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Robert Wohlleben:

Sonett – funktioniert die Form?

 

Eingang

1.

Alter Schlauch?

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Form und Funktion

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Sonette entdecken

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Zur Sonettstruktur

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Sonette schreiben

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Meine Sonette

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Rätsel      

8.

Sonett als Brief

9.

Gespräch in Sonetten: Tenzone

10.

Übertragungen

11.

Meiendorfer Drucke:
Container für Sonette

12.

Sonett im Internet + Schluß

1. Alter Schlauch?



Ich verspreche hier nichts Allumfassendes zu Typologie oder Theorie oder Geschichte der Gedichtform Sonett. Ich bin kein Sonettforscher. Mein häuslicher Handapparat ist in seiner Dürftigkeit kaum als solcher zu bezeichnen. Nur was sich über die Jahre mehr zufällig einfand: zweimal Louise Labé, Johannes R. Becher, etwas Shakespeare, von Friedrich Eisenlohr, Livingstone Hahn und Ludwig Rubiner die «Kriminal-Sonette», A. R. Penck, weil hübsch fürs Auge, Ludwig Harig und ein bißchen dies und das, auch «I Modi» von Pietro Aretino neben Pietismen von Reinhold Schneider. Rilkes «Sonette an Orpheus» sind grad dauerhaft verliehen. Mit Rückgriff auf eine beliebte Koketterie gesagt: Das Bißchen, was ich lese, schreibe oder verlege ich mir selbst. Die sonetthaltigen Nummern meiner «Meiendorfer Drucke» sind jedenfalls auch zur Hand: Titel von Richard Klaus, Dieter Volkmann, Klaus M. Rarisch, Albrecht Barfod, Ernst-Jürgen Dreyer, Herbert Laschet Toussaint = HEL, Lothar Klünner, Ludwig Harig, Matthias Koeppel und von mir. Später mehr dazu. Brauche ich über meine Praxis hinaus etwas distanziert Anschauendes, halte ich mich an die Broschüre «Sonett» von Hans-Jürgen Schlütter, unterstützt von Raimund Borgmeier und Heinz Willi Wittschier, 1979 bei Metzler im Rahmen der «Realien zur Literatur» erschienen – für meine Zwecke hinreichend neu und ausreichend.

Als Betroffener wie Betreffender zur Gedichtform und zum Reizwort Sonett was sagen … das geht nicht ohne Zitate ab, Sonette natürlich in erster Linie inbegriffen. Aber zunächst zitiere ich einen Beitrag in meinem Internet-Forum «Sonette»:

 

Daß sich endlich einmal eine Seite fast nur mit Sonetten beschäftigt, kann ich nur begrüßen – und ich stelle fest, daß diese uralte Form, die heutzutage von sogenannten Lyrikern als «knöchern», «gemeißelt» und «nicht mehr zeitgemäß» bezeichnet wird, noch heute so up to date ist wie im Barock.
 

Wer hier per Anführung zitiert wird, weiß ich nicht. Aber solch Vorurteil liegt auf der Straße, ist im Grunde banal und schwingt mit, wo sich Karl Riha mit dem verspielt denunziatorischen Titel «so zier so starr so form so streng» am Sonett reibt. Daß er es als Zielscheibe für seinen Spott wählt und diesen per Druck vor Publikum bringt, läßt allerdings darauf schließen, daß er den Gegenstand nun gerade nicht als bagatellhaft Gleichgültiges wertet … sonst hätte er die Achseln gezuckt und sich die Mühe gespart. Gern (und gern mißverstanden) zitiert wird dann wohl auch Robert Gernhardts hochironisches, dem Sonettverächter in den Mund gelegtes Sonett in Neusprech:

karl riha: naturform des sonetts

 karl riha: naturform des sonetts nach l. 

 


Materialien zu einer Kritik
der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so’n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Neu ist die Pseudo-Schelte nicht. Und ebenso wenig neu die Ironie, sie als Sonett zu präsentieren. In den 1918 erschienenen «Hundert Bonbons» des Ironikers Mynona alias Salomo Friedländer liest sich das Anfangssonett so:

 

In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
Wer heut’ Sonette macht, ist nur ein Schwein.

Daher auch hüt’ ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich’s auch wollte, nicht in diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag’ ich immer: nein!

