Arno Holz & Fernost

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Lithographie von Hans Steiner

Arno Holz und der Ferne Osten
Skizze von Robert Wohlleben

In der Wiener »Zeit« vom 22. Oktober 1898 befaßte sich Franz Servaes im Artikel »Impressionistische Lyrik« ausführlicher mit den Gedichten des ersten Phantasushefts von Arno Holz, im Frühjahr des Jahres erschienen. Servaes akzeptierte dabei das, was Holz in seiner »Selbstanzeige« der Publikation am 30. April des Jahres in Maximilian Hardens »Zukunft« zu Absicht und Verfahren erklärt hatte, kam also gar nicht erst dazu, wie andre Walt Whitmans »Leaves of Grass« als Einflußquelle anzunehmen. Demgegenüber brachte Servaes an, daß für Arno Holz und seine Werkstattgruppe »die chinesische Lyrik, wie sie Judith Walter in ihrem ›Livre de jade‹ […] gesammelt hat, insbesondere Li-Tai-Pe«, »von Bedeutung« war. Das scheint Servaes von Paul Ernst gehabt zu haben. Holz schrieb ihm jedenfalls gleich unterm 26. Oktober: »Die Daten, die Ernst Ihnen gab, stimmten sämmtlich nicht!«

Seine Richtigstellung: »das ›Livre de Jade‹ […] lernte ich kennen, erst nachdem der ›Phantasus‹ gedruckt vorlag.« [1] Was sich später in Paul Ernsts Erinnerungen findet, daß nämlich diese Sammlung alter chinesischer Gedichte außer auf ihn »auch auf Arno Holz eingewirkt« habe, [2] läßt sich so sagen, nur eben nicht fürs erste Phantasusheft. Mehr als für Literatur des Fernen Ostens interessierte sich Holz damals zunächst für Kunstgewerbe und Graphik von dort. Zumindest aber der Name Li-Tai-Pe [3] hatte ihm etwas gesagt: Damit läßt er die in der »Jugend« erschienene Vorform seines fernöstlich requisitierten Gedichts »Auf einem vergoldeten Blumenschiff« enden:

Auf einem vergoldeten Blumenschiff
mit Ebenholzmasten und Purpursegeln
schwimmen wir ins offne Meer.

Hinter uns,
zwischen Wasserrosen,
schaukelt der Mond.

Tausend bunte Papierlaternen schillern an seidnen Fäden.

In runden Schalen kreist der Wein.

Die Lauten klingen.

Aus unsern Herzen
jauchzt ein unsterbliches Lied
von Li-Tai-Pe! [4]

Für den Abdruck im ersten Phantasusheft nahm er den chinesischen Dichter wieder heraus, ersetzte die drei Schlußzeilen durch drei neue:

Aus fernem Süd
taucht blühend eine Insel …

Die Insel – der Vergessenheit! [5]

Chinesische Lyrik war damals durch französische Übersetzungen bekannt geworden. Mit ihrer – von Wolfgang Bauer in Kindlers Neuem Literatur-Lexikon für Li taibo vermerkten – »kunstvollen Schlichtheit« muß sie gerade für jemanden wie Arno Holz in seinem Streben nach »natürlicher« Einfachheit interessant gewesen sein. Tatsächlich hat er sie hochinteressiert aufgenommen. Reinhard Piper erinnert sich an einen Besuch bei Holz in der zweiten Junihälfte 1898, als das erste Phantasusheft bereits vorlag:

    Ich traf ihn bei der Lektüre einer französischen Übersetzung chinesischer Lyrik. Das Buch war 1862 in Paris erschienen und führte den Titel »Poésies de l’époque des Thang (VIIe – IXe siècle de notre ère), traduites du Chinois pour la première fois par le marquis d’Hervey-Saint-Denys.« Es enthielt vor allem Gedichte von Litaipe und Thufu. Holz war davon begeistert und erklärte in seinem Überschwang, dagegen gehalten sei das Goethesche »Über allen Gipfeln ist Ruh« geradezu ein Bombast. Er gab mir das Buch mit, und ich schrieb mir manches daraus ab. [6]

