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Bargfelder Bote Lfg. 400

Aus dem
Bargfelder Boten
Lfg. 400 / Juni 2016
edition text + kritik

Robert Wohlleben:
»der kleine Driver vorne lacht sich eins«
Über Lillis Sonettenkranz

Dem im Rahmen der Internetpräsenz der Arno Schmidt Stiftung gebotenen Biogramm zu entnehmen: Schon während seiner Militärzeit schenkte Schmidt zu Weihnachten und zu Geburtstagen seiner Frau Alice »Oktavbändchen und -heftchen« mit allerlei, was er neben dem »langweilig-stumpfsinnigen Schreibstubendienst« zusammengeschrieben hatte. Die Dedikation zu den 1940 entstandenen »Dichtergesprächen im Elysium« wirft auch ein Licht auf die »soziale Lage«: »Da ich dieses Jahr arm bin und dir nicht soviel schenken kann, wie ich möchte – und alles möchte ich dir schenken, du weißt es – will ich versuchen, Dir von Büchern und Dichtern zu erzählen.« Nach »Lillis Sonettenkranz« von 1951 zu urteilen,[1] scheint der Brauch der schriftlichen Geschenke Bestand gehabt zu haben. Angesichts der sozialen Lage in der seinerzeitigen Gau-Bickelheimer Flüchtlingsunterkunft gewiss kein Wunder.

1951 für Alice nun Sonette, überdies zum Sonettenkranz gebunden. Also vierzehn Sonette, deren erste Zeilen als fünfzehntes das Meistersonett ergeben oder, anders herum, die sich aus dessen einzelnen Zeilen entfaltet haben:

    Armeen stampfen zwischen Feuerwänden;
    Lautlos im Rund Millionen Frauen weinen;
    Indes die Diplomaten frech erscheinen,
    Contracte in den glatten Heuchelhänden.

    Es kommt ein Tag, der wird dies alles enden;
    Es kommt die Zeit, da wieder über Hainen
    Mond und Gestirne weiß aus Wolken scheinen,
    Und jed’ Gerät entfällt den wilden Händen.

    Rast draußen auch die Welt im tollen Toben,
    Aefft auch die Träger selbst der bill’ge Flimmer:
    Wir wollen still die alten Dichter loben,

    Sie abends lesen im belampten Zimmer;
    Klein unsre Welt; jedoch wir bleiben oben:
    Iohannestag zumal erfreut uns immer!

Besonderer Schmuck ist in diesem Fall das Akrostichon: Alices Geburtsname, der zweite Vorname, Else, aufs Initial verkürzt. Nach strengerer Regel hätte die Schlusszeile eines Sonetts die Anfangszeile des folgenden abzugeben. Hans-Jürgen Schlütter beschrieb das Verfahren in seinem Buch zum Sonett: »Die eigentlich sonettgemäße Gruppenkonstruktion, in der nach Josef Weinhebers Worten ›die Erhebung des Sonetts zur höheren Potenz‹ geschieht, ist der Kranz (corona). Er besteht aus einem Meistersonett und einer Kette von 14 Sonetten, welche kreisartig in sich geschlossen ist: der Schlußvers des 14. Sonetts ist identisch mit dem Anfangsvers des 1. Sonetts; die vierzehn als Anfangs- und Schlußverse ausgezeichneten Zeilen sind aber ihrerseits die Verse des Meistersonetts (sonetto magistrale), das dem Kranz vorangestellt sein kann, meist aber als 15. Sonetts den Abschluß bildet.«[2] Eine ordentliche Tüftelei!

Lillis Sonettenkranz ist Singularität in Schmidts Werk. Die Bargfelder Ausgabe enthält darüber hinaus – wie ich höre – fünf weitere Sonette aus dem Nachlass, alle in den dreißiger Jahren entstanden. Das bedeutet wohl: Der Prosaist Schmidt hat mit den – leicht zu habenden – Montageanleitungen für Sonett und Sonettenkranz gespielt, ohne dadurch Sonettdichter zu werden oder auch nur werden zu wollen (wozu auch?). Das wäre mit nur einem Anlauf schwer zu schaffen gewesen, wie mein sonettgeübter Freund Klaus M. Rarisch andeutet: »Bevor ein Schachspieler Meisterwürden erlangen kann, müssen ihm die Grundregeln in Fleisch und Blut übergegangen sein; nichts anderes gilt beim Sonettieren. Die Feinheiten der Eröffnungs- und Endspieltheorie sind ein zweiter Schritt, den niemand vor dem ersten tun kann.«[3] Doch irgendwann probiert man mal was.

