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Der Schimmelreiter
von Finkenwerder

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Der Schimmelreiter von Finkenwerder



Herbst 1994

So laß ichs stehn. Ich für mein Teil bin mir dessen gewiß, daß Gorch Focks Seefahrt ist not! ein umgeschriebener Schimmelreiter ist. Ob mir nun aber auch Verklarung gelungen ist ...?

Gorch Focks Vorgehen begünstigt ja Verschleierung, indem es die Übernahmen flirrend kaleidoskopisch verhuschen läßt. Mal straight wie die Vögel Klaus und Kluß und die alten Hexen mit den roten Äpfeln. Mal getarnt wie Teufelspferd als Teufelskahn und Deichbau als Eisbrechen. Mal von innen nach außen gestülpt (oder meinetwegen auch umgekehrt) wie die Portraits der Kinder Wienke und Störtebeker. Techniken also, wie sie sich später ähnlich bei James Joyce und Arno Schmidt in deren literarischem Umgang mit Odyssee bzw. Orpheus-Mythos finden.

Was Arno Schmidt angeht, ziehe ich jetzt grad nur meinen Aufsatz »Götter und Helden in Niedersachsen« in der 3. Lieferung des Bargfelder Boten an (mehr wäre mir auch nach dem Abstoßen des Handapparats vor vielen Jahren nicht mehr leichthin möglich) und finde in der Anmerkung 2 meinen Hinweis auf Schmidts Erwähnung eines additiven Verfahrens, in einen Motivkomplex Motive anderweitigen Herkommens zu importieren. Das hat Gorch Fock vorweggenommen, indem er außer auf Storms Schimmelreiter auch auf dessen Hans und Heinz Kirch, punktuell auch auf Im Nachbarhause links und Ein Bekenntnis zugriff.

Seefahrt ist not! sieht hochartifiziell aus ... wie ich das von Gorch Fock mit seinem trivialen Gestus nie erwartet hätte. Ich bin beeindruckt. Gedenke nun aber nicht, so ein Theater zu machen wie Schmidt mit dem Reiche des silbernen Löwen. Seefahrt ist not! bleibt in meinem Urteil eine Klamotte – aber eine höchst bemerkenswerte!

Zu gern wissen würd ich: Was hat sich Gorch Fock bei seiner Schimmelreiter-Adaptation gedacht? In den veröffentlichten Nachlaß-Materialien finde ich keine Antwort auf meine Frage. Sein Bruder Jakob Kinau und die Freundin Aline Bußmann schweigen sich aus darüber. Ebenso Hugo Sieker, der Herausgeber der Gorch Fockschen Briefe an Aline Bußmann, noch persönlich mit ihr bekannt. Die Beiträger des Hamburger Kolloquiums »Mundartliteratur/Heimatliteratur am Beispiel Gorch Fock« von 1983 hatten anderes als Storm-Bezüge im Blick und Sinn. Andere Sekundärliteratur habe ich nicht anrühren mögen. Stünde dort was Bezügliches drin, wäre das ja wohl bekannt.

Nu, auch Arno Schmidt hat seine längere Erzählung Caliban über Setebos 1964 ganz ohne Klartext-Hinweis auf die zugrunde liegende Matrix veröffentlicht, das aber heißt im Falle dieses notorischen Wortjongleurs: Er hat seine Leserschaft damit zum Mitspielen bei der kunstreich ausgelegten Schnitzeljagd aufgefordert. Kaum kaschierte Eizes als Anreiz zum Mittun: »O. TULP« umzudrehen und damit den Wirt des Dorfgasthauses als Pluto zu identifizieren ist bald schon keine Dechiffrierung mehr. Später hat Schmidt das Ostereiersuchen abgeblasen: Die 1970 als Fischer-Taschenbuch erschienene Auswahl aus dem Band Kühe in Halbtrauer enthält Caliban über Setebos und erschien unter dem Titel Orpheus. In Zettels Traum wird die Erzählung mehrfach als »Orfeus« angeführt.

Ob James Joyce bei der Veröffentlichung seines Ulysses ebenso oder ähnlich kommentarlos vorgegangen ist, weiß ich nicht. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß er sich ebenso wenig wie sein Manieristen-Kollege Schmidt um letzthinnige Geheimhaltung bemüht hat.

Da ich schon lange den Kontakt zu den Ernsten Schmidt-Forschern verloren und den zur Joyce-Forschung nie gewonnen habe, weiß ich auch nicht, ob sich jemand Gedanken gemacht hat darüber, was Joyce an Odysseus und Schmidt an Orpheus band. In beiden Fällen dürfte es etwas bio- wie psychographisch tiefer Verankertes gewesen sein. Denn nicht so ohne weiteres und von ungefähr läßt sich jemand auf anstrengendste Arbeit von diesen Ausmaßen ein, ohne etwa nach einem Geld zu fragen (wie es beiden Autoren in ihren jeweiligen Lebensumständen nicht zu verdenken, für beide gar geboten gewesen wäre).

Odysseus von seinem Ithaka und Penelope weg durch Winde des Wandels in die gefährliche Ökumene hinaus und darunter verweht, schließlich mit gestohlenem Linnen die Blöße deckend ... wenn der heimfinden sollte! Da wird ihm die erinnerte Heimat in Gestalt der überlebten Schrecknisse entgegentreten. Und außer entstellter Liebe nichts gerettet. Ja.

Orpheus wird im Mythos von Mänaden zerrissen, sein Haupt auf Lesbos angeschwemmt, um dort zu orakeln. Caliban über Setebos schließt: »bei einem anständigen Menschen lebt am Ende nur noch der Kopf.« Eurydike hin, keine Hände mehr und nix sonst. Da klingt bittere Klage aus Bargfelder Biographie heraus. Wie auch immer als Kasperei verkleidet. Liebe läßt sich einfach nicht retten.

Was band zuvor Gorch Fock an den Schimmelreiter? Dessen Lebensmuster entspinnt sich als das des ultimaten Fremdlings. Gesteigert – wenn das geht – noch in der Tochter Wienke gespiegelt. Ein Ende in Schuld und Verdammnis und Tod. Keine Rettung für irgendwen im sonderbar zeitlupigen amour fou zwischen Elke Volkerts und Hauke Haien. Liebe rettet nichts vorm Verhängnis.