Demnach geriet der Name Li-Tai-Pe in die Gedichtveröffentlichung von Mitte Januar 1898, bevor sich Holz – dem »Überschwang« nach zu urteilen – erstmals wirklich mit dem Dichter befaßte. Pipers Erinnerung unterstützt Holzens Auskunft zu seiner Begegnung mit chinesischer Lyrik. Beim damals längst aufgeblühten Interesse an Fernöstlichkeiten kann es gut angehn, daß Holz den Namen Li-Tai-Pe in Gesprächen oder durch Lektüre aufgeschnappt hatte … mit Sicherheit mindestens durch Otto Julius Bierbaums »Musen-Almanach auf das Jahr 1893«, in dem Arno Holz mit neun Gedichten vertreten ist, dort im Anhang »Übersetzungen« an erster Stelle Richard Dehmels »Chinesisches Trinklied. Nach Li-tai-po«. [7] Mit ihrer gereimten, 45-zeiligen Ausführlichkeit war diese Probe aber nun gewiß keine Anregung für Holzens Bemühen um reimlose Knappheit. So wäre dann der Name Li-Tai-Pe in der Vorform des Blumenschiff-Gedichts nicht mehr als ein Tupfer Lokalkolorit gewesen.

Spätestens dann wohl 1905 wird Li-tai-pe abermals berufen … vorausgesetzt, der Name war in der für dies Jahr von Karl Geisendörfer gefundenen, [8] mir nicht bekannten Erstveröffentlichung eines in den Phantasusausgaben ab 1916 enthaltenen Gedichts bereits enthalten. [9] In der Nachlaßfassung mit der Überschrift »Neunzehnhunderteins in meiner Hinterhauskamurke«. Beginn in der Fassung von 1916:


Zu meinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als deutscher Dichter
lade ich mir … alle Götter.


Andre Prominente sind auch dabei:


Wir sind schon beim Siriussekt: »Prost, Li-tai-pe!« »Prost, Shakespeare!«


Gegen Ende des Gedichts wird Georg Stolzenbergs Vertonung des Holzschen Gedichts »Über die Welt hin ziehen die Wolken« geboten:


Geflügelte Engelsköpfchen
singen,
Mozart dirigiert:

»… unter wehenden Blumen blüht tausend Trost. Vergiß! Vergiß! …«


Im darauf folgenden Schluß erweist sich der Dichter als etwas fernöstlich kostümiert:


Tränen
rollen mir in den Fünfundsiebzigpfennigschlips mit dem japanischen Drachenmotiv.


In seinem Aufsatz zu Holzens Tiergartengedicht geht Hans Dieter Zimmermann »asiatischen Einflüssen in der Lyrik von Arno Holz« nach, erwähnt am Wege dessen »Interesse für japanische Holzschnitte«. [10] Reinhard Piper hatte 1899 erlebt:

    Ich war überreizt. Holz suchte mich zu beruhigen, und um mir zu zeigen, wie gut er es mit mir meine, schenkte er mir ein Buch mit reizenden japanischen Stoff- und Tapetenmustern, das ihm selbst sehr wertvoll war. [11]

Mehr aus bebilderten Berichten über die fernen Regionen denn aus Literatur von dort dürften mithin geschöpft sein: die Papierlaternen auf dem Blumenschiff, die buddhistisch-indisch anmutende Szenerie zu Anfang des Gedichts »Fern auf der Insel Nurapu«, [12] die womöglich chinesische Tempelkulisse in »Nachts um meinen Tempelhain«, [13] der Holzschneider Utamaro im Dachkammergedicht, [14] der »Fluss Fu« in »Drei Tage lang« und der Berg in »Ueber den Gipfel des Fuyi-no-nama«. [15] Das Drachenmotiv im letztgenannten Gedicht, viertes im zweiten Phantasusheft, scheint auf einem japanischen Rollbild zu beruhen, das Arno Holz in Wiedergabe gesehen hat, oder gar im Original:

Ueber den Gipfel des Fuyi-no-yama,
auf Feuerflügeln,
hebt sich Kijo Matija, der graue Drache.

