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Robert Wohlleben:

Sonett – funktioniert die Form?

 

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Wer schrieb und schreibt Sonette? Angefangen haben um 1230 Leute, die am Hof Friedrichs II. in Palermo in Amt und Würden waren … bei einem Kaiser mit ausgeprägtem Interesse an Literatur und Kunst. Ein gewisser Giacomo da Lentini wird als damaliger Hauptvertreter genannt. Das seitherige Kollektiv der Sonettautoren und -autorinnen ist buntscheckig und vielzählig. Veritable Dichter bilden den Stamm: von Dante und Petrarca über Camões, Pierre de Ronsard, Lope de Vega und Shakespeare bis zu Platen, Rückert, Rilke, Johannes R. Becher. Doch auch andere Professionen tragen Sonett-Dichtung: Die Lyoneserin Louise Labé mit ihren 24 überkommenen Sonetten ist – wohl nach dem Gewerbe ihres Mannes – «la belle cordière»; der römische Verwaltungsmensch Giuseppe Gioacchino Belli schrieb fast 2300; «When you see millions of the mouthless dead» ist das letzte der wenigen Sonette des jungen Soldaten Charles Hamilton Sorley, 1915 in Frankreich gefallen; im Gefängnis und den Tod vor Augen, schrieb der 1945 hingerichtete Geograph Albrecht Haushofer seine achtzig Moabiter Sonette. Weil sich von Gedichten kaum leben läßt, arbeitete die in Auschwitz ermordete Sonett-Dichterin Gertrud Kolmar mit taubstummen Kindern; der Sonett-Dichter Richard Klaus ein Kriegsinvalide mit kleiner Rente; ein mir bekannter Sonettist von Graden dokumentierte Graue Literatur an einem wissenschaftlichen Institut …

Ähnlich uneinheitlich, über die Zeiten wechselnd und endlos mannigfach sind wohl die Motive, aus denen heraus das Sonett als Form poetischer Äußerung gewählt wurde und wird. Auf Knack gewollte Anpassung an leerlaufende Mode mag darunter sein … schön decouvriert im hilflos sich verirrenden Versuch von Grabbes Christian Dietrich Grabbe Dichter Rattengiftin «Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung»: «Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn, / So wie (indem er hinzuschreibt) der Löwe, eh der Morgen grauet, / Am Pferde, seiner schnellen Feder kauet –».

Schließlich vertrat das Sonett seit seiner Einführung hierzulande und zu vielen Zeiten in der «gebildeten Welt» etwas wie den Volkston. Die Wahl dieser Form bot sich also geradezu an. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist Wilhelm von Humboldt: Im Alter von 64 Jahren begann der Gelehrte und Staatsmann am Neujahrstag 1832, praktisch jeden Tag ein Sonett zu schreiben. Er hielt das bis ganz kurz vor seinem Tod am 8. April 1835 durch und scheint bei diesen Reflektierungen des jeweiligen Tages nicht an Veröffentlichung gedacht zu haben; erst postum erschien – herausgegeben vom Bruder Alexander von Humboldt– eine Auswahl aus den insgesamt 1183 überkommenen der so entstandenen Sonette. Hier sein Sonett Nr. 1176 vom 21. März 1835:

 

An Einem hab’ ich immer fest gehangen
in süßer Wonne und in bangem Leiden,
von ihrem Schein die Dinge zu entkleiden,
zu ihrer nackten Wahrheit zu gelangen.

Wenn Großes Menschenkräfte auch errangen,
sucht’ ich doch die Empfindung abzuscheiden,
um nur an reinem Umriß mich zu weiden,
nicht im Gebiet der Tat allein befangen.

Ich mehr das Sein als das Beginnen ehrte
und gern darum mich zu Gemüte kehrte,
wie es in edlen Frauen fein empfindet.

Denn dies, dem Irdischen nur zugewendet,
wo es das Zarteste dem Busen sendet,
ist näher mit dem himmlischen verbündet.

Ein «Gegenmodell» böte etwa der Prosaist Arno Schmidt, unter dessen spärlichen lyrischen Neben- bis Gelegenheitswerken sich an Sonetten nur das Sonett «Verworrenheit» von 1934 und – immerhin! – «Lillis Sonettenkranz» von 1951 finden. Das «Meistersonett», das gemäß der Spielregel aus den Anfangszeilen der vierzehn voraufgegangenen Sonette besteht, enthält das Akrostichon «Alice E. Murawski», den Mädchennamen seiner Frau Alice Schmidt. Ihr wohl im Sinne eines sehr persönlichen, sehr kunstvollen Geschenks zugedacht:

 

Armeen stampfen zwischen Feuerwänden;
Lautlos im Rund Millionen Frauen weinen;
Indes die Diplomaten frech erscheinen,
Contracte in den glatten Heuchelhänden.

Es kommt ein Tag, der wird dies alles enden;
Es kommt die Zeit, da wieder über Hainen
Mond und Gestirne weiß aus Wolken scheinen,
Und jed’ Gerät entfällt den wilden Händen.

Rast draußen auch die Welt im tollen Toben,
Aefft auch die Träger selbst der bill’ge Flimmer:
Wir wollen still die alten Dichter loben,

Sie abends lesen im belampten Zimmer;
Klein unsre Welt; jedoch wir bleiben oben:
Iohannestag zumal erfreut uns immer!

