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25. September 2000

Lieber Robert,

seit Du mir auf einen zugegebenermaßen ratlosen Versuch, mich Deinen Gedichten anzunähern, einmal geantwortet hast, es sei Dir «sowas von egal», was die Leute zu Deinen Gedichten meinen, habe ich mir die Mühe einer zuweilen aussichtslosen Vertiefung erspart – es ist wenig motivierend, so abgefertigt zu werden. Nun fehlen Dir doch Stimmen zu Deiner Lyrik, und ich will noch einmal versuchen, erstens die Schwierigkeit abzustecken, die diese harten Nüsse dem Zahnwerk bereiten, und zweitens doch zu den Nüssen etwas zu sagen, die ich meine geknackt zu haben.

Daß sich viele Deiner Gedichte dem Verständnis verweigern, liegt – denke ich – an einem Nomen-und-Verben-Vokabular, bei dem notfalls kein Duden, kein Wahrig und kein Fremdwörterbuch hilft. Manches mag aus dem Computerdeutsch stammen («...ich KRIEGS gelinkt», «linkt sich das Programm»), anderes vom maritimen Norddeutsch («Törn», «Stack»), und erkennbar ist eine Faszination am «Denglish»: «Laß Ella scatten. / Im Jive verkettet sich jetzt Paar um Paar» . Mit «ab zu Navers Soot» komme ich – aus der Erinnerung an Verse Klaus Groths – noch klar; aber Wörtern und Wendungen wie «Pli», «Rückpro» , «Flünken» , «Detritus» , «schiere / Vergärung strandet als Mouton-Cadet» , «Azeton und Kampfer stechen / zielgenau am Septum hin» etc. stehe ich hilflos gegenüber, und wo Wörter, die ich mir nicht erklären kann, sich zu ebendeshalb unverständlichen Zeilen sammeln wie

ja zu ganzen Quartetten wie

    Und sei wahrschaut: Im Triebe ging das Schiff,
    versank den Weg in ungebahnte Wahnung,
    zerspant sich scheiternd in Geblak und Zahnung.
    Sigilli logo: Alles fob und cif

– da fühle ich mich als Leser ausgesperrt – : offenbar handelt es sich, wie einer Deiner Sonett-Titel lautet, um ein «Für weit weniger als Dritte verständliches Lied».

Mit Achselzucken und Abwendung ist es aber dennoch nicht getan: Ich ahne, daß ich was verpasse, denn neben Gedichten, die mir ein einziges Rätsel sind («Grenze») stehen Landschaftsbilder von großer Einprägsamkeit –

    Von Westen her streckt Wind die Wolkenhand
    weit übern Bruch, sehr schwarz im Gegenlicht
    sind Bäume, Schilf schwenkt Rispen, silbern bricht
    sich daran Gänseschrei

– und bedeutendem Vokal- und Assonanzenzauber:

    Der Himmel schwimmt schon still zu blinden
    Gestirnen hin: wie Zirrenspiel zerfiel.

Hier geben Bild und Klang Anreiz, auch die enigmatischen Wörter zu deuten: «Zirrenspiel» ist das Spiel der Zirrus-Wolken, und die «Spieren» der Folgezeilen sind botanisch bestimmbare Sumpfgewächse:

    Wir werden Wimpel an die Spieren binden,
    ihr Spiel im Wind wird dich nicht finden –
    doch wehn sie Dir zum Gruße: Richtung Ziel.

Manche dieser Landschaftsgedichte sind, einmal gelesen, ganz unvergeßlich, zum Beispiel «Vogelflug» (offenbar in zwei Fassungen, denn Z. 2 lautet einmal «der Flügelschlag geruhsamt flußentlang», und einmal fehlt – leider – das verb-zaubernde «t»). Das zweite Quartett ist eine stille Hommage à Nietzsche und seine Verse «Die Krähen schrein», das erste Terzett eine Hommage à Hofmannsthal und die Terzinen «Ballade des äußeren Lebens»; sogar Benn klingt an: «vom Wind Geformtes und nach unten schwer»:

    Vogelflug


    Mit rückgehaltnem Kopf entfliegt ein Reiher,
    der Flügelschlag geruhsamt flußentlang:
    ein Abendbild. Rotbrauner Wolkenhang
    fällt sachte ab und fußt beim Horst am Weiher.

    Wie schwarze Fetzen fliegen wirre Schreier
    vom Brachland her zu Müll- und Menschendrang:
    Die Krähen schreien heimatlos und bang
    und fliegen weit und weiter, frei und freier.