Lillis Sonettenkranz ist halt etwas höchst Privates für gerade nur eine Person, die daran Freude haben soll, gern auch Spaß. So ist der Zyklus mit Motiven aus Lebenswelt und Gesprächen der Schmidts gespickt:

    — Weltgeschehen und Politik als äußerer Rahmen: Armeen zwischen Feuerwänden auf Indochina- und Koreakrieg (Napalm) weisend (Son. I), Adenauer Juni 1951 bei De Gasperi in Rom, Junge Pioniere, Kalter Krieg (Son. IV);
    — Schriftsteller: E. T. A. Hoffmann und Fouqué zu loben (Son. XII), Ernst Jünger ein Idiot und Rudolf Krämer-Badoni ein Stümper (Son. II bzw. XI), womöglich Brentano (Son. XV, V. 14);
    — Nachbarn: ihre Impotenz (Son. VII), Geistesleichen (Son. XIII), Bauern (Son. VIII, X, XIV);
    — Katzen (Son. V, VIII, IX, wohl auch XV);
    — Tandemfahrten (Son. IV);
    — Verlagsvertrag, Geldsorgen (Son. V, XIV);
    — Erotik (Son. VII);
    — eigne Werke: Schwarze Spiegel (Son. II, V), Brand’s Haide (Son. V, per Bully Buhlans Fräulein Loni auch Son. XI), Leviathan (Son. XII).

Der Zungenschlag der Sonette streift hin und wieder an altfränkisch oder dialektal Entlegenes: das Heinzchen spann (schnurrte) – Seßchen (Stühlchen) – Meßchen (Messerlein) – Wein herbei! – wir wandeln klug in Fliederhainen – in ihrer Braten Mitten – Ach und Weh – mangelt nimmer – zerstäub den eklen Ruch … sicher der Beschäftigung mit älterer, mit Alice beredeter Literatur geschuldet. Das Reimschema ist in allen Sonetten mustergültig eingehalten: in den beiden Quartetten überall abba abba, in den beiden Terzetten, wo mehr Variation »erlaubt« ist, überwiegend cdc dcd, zweimal cdd cdc. Die Verse überall fünffüßiger Jambus mit Auftakt sowie männlichem oder weiblichem Schluss, selten einmal eine Synkope. Auch die fürs Sonett typische Zäsur zwischen Quartetten und Terzetten ist merkbar: Wendung von Blick- oder Gedankenrichtung.

Regelgerechtes Metrum sowie das Reimschema mit seinem großen Bedarf an gleichreimenden Wörtern bringen allerdings so ihre Schwierigkeiten mit sich. Da droht zum einen die Gefahr synktaktischer Verrenkungen oder gar prokrustëischer Gewaltanwendung. Deutliches Beispiel für Ersteres sind die Anfangszeilen von Sonett XIII: »Sie abends lesen im belampten Zimmer / den Alzeyer Beobachter so gern«; wenige »notgedrungene« Amputationen an Wörtern: Jed’ Gerät – jede Stund’ – wicht’ge Luft – der rüst’ge Senner – dann fang’ sie an zu toben. Zum andern könnte Reimzwang zu einem Verfahren à la »Reim’ dich oder ich fress’ dich« verleiten. Dass allzu bemüht nach den Regeln formulierte Sonette »schwitzen«, hörte ich einmal von Arnfrid Astel. Karl Riha deutet diese Eingeschränktheiten mit dem Titel seiner Schrift »so zier so starr so form so streng« an,[4] ebenso Robert Gernhardt mit einer Zeile seiner bestens bekannten scheinbaren Sonettschelte »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs«: »so eng, rigide, irgendwie nicht gut«. Scheinbar insofern, als diese Sonettverdammung zwar nicht als ganz klassisch strenges, aber doch ordentliches »sonnet licencieux« daherkommt, und das in einem derb umgangssprachlichen Parlando, dem keinerlei Mühe oder Gewaltsamkeit anzumerken ist. Höchst gelungene Ironie also … und oftmals gern falsch belacht.