Meine Spekulation spitzt sich jetzt dahin zu, daß Gorch Fock Storms Schimmelreiter auf seine Weise nachgestaltet hat, weil ein Leiden garantierendes Empfindensmuster darin angespielt ist, das auch ihm verhängt war. Seinen Einakter Doggerbank möchte ich gar nicht genau lesen müssen, aber ich stelle mir vor, daß es da ähnlich verhängnishaft zugeht wie bei Hagens Zug ins Heunenland und beim Aufkommen des Fliegenden Holländers. Oder bei Siegfrieds Ermordung durch Hagen (Kriemhild half noch bei mit dem eingestickten Kreuz). Wie ging es denn zu mit der Rettung des Fliegenden Holländers durch Senta ...?

Mit ihrem literarischen Auftreten als Sprachartisten ohne Netz haben Joyce und Schmidt die Rezeption ihrer Werke in die Ring- und Rasterfahndungen der Avantgarde-Überwachung gelenkt. Allein ihr Habitus ließ sie stets des Illusionismus verdächtig sein. So gibt es ja auch Typen, die an Zoll oder Grenzübergang fest mit Stichproben-Kontrollen rechnen können.

Anders bei Gorch Fock. Unter der ehrlichen Haut ostentativ nur das Gemüt, deshalb aller Konterbande und falscher Papiere unverdächtig, entging er jeder Kontrolle. In meinem Soergel (Dichtung und Dichter der Zeit, 1911) nichts über Gorch Fock. Ich kann mir schon denken, warum, wenn Albert Soergel im schmalen Abschnitt »Heimatkunst« auf Gustav Frenssen wie folgt zu sprechen kommt ... »endlich der bekannteste aller Heimatdichter«:

Ein Dichter vom Werte Reuters, Groths, Storms? Schon heute glaubt das wohl niemand mehr. Wie über Nacht war Frenssen berühmt geworden, aber nicht durch seinen ersten Roman. Der war 1896 erschienen, im Namen, Inhalt, Stil ein echter Marlittroman: »Die Sandgräfin« hieß er. (S. 751)

Wo Soergel die Betrachtung gerade nur auf außerdem Fritz Lienhard, Adolf Bartels, Ludwig Ganghofer und Rudolf Herzog eingrenzt, sind jüngere wie Gorch Fock natürlich außer Betracht. Und es ist nicht so, daß angesichts der Kökschen-Literatur Soergels Dégoût unreflektiert bildungsbürgerlicher Hochfahrenheit entspränge. Er weiß vielmehr genau, welchen ideologischen Schachzug es hier abzuwehren gilt: die aggressive Einforderung von Rückbau der demographischen Entwicklung mit ihren vieldimensional vernetzten Konglomeraten. Mit unschuldigstem Gesicht führt er Adolf Bartels als Propheten der retrograd ideologisierten Heimatliteratur vor:

»Was wollen wir denn auf der Welt, [...] wenn wir nicht Deutsche sein wollen, Deutsche in Staat und Recht, in Handel und Wandel, in Kunst und Wissenschaft? Ich danke dafür, ein moderner Europäer zu sein, deutsch will ich fühlen und denken, deutsch leben und sterben.« Deutsch, das ist für Bartels gleichbedeutend mit männlich und sittlich, aufrichtig und tapfer; undeutsch, das ist für ihn gleichbedeutend mit jüdisch. In den heimatlosen Juden sieht er die gefährlichen, berufenen Vertreter eines ungesunden radikalen Internationalismus. (Ebenda S. 740)

Vom Antisemitismus abgesehen, geht leicht auch Gorch Fock über diesen Leisten. Stichworte: ein »herbes, männliches Buch« sollte Seefahrt ist not! werden, immer lassen die Mewes statt der regulären Hamburger ihre deutsche Flagge wehen, und Odin gibt seinen Segen dazu. Im übrigen ist auf Finkenwerder mit seinen aufgeweichten Fußwegen einfach mehr los als in der expandierenden Großstadt Hamburg. Als hätte Gorch Fock die Bartelsschen Richtlinien – ohne! das antisemitische Geifern – genau beherzigt.

So hat also wohl im Falle Gorch Focks von Anfang an niemand etwas anderes wahrgenommen als das, was Paul Burg-Schaumburg in seinem Minerva-Lexikon von 1929 kurz und bündig so angibt:

Er packt ans Herz [...]. (S. 188)

Nur, man weiß beim Minerva-Lexikon nie, wo der Ernst anfängt. Als Beispiel kurz eingeschaltet die Darstellung von Max Schmelings Rückkehr nach seinem Sieg über Jack Dempsey:

Es war beängstigend und ärger, als wenn ein Feldherr Einzug hält. Offizielle Begrüßungsansprachen wurden gehalten, als der »deutsche Dempsey« aus dem Zuge stieg. Und als man im deutschen Rundfunk von diesem Empfange durch Augenzeugen berichten ließ, mußte Beethoven, der gerade mit einer Symphonie den Sender besetzt hielt, abbrechen. Auch ihn, den größten Geist, hatte Schmeling k. o. geboxt. (S. 684)

Da ist doch das Autorenkollektiv unter der Leitung von Hans Kaufmann in seiner Geschichte der deutschen Literatur vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis 1917 (Berlin, 1974) einfach erfrischend unzweideutig, wenn es dort unter der Zwischenüberschrift »Archaisches Weltmodell und Mobilisierung zur Aggression« so anfängt:

Auf die sich in der Vorkriegszeit [1912 erschien Seefahrt ist not! RW] verschärfende Krise aller gesellschaftlichen Beziehungen und ihre Reflexe im bürgerlichen Bewußtsein antwortete ein Teil der bürgerlichen Schriftsteller mit der offenen Wendung ins militant Reaktionäre. Gestützt auf »völkische« Ideologien, in denen antikapitalistische Affekte [einem solchen entsprang wohl Gorch Focks Preisung der »Seefischerkasse«; RW] des sich bedroht fühlenden Kleinbesitzers [»twölfdusend« für einen neuen Kutter, Sin 116, war für den Seefischer plenty money, aber, auf neudeutsch, Peanuts für Ballin; RW] antisozialistisch umgelenkt wurden [und wieder die »Seefischerkasse«; RW], waren sie offen darum bemüht, ihre Leser an das junkerlich-bourgeoise System zu binden, und sie hatten nicht selten großen Erfolg. (S. 438 f.)