Der Mond verblasst,
alle Sterne erblinden.

Ich packe meinen Bogen aus Ebenholz,
spanne den federnden Bambusbügel
und lege den silbernen Pfeil auf.

Ich ziele.

Mit der Nase
stürzt er in den Baikalsee,
sein linker Hinterzeh zerquetscht den Dhawalagiri.

Die Erde grünt, ihre Saaten schiessen,
alle Weiber gebären wieder!

»Alter Goldgrund-Kakemono« lautet die Überschrift der Großversion des Gedichts in der Nachlaßfassung des Phantasus. [16]

Und in einem Brief an Holz, irgendwo im Arno-Holz-Archiv der Amerika-Gedenkbibliothek, schrieb Robert Reß von einem japanischen Bronzekranich, der zum Verkauf stand. Die Skulptur fand dann wohl später ihren Platz in Holzens Tragödie »Sonnenfinsternis«: Unter den Requisiten, die Holz fürs Atelier des Protagonisten, des Malers Hollrieder, vorsieht, sind ein »kunstvoll gearbeitetes, japanisches Wandschränkchen«, zwei »hohe, altchinesische Vasen« und ein »großer, bunt emaillierter Bronzekranich«. [17]

Jeßner-Bühne

Theateranekdote. Der Regieplan für die von Leopold Jeßner in Hamburg am Thalia-Theater inszenierte Uräufführung der »Sonnenfinsternis«, 16. September 1913, hält sich weitgehend an Holzens Anweisungen. [18] An etwa der vorgesehenen Stelle ist ein »Schränkchen« eingezeichnet, im Kommentar »Wandschränkchen R. Zum Oeffnen, darin verschiedene kleine Fläschchen und Pulverschachteln«. »Zwei japanische Vasen und ein bunt emaillierter Bronzekranich, verschiedene Bilder und Skizzen, eine Kiste mit Zigarren (1 richtig) und Feuerzeug« sind allerdings in einem »Regal a. d. S., L.« insofern fehlplaciert, als ein von Holz verlangtes »schöngeschnitztes altgotisches Regal, das von der Einfachheit des Übrigen auffallend absticht«, dazu dienen soll, daß »La bella Cenci« darauf »das Thema des zweiten Satzes von dem Schubertschen D-Moll-Quartett« spielt, schon – »auf einem Harmonium gespielt« – zu hören, bevor sich der Vorhang hebt. Weil der Platz fürs Instrument, die kleine tragbare Orgel, ans Möbelstück vergeben ist, sieht der Regieplan vor: »Harmonium M., L., Aufgeschlagene Noten«. (Ebenso wie durch das mit dem Bücherregal auf der Bühne war Holz recht entgeistert, als er zudem erzählt bekam, sein Protagonist, der Maler Hollrieder, sei mit einem »wehenden Künstlerschal« ausstaffiert gewesen.)

Bei den andren Mitgliedern des Regiments Sassenbach spielt Fernost-Motivik nahezu keine Rolle. In einer spaßhaften Zukunftsphantasie von Rolf Wolfgang Martens schafft es Holzens Sohn Walter – bei Erscheinen des betreffenden Gedichts vier Jahre alt – als Erwachsener bis nach Japan:

Auf Grund der allgemeinen europäischen Amnestie,
kehre ich soeben aus Benares zurück.

Ich bin ein würdiger Herr geworden,
mit riesiger Glatze und schrumplich wie Backobst.

Ich besuche die Jungefrau.

Mein Gottchen, schneeweiß geworden!

Ein livrierter Diener serviert den Kaffee.

Vatern schläft.

»Na, und die Jungens?«

»Junny Professor,
und Bila der reichste Antiquitätenhändler in Tokio.«

»Ja ja, unser kleiner Bila!« –

»Onkel Stolzenberg ist doch recht alt geworden.«

»Und so plötzlich! Wollns ihn aber nicht merken lassen!«

Wir schweigen.

Dann
klagt sie über die Dienstboten.

»In unsrer Zeit wars anders!«

»Ja, ja!«
Ich fühle mich doch recht angegriffen.