Lillis Sonettenkranz macht fast den Eindruck, als habe Arno Schmidt die Unterwerfung unter das Reimdiktat gelegentlich komödiantisch ins Groteske gewendet. In klanglicher Hinsicht wären bei puristischer Betrachtung ein paar ganz wenige »unreine Reime« wie Spruch/Tuch, ruft/Duft, scheinen/Zäunen, schickt/glückt, Zimmer/Silbertrümmer zu bemängeln … wobei »des Mondes Silbertrümmer« natürlich die Verletzung des Reinheitsgebots allemal rechtfertigt. Einmal die Reimveränderung gern/Herrn im ersten Quartett, ferne/Narrensterne im zweiten (Son. XIII), im Grunde gar nicht so nötig, sofern nicht irgendwoher zitiert. Nach Hinweis darauf, dass erst etwa seit der Wende zum 20. Jahrhundert eine Norm für die »richtige Lautung im Hochdeutschen« existiert, ist in Erwin Arndts »Deutscher Verslehre« relativierend angemerkt: »Man hüte sich jedoch vor allzu pedantischer Beckmesserei.«[5]

Heikler dann schon die »identischen Reime«: im Meistersonett »Heuchelhänden« in Vers 4, »Händen« in Vers 8; im Sonett VI »enden« in Vers 1, »Enden« in Vers 5. Im Sonett XII findet sich ein »rührender Reim« – laut Arndt als »wenig kunstvoll« angesehen –, bei dem in zwei verschiedenen aufeinander reimenden Wörtern die betonten letzten Silben gleich lauten: »laß auch die ganze andre haute volee« (V. 3) reimt bei Schmidt auf »und wollen lieber nicht erwähnt im Le / viathan sein; dann fang’ sie an zu toben« (V. 7 f.). »Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei« ist hier das humoristische Muster für Gewalt gegen nicht willige Reime. Danach lässt sich ahnen, dass auch an andren Stellen Reime vielleicht nicht so ernst zu nehmen sind, etwa so etwas: »und jede Stund’ kann Geld, kann Prügel spenden« (Son. VI, V. 8), wo Prügel durch das Verb als Wohltat konnotiert sind. Der sprachbewusste Schmidt dürfte gegrinst haben bei dieser paradoxen Reimfindung.

Hier und da scheinen mir sauber reimende Wörter doch etwas zu »quietschen«, was die Bedeutung angeht. »Die Waage / des Schicksals, scheint es, will sich langsam wenden« (Son. V, V. 7/8) … links oder rechts heben oder senken, aber wenden? – »Wenn Nachtigalln am alten Friedhof girren« (Son. XV, V. 2) … der ornithologisch beschlagene Freund Thomas Schmidt auskunftet: »Das Gurren und das Girren gehört wohl eher zu den Tauben als zur Nachtigall.«[6] – »und ›Wein herbei!‹ hört man Befehle senden« (Son. IX, V. 8) … Versand schriftlicher Befehle à la Uriasbrief verläuft eher unhörbar, was den Befehl selbst angeht; hörbar wäre es, wenn etwa ein Befehl vom Funker weitergegeben wird. – »doch sie, gewohnt das Herz dem Tand zu einen« (Son. III, V. 4) … das Gemeinte lässt sich ahnen, ist aber doch ziemlich umwegig und ungefähr ausgedrückt.*) – Nicht Reimwort, sondern an andrer Versstelle: »Zerstäub den eklen Ruch!« (Son. II, V. 9) … wie ließe sich ein nicht einmal Nebel von herumgeisternden Geruchsmolekülen zerstäuben? Ein Duftwasser wird durch Zerstäuben per Atomiseur im Gegenteil verbreitet.

In der Zeile »Und ob die Nachbarn sich die Ohren rieben« (Son. VII, V. 7) dagegen mag das Reimwort nur bei flüchtigem erstem Hinsehen als wenig passend erscheinen, dann erschließt es sich als Sprachwitz: Statt die Augen reiben sich die Nachbarn vor Überraschung die Ohren, weil es bei Schmidts so laut zugeht. Literarisches Kabarett also, wie schon der zerhackte Leviathan. Besonders luzid ist der reimerische Dreisprung von Fräulein Loni über ihre Makkaroni – »nun finden Sie mal einen Reim«, wenn’s nicht der Toni oder die Vroni sein soll – hin zu Badoni in Sonett XI.