Kaufmann und sein Kollektiv ordneten Gorch Fock in einem Klammerausdruck der von Ganghofer und Lienhard repräsentierten »älteren Heimatliteratur« zu, »zu der neue Kräfte stießen«. Sie nahmen ihn also aus von der Lönsschen Richtung, die sich von der »auf das ›deutsche Gemüt‹ spekulierenden Haltung des erfolgreichen Frenssen« mit dem Bild einer Gesellschaft folgenden Zuschnitts absetzte: »Ihr Gesetz ist der Krieg«, und zwar als aufgezwungene Verteidigung von Besitz und Heimstatt getarnt. – Nu, das heißt glimpflich mit Gorch Fock umgegangen, denn sein Hagen-Mantra und sein Karthago-Schwur wa-ren ganz und gar »nicht ohne«. Auch die John Bull-Aversion ließ er Gesa Mewes in einem Brief an Klaus mit Gewaltphantasien auspolstern, mithin rechtfertigen:

Sie sagten, daß sie [Klaus Mewes und seine Mannschaft] schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... (Sin 205)

Gesa Mewes’ Totschlags-Phantasie gründete in der ökonomischen Realität um die Jahrhundertwende, als die deutsche Seefischerei sich auf den Nordsee-Fanggründen mit den Fangflotten anderer Länder zu arrangieren hatte. Reinhard Goltz merkt an:

Hinzu kamen über 2000 englische und niederländische Fischdampfer, die zusammen mit den Dänen eine erhebliche Konkurrenz für die Finkenwerder darstellten. »Von Schlägereien und Kämpfen mit Engländern auf hoher See, bei denen große Kohlenstücke als Geschosse verwendet wurden, erzählt mancher alte Fischer ...« (Goltz 32)

Da scheint es also dem Kaufmannschen Kollektiv ähnlich gegangen zu sein wie mir: Rückerinnerung an entlegene Jugendlektüre blendete Politika wie Ideologika aus. 1910 erschien der Lönssche Roman Der Werwolf mit seinen totschlägerischen wie totgeschlagenen Heidebauern des Dreißigjährigen Kriegs (ich kenne das Buch nicht). Gorch Fock dürfte ihn mit Gewinn gelesen haben, so schließe ich jedenfalls – über die hexametrische Anspielung auf Mörikes Idylle vom Bodensee hinweg – aus seiner wehrhaften Schwärmerei im Brief an Aline Bußmann vom 24.10.1914:

Ich bin aber nur einer, der mit Mörike seufzen kann: Wär ich ein Jäger, ein Hirt, wär ich ein Bauer geboren: trüg ich Knüttel und Beil, wärst, Margarethe, mein Weib! (Briefe 106)

Oliver Böhm: Lithographie Seepferd II

Was heute so über Gorch Fock geschrieben wird, zeichnet sich nicht nur durch Ungenauigkeit, sondern auch durch dummerhaftige bis nichtswürdige Inkorrektheiten aus. Beleg ist der von KD verfaßte Beitrag »Gorch Fock« im 1993 erschienenen »Hamburger Liederbuch« An de Eck steiht ’n Jung mit’n Tüdel-band [1].

Da wird im Vorspann schon mal das Todesjahr auf 1915 vorverlegt. Die im ersten Satz gegebene Charakterisierung »plattdeutscher Erzähler« ist nur Teilwahrheit. Im zweiten Satz erscheint Seefahrt ist not! erst 1913, also ein Jahr verspätet, wird überdies als »hochdeutscher Roman« bezeichnet (wo doch schon die Anmerkungen mit den Übersetzungen meiner wenigen Zitate daraus über sechzig zählen), und werden als »Geschichten und plattdeutsche Theaterstücke« aufgezählt: »Hein Godenwind«, »de Admirol von Moskitonien«, »Cili Cohrs«, »Doggerbank« ... gebont für die Einakter »Cili Cohrs« und »Doggerbank«, aber »Hein Godenwind, de Admirol von Moskitonien« ist weder Geschichte noch Theaterstück, sondern mehr ein Roman, wenn auch wohl ein lütter: 154 Seiten im zweiten Band der Sämtlichen Werke.

Bestimmt (!) nicht weniger schlampig recherchiert sind dann die im dritten Satz vermerkten »vier kleine[n] Heftchen mit plattdeutscher Kriegshetze in Gedichtform«. Mein Zweifel betrifft weniger die Vierzahl als das Plattdeutsche: Die Hefte mit den Kriegsgedichten kenne ich nicht, sehe aber das Einschlägige in Sterne überm Meer und den Sämtlichen Werken repräsentiert ... ein gut Teil hochdeutsch. Unterm 11.2.1915 schrieb Gorch Fock an Aline Bußmann über dies Trittbrettgeschäft:

mein Verleger hat eben mit mir abgerechnet: er hat 1914 etwa 7200 Bücher und 21 000 Kriegshefte von Gorch Fock verkauft. Ackermann, wat seggst nu? Is doch god mittonehmen, gelt, Madel? Wenn das Liliencron einmal begegnet wäre! [...] Die Hefte kochen ja zwar leicht in ihrem kleinen Topfe, als wir ihn nur ein wenig an den Weltbrand hinangesteuert hatten, aber die Bücher sind gutenteils doch trotz des Krieges verkauft worden, sprechen also für Gorch Fock. (Briefe 116)

Was damals im Deutschen Reich allüberall in Druck ging – auch ein Nobelpreisträger wie Gerhart Hauptmann ließ sich nicht lumpen – »Kriegshetze« zu nennen ist doch wohl tendenziös fälschende Sprachregelung ... es ist allemal genug, das als blinde und besoffene Kriegsbegeisterung zu bezeichnen. (Einer der Beiträger – um Pardon, daß ich seinen Namen nicht parat habe! – des Hamburger Gorch Fock-Symposions von 1983 hat überschlagen, daß im August 1914 so rund eineinhalb Millionen Kiegsgedichte entstanden sind, also nicht weniger als rund fünfzigtausend pro Tag.)

Auch schien Gorch Fock nicht unbedingt der unentwegt vor sich hin schäumende Kriegspropagandist gewesen zu sein ... was er unter dem 28.2.1915, zu Ende des siebten Kriegsmonats also, an Aline Bußmann schrieb, liest sich etwas anders:

Ich bin aber dafür der Kriegsdichtungen gründlich müde und wäre froh, wenn die Reihe erst gänzlich zu Ende wäre. Der Weg in das neue Deutschland geht einmal durch den Schützengraben, auch für mich, das fühle ich jeden Tag mehr. Ich warte jeden Tag auf meine zweite Musterung und Einberufung. Es wird kaum noch länger als eine Woche währen, und ich mühe mich schon ab, nicht bloß ein tüchtiger, sondern auch ein fröhlicher Soldat zu werden, einer, der seine Nachbarschaft mit seinem Lachen ansteckt und ihnen ein gutes Beispiel gibt. (Briefe 118)

Was ich KDs viertem und fünftem Satz nun wiederum abnehme: daß »die plattdeutsche Szene« (wie ich ihn hier verstehe, meint KD die ins »Volkstum« vernarrten Folkloristen) mit ihrer »nationalistischen (und später: nationalsozialistischen) Ausrichtung« Gorch Fock als »Symbolgestalt« des »Niederdeutschtums« [2] und als Propagandisten für »Patriotismus, Opferbereitschaft und Heldentum« vereinnahmte.