Ich nicke ein bischen ein. [19]

Martens projizierte Hoffnungen bis Gewißheiten, wie sie junge Eltern gern für ihre Kinder hegen, in die Zukunft. Den Aufstieg zum »reichsten Antiquitätenhändler in Tokio« verdankt Bila dann sicher dem väterlichen Interesse an fernöstlicher Kunst, das in der »Corona« um Arno Holz einigen Gesprächsstoff geboten haben dürfte.

Beim Holzschüler Robert Reß ein Japan als Locus amoenus:

Fern unter Blüten vergraben
schimmern die tausend Inseln von Japan.

Millionen bunte Papierlaternen
überstrahlt ein gelber Mond.

Schaukelt sich
in kleinen, eirunden Teichen,
eingefasst mit Perlmutterglanz und stillen Farren.

Er ist selbst nur ein riesiger Lampion
aus ganz dünnem Seidenpapier. [20]

Ein Freund von Arno Holz, Hans Heilmann, übertrug Gedichte aus dem »Livre de jade« und den »Poésies de l’époque des Thang« nach den französischen Versionen ins Deutsche. Sie gingen ein in die von Heilmann eingeleitete und annotierte Sammlung »Chinesische Lyrik vom zwölften Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart«, auf Holzens Empfehlung hin 1905 von Reinhard Piper herausgebracht. Ob sich Heilmann bereits vor dem Erscheinen des zweiten Phantasushefts mit den chinesischen Dichtern befaßte und sich womöglich mit Holz darüber austauschte, weiß ich nicht. Jahre nach den beiden Phantasusheften bearbeitete Arno Holz die Heilmannsche Version eines Gedichts von Li-Tai-Pe, nahm das Ergebnis in die Phantasus-Folioausgabe von 1916 auf, mit 223 Wörtern den 114 Heilmanns gegenüber fast doppelt so umfangreich. Da hatte längst die ausfächernde Methode zur Texterzeugung eingesetzt, führte zu 340 Wörtern in der Ausgabe letzter Hand, zu 454 schließlich in der Nachlaßfassung. [21]

Verwendet hat Holz seine Bearbeitung der Heilmannschen Vorlage als Einsprengsel im Extremfall einer Gedichterweiterung: Aus fünfzehn Zeilen im zweiten Phantasusheft, beginnend »Gottseidank! // Die Hausthür ist zu«, [22] wurden schließlich rund 460 Druckseiten der Nachlaßfassung, erst dort mit der Überschrift »Das Tausendundzweite Märchen«. In der Ausgabe von 1925 wie auch in der von 1962 füllt dies Großgedicht den ganzen zweiten Band. Es geht darin um ein weiträumiges voyage autour de la chambre. Sämtliche Fassungen beginnen – »Gottseidank! Die Haustür ist zu« – und enden – »erzählt mir eine Geschichte« – mit denselben Worten. Außer mit Li-Tai-Pe füllte Arno Holz dort mit weiteren Persönlichkeiten auf: Geschichtsschreiber Sze-ma-kwang, Ikonenmaler Korin, Alexander der Große, Archimedes, Cäsar, Albertus Magnus, Kopernikus, Rubens, Mozart.

Im Aufsatz »Ein Kukuk ruft« hielt Hans Dieter Zimmermann Heilmanns Lösung und Holzens Adaptation in der Version von 1916 nebeneinander. [23] Was sich bei Holz an Wortkaskaden ergibt, gefällt ihm nicht. Zimmermann sieht »protzige Wortemacherei«. Nun gut, solche Abständigkeit dem Großphantasus gegenüber hat Tradition. Schon 1917 monierte Hans Benzmann: »Ein Gedicht soll doch kein Lexikon sein.« [24] Gerhard Schulz sah 1968 »Zerstörung der lyrischen Substanz durch eine Häufung des Details«. [25] In einer 1970 vom SFB-Hörfunk ausgestrahlten Sendung hieß es über den Großphantasus: »monströse Totgeburt«. [26]

