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Graphik von Frank Böhm


HORROR VACUI

Stünden doch Mauern, wo jetzt Flächen gähnen,
seufzt man und läßt sich träge in den Sessel
fallen, der einsam auf der Plaza. Bei Nacht, gemalt. Denen,
die staunen, gesagt: horcht nur, kein Laut. An uns Natur interessel

os. Mehr Raum! knisterts dagegen aus Fahnen –
die klirren manchmal kalt –, sprachlos stehn die herum
vor Mauern, wie Menschen, die sich winden, ahnen,
daß aus der Mauer wieder werde Stein um

Stein, der an gelockten Investoren abprallt: Siegfrie
d, der aus der Maske Mensch sich manchmal pellt
und geo – Melancholie der Straße – metrisch. Wie die

sen Gipskopf längst kein Bild mehr anstarrt aus dem Stein; im L
eeren den Blick noch nicht saniert; verstellt
von diesem plot: Still starren Menschen in den Himme l.

Markus R. Weber


DIE MAUERN VON JERICHO
(Josua 6, 1-27)

Posaunen warens nicht, die Jerichos
Umwallung schleiften. Das war nur Getue,
Publicity. War doch des Feindes Ruhe
getäuscht. Längst droht Gefahr dort lauernd groß,

wo, etabliert im Haus der Dominos
Agenten Josuas bei Rahab Schuhe
ans Bett gestellt, um aus der Schlüsseltruhe
sich zu bedienen, hart und rücksichtslos.

Die Hure Rahab blieb. Die Stadt verbrannte.
Geld und Geschmeide schenkten sie dem Herrn
und uns die Fabel von der siebenmal

beschallten Mauer, die Jehova bannte.
Verrat und Zirkus, man hats heut noch gern.
Die Macht hat recht, zum Teufel die Moral.

Lothar Lippmann


Synkopen

Die Wand: Der Wall. Die Enge: Atemnot.
Das vertikale Hemmnis: Eingeschlossen.
Gefangenschaft: Der Kerker ohne Sprossen.
Kein Licht im Dunkel: Sehnsucht Morgenrot.

Verstellter Horizont. Die Decke droht
Erdrückung, Würgung: Leben, weggeflossen.
Und Wahnsinn schließlich: Grauenvolle Possen,
Grimassen, Schauder, Agonie und Kot.

Die Folterknechte. Urteil. Ausgeburt.
Zehntausend Ängste. Zwanzigtausend Tode:
Unendlich sterbend, röchelnd, weggeflurt.

Die Füsiliere zu dem Opfer: »Rode
dir deinen Graben, schmal wie eine Furt.
Er reicht für dich. Genickschuß bleibt in Mode!«

Richard Klaus
 

Mauer


Wer spielt die Mauer? Mit genügend Spalt,
sich zuzuflüstern, was im Ohr zerfließt,
sich Nu um Nu zu Sinterschlacken schließt
und unrettbar im Labyrinth verschallt?

Da bindet Portland ab für Stand und Halt...
und ist doch längst das Ohr in Speis gespießt.
Aus gut gerappten Mauerlippen sprießt
nach Birkensproß und Gras auch Steinbrech bald.

Wir wanken wandwärts, in den Wahnsinn Wut
gewandet, weil der Schritt den Weg vertut,
wo außer uns gerät der Wahnsinn Glück.

Die Mauer steht. Voran! Wo bleibt der Mut?!
Die Nase hats geknickt. Ein Tropfen Blut
versickert still ins kleine Rasenstück.

Robert Wohlleben
für Bernd Löschmann, Maurermeister

*
Meiendorfer Druck Nr. 26
(1994)

Mauerwerk
Sonette
von
Albrecht Barfod, Ernst-Jürgen Dreyer, Richard Klaus,
Lothar Lippmann, Klaus M. Rarisch, Karl Riha,
William Shakespeare, Markus R. Weber, Robert Wohlleben

Zwei Zeichnungen von Frank Böhm

16 Seiten Oktav ohne Umschlag (250 Exemplare)

Bestellung im Elektro-Laden

Rechte bei den Meiendorfer Drucken