Der von KD abgestrahlten Abständigkeit zum Plattdeutschen setze ich grade nur mal die Namen Thälmann, Jonni Dettmer und, nu, Kuddl Schnööf entgegen ... marks Müüs? Ich höre aus KDs Zungenschlag seine Herkunft aus anderem Sprachraum als dem niederdeutschen heraus. Verraten auch dadurch, daß KD sich gleich fünfmal abkürzend mit »Fock« auf Gorch Fock bezieht. Das ist meinem Empfinden nach ebenso doof , wie mit dem Familiennamen Heep über die Rockgruppe Uriah Heep zu sprechen.

KDs sechster und siebter Satz malen Gorch Focks Verruchtheit weiter aus. Die besteht darin, daß die »zweite Hamburger Bücherverbrennung Ende Mai 1933« ihm gewidmet war, daß die Stahlhelm-Ortsgruppe Finkenwerder sich nach ihm nannte und, als Gipfel dann: »selbst die Plattdeutschen in Buenos Aires legten sich seinen Namen zu« ... was KD da mit seiner interkontinental ausholenden Geste zu sagen sich abquält, kann ich in Unkenntnis des Gründungsdatums dieser Stahlhelm-Ortsgruppe (vor oder nach dem Übergang von Stahlhelm-Teilen in die SA?) und in Anbetracht der Buntscheckigkeit der deutschen Emigration nach Südamerika nicht ohne nähere Recherche abschätzen. (Auf KD werde ich mich jedenfalls nicht verlassen.)

(Generelle Anmerkung: Ich würde nie die »literarischen Auswahlkriterien« der Nazis dahin gehend ernst nehmen, daß ich etwa bei Richard Huelsenbeck oder Walter Mehring eine vernünftige Rechtfertigung würde vermuten wollen für die faschistische Entscheidung, deren Bücher zu verbrennen. Ebenso wenig nehme ich ernst, was Leute wertschätzen, die eingestandenermaßen gar nicht haben wollen lesen können ... nu, im Sinne vereinfachter Syntax soll es heißen: gar nicht lesen können wollen. So habe ich einige Schwierigkeiten, alle Favoriten eines derart deformierten Leseverstehens in Bausch und Bogen zu Nazis zu erklären.)

Der achte Satz – an die Argentiniendeutschen anschließend – ist eines Ricco-Randellone [3] würdig (ich könnte auch an diesen oder jenen Auslandsgermanisten [4] denken):

Da paßte dann auch ins Bild, daß aus den hinterlassenen Manuskripten Texte auftauchten, die Fock [!] als Vordenker nationalsozialistischer Ideologie zeigten.

Nee! Was ich da sehe: Da möchte jemand im Vollbesitz seiner Ignoranz ein schickes Pfauenrad spreizen ... und Antifa kommt ja verschärft. Mich ekelt es bald, mich damit noch abzugeben. Nein: »aufgetaucht« ist nach dem 2. Weltkrieg nichts, was für Denunzianten brauchbar wäre. Die 1971 von Hugo Sieker unter dem Titel Da steht ein Mensch herausgegebenen Gorch Fock-Briefe an die Schauspielerin Aline Bußmann geben nichts dergleichen her. Auch nichts, was erst aus etwa Verstecktgehaltenem hätte auftauchen müssen, denn bekanntermaßen verwahrt die hamburgische Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky den Gorch Fockschen Nachlaß. Die Brief- und Tagebuchausgabe (»Kriegs- und Bordbuch des Dichters«) Ein Schiff! Ein Schwert! Ein Segel! liegt mir als 11. bis 15. Tausend von 1934 vor, erschien also etwa zum Zeitpunkt der Machtübergabe. Nichtsdestoweniger glaube ich nicht, daß diese Ausgabe (wie immer zum Schaudern!) spezifisch nazistisch veranlaßt war. Vorangestellt ist ihr die Ansprache, mit der am 3. Mai 1933

der Chef der Marineleitung, Admiral Raeder der stolzbeglückten Wasserkante und dem aufhorchenden Deutschland verkündete, daß das neue Segelschulschiff der Reichsmarine den Namen des Matrosen des Weltkrieges »GORCH FOCK« über die Meere tragen solle. (Schiff 7 f.)

(Nirgendwo Bezugnahme auf unseren Führer. Was dem Mariner auch damals dürfte ferngelegen haben.)

Als Beispiel für den in diesen Briefen aufgischtenden Nationalismus bis Chauvinismus, den Gorch Fock kaum erfunden hat, sondern in dessen breitem Strom er mitschwamm (und hübsch ein bißchen dazuverdiente), stehe eine Passage aus einem beschwörenden Vortrag über die (anscheinend stärkungsbedürftige) Kampfmoral der »Feldgrauen«, am 7.1.1916 in »Neu-Banovce« vor den »Kameraden« gehalten:

Wir brauchen keinen Kleinglauben, sondern einen Großglauben! Wir müssen an uns selbst und an Deutschland glauben! Sollten wir müde und mürbe geworden sein, so hilft es eben nichts: wir müssen ringen, bis wir wieder frisch und zäh geworden sind. Begeisterung ist not! Die Begeisterung seiner Soldaten gewann Napoleon seine besten Schlachten, und die Begeisterung unsrer Vorfahren gewann die Befreiungskriege. Begeisterung wird auch diesen Krieg gewinnen, anhaltende Begeisterung! Welches Volk vermag nun die stärkste Begeisterung aufzubringen? Etwa der Engländer, der Russe, der Franzose? Sicherlich doch wir! (Schiff 236 f.)

Chauvinismus allein befähigt kaum zum Faschisten (macht anfällig, ja: der schließlich in Teilen in die SA eingegliederte Stahlhelm ist ein Beispiel), denn der Faschismus formiert sich zunächst einmal um seinen Kern todkalten Hasses, den es mit zwanghaften Kontrollmechanismen abzusichern, mit übersichtlich organisierter Vernichtung von Menschenwürde über -recht bis -leben zu mästen und mit gemütsarmem Nihilismus dem ganzen Kosmos einzuprägen gilt. »Den möchte ich kennen, dem vor dem Anblick dieser Gorgo Medusa nicht grausen würde!« schrieb Eugen Kogon 1945 im ersten Vorwort zu seinem SS-Staat. Aber ... wem erzähle ich das!