Ich hoppse, wie die Muskeln mir’s diktieren,
Will nicht in fremde Form gezwungen sein
Und fühle mich ganz frei in meiner – meiner!

Pfui Teufel, sollt’ ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarca seiner.

Der amerikanische Neutöner Walt Whitman aus dem 19. Jahrhundert wird gegen einen der Sonett-Gründerväter aus dem 14. ins Feld geführt. Dann folgen 99 weitere Sonette mit humoristischem Aroma bis hin zum «hundertsten Bonbon». Mynona und Gernhardt formulieren den Ennui angesichts anscheinend zwanghaft wiederholter Formgesetze und genießen dennoch das Spiel, sie getreulich umzusetzen.

Direkt mit dem Anwurf der Lebensferne konfrontiert sah sich auch mein Freund, Dichterkollege und Verlagsautor Klaus M. Rarisch, als Lothar Klünner – Beteiligter der seinerzeitigen Berliner «Badewanne», also kabarettistisch geschult – Rarisch und seine Sonettproduktion auf die Hörner nahm. Oder umgekehrt: sich anbot, sich auf die Hörner nehmen zu lassen – kaum anders möglich als mittels eines Sonetts:

 

Den Sonettisten

Wenn am Sonette noch so nette Zeitgenossen
wie Rarisch, Rühmkorf, Kraft und Klünner sitzen,
fragt, wer Gedichte liebt: Wem soll das nützen?
Ist das Kapitel nicht längst abgeschlossen?

Wie wahr! Doch narren uns noch stets die alten Possen:
der Dichter Stolz, die Eitelkeit der Schützen.
Mit vierzehn Reimen, vierzehn Geistesblitzen,
wird Weltanschauung in die Welt geschossen.

Die Welt? Wohl kaum! Kopflastig trifft der Pfeil
nichts Lebendes, schafft weder Lust noch Plagen.
Kein Orpheus nimmt an diesem Spiel mehr teil.

Sonette schreiben, wißt ihr, was das heißt?
Im Dorf der Schützenkönig kann’s euch sagen:
Ein Scheibenschießen! Mir geht’s auf den Geist.

Rarischens Replik kam prompt und beschwört in ihrem Vollklang – Goethe klingt an – mit Orpheus auch die nach wie vor wirkende Kraft seines Gesangs:

 

Den Sonettisten

Du bist Genosse einer netten Zeit,
die scheinbar nur auf tote Scheiben schießt
und den zum Schützenkönig sich erkiest,
der Blech betrommelt und der Glas zerschreit.

Statt Mut preist unsre Zeit Gemütlichkeit.
Sie zielt aufs Leben. Wenn sie Blut vergießt,
dann soll es Blut sein, das gemütlich fließt:
Poetenblut, am liebsten unverbleit.

Es spielt das Spielchen, bis er ausgeblutet,
Old Orpheus oder wie er heute heißt.
Gleichviel, ob er noch singt, ob er nur tutet –

die Witze, die er reißt, besitzen Geist.
Gleichviel, mit wem die Welt sich grad beschäftigt –
es gilt die Kraft nur, die sich selbst bekräftigt.

Da gab dann ein Sonett das andre, ein zunehmend geharnischtes Streitgespräch in Sonetten entspann sich. Diese «Tenzone» ging ein in den Meiendorfer Druck «Hieb- und stichfest», begleitet von sonettförmigen Ein-, Nach-, Zu- und Abreden anderer. Von der Seite her – und nur gelegentlich in ausgelieferte Exemplare «Hieb- und stichfest» eingelegt – mein Kommentar:

 

Ein schieres Stich- und Hiebfest
bescheren uns die Dichter.
Das wächst sich aus zum Triebtest …
als ginge es nicht schlichter!

Was uns zur Not ein Dieb läßt,
verleidet uns Gelichter.
Was niemand je durchs Sieb preßt,
geht auch durch niemands Trichter.

Da komm mal drauf! Und dann
vertick uns mal, wer kann,
wie Tinte auf den Strich näßt.

Als Adam grübelnd spann,
besann er sich … doch wann
wars jemals HIEB- UND STICHFEST?