An Hand einer Zeile der Heilmannschen Übersetzung eine kurze Andeutung zum Holzschen Ausbauverfahren. Der chinesische Dichter erzählt anfangs, daß er nach einem Saufexzeß vor der Tür seines Hauses einschläft. Dann bei Heilmann:

    Wieder erwachend schlage ich die Augen auf. [27]

Arno Holz phantasierte sich in die Situation hinein, Version im Druck von 1916:

Wieder erwachend,
der Himmel glänzt, die frühe, junge Morgensonne wärmt,
der Tau auf meinen breiten Ärmeln, an allen Gräsern, von allen Büschen, blitzt und schimmert noch,
reglos, lange, langsam, blicke ich um mich. [28]


Zimmermann geht davon aus, daß sich Arno Holz schon Anfang der 1890er Jahre auf folgendes Haiku des Japaners Bashō bezogen habe: [29]

    Da: der alte Teich.
    Plötzlich springt ein Frosch hinein –
    ein kleines Plätschern.

Beleg dafür ist ihm Holzens Gedicht »Alter Garten« aus dem »Musen-Almanach auf das Jahr 1893«, ins erste Phantasusheft aufgenommen [30] und bis hin zur Nachlaßfassung kaum verändert, dort mit der Überschrift »Verglostende Dämmerung«. [31] Hier die Frühfassung:

    Kein Laut!
    Nur die Pappeln flüstern . . .

    Der alte Tümpel vor mir schwarz wie Tinte,
    Um mich, über mir, von allen Seiten,
    Auf Fledermausflügeln,
    Die Nacht,
    Und nur drüben noch,
    Zwischen den beiden Weidenstümpfen,
    Die sich im Dunkel wie Drachen dehnen,
    Matt, fahl, verröchelnd,
    Ein letzter Schwefelstreif.

    Auf ihm, scharf, ein Schattenbild:
    Ein Faun, der die Flöte bläst.

    Ich sehe deutlich seine Finger.
    Zierlich alle gespreizt
    Und die beiden kleinsten höchst kokett aufwärts gehoben.
    Das graziöse Röhrchen quer in ihrer Mitte
    Schwebt fast wagrecht über der linken Schulter.
    Auf die rechte seh ich.
    Nur den Kopf nicht.
    Der fehlt.
    Der ist runtergekullert.
    Der liegt seit hundert Jahren schon
    Unten im Tümpel.

    Plitsch! – ?
    Ein Frosch.

    Ich bin zusammengeschrocken.
    Der Streif drüben erlischt,
    Ich fühle, wie das Wasser Kreise treibt,
    Und die uralte Steinbank,
    Auf der ich sitze,
    Schauert mir plötzlich ihre Kälte
    Bis ins Genick hinauf.

    Still!! Schritte?

    Nein. Nichts.
    Nur die Pappeln . . . . . [32]

Teich und Frosch in Japan wie in – vermutlich – Berlin oder Umgebung. Nur: Arno Holz konnte damals das Haiku von Matsuo Bashō (1644 bis 1694) mit Sicherheit nicht kennen und hatte offensichtlich auch gar nicht daran gedacht, japanisch-epigrammatische Kürze anzustreben. Als Anthologien japanischer Dichtung mit vielleicht gewisser Breitenwirkung erschienen 1884 »Altjapanische Frühlingslieder« von Rudolf Lange und – zu spät für das Holzsche Teichgedicht – 1894 die »Dichtergrüße aus dem Osten« von Karl Florenz. Beide ohne Bashō, denn Lange hatte für seine Übersetzungen die Sammlung Kokinwakashu aus dem 10. Jahrhundert benutzt, Florenz japanische Gedichtsammlungen aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Sollte es frühere Veröffentlichungen von Haiku-Übertragungen gegeben haben, wären diese wohl »in nur schwer zugängliche Publikationsmedien ›eingeschreint‹«, von Robert F. Wittkamp in Bezug auf Veröffentlichungen des auch mit japanischer Literatur befaßten Sinologen August Pfitzmaier (1808–1887) angemerkt. [33] Ihnen fehlte auf jeden Fall die Breitenwirkung.