Was Gorch Fock in Seefahrt ist not! – sparsam und behördlicherseits mäßig belohnt – an Flottenrüstungs- und Anti-England-Propaganda abliefert, ist allenfalls Propaganda eines Typs, der dahin zielt, wo Einsichten oder meinetwegen Weltverständnis unentwickelt sind: Daß dies so bleibe, ist Zweck solcher Propaganda. Das macht sie auch immer so doof. (Propaganda, die gefestigte Einsichten ändern oder ausmerzen will, geschieht im Wege von Tortur oder Genickschuß.)

Alle – zunächst mal ökonomisch begründete, dann auch propagandistisch gewendete – Englandfeindlichkeit von Gorch Focks Seefischern hielt ihn nicht davon ab, in seinem Hein Godenwind die Restbesatzung eines havarierten englischen Schoners bei schwerem Sturm durch Hein Godenwind retten zu lassen. Der ist mit seiner Jalk De Admirol von Hamborg in der Nordsee unterwegs, verliert bei der Rettungsaktion (»Se wulln de Minschen retten!«) den alten blinden Segelmacher und den Steuermann, zwingt den englischen Kapitän, der mit seinem Schiff unterzugehen gedenkt, vom Wrack ins Boot:

De Käppen wull op sien Schipp blieben, ober Hein kreeg em bi den Wickel un stopp em bi den annern rin. »Du Hansnarr,« sä he to em, »hier ward nich no de antike Mod storben, hier ward no German manner wieter lewt!« (Gorch Fock II 310 f.)

Auch nicht, daß die englischen Konkurrenten und »Gegner« im ebenfalls 1912 und kurz vor Seefahrt ist not! erschienenen Hein Godenwind von der literarischen Phantasie etwa minderwertig ausgestattet worden wären:

Dor dreef en Wrack op See.
Dree Dog vorher weurt noch een leiflichen, ingelschen Dreemastschuner west mit geele Rohen un witte Nocken: nu weurt bloß noch een Wrack. De Storm harr mol mit de Hand öber Deck wischt, dat all dree Masten öber Bord gohn weurn.
(Ebenda 306)

Also durchaus keine Diffamierungs- und Vernichtungsreflexe, wie sie doch den Kriegshetzer hätten auszeichnen müssen.

Wenn KD vor diesem Hintergrund dann Gorch Fock als »Vordenker nationalsozialistischer Ideologie« denunziert, entlarvt er sich mit dieser Diffamierung als gnadenloser Hetzer. (Was hat denn KD von seinem McCarthyismus! Außer daß er sich in seiner vermutlich hochdeutschen Szene einen paradoxerweise weißen Fuß macht.) Nein: Gorch Focks Störtebeker flaggt seinen Nationalismus über einer gut abgedämmten Vereinzelung. Ich vermute mal, daß Hans Steinhoffs gleichschalterischer Hitlerjunge Quex von 1933 da auf hochverdichteten Monierbeton gebissen hätte ... daß Störtebeker ebenso wenig auf dessen Polung gegen die sozialistische Internationale abgefahren wäre wie Gorch Fock auf Adolf Bartels’ Hetze gegen den jüdischen Internationalismus.

KDs drei Schlußsätze geben jetzt nur noch ein bißchen flaue Kadenzierung her. – Neun: »durchschnittliches Talent« als »nur schmale Basis« für Gorch Focks Ruhm und »triviale Züge« des »Erfolgsromans« kann ich als Bewertung der Oberflächen-Erscheinung akzeptieren (wobei ich nicht mehr glauben kann, daß KD nach eigenem Augenschein urteilt). Zehn: Da zwingt er mich doch noch mal zum Ausholen (KD hat angefangen!):

Erst die Legendenbildung bzw. die geschickte Vermarktung Focks [!] – maßgeblich durch seinen Bruder, den plattdeutschen Erzähler Rudolf Kinau betrieben –, wies ihm die herausgehobene Stellung im norddeutschen Kulturraum zu, derer sich die Nazis bedienten.

Das faktenhuberisch Einfachste zuerst: Nicht Rudolf, sondern Jakob Kinau hat »vermarktet« (für KD wohl wieder ein läßliches Vertun). Und nun stünd an, die Verzottung »Legendenbildung/ norddeutscher Kulturraum/Nazis« zu entwirren ... aber nee: der Norddeutsche in mir gibts auf. Es gibt noch einen letzten, elften Satz, in dem KD zutreffend vermerkt, daß »das Segelschulschiff der Bundesmarine nach dem Dichtersmann aus [nee: von!] Finkenwerder« heißt. Dann aber abschließend dies zu behaupten (und mitsamt aller voraufgegangenen Hetze diesem »norddeutschen Kulturraum« anzuhängen):

der Absatz von »Seefahrt ist Not« [!] ist immer noch gut …

Da hab ich doch mal meine Schwester Brigitte gefragt – sie ist an der Buchhandlung »Bücherhimmel« in Rahlstedt beteiligt, wo Liliencron und ich denselben Friseur hatten, also mitten im norddeutschen Kulturraum – wie oft sie denn Seefahrt ist not! verkauft: vielleicht zwei- oder dreimal im Jahr, für nachfragende Kundschaft bestellt. Kein Gorch Fock im Sortiment. Da wird mir der von KD festgestellte gute Absatz von Seefahrt ist not! so ein bißchen zweifelhaft.

Obwohl: Die 1987 bei Ullstein in verheimlichter Auflagenhöhe erschienene Taschenbuchausgabe hat mir jetzt im Oktober ’94 Renate Finks und Thorwald Prolls Ottenser Buchhandlung Nautilus vom Grossisten verschaffen können (eine Premiere in deren ganzem langjährigen Bestehen); die Auflage scheint aber so weit verkauft zu sein, daß für 1995 eine neue angekündigt ist. Verlegerisch bemerkenswert ist dabei wohl, daß der Taschenbuchverlag eine Auflage sieben Jahre oder länger auf Lager hält, statt bereits nach anderthalb Jahren oder so zu verramschen. So scheint der Absatz von Seefahrt ist not! wenn schon nicht besonders groß, so doch wenigstens sicher zu sein.

Der Zwergverleger in mir wäre allerdings froh, wenn seine Auflagen von 500 oder 300 oder 250 Stücken so vielleicht über die Jahre würden abgesetzt werden können ... ab Meiendorfer Druck Nr. 4 (1977 erschienen) sind alle noch zu haben ... ironischerweise haben es nur Klaus M. Rarischens und mein »meteorologisches Handbuch« Donnerwetter, ein Werkstattwitz, zu einer dritten Auflage (= 9. bis 18. Hundert) gebracht. – Na, vielleicht bringt das vorliegende Gorch Fock-Buch ja endlich eine Wende!

