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Ein Knorzer
und Poet dazu

Klaus M. Rarisch

Der letzte Sonettist:
Klaus M. Rarisch
aus Nordberlin
schwimmt gegen
jeden Strom


 
Ein Freund von mir, Germanist, behauptete kürzlich, wir lebten im Zeitalter totaler Information; er sagte, glaube ich, sogar: Überinformation. Folglich könne es den armen Dichter, der ungerechterweise in seinem Dachpoetenstübchen als verkanntes Genie lebt, gar nicht geben.

Es gibt ihn aber, allen unseren Anthologien und Literaturblättern zum Trotz. Ich kann ihn sogar beim Namen nennen. Er heißt Klaus M. Rarisch, gehört auf seinem Gebiet zu den – man darf ruhig sagen – Großmeistern und taucht doch selten oder nie in zeitgenössischen Literaturgeschichten auf, außer in solchen des Auslands. Tatsächlich lebt und arbeitet er in einer Dachkammer, in der es winters zu kalt, im Sommer zu heiß ist, und die Sonette, mit denen er verbissen die spröde, aber funkelnde Kunst der Poesie in ihrer strengsten Form am Leben zu halten versucht, werden bestenfalls in den nur wenig bekannten »Meiendorfer Drucken« oder Zeitschriften wie »literatte« veröffentlicht. Selbstredend ist er Berliner, Nordberliner, denn nur ein solcher kann trotzig genug sein, dem Zeitgeist derart die Stirn zu bieten, wie er es tut, ein konsequenter und unverbesserlicher Gegen-den-Strom-Schwimmer.

Ältere Literaturfreunde werden ihn als Mitbegründer der literarischen Gruppe der »Vier + 4« erinnern und jenes Clubs, der sich, makaber genug, »Das Massengrab« nannte. Der Club hatte immerhin zwischen 1961 und ’63 1700 Mitglieder und war damals Berlins größte Literaturgesellschaft. Später trat Rarisch mit Übersetzungen aus dem Italienischen hervor, so Marinettis »Futuristischer Küche«, und war Nachlaßverwalter der Werke von Arno Holz, über den er mehr weiß als alle Gelehrten zusammen, auch wenn die Erben dem unbequemen 55jährigen die Aufgabe inzwischen entzogen haben.

Rarisch ist nicht nur unbequem, er ist ein typisch Berliner Knorzer, gefürchtet bei Freund und Feind. Was letztere betrifft, so hält er sich von einer Mafia für verfolgt, von der ich manchmal glaube, daß er sie selbst geschaffen hat, indem er nämlich so gut wie allen auf seinem Gebiet Mächtigen, Linken und Rechten, auf die Finger sieht. Er haßt alle Literaturpäpste im allgemeinen, Reich-Ranicki und Höllerer im besonderen, untersucht (und untergräbt) die Usancen von Organisationen wie, beispielsweise, dem Deutschen Literaturfonds, macht sich bei Offiziellen und Halboffiziellen durch Kommentare unbeliebt, die in Kleinblättern erscheinen oder, wenn auch diese sie ablehnen, von ihm in hektographierten Flugschriften verschickt werden. Das Finger-auf-Wunden-Legen ist ihm zur zweiten Natur geworden. Hätte ich eine Literaturzeitschrift, Rarisch würde für jede Nummer den Leitartikel schreiben. Und ich wahrscheinlich bald pleite sein.

Aber auch Freunde und sogar Lobredner sind vor seiner heftigen Kritik nicht sicher. Die Mitglieder des wohl letzten deutschen Sonettistenkreises um den Hamburger Verleger Robert Wohlleben legen ihm nur zitternd, aber unvermeidlich ihre Arbeiten vor, der keine falsche Hebung oder Senkung im fünffüßigen Jambus oder vierfüßigen Trochäus durchgehen läßt. Und im »Selbstkommentar«, den er seinen kürzlich bei Wohlleben erschienenen 99 Sonetten (»Die Geigerzähler hören auf zu ticken«, 160 Seiten, 25,60 DM) beigegeben hat, nimmt er einen Kritiker, der ihn zu loben wagte, ganz schrecklich auf die Hörner.

Dichter wie Rückert oder Platen, über die er auch sehr lesenswerte Essays veröffentlicht hat, sind sein – wie man hinzufügen muß: altmodisches – Ideal. Er übertrifft sie, nach meinem Gefühl, spielend. Mag heute alles als Lyrik gelten, was im Fließsatz gedruckt wird – nicht so bei Rarisch, der die deutsche Sprache noch schmiedet und ihr in aller Eisenhärte Sprachhumor und Geschmeidigkeit beigibt, die ihresgleichen sucht. Sogar ein gewisses Pathos bleibt erhalten, schlägt jedoch unversehens in Ironie um. Das Altmodische wirkt bei ihm springmodern. Ein Sprachgewaltiger. »Gut deutsch«, wie man so sagt, daher – wie Hausmannskost – nicht allen verträglich.

Obwohl man sich von solcher Poesie heutzutage nicht ernähren kann – Rarisch lebt von seinem Gehalt als Dissertationsarchivar –, hat er den »Geigerzähler« der 99 Sonette selbst finanziert. Wie? Durch Verzicht, Sparsamkeit, durch Krummlegen. Eben berlinisch.

Dabei kann gut sein, daß man »Geigerzähler« zu den wichtigsten Publikationen des vergangenen Jahres rechnen muß.

Heinz Ohff

DER TAGESSPIEGEL
13.1.1991

     
 

Heinz Ohff bei fulgura frango

   

 

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