Dies Bedenken betrifft nebenbei auch Arno Holzens zeitweiligen literarischen Kompagnon Paul Ernst, in dessen Gedichtband »Polymeter«, 1898 kurz nach dem ersten Phantasusheft erschienen, Herbert Fussy die »ersten ›selbständigen‹ deutschen Haiku« zu finden meinte. [34] Gedacht ist dabei an ein paar kurze »impressionistische« Notate dieser Art:

    Eine Wasserrose,
    Die aus der Tiefe auftaucht.

    Kräuselt sich das Wasser. [35]

So bleibt also die Feststellung: Eine »Empfänglichkeit für Naturschönheiten«, wie sie der Große Meyer als eine der »Haupteigentümlichkeiten des Volksgeistes« in der japanischen Dichtung walten sieht, [36] brachte halt auch 250 Jahre später und weit entfernt in Berlin Arno Holz dazu, Teich und Frosch in ein Gedicht eingehen zu lassen, mitsamt dem zugehörigen Wassergeräusch. Der Sprachstil ist auf Nichtgeheures angelegt. Für ironische Brechungen sorgen die lautmalerische Interjektion »plitsch!« – ein bißchen nach Wilhelm Busch klingend, von Zimmermann als Kalauer gewertet – und der wie kindliche Zungenschlag beim Faunskopf, der ins Wasser »gekullert« ist. Zimmermann nicht genehme Störung auch durchs synästhetische »Verrröcheln« fürs Schwinden des letzten Abendscheins am Himmel, halbwegs expressionistisch anmutend.

Das Gedicht könnte übrigens durchaus eine Weile vor dem Erscheinen im »Modernen Musenalmanach« entstanden sein, denn schon in der ersten Hälfte der 1880er Jahre experimentierte Holz mit dem für seine Phantasusgedichte von 1898/99 propagierten »natürlichen Rhythmus«. Ein damals verfaßtes Gedicht nahm er in die zweite Auflage seines »Buchs der Zeit« auf, 1892 erschienen, ließ dann das erste Phantasusheft damit beginnen.

Hans Dieter Zimmermann vergleicht Bashōs und Holzens Teichgedichte, wobei es ihm nicht darum gehe, daß Holz »am japanischen Haiku gemessen und dann verworfen« werde. Dennoch paßt ihm die janze Richtung nicht:

    Und was bei Holz immer wieder auffällt: seine Wichtigtuerei, die auch in diesem Gedicht in den getadelten Stellen zum Ausdruck kommt, seine Redseligkeit, manchmal auch sein Bramarbasieren. Da hat er etwas von der Großspurigkeit des Berliners des Kaiserreichs. Da fehlt eben jene poetische Bescheidenheit des japanischen Dichters, der in seinem Gedicht verschwindet, ganz und gar. [37]

Abschließend kommt Zimmermann zum Urteil:

    So mache ich Holz nicht zum Vorwurf, daß er keine chinesischen Gedichte geschrieben hat. Ich mache ihm zum Vorwurf, daß er keine besseren Gedichte schrieb, also Gedichte, in denen er mit weniger Worten mehr gesagt hätte. Das hätte er bei den Chinesen und Japanern lernen können: eine gewisse Sparsamkeit in der Wortwahl. [38]

Sparsamkeit in der Wortwahl, wie von Zimmermann geschätzt, hatte Holz ja zur Genüge in seinen beiden Phantasusheften demonstriert. Dementsprechend stellte Gerhard Schulz den Zyklus von 1898/99 weit über die späteren Ausformungen: »So sind die frühen ›Phantasus‹-Gedichte eigentlich das Vollendetste, was Holz als Lyriker geschaffen hat.« [39]

An den Großphantasus als deutlich erkennbares Alterswerk ist jedoch mit andrem Instrumentarium heranzugehn. Ich machs mir einfach und zitiere dazu aus meiner Besprechung der Tonaufnahme »Der längste Satz der Weltliteratur. Aus dem ›Phantasus‹. Gesprochen von Klaus M. Rarisch«, S Press Tonband von 1973:

    Als ob tatsächlich die Erstfassung des »Phantasus« mit den späteren Fassungen zu vergleichen wäre! Die genauere Beschäftigung mit dem Holzschen Werk ergibt vielmehr, daß es in zwei grundverschiedenen Phasen entstanden ist. Die erste Phase ging ungefähr mit Holzens viertem Lebensjahrzehnt zu Ende; gegen Ende dieser Phase legte er Erst-»Phantasus« (1898/99) und »Dafnis« (1903) vor. Das Arbeitsprinzip auf eine grobe Formel gebracht, ging es Holz darum, Sachverhalte und Bilder zum passenden Wort kommen zu lassen, mehr oder weniger Kurzformen waren das Ergebnis.