Und da will es mir fast so vorkommen, als wollte uns KD die verbackene Last an Gefahren, Ängsten und Verdächten – man kann abends nicht mehr auf die Straße gehen/Rindfleisch/zuviel Ozon/Formaldehyd-Mobiliar/bestrahlte Tomaten/Dioxine/AIDS/FCKW/Schweinefleisch/Salmonellen-Eier/lecke Nuklearanlagen/zuwenig Ozon/Asbest/jeder Mann ein Vergewaltiger/allergogene Druckerschwärze der »Bild«-Zeitung/Elektrosmog/cancerogene Haarwaschmittel/die tausend Augen computerisierter Überwachung/saurer Regen/alle wollen unser Geld/und/so/weiter – auch um diese noch vergrößern: von Plattdeutsch kriegt man Faschismus.

* * *

Tja, den KD-Exkurs hat Frederike Frei – »Bundesdichterin« und Nachbarin – angerichtet, indem sie mir vor Monaten eine Photokopie der einen Gorch Fock-Seite aus dem Lexikon-Band des »Hamburger Liederbuchs« in den Briefkasten steckte (danke!). Die lag dann monatelang kaum anbeachtet in der Sammelmappe. Kam erst jetzt wieder in den Blick (o wei!), als mir zur Frage wurde, wie die Gorch Fock-Wahrnehmung über die Jahrzehnte hinweg gelaufen ist ... warum hat niemand genau hingesehn? (Fast fehlt ja Dokumentierung der Eingemeindung durch die Faschisten ... kann ich nicht mit dienen aus dem, was ich hier hab: Sowohl dem 1934 erschienenen Fortdruck der Briefausgabe Ein Schiff! Ein Schwert! Ein Segel! als auch der 1944 veranstalteten Schulausgabe fehlen die betreffenden Kainsmale. Wohl deshalb, weil die Marine dahintersteckte ...?)

Nu, der zeitgenössische KD-Beleg für Gorch Fock-Rezeption ist wohl mit seinem Rattenkönig von zubeißenden Tropismen und zustoßenden Tachien besonders luzides Beispiel für das Gelingen der von Gorch Fock ins Werk gesetzten Schottenfellerei. Schon Soergel (wenn denn dieser Zeitgenosse Gorch Fock zur Kenntnis genommen hätte), Burg-Schaumburg, die Mariner und Kaufmann samt Kollektiv haben (soergelhalber: hätten) allesamt auf den Ablenkköder angebissen und sind (beziehungsweise wären) mit fliegenden Fahnen (nach Gusto gern auch Totenkopfflaggen) drauf reingefallen.

Nathias Neutert [5] könnte wohl was dazu erklären, wie es dem geübten Magier gelingt, ohne gleich die Grenze zum Diebstahl zu verletzen, ein Publikum derart »abzulenken«, daß nicht nur schlicht das Verschwinden eines Objekts nicht bemerkt, sondern gar dessen ehmaliges Vorhandensein nicht mehr erinnert wird. Zur Einführung sei noch einmal – um Pardon! – zitiert, wie der Bestmann Kap Horn den kleinen Störtebeker beim Ostereier-Wettessen auf Finkenwerder durchaus schottenfellerisch linkt und ihn über die Zahl der von Störtebeker verspeisten Eier täuscht:

Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er’s merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier unter-geschmuggelt werden. (Sin 117)

Gorch Fock spinnt voll aus, wie Störtebeker dem Betrug aufsitzt:

Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig Vadder! Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen, Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen. »Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.
»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«
»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft und wat de Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«
(Sin 117 f.)

Kap Horns Trick mit der manipulierten Wahrnehmung hat also wunderbar geklappt. Ebenso gehörte es zu Gorch Focks literarischem Trick, die Leserschaft mit knalligen Bildern von der wahren Geschichte abzulenken ... Klaus Mewes’ Untergang hat etwa das Kaliber des wenige Jahre später landläufigen »Letzten Mannes«. Die dadurch provozierte Polarisierung macht es: Entweder fliegen sie drauf, von der Hamburger Schulbehörde 1913 über den Finkenwerder Stahlhelm bis zur jetzigen Bundeswehr, oder ihnen geht weniger oder mehr das Messer in der Tasche auf – vom vornehmen Soergel (hätte er denn Gorch Fock gelesen) übers Kaufmann-Kollektiv bis zu KD. Ein Drittes gibt es wohl auch: Vertreten durch den demgegenüber verständigen Rest, den das Gefuchtel mit bunten Papierfähnchen von vornherein eher weniger interessiert, wenn nicht gar abstößt, also tut er sich das nicht an und sieht gar nicht erst hin.

So ist es wohl gekommen, daß Leute mit guter Storm-Kenntnis die Storm-Adaptation durch Gorch Fock verpassen mußten. Die umgekehrte Überlegung scheint mir müßig, denn der gestandenen und eingefleischten Gorch Fock-Leserschaft unterstelle ich (ohne Erfahrungsbasis), daß sie ihren Wasserkanten-Dante nie würde in Abhängigkeit von jemandem anders vermuten wollen. Und die Spezialisten für Trivialliteratur ...? Ich halte zugute, daß da so viele Momente entlang den historischen, sozialen, psychosozialen, psychologischen und sonst welchen Achsen des Feldes, in dem ein literarischer Text sich aufbaut, zu jonglieren sind, daß es sich bald verbietet, überdies auch noch eine ganze Literatur – oder gar mehrere! wie u. a. nach dem einschlägig angeführten Klaus M. Rarisch für Günter Grass anzunehmen ist – für Kreuz- und Quervergleiche parat zu haben.

* * *

Will da noch einmal die Plagiatsfrage ihren Schatten werfen? Das soll sie nicht, und es fiele ihr wohl auch nicht leicht, wo doch dies und jenes Licht solche Schattenbildung nicht mehr so recht zuläßt.