Entsprechend wechseln vielleicht die Motive, Sonette NICHT zu schreiben …? Trickreich ist solche Verweigerung bei Arno Holz gefaßt, und zwar mit Sottise gegen Goethe als auf den Kopf gestelltes Sonett, eine sogenannte Sonettessa:

 

Die letzten Zehn

Was heulst du wie die römische Sibylle
in unsre altarkadische Idylle
dein dreimal disharmonisches: »Mehr Licht!«?

Schon immer war das Wappentier der Dichter
ein Bandwurm und ein Nürenberger Trichter,
die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht!

Wenn du durchaus nur säen willst, dann säe!
Wir gönnen dir von Herzen deine Mühn.
Doch wer wird krächzen wie die Nebelkrähe,
solange lenzrot noch die Rosen blühn?

Wir rühren wacker unsern alten Kleister
im himmelblauen Regenbogenton,
sagt doch der Jupiter von Weimar schon:
In der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister!

Das Gedicht tauchte 1905 in der Piperschen neuen Ausgabe der reimfreudigen Gedichtsammlung «Buch der Zeit» auf, zwanzig Jahre nach deren erstem Erscheinen und zu einer Zeit, da Holz schon die Metrik als «kaudinisches Joch» bezeichnet hatte – zum Slogan «Metrum verdummt!» verkürzt –, Metrik und Reim als «Musik durch Worte als Selbstzweck» abtat. Das wäre schon ein Motiv der Sonettvermeidung. Nicht auszuschließen, daß «Die letzten Zehn» bereits zur Zeit der Erstveröffentlichung existierten, aber nicht ins «Buch der Zeit» eingehen durften, weil als alte Form dem Untertitel der Sammlung nicht entsprechend: «Lieder eines Modernen». Die in seiner Gedichtsammlung «Klinginsherz!» von 1883 enthaltenen Sonette (ich kenne sie nicht) hätte Arno Holz also womöglich als Jugendsünde gewertet.

In neuester Lyrik-Produktion mit Gütesiegel herrscht reim- und metrumlose Formvermeidung vor … «possierlich in Zeilen gebrochene Prosa», wie Arno Schmidt das genannt (und vereinzelt selbst geschrieben) hat. Spannweite des Ungesagten und die erzeugten Induktionsströme können von Fall zu Fall für die Poetizität sorgen. Solcherlei Gedichte erscheinen dem Publikum vielleicht als etwas Lebensnäheres denn regelhaft gebaute Lyrik, da Prosa uns tagaus, tagein durch den Kopf, von den Lippen und in die Tippfinger geht. Andererseits braucht es schon Feinheiten und Raffinessen, um einem solchen Stück Prosa die Paßmarken von Lyrik mitzugeben. Insbesondere hat wohl auch ein Grundprinzip all der im Begriff Kunst zusammengefaßten Spielformen zu wirken: Täuschung der Erwartung – auch als unerwartete Wiederholung möglich.

Von Mode-Erscheinung kann nun bestimmt nicht die Rede sein, wenn heute Sonette entstehen. Zumindest im deutschsprachigen Raum ist ja bald etwas wie ein Sonett-Verbot zu ahnen, mindestens seit Walter Höllerers 1956 erschienenem «Transit – Lyrikbuch der Jahrhundertmitte» mit grade mal zwei (leicht «verwilderten») Sonetten, von Jesse Thoor … von dem nun auch wenig Andres zu haben war. Als wären Sonette der Inbegriff im Mund zerfallender modriger Pilze. Nichtsdestoweniger und allem Anti-Ästhetizismus zum Trotz erschienen seither Sonette auch durchgängig oder vorübergehend breiter gehandelter Autoren: Ulla Hahn, Wolf Wondratschek, Wolf Biermann, Günter Grass, was dann immer als mutige Wundertat galt – obwohl von der «klassischen» Form oft nicht viel übrig war. Nicht besonders dagegen fiel es beim gewiegten und ausgefuchsten Peter Rühmkorf auf, der sich ja sogar zu Oden verstieg … warum also nicht auch Sonette?

Robert Gernhardts und Mynonas Sonett-Kritik dagegen ist literarisches Kabarett. Für solches gehört es sich geradezu, Zimelien (wie Herbert Laschet Toussaint sagen könnte) und Zelebritäten schräg anzuleuchten. Reif fürs Überbrettl wäre da auch Rudi Faßbender: Seine «Sonette an tOrpheus» transponieren Rilkes «Sonette an Orpheus» ins Fußballmilieu. Beispielsweise so:

 

XIX

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

Rainer Maria Rilke:
Sonette an Orpheus, Erster Teil

XIX

Wandelt den Elfer der Held?
Die Stirn furcht in Falten.
Wenn aus den Maschen er fällt,
war nichts zu halten.

Handel und Wandel, im Gang
geht es um Eier.
Hört Ihr den Abgesang,
Vorfelder-Meyer …?

Nicht sind die Grätschen erkannt,
nicht ist die Fairness gelernt
und wenn Gelb-Rot wird entfernt,

Beckmann schon geiert.
Ein Sieg: der Alk überm Land
gröhlet und feiert …

Rudi Faßbender:
Sonette an
tOrpheus, Erster Teil

Der «Dorfpoet» aus Prasdorf bei Kiel benutzt die vorgefundenen Gedichte für seine Jonglage und mag wohl, wenn ihm mal ein Wort oder ein Reim runterfällt, immer noch auf Applaus rechnen können wie der Zirkusartist, der nach allfälligem Mißgeschick einfach weitermacht. Dann mit Erfolg.

Vorsichtig noch ein Gedanke, auch wenn er vielleicht etwas gewagt und wackelig