    So viele Flüge, weite Züge, Ziele ...
    Verlorenheiten auch in Dunst und Rauch,
    im Wind gewachsen und unfaßbar viele.

    Gefieder sträubt von Sturm sich oder Hauch –
    noch hält die Haut ganz fest die Federkiele,
    das hilft beim Sturzflug, hilft dem Aufflug auch.

    In: Der grinsende Vater (Meiendorfer Druck 16)

Trotz so vieler Herkunftsverweise ist das Gedicht nicht epigonal; es ist ein souverän geformtes Sonett und steht damit eo ipso in einer ganz anderen Tradition als der zitierten. Ein anderes Gedicht dieser Zeit zitiert Rilke (und zwar gleich im Titel – «über Gedichte von Rilke» –) und sticht doch mit seinen reichen Reimen und dem großartigen Bild der fernen Watt-Wanderung gerade den Sonettisten Rilke sofort aus:

    Der Himmel überm Watt: Legendenlicht ...
    nicht weit vom Horizont, auf festen Spuren
    wie Automaten in Figurenuhren
    gehn Tier- und Menschenzüge, enden nicht.

Es ist nicht einfach ein sympathetisches Bekenntnis zu einer lyrischen Tradition, die sich in solchen Verweisungen ausdrückt; es ist eine alle Stilentwicklung überdauernde Verwandtschaft namentlich mit dem frühen Hofmannsthal (Loris) und seinen staunenden Fragen, wie sie die «Ballade des äußeren Lebens» stellt:

    Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
    Einander nie? und sind unzählig viele?
    Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

    Was frommt das alles uns und diese Spiele,
    Die wir doch groß und ewig einsam sind
    Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

Viele Deiner Gedichte reihen ähnlich antwortlos Frage an Frage: «Vie morte», «Photo», «Mit Bleistift», «Gezeiten», «Grenze», «Diwan», «Wohin»; oft sind es dieselben Fragen nach der Seltsamkeit der eigenen Existenz und der von uns zurückbleibenden Dingwelt, der Hohlformen verschollenen Lebens. «Wer alles ist durch dies hindurchgegangen (...)?» Hier das Gedicht, das mich in dieser Hinsicht am meisten ergreift, und das ich zugleich wegen der Selbstverständlichkeit bewundere, mit der sich die verschiedensten Wortformen aufeinander reimen. «Herz» auf «Schmerz», «Brust» auf «Lust» reimen ist gar nichts, aber «Stoff» (Nomen) auf «schroff» (Adjektiv), «niedertroff» (Imperfekt) und «hoff» (Konjunktiv I) – oder «hindurchgegangen» (Partizip Perfekt) auf «sich verschlangen» (Imperfekt) und «zu gelangen» (Infinitiv) oder gar das unbegreiflich schöne Reimpaar «verworrn» (Zustandspassiv) auf «von vorn» (Adverb): das sind fast Wunder. Überhaupt sind Deine Sonette (einschließlich der mir unverständlichen) von einer makellosen Identität von Syntax, Reim und Strophe, so, als legten sich die Sätze trotz ihrer labyrinthischen Gedankengänge von selbst, ohne mindesten Zwang, ohne die Notwendigkeit irgendwelcher «poetischer Lizenz», in die Sonettform. Auch dafür ist «Traum-Haft» ein Beispiel, das seinesgleichen sucht:

    Traum-Haft

    Das Licht von nirgends. Wände nicht von Stoff,
    die Hände greifen leer in zahllos viele
    Gelasse voll Gestühl verschollner Stile,
    an Fenstern enden alle Welten schroff.

    Wo einst Sekret von Drüsen niedertroff,
    entstehen Fleck um Fleck die Schattenspiele
    von Tuschen, hinschraffiert mit blindem Kiele,
    daß kein Beschauer auf Verstehen hoff.

    Wer alles ist durch dies hindurchgegangen –
    durch Welten, doch in einer stets gefangen?
    Die Spuren all der Gänge sind verworrn,

    wie sie sich trafen, trennten, sich verschlangen,
    um endlich, endlich auswärts zu gelangen
    – wo doch das Ende wieder hieß: von vorn!