Das Widerspiel von Angriff und Verteidigung bezüglich des Sonetts hatte schon eine ganze Weile früher Goethe in Eins gefaßt und mit lehrhaftem Stirnrunzeln als zitatgeeignete Synthese präsentiert:

 

Das Sonett

Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben,
Ist heilge Pflicht, die wir dir auferlegen.
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.

Denn eben die Beschränkung läßt sich lieben,
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen;
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen,
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben.

So möcht ich selbst in künstlichen Sonetten,
In sprachgewandter Mühe kühnem Stolze,
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;

Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten.
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze,
Und müßte nun doch auch mitunter leimen.


Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ists mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

In solcher Dialektik fußt Klaus M. Rarischens Festhalten am Singen des Sonetts, und damit steht er nicht allein. Einer kanadischen Internet-Quelle entnehme ich:

 

Il s’écrit encore des sonnets de nos jours. Même après des siècles d’existence, le sonnet n’est pas considéré comme un genre périmé.

Für sich spricht auch, daß sich die Times Saturday Review im Jahr 1992 eine Zeitlang in jeder Ausgabe mit einem «Saturday Sonnet» neuester Produktion schmückte, also im gut vorgeschrittenen «technischen Zeitalter» (nu, die Leserschaft mag «a small and devoted tribe» sein). Und das in Großbritannien, wo bereits zur Shakespeare-Zeit Ben Johnson die Form des Sonetts gesprächsweise und mal nicht in Sonettform mit dem Prokrustesbett verglichen hatte.

Und ganz aktuell ist die Aufregung um ein Sonett im Bühnenstück «McKinsey kommt» von Rolf Hochhuth. Das Stück wurde im Februar 2004 im Theater Brandenburg uraufgeführt. Hochhuth nimmt die ökonomische Tyrannis mit ihrer kalten Soziopathie aufs Korn:

 

Warnung

Für Josef Ackermann jährlich Euro 6,95 Millionen. Beirrt
ihn, dass er 14,31 Prozent Deutsche Banker entlässt?
Die Kosten dem Staat aufhalst, den die Wirtschaft erpresst?
Burckhardt nennt Mord «Hilfsmittel, da man Richter wird.

Bei Abwesenheit aller legalen Rechtsmittel»: Rächer wie Tell.
Ackermann billigt beim Verkauf von Mannesmann an Briten
kriminell hohe Abfindungen: Nie an Skrupeln gelitten,
je mordlustiger er handhabt sein Entlassungs-Skalpell.

9,4 Milliarden: Rekordgewinn seit 130 Jahren Bestehen.
«Guillotinereif» (Benn) eine Schicht, der kein Rebell
ersteht, obgleich Elftausendachtzig stempeln gehen.

Die «FAZ» lehrt A.’s rechtlose Opfer als «Umbau» tarnen!
«Tritt» A. nur «zurück» wie Geßler durch – Tell?
Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen.

(Zitiert nach Berliner Morgenpost vom 22. Januar 2004)

Wie das metrisch verwilderte Sonett (darüber jetzt nichts) seine Mitteilungen anordnet, klingt Struktur an wie hier und da in Gedichten von Gottfried Benn, etwa «Chopin» und «Außenminister». Eine Formulierung läßt mich an Werner Riegel und seinen bitteren «Hymnus auf den neuen Menschen» denken, wo es über den «Krebs des Planeten» und «Bastard aus Odem und Ton» heißt: «Wie hat er beim Spiel unter wechselnden Fähnchen / sicher gehandhabt Schafott und Maschinengewehr!» Auch erinnert’s mich dran, wie ich bei pessimistischer Eintrübung angesichts mancher Politik- und Wirtschaftsnachrichten wohl mal sage – im Sinne einer schlichten Befürchtung, nicht einer «Anstiftung zum Mord»: «Nicht mehr lange, dann gibt’s wieder Weberaufstände!» Doch solche Reminiszenzen spielen ja für die Wirkung der «Warnung» weniger eine Rolle. Und auch Textform und Grad der literarischen Qualität dürften nichts zur Sache tun, wenn im Vorstand der Deutschen Bank über juristisches Vorgehen nachgedacht wurde. Auf jeden Fall trifft das Sonett, «funktioniert» also. Trotz der so gern angezweifelten Form.

 

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