Ach, Plagiat! Was sich im Januar 1990 zwischen Harald Wieser (stern), Hellmuth Karasek (Der Spiegel) und Volker Hage (Die Zeit) um Wiesers gegen Walter Kempowski gerichteten Plagiatsvorwurf entspann, finde ich langweilig. Ich habe das alles in Kopie vorliegen, mag aber immer noch nicht richtig alles durchlesen, weil all die akribische Belegerei der paar »Stellen« und die hochfahrend giftige Holzerei sich um jemanden dreht, der doch in seiner Liga machen darf, was er will. (Die Sportmetapher in dieser Sottise ist insofern besonders ironisch, als mir das No sports!-Diktum aus tiefinnerster Seele gesprochen ist ... allenfalls aus Versehen mal kanns geschehen, daß mein Radio im Hintergrund seine Sportberichterstattung herhaspelt, so daß ich dann denkwürdigste Sätze wie diesen aufschnappe: »Die Sankt-Paulianer massieren sich hinten.«)

Ich stelle mir auch vor, daß ich nichts zu tun haben möchte mit solchen Lächerlichkeiten von der Lästigkeit eines Wespenstichs (vorausgesetzt: das Gift löst keinen allergischen Schock aus), wie ich sie vom Rande her mitbekommen habe beim Erscheinen der letztendlich mit Lyrikkatalog Bundesrepublik betitelten Gedichtanthologie (1978 bei Goldmann). Den Herausgebern Jan Hans, Uwe Herms und Ralf Thenior war ein exaktes lyrisches Seismogramm der Zeit zu Ende der Siebziger geglückt, heißen sollte es gelungenerweise Mit gemischten Gefühlen ... da »mußten« Friedrich Sieburgs Erben »einschreiten«, weil dieser Mensch mal einen Band mit der Redensartlichkeit Gemischte Gefühle überschrieben hatte. Und Goldmann hat in dieser Titelschutz-Chose gekniffen. Fast die gesamte Auflage der Anthologie mußte neu aufgebunden werden.

Ich glaube (bis jetzt jedenfalls) nicht, daß ich wen so bösartig bedrohen würde, der mir ein Titelchen klaut.

Ein hübsches Plagiatsfällchen, das mich betraf: Im August ’93 sah ich im »Spiegel« eine zweiseitige Anzeige der Deutschen Angestellten-Krankenkasse mit der Textzeile »...aber berauscht bin ich nur von Dir!« in der ganzen Breite oben drüber. Streit darüber war nicht nötig, denn mit nur wenig korrespondentiellem und telephonischem Aufwand war die betreffende Werbeagentur zu überzeugen, daß hier meine Gedichtzeilen »Aber besoffen / bin ich von Dir« [6] zugrunde liegen. Aber natürlich mußte das Unbewußte als Ausrede an den Tanz! – Der Klau konnte mich auch insofern nicht erbosen, als die Anzeigenkampagne der DAK zum Ziel hatte, jüngere AutofahrerInnen davon abzubringen, sich alkoholisiert ans Steuer zu setzen. Das kann ich nur unterstützen (wo es bis zur Stillegung der Automobile noch Weile scheint haben zu wollen).

Das wäre also der Typ des begrüßenswerten Plagiats. Dazu gab auch Klaus M. Rarischens Reim über unsere Militärs Stoff ab (aus dem Gedicht »Lebenslauf« in seinem Gedichtband Das gerettete Abendland, »Songs und Hymnen«, 1982 im Wissenschaftlichen Verlag A. Lehmann erschienen und möglicherweise noch lieferbar):

Hätte man die abgetrieben,
wär uns viel erspart geblieben.

Die Plagiierung im Text eines bayerischen Autoaufklebers wurde allerdings von einem Münchner Gericht mit einer Geldstrafe in Höhe von mehreren Tausend Mark geahndet:

Hätte man Strauß abgetrieben,
wär’ er uns erspart geblieben.

Schluß nun mit dem Thema Plagiat: Es ist im Gorch Fock-Kontext viel zu abgelegen.

Was Gorch Fock mit Theodor Storms Schimmelreiter angestellt hat, scheint nach meinem laienhaften juristischen Verständnis auf dem sicheren Boden geschehen zu sein, der in § 24 Absatz 1 UrhRG (Urheberrechtsgesetz) in der wohl schon längst überholten Fassung vom 9. September 1965 vermessen wird. Da heißt es unter der Spitzmarke »Freie Benutzung«:

Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.

Gorch Focks Seefahrt ist not! ist gerade dank der Benutzung vorgefundenen Stoffes ebenso wie Joycens Ulysses, Schmidts Caliban über Setebos oder Hebbels Nibelungen ein Kunststück sui generis. Auf eine (müßige) Abgrenzung von Brechts Beggars’ Opera lasse ich mich nicht ein.

Im Juli 94 war Klaus M. Rarischens und meine Korrespondenz in die Plagiatsfrage getappt. Im Hintergrund immer seine bezüglich gegen Günter Grass und dessen Blechtrommel gerichtete Streitschrift, die ich kurz zuvor in meinem Zwergverlag hatte erscheinen lassen. KMR bezog sich auf den »Standardkommentar zum Urheberrecht [...] von Fromm/Nordemann« (Ausgabe 1966). Er zitiert daraus hinsichtlich Plagiat:

Der Vorwurf, ein Plagiat begangen zu haben, kann sich nur gegen denjenigen richten, der sich bewußt fremdes Geistesgut angeeignet hat. Wer früher Gehörtes oder Gelesenes, das er vergessen zu haben glaubt und das ihm beim Komponieren oder Schreiben wieder einfällt, ahnungslos für einen eigenen Geistesblitz hält und verwendet, nimmt nur eine sogenannte unbewußte Entlehnung vor. Sie ist keineswegs nur eine Erfindung ertappter Plagiatoren, die nach einer Ausrede suchen. (Fromm/Nordemann 124; zitiert nach KMR)

... »das er vergessen zu haben glaubt«. Nu, wo der Fromm/Nordemannsche Kommentar über »Kryptomnesie« (Dank fürs schöne Wort an Albrecht Barfod!) spricht, scheint er ähnlich hilfreich zu sein, wie die gerade durch die Presse gehende Gesetzesformulierung von der »geringen Menge« THC. Ob aber vielleicht die Fromm/Nordemannsche »unbewußte Entlehnung« das Auftauchen des nordfriesischen Schimmelreiters auf Finkenwerder erklären könnte ...?

In derartiger Breite und Fülle mit derartiger Konsequenz durchgehalten: Nein, so stelle ich mir Kryptomnesie eigentlich nicht vor. Es sei denn, Gorch Fock hätte in Entrücktheit, Trance oder sonst einem anderen Zustand geschrieben, der die mentalen Kontrollen lockert und den Zugang zu gespeicherten Wahrnehmungen und Empfindungen erleichtert. Zudem wohl auch deren Verknüpfbarkeit erweitert. Alkohol als strategisches Mittel, die Bildkraft der Seele zu stärken (Arno Schmidt), läßt sich – wie andere Drogen – für Gorch Fock ausschließen.

Wäre dann also ein endogenes Vehikel für freie Benutzung unbewußter Entlehnung anzunehmen? Jakob Kinau scheint etwas dergleichen anzudeuten:

Gorch Fock war begabt wie selten ein Mensch. Sein Kopf nahm leicht auf und hielt eisern, was er erfaßte. Unausgesetzt arbeiteten seine Gedanken, sein Dichten war ständiges, waches Träumen. Selbst die Träume der Nacht waren bei ihm so lebhaft und eigen, daß er sie oft mit seiner Dichtung verflechten konnte. (Gorch Fock I 24)

Bruder Jakob ergänzte noch:

Er lebte in seinem Traumland und hatte etwas Weltabgekehrtes an sich. (Ebenda 26 f.)