    In: Der grinsende Vater (Meiendorfer Druck 16)

Es ist mir klar, daß Du bei diesem Nach- und Neuklang Hofmannsthals nicht bleiben konntest; und ich gebe zu, daß ein Vokabular wie das von «Großaufnahme» mit so vielen «lyrikunfähigen» und gerade deshalb im Sinne der Lyrik unverbrauchten Wörtern die Sonettform ungeheuerlich verdichtet (wobei mir jedoch die Wendung «Kristall erst schien» – genau wie die Variante «flau noch schien» – nicht ganz auf der Höhe Deiner Kunst scheint). Der Titel «Großaufnahme» hilft hier, wenn auch nicht alles deuten (Z. 7/8?), doch das Ganze verstehen und die auch hier eingelagerten Landschaftsbilder (Z. 9-11) metaphorisch einordnen:

    Großaufnahme

    Und Lichteffekt! Ja; blakend brennt der Kien,
    schlägt Schatten in die Ebenen von Puder ...
    da findet fix Canaille sich zu Luder:
    am Lide hängt ein Tropfen Glyzerin.

    Da flieht die Bilderflucht zum Flimmerscreen,
    an Tempos gehn in Fetzen ganze Fuder ...
    die kalte Linse krümmt sich krud und kruder,
    im Fokus flockt, was doch Kristall erst schien.

    Ein Atem lenkt verwehte Windgezeiten,
    die kentern an den Lippen, laufen ab
    und lassen Worte sich zu Wellen spreiten.

    Die Lippe rührt an Lippe wund und knapp,
    da soll im Lächeln Licht mit Dunkel fighten ...
    der Mund mit allen Zähnen grinst sich schlapp.

    In: Kino (Meiendorfer Druck 41)

Das Sonett als Form ist einem Schiff zu vergleichen – der Petrarcaschen «nave mia colma d’oblio» –; dieses hat freilich nicht als purer Kork auf den Wellen zu tanzen: schließlich hat es einen breiten Bug, der schon ordentlich im Wasser liegen muß, und ein sich verjüngendes Heck. Aber man kann das (Wort-)Material, aus dem es besteht, auch bis zu einem Punkt verdichten, an dem es wenn vielleicht nicht untergeht, doch allzutief ins Wasser hängt und gar nicht mehr von der Stelle kommt. Bei Zeilen wie «Und drüber raus, wo Schritt mit Tritt sich schnitt» scheint mir diese «Unflottheit» erreicht – auch ohne Worthermetik. Sicher ein notwendiges Stadium, aber – ich hoffe – nicht das Endstadium. Zurück will ich Dich nicht pfeifen, obwohl mir – als Deinem Leser – die Zukunft Deiner Ausdrucksmöglichkeiten ja im Dunkeln liegt und mir eben manche Deiner alten Sonette so viel geben. Zum Beispiel das Sonett «Gaswerk», dem der erzählerische Rahmen und das düstere Bild schon garantieren, daß es aus anderem besteht als Wörtern. Natürlich bewirken auch das gerade wieder die Wörter, aus denen es besteht; aber es sind doch Wörter, die etwas beschwören und nicht, so viel sie auch wohl für Dich in sich bergen, für «Dritte» pures Wortmaterial bleiben. Sei also nicht bös, wenn ich ans Ende nicht ein neueres, sondern ein altes Sonett von Dir setze: ein düsteres Selbstporträt. Es macht mir Freude, das Gedicht Zeile für Zeile abzutippen:

    Gaswerk

    Beim Gaswerk geht, am Wasser des Kanals,
    das Sonnenbilder träumt und Ratten denkt,
    zur Nacht ein Tier herum, den Fang verrenkt
    und voll von all dem Rost zerfreßnen Stahls.

    Mich narrt, was mich entsetzt: Was in mir ruht
    und geierköpfig mir entgegentritt,
    es hat, seit ihm ein Traum die Klauen schnitt,
    das Rotgeleucht der Kokerei im Blut.

    Am Grund der Kohlenhaldennächte wächst,
    was schwarze Träume schafft, ein Feuerkraut.
    Der Ort hat mich in schwarzes Fell gehext:

    Der Kohlenwind häuft Berge auf im Rund,
    im Gasometer wird ein Gift gebraut,
    ein fremder Atem geht aus meinem Schlund.

    In: Falsch und wunderbar (Meiendorfer Druck 22) *)

Nachsatz vom 19. Oktober 2000

Beim Wiederlesen Deiner Sonette damals fiel mir eines mit Schüttelreimen auf, das eine absolute Preziose unter den Schüttelreimgedichten ist und eigentlich gar nicht zu diesen gehört; es ist absolut frei von den semantischen Verlegenheiten solcher Produktionen und eher ein Grenzfall des reichen Reims.


*) Wohlleben kämpft ums Gaswerk (1962)

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