    Im fünften Lebensjahrzehnt vollzieht sich jedoch unter großen Schwierigkeiten eine tiefgreifende Umorientierung, nach deren Abschluß nun die Wörter zu den Bildern kommen, und sind sie nicht willig, mit Gewalt – d. h. zur Not mit Wörterbüchern u. dgl. – dorthin getrieben werden, und zwar auch gleich in hellen Haufen. 1912 beginnt Holz erneut mit der Arbeit am »Phantasus« und bleibt bis zu seinem Tode dabei. Die hundert Gedichte der Erstfassung sind für den nun entstehenden neuen »Phantasus« aber meist nicht mehr als ein dünner motivischer Rahmen, der völlig neu mit Wortmaterial ausgefüllt wird. [40]

Die 1905 begonnene Arbeit an der umfangreichen Tragödie »Sonnenfinsternis« – 1908 zuerst im Druck erschienen – markiert bei Arno Holz die Wende zum Alterswerk, gipfelnd in den Großgedichten des Phantasus. [41] Die burleske »Blechschmiede« nicht zu vergessen. Er wurde zum Außenseiter.

Das hatte er schon früh geahnt, schrieb 1903 an Maximilian Harden von der »Erkenntniß, die mir mit jedem Jahre mehr aufgegangen ist, daß sich mit Kunst im allersublimsten Edelsinne auf Zeitgenossen nicht wirken läßt.« Die gemeinsam mit dem Freund Oskar Jerschke verfaßten, auf Bühnenerfolg zielenden Theaterstücke würden ihm die Möglichkeit sichern, »nach vielleicht 10 oder meinetwegen 20 Jahren meinen einen ›Phantasus‹ unterzubringen, in dem ich jene Kunst geben will, die auf Zeitgenossenschaft verzichtet.« [42] Konsequent im Sinne seines Wahlspruchs »lex mihi ars«. Entsprechend witzelte Holz mal bitter über eine Phantasusausgabe in dreizehn Exemplaren: zwölf für die Freunde, eins für die Masse.


(Illustration aus Hans Steiners lithographischen Randzeichnungen zu Arno Holz: Deutsches Dichterjubiläum. Berlin: Birkholz 1923.)