Ähnlich drückte sich Aline Bußmann aus ... danach scheint Gorch Fock selbst seine seelische Disposition in dieser Richtung verstanden zu haben:

Er war ein furchtsames, stilles Kind, einsam im Grunde, – wie auch später immer etwas wie Weltabgekehrtheit in ihm blieb. Er sagte von sich selbst: »Es ist etwas Fremdes in mir, wenn ich oft so verschlossen bin, so abweisend; ich bin mit mir selbst böse, aber es ist da und nicht wegzuwischen.« (Sterne 13)

Auch scheint Gorch Fock den Schlaf geflohen zu haben, was nicht ohne Übermüdung abgegangen sein kann. Ich erinnere mich an eine 72stündige Periode mit nur zwei Stunden Schlaf in der Anfangszeit meines Studiums (Schaffner bei der Hamburger U-Bahn und nur Nachtdienste): Da schwangen die Linoleum-Fußböden von Uni-Korridoren in langer Dünung, im U-Bahnhof Meiendorfer Weg klang strahlende Musik auf, ohne daß ein entsprechendes Großorchester in Sicht gewesen wäre. Eigentlich ganz spannend.

Aline Bußmann berichtete von Gorch Fock:

Von 9-5 Uhr im Geschäft tätig, blieben ihm für seine Arbeiten nur die Abend- und frühen Morgenstunden. Oft stand er morgens um ½4 Uhr schon auf, um zu schreiben, im Winter in Decken gehüllt, weil das Zimmer nicht geheizt war, – oft schon um 3 Uhr, wenn er nicht mehr schlafen konnte und es als Zeitverschwendung betrachtete, wachend im Bett zu liegen. (Ebenda 22)

(Bestand eine Verbindung zwischen der Schlafvermeidung und dem vergeblich abgewehrten »Fremden in ihm«?) Und dennoch: Ich kann mir nicht vorstellen, daß die komplexe und konsistente Umgestaltung von Storms Schimmelreiter ohne bewußte Kontrolle zustande gekommen ist. Ich sehe meine Ungläubigkeit durch das gestützt, was wohl für Klaus M. Rarisch der Hebel des gegen Grass gerichteten Plagiatsvorwurfs ist:

Abweichungen in der Formulierung bei genauer Übereinstimmung in der Gedankenführung sprechen bei literarischen Werken geradezu für die Annahme vorsätzlichen Handelns. (Fromm/Nordemann 125; zitiert nach KMR)

Auch wenn anscheinend Fromm/Nordemann bewußtes Handeln gerade nur mit unbewußtem kontrastieren, ohne die Modi der Mentation genauer auszufächern (was ja wohl auch in einem juristischen Kommentar zu weit führte), paßt ihr Verständnis wunderschön auf Seefahrt ist not! Ich brauche nur das Wort »Gedankenführung« durch »Motivik« zu ersetzen und kann noch entschiedener konstatieren: Gorch Fock hat sich wissentlich am Schimmelreiter abgearbeitet. Und viel darangesetzt, davon abzulenken. Warum? Kein Hinweis im veröffentlichten Material, das ich durchgesehen habe. Mir bleibt als vorsichtige Vermutung nur: Im Schimmelreiter sah Gorch Fock sich so genau getroffen, daß er in seinem tiefen Erschrecken dies Portrait korrigierend übermalen mußte. Und »unbewußt« dafür gesorgt hat, daß die Stigmata des Schmerzensmannes durchschlugen.

1] An de Eck steiht ’n Jung mit’n Tüdelband. Hamburger Liederbuch. Herausgegeben von Jochen Wiegandt. Band 2 (Lexikon). Hamburg: Dölling und Galitz 1993. S. 63.
2] Das Wort »Niederdeutschtum« wurde damals tatsächlichso benutzt. Mein Kopfschütteln darüber abzuschätzen, könnteman sich mal versuchsweise »Plattdeutschtum« im Kopf zergehenlassen. – Der Begriff hat seine Geschichte (und wird dadurch nicht besser). Beleg sind mir die 1915 unter dem Titel Weltkrieg und Niederdeutschtumvom Plattdütschen Landesverband för Sleswig-Holsteen, Hamborgun Lübeck herausgegebenen, im Verlag von H. Lühr & Dircksin Garding erschienenen und damals für zwanzig Pfennig zu habenden»kulturpolitischen Betrachtungen« von Jacob Bödewadt (die Flamen im besetzten Belgien vereinnahmte er gleich mit).
3] Einer der Helden in Klaus M. Rarischens kleinem Gruppe 47-Epos Das Ende der Mafia. (Hamburg:) Robert Wohlleben Verlag (1981) = Meiendorfer Druck Nr. 8.
4] Ich lasse das unausgeführt. Zur einführenden Lektüre siehe meine immer noch aktuelle Rezension »Zielscheibe Arno Holz« in die horen Nr. 103, 3. Quartal 1976, S. 63 f.
5] Nathias Neutert: 100 Tricks und Zaubereien. rororo rotfuchs 119.
6] Aber besoffen bin ich von dir. Liebesgedichte. Hg. von Jan Hans. (Reinbek bei Hamburg:) Rowohlt (1979). S. 5.

Literatur:
Briefe = Da steht ein Mensch. Briefe von Gorch Fock an Aline Bußmann. Hg. von Hugo Sieker. Hamburg: Christians 1971.
Goltz = Reinhard Goltz: Die Sprache der Finkenwerder Fischer. Die Finkenwerder Hochseefischerei. Studien zur Entwicklung eines Fachwortschatzes. Herford: Koehler 1984.
Gorch Fock = Gorch Fock: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Hg. von Jakob Kinau. 18.-22. Tsd. Hamburg: Glogau 1941.
Mensch = Schiff = Gorch Fock: Ein Schiff! Ein Schwert! Ein Segel! Kriegs- und Bordbuch des Dichters. Hg. und bearb. von Jakob Kinau und Marie Luise Droop. 11.-15. Tsd. München: J. F. Lehmann 1934.
Sin = Gorch Fock: Seefahrt ist not! 188.-192. Tsd. Hamburg: Glogau 1933.
Sterne = Gorch Fock: Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte. Hg. von Aline Bußmann. Hamburg: Glogau 1921.

Lithographie »Seepferd II« von Oliver Böhm



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