wird, wenn der Name Professor Hoellerer nicht mehr sein wird als ein Firmenname wie »Dr. Oetker», dann wird man diese heute noch jungen Autoren in einem anderen Licht sehen: In der Schillerstrasse 40 in Charlottenbnrg, wird man sagen, traf sich eine Jugend im »Kulturkeller ›Das Massengrab‹«, um als literarische Vereinigung den Massentotengräbern Widerstand zu leisten, so gut sie es verstanden. Und dies mit dem (unaufdringlichen) Ziel, an diesem finsteren deutschen Ort eine Blütenwiese der neuen Poesie anzubauen.

Arno Reinfrank, DEUTSCHE VOLKSZEITUNG, Düsseldorf, 24. 3. 1967


Weil die Berliner Welt-End-Literaten im Guerilla-Krieg gegen die neudeutsche Literatur fechten, sind sie allenthalben füglich verschwiegen worden, worin nichts Geringeres als eine weitverbreitete Bevormundung des I,iteratur-Konsumenten zu sehen ist, die überdies einer gewissen Moralfeindlichkeit nicht entbehrt.

Hans Frech, INFORMATIONEN,
Studentenzeitung der Univ. Erlangen-Nürnberg Nr. 2/1967


Klaus M. Rarisch ist kritisch gegen die Gruppe 47 eingestellt, die nach seiner Auffassung ein literarisches Monopol ausüben will … Aber am Kampf gegen Kommerzialisierung und Versteifung nehmen nicht nur die im strikten Sinne politischen Dichter teil. Der anarchistische Rarisch will die bürgerliche Gesellschaft provozieren und steht in seiner Art im gleichen Masse wie die marxistischen Dichter ausserhalb der übrigen Gesellschaft … Rarisch, der kritisch gegen das meiste ist, attackiert auch das veraltete Schulsystem, wo Lyrik nach wie vor auswendig gelernt wird, ohne Deutungsversuche. Das sei, setzt er fort, unglücklich, teils deshalb, weil sich eine Abneigung bei den Schülern bildet, teils weil das Ausdeuten von fundamentaler Bedeutung ist. Auf diese Weise entstehen auch neue Barrieren zwischen Dichtern und Publikum. Besonders schwierig ist die Lage für rein technisch fortgeschrittene Lyriker wie Klaus M. Rarisch …

HELSINGBORS DAGBLAD vom 9. 4. 1968


Das Publikum war mehr schockiert als erfreut … Kritik wurde hier destruktiv und zerstörend.

WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU vom 25. 3. 1968


Rarischs Almanach ist, exklusiv und also einseitig. Aus solcher Einseitigkeit ziejt er seine Kraft … Bei allen Bedenken und Einwänden muss aber doch festgestellt werden, dass Rarisch und seine Freunde, die im Almanach zu Wort kommen (zum Beispiel Karlheinz Engel, Dieter Volkmann, Manfred A. Knorr, Richard Klaus), mit ihren Kunstvorstellungen ernstgemacht haben. Sie haben sich rigoros stilisiert und damit festgelegt … Dieser ernsthaften Anstrengung ist der Respekt nicht zu versagen.

Karl Krolow, TAGESSPIEGEL, 5. 1. 1969


Günter Grass wurde von dem Lyriker Klaus M. Rarisch … auf einer Veranstaltung des SV Berlin (»Dada und die Revolution ohne Programm«) öffentlich des Plagiats bezichtigt. Rarisch kam in einem Korreferat zu dem Ergebnis, dass »Figuren und Motive der ›Blechtrommel‹ bis in die Details sprachlicher Formulierungen direkt auf die 1918 erschienene Novelle ›Verwandlungen‹ von Huelsenbeck zurückzuführen sind«.

PUBLIKATION Nr. 3 – März 1970


Als besonders steil wurde empfunden: K. M. Rarischs ›Vom Ausverkauf der Poesie‹ …

Oskar von Wolkenschein, ULCUS MOLLE INFO,
Lit. Informationszentrum, Bottrop, Nr. 11/12-1973


Vor dem Holz-Tonband der Edition S Press müsste also eigentlich gewarnt werden: Vorsicht! Sprache! Das ist auch dem Sprecher (das Wort reicht nicht aus) zu verdanken, Klaus M. Rarisch, der über die phantastisch vielen Register verfügt, die der Text für eine authentische Wiedergabe erfordert. – Als Ultimist und Mitwirkender an der Zeitschrift »Total« war Klaus M. Rarisch vor einer Weile jakobinisch umtreibender Aktivist der Berliner Literaturszene. Auch heute noch ist er stets auf dem Sprung, mit blanker Schreibmaschine gefährdete Posten literarischer Rechtlichkeit freizukämpfen … Mehr als 200mal hat Rarisch öffentlich gelesen, man merkt die Erfahrung: Er verhebt sich nicht am starken Text, sein Vortrag hat Drive.

Robert Wohlleben, DIE HOREN, Nr. 94/1974