1] Arno Holz: Briefe. Hg. v. Anita Holz und Max Wagner. München: Piper 1948. S. 123.
2] Paul Ernst: Entwicklungen. Hg. v. Karl August Kutzbach. München: Claudius 1966, S. 308.
3] Kindlers Neues Literatur-Lexikon schreibt ihn Li taibo mit dem Vermerk »eig. Li Bo (Li Bai)«.
4] Jugend, 3. Jg. (1898), Nr. 3, S. 40.
5] Arno Holz: Phantasus. Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung. Hg, von Gerhard Schulz. Stuttgart: Reclam 1968 u. ö. ( RUB Nr. 8549), S. 31.
6] Reinhard Piper: Vormittag. Erinnerungen eines Verlegers. München: Piper 1947, S. 210.
7] Otto Julius Bierbaum (Hg.): Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1893. Ein Sammelbuch deutscher Kunst. München: E. Albert & Co. 1893., S. 389 f.
8] Karl Geisendörfer: Motive und Motivgeflecht im »Phantasus« von Arno Holz. Würzburg: phil. Diss. 1962, S. 67. – Dort als Ort des Erstveröffentlichung vermerkt: »Funken III, 38 (1905)« … vielleicht ein Belegstück im Arno-Holz-Archiv der Amerika-Gedenkbibliothek, Berlin? Geisendörfer hatte dort recherchiert.
9] Arno Holz: Phantasus. Leipzig: Insel 1916, S. 320-322; Arno Holz: Das Werk. Erste Ausgabe mit Einführungen von Dr. Hans W. Fischer. Berlin: Dietz 1924 u. 1925, Bd. 3, S. 1294-1301; Arno Holz: Werke. Hg. v. Wilhelm Emrich und Anita Holz. (Neuwied, Berlin-Spandau): Luchterhand 1961–1964, Bd. 3, S. 474-480.
10] Hans Dieter Zimmermann: »Ein Kukuk ruft«. Asiatische Einflüsse in der Lyrik von Arno Holz. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. H. 121, Januar 1994, S. 97.
11] Piper, Vormittag, S. 230.
12] Holz, Phantasus (Reclam), S. 17.
13] Ebd. S.32.
14] Ebd. S. 104.
15] Ebd. S. 61 bzw. S. 62.
16] Holz, Werke, Bd. 1, S. 408-416.
17] Sonnenfinsternis. Von Arno Holz. Regieplan von Leopold Jeßner. In Scene. Blätter für Bühnenkunst. 3. Jg., H. 4, Oktober 1913, S.58-61.
18] Holz, Werk, Bd. 4, S. 100.
19] Rolf Wolfgang Martens: Befreite Flügel. Berlin: Johann Sassenbach 1899, S. 55.
20] Robert Reß: Farben. Berlin: Johann Sassenbach 1899, S. 50.
21] Holz, Werke, Bd. 2, S. 247-252.
22] Holz, Phantasus (Reclam), S. 74.
23] Zimmermann, S. 102 f.
24] Berliner Börsenzeitung, 22. 4. 1917.
25] Holz, Phantasus (Reclam), S. 153.
26] Martin Pfeideler: »Phantasus«. Ein Rückblick auf Leben und Werk von Arno Holz mit Zitaten aus seinem Werk. SFB, I. Programm, 22. 2. 1970 (Sendemanuskript).
27] Zitiert nach Zimmermann, S. 102.
28] Holz, Phantasus (1916), S. 159.
29] Zimmermann, S. 99.
30] Holz, Phantasus (Reclam), S. 47.
31] Holz, Werke, Bd. 1, S. 327-329.
32] Bierbaum, Musen-Almanach, S. 78 f.
33] Robert F. Wittkamp in: Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (Hamburg), Jg. 76 (2006), S. 409-420 [= Rezension von Andreas Wittbrodt: Hototogisu ist keine Nachtigall. Traditionelle japanische Gedichtformen in der deutschsprachigen Lyrik (1849–1999)].
34] Herbert Fussy: Zur Geschichte des deutschen Haiku. In Podium, H. 1, 1980.
35] Paul Ernst: Polymeter. Berlin-Paris: Joh. Sassenbach 1898, S. 110. – Neuausgabe, hg. von Ralf Gnosa. Leipzig: Reinecke & Voß 2016, S. 55.
36] Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Aufl., neuer Abdruck. Leipzig, Wien: Bibliographisches Institut 1905–1909, Bd. 10, S. 198.
37] Zimmermann, S. 100.
38] Ebd. S. 103.
39] Holz, Phantasus (Reclam), S. 155.
40] Robert Wohlleben: Eindreiviertel Stunden »Phantasus«: Arno Holz für heute! In: die horen, Nr. 94, 1974, S. 59 f. (Es hätte »Eineinviertel Stunden« heißen müssen!)
41] S. dazu mein Nachwort zu Arno Holz: Berg des Lebens. Ein Phantasusgedicht fürs Theater. Aus der Tragödie »Sonnenfinsternis«. Mit einem Augenzeugenbericht von Robert Reß, einer Zeichnung zum Thema von Frank Böhm und einem Nachwort hg. von Robert Wohlleben. Hamburg: Meiendorfer Druck Nr. 5 1980.
42] Brief an Maximilian Harden vom 14. 1. 1903 (Nachlaß Holz II, Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem).
 


Rechte bei Robert Wohlleben