So hat die Anpassung ans Versmaß manchmal etwas von der chaplinesk rabiaten Lösung, beim Kofferpacken alles abzuschneiden, was nicht hineinpassen will, der Umgang mit der Reimfindung im mehr oder weniger großen Schwarm der Reimwörter etwas von der aufs Groteske rausgespielten Unbeholfenheit Karl Valentins. Auch an Grabbes einfühlsam ausgemalte Karikatur des Dichters Rattengift und dessen hilflos sich verirrenden Versuch, ein Sonett zu schreiben, wäre zu denken: »Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn …«

Noch eine Nebenbeobachtung zum antiklimaktisch komischen Zusammenhang zwischen einigen Versen des Meistersonetts und den zugehörigen Sonetten. Wenn zuerst Millionen Frauen weinen, lässt das Kriegsbild zuvor auf Mütter und Witwen schließen; wenn es im angeschlossenen Sonett wieder geschieht, sind Laufmaschen in den Nylons der Grund. Ähnlich die Contracte in den Heuchelhänden: zuerst die Hände der ins Kriegsgeschehen verwickelten Diplomaten, dann die der Rowohlt’schen Vertragsabteilung. Beim abendlichen Lesestoff zuerst die gelobten alten Dichter, dann auf einmal der Alzeyer Beobachter in Händen der nachbarlichen »Geistesleichen«.

Lilli wird gelacht haben.


1] BA I/4, S. 161-167.
2] Hans-Jürgen Schlütter: Sonett. Mit Beiträgen von Raimund Borgmeier und Heinz Willi Wittschier. Stuttgart: Metzler 1979 (Sammlung Metzler Bd. 177), S. 13.
3] Klaus M. Rarisch: Vierzehnmal vierzehn Zeilen. Zu Text- und Bild-Sonetten von Karl Riha. die horen, Bd. 153/1989, S. 231-233.
4] Karl Riha: so zier so starr so form so streng. 14 text- und 9 bildsonette. Bielefeld: pendragon 1988.
5] Erwin Arndt: Deutsche Verslehre. Bindlach: Gondrom 1986, S. 110.
6] S. dazu Thomas Schmidt: Gefiederte Nachbarn. Vögel in Stadt und Garten. Hamburg: Rasch & Röhring 2001, passim.

*) Nach Erscheinen des BB 400 angemerkt:

Am 30. Juli 2016 brachte 3sat in Erstausstrahlung eine Aufzeichnung der diesjährigen Bayreuther Eröffnungspremiere von Richard Wagners »Parsifal«, inszeniert von Uwe Eric Lauffenberg … für mich die überhaupt allererste Wahrnehmung einer Wagneroper. Da stutzte ich sehr, als im zweiten Aufzug Kundry (Elena Pankratova) »in höchster Leidenschaft« Parsifal (Klaus Florian Vogt) bedrängte: »was bannt dich, Böser, / nicht mir auch zum Heil dich zu einen?« (Ihr Text – für mich zum Glück – geschrieben eingeblendet.) Da war er, dieser vom Verb »einen« regierte Dativ! Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm (dtv-Ausgabe 1991) belegt im bezüglichen, sehr kurzen Eintrag mit einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert einen reflexiven Gebrauch mit Genitiv als »früher«, zwei Klopstockzitate zeigen das Verb in Verbindung mit Reflexivum und der Präposition »mit«. Kein Beleg für eine Dativergänzung. Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (2. Aufl. 1793) kennt es überhaupt nur als vom Akkusativ begleitet. Wagner brauchte einen Reim auf »meinen« … hat er dem naheliegenden »einen« eigenmächtig die Rektion und das Reflexivum der halbwegs synonymen Verben »sich anschließen« und – heutzutage einigermaßen altertümlich – »sich verbinden« aufgezwungen? Und: Hat Arno Schmidt an dieser Stelle mit Wagnerschem Zungenschlag gedacht? – Daß Schmidt die von Dieter Gätjens verzeichnete Ausgabe der Wagnerschen Musikdramen (1914) schon 1951 oder früher antiquarisch erworben hat, will mir fast als zweifelhaft erscheinen. Doch »seit eh und je« gabs ja das Parsifal-Libretto als Reclamheft wie Sand am Meer; Schmidt mußte das Werk also nicht unbedingt aufgeführt gesehn, gehört und ausgesessen haben. Lesen hätte gereicht.


RW über Arno Schmidts »Caliban über Setebos«
und RW als »Arno-Schmidt-Leser«

Rechte bei Robert Wohlleben

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