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Sonnets by William Shakespeare
Wohllebens Annäherungen

Verschlungen

Weit weg warst Du – ich winterlich gefroren,
Du bist noch alles, was das Jahr erhellt!
Mich biß ein Frost, ich ging in Nacht verloren!
Noch vom Dezember nackt ist mir die Welt!

Hin sind die Tage ... waren Sommertage,
ein Herbst geht her mit Früchten, prall und reif,
daß nicht umsonst der Frühling Blust ertrage –
wer das geschwängert, ist längst kalt und steif:

Hab wohl gesehn, da ist ans Licht gedrungen,
was ohne Mutter ist und stets verwaist;
das Sommerglück ist ganz mit Dir verschlungen,
und ohne Dich ist Vogelsang vereist;

o ja, mal singen Vögel ... aber wie!
Das Laub welkt hin vor Wintermelodie. *)


97

How like a winter hath my absence been
From thee, the pleasure of the fleeting year!
What freezings have I felt, what dark days seen!
What old December’s bareness everywhere!
And yet this time remov’d was summer’s time,
The teeming autumn, big with rich increase,
Bearing the wanton burden of the prime,
Like widow’d wombs after their lord’s decease:
Yet this abundant issue seem’d to me
But hope of orphans, and unfathered fruit;
For summer and his pleasure wait on thee,
And, thou away, the very birds are mute;
      Or, if they sing, ’tis with so dull a cheer
      That leaves look pale, dreading the winter’s near.

(etwas Kommentierung)


Falsch und wunderbar



Ich kippte Brände aus Sirenenzähren,
gebrannt in Blasen, drin die Hölle schwelt,
ließ Hoffnung Angst und Angst die Hoffnung nähren
... ich wollt schon siegen – wurde ausgezählt!

Mein Herz, das hatte wohl von kaum was Checkung,
und dabei ist es doch so abgeschwirrt!
Wie sind die Augen – raus aus ihrer Deckung –
mir da ins Wahnsinnsflimmern weggeirrt!

Da hilft das Falsche! Endlich wird mir klar:
Was besser war, wird vom Kaputten besser;
egal wie wund kaputt die Liebe war –
ich flick sie hin, viel stärker, größer, kesser.

So klein mit Hut, schleich ich zurück zum Glück
... ich KRIEG’s gelinkt. Und dreifach dick zurück. **)

 

119


What potions have I drunk of Syren tears,
Distill’d from lymbecks foul as hell within,
Applying fears to hopes, and hopes to fears,
Still losing when I saw myself to win!
What wretched errors hath my heart committed,
Whilst it hath thought itself so blessed never!
How have mine eyes out of their spheres been fitted,
In the distraction of this madding fever!
O benefit of ill! now I find true,
That better is by evil still made better;
And ruin’d love, when it is built anew,
Grows fairer than at first, more strong, far greater.
      So I return rebuk’d to my content.
      And gain by ills thrice more than I have spent.

(etwas Kommentierung)



Nr. 60

Die Wellen trecken stet aufs Strandgestein,
mit jeder schwindet uns ein Nu dahin;
ist einer aus, schwingt stracks ein neuer ein
und drängt sich vor und ringt um Zeitgewinn.

Ins Licht der Welt geweht, ist das im Krampf
am Krabbeln hin zur Reife, Lohn der Müh!
doch schon zwingt Dusternis den Glanz zum Kampf.
Was Zeit uns schenkte, war à fonds perdu.

Die Zeit zermetzt das Jugendkonterfei
und kriegt die schönste Stirn verquer versappt,
vernascht auch Rasenstück und Akelei,

da hält nichts stand, wo ihre Sense kappt.
Laß mich doch hoffen, daß nun grad mein Wort
an dich nicht unter ihrer Hand verdorrt. ***)



Like as the waves make towards the pebbled shore,
So do our minutes hasten to their end,
Each changing place with that which goes before,
In sequent toil all forwards do contend.
Nativity once in the main of light,
Crawls to maturity, wherewith being crowned,
Crooked eclipses ’gainst his glory fight,
And Time that gave, doth now his gift confound.
Time doth transfix the flourish set on youth,
And delves the parallels in beauty’s brow,
Feeds on the rarities of nature’s truth,
And nothing stands but for his scythe to mow.
      And yet to times in hope, my verse shall stand
      Praising thy worth, despite his cruel hand.



Nr. 55

Den Marmor, die für Fürsten ausgemetzte
Klamotte, überlebt dies hohe Lied –
Nur Schund: das dem Verkommen ausgesetzte
Gestein. Ist Wort, was dich ins Licht hinzieht.

Wenn Kriege heillos Monumente schänden
Und Wurzelwerk aus allen Mauern treibt,
Da weht inmitten Kriegsverhau, vor Bränden
Bewahrt, was über dich gesungen bleibt.

Nicht schiert dich Tod, nicht weltverlorener
Verriß auf deinem Weg; dein Ruhm hält Stand:
Fürs Auge jemals Nachgeborener
Einstweilen. Dann verläuft die Welt im Sand...

Du hältst mal Schlußgericht von deinem Thron.
Noch gilt: Wer liebt, dem bist du Vision. †)



Not marble, nor the gilded monuments
Of princes shall outlive this powerful rhyme;
But you shall shine more bright in these contents
Than unswept stone, besmear’d with sluttish time.
When wasteful war shall statues overturn,
And broils root out the work of masonry,
Nor Mars his sword nor war’s quick fire shall burn
The living record of your memory.
’Gainst death and all-oblivious enmity
Shall you pace forth; your praise shall still find room,
Even in the eyes of all posterity
That wear this world out to the ending doom.
      So, till the judgment that yourself arise,
      You live in this, and dwell in lovers’ eyes.


Schuld und Sühne

Die Wetterzeichen hast du toll getrickst:
Zu leicht bekleidet bin ich losgegangen,
nur daß du schwere Wetterwände schickst,
dein Glanz ist schon in wüstem Qualm verfangen.

Du brichst umsonst durch deine Wolkenpest,
mein sturmverhageltes Gesicht zu pflegen.
Was Kratzer heilt, doch Kränkung trostlos läßt ...
so’n Mittel kannst du dir in Sauer legen.

Mich hats erwischt, kommst du auch angesoßt.
Tu bloß nicht so! Ich bleib doch der Gelackte:
Den Täter reut’s … was ist denn das für Trost
für einen, dem er roh ein Kreuz aufsackte?

Ach! Perlen sind’s, was deine Liebe weint,
ihr Wert kauft frei, was längst gerichtet scheint. ††)


34

Why didst thou promise such a beauteous day,
And make me travel forth without my cloak,
To let base clouds o’ertake me in my way,
Hiding thy bravery in their rotten smoke?
’Tis not enough that through the cloud you break
To dry the rain on my storm-beaten face,
For no man well of such a salve can speak
That heals the wound, and cures not the disgrace:
Nor can thy shame give physic to my grief;
Though thou repent, yet I have still the loss;
Th’ offender’s sorrow lends but weak relief
To him that bears the strong offence’s cross.
      Ah, but those tears are pearl which thy love sheds,
      And they are rich, and ransom all ill deeds.



*) Enthalten in »Alstercafé« (Meiendorfer Druck Nr. 34)
**) Enthalten in »Falsch und wunderbar« (Meiendorfer Druck Nr. 22)
***) Enthalten in »Kino« (Meiendorfer Druck Nr. 41) / Erstdruck im RABEN Nr. 39
†) Enthalten in »Mauerwerk« (Meiendorfer Druck Nr. 26)
††) Enthalten in »Sternzeichen« (Meiendorfer Druck Nr. 46)


Klaus M. Rarisch nähert sich Nr. 66:

All dessen müde, such im Tod ich Ruh.
Man sieht Verdienst zum Bettler nur geboren,
die Freude fällt dem Nichts des Lumpen zu,
der Redlichkeit wird boshaft abgeschworen.

Die güldne Würde: würdelos verbogen,
Jungfräulichkeit: zur Hurerei bestellt,
Vollkommenheit: zur Schande umgelogen,
und Kraft: vom Hinkefuß der Macht gefällt.

Die Kunst im Maulkorb der Gewalt verstummt,
gelehrte Torheit kontrolliert die Echten,
die Wahrheit scheint zur Einfalt umgedummt,
der Gute, eingekerkert, dient dem Schlechten.

All dessen müde, wär ich längst gegangen –
Allein die Liebe hält mich hier gefangen.


66

Tir’d with all these, for restful death I cry:
As, to behold Desert a beggar born,
And needy Nothing trimm’d in jollity,
And purest Faith unhappily forsworn,
And gilded Honour shamefully misplac’d,
And maiden Virtue rudely strumpeted;
And right Perfection wrongfully disgrac’d,
And Strength by limping Sway disabled,
And Art made tongue-tied by Authority,
And Folly, Doctor-like, controlling Skill,
And simple Truth miscall’d Simplicity,
And captive Good attending captain Ill –
      Tir’d with all these, fro, these would I be gone,
      Save that, to die, I leave my love alone.

Rechte an den deutschen Versionen bei Robert Wohlleben bzw. Klaus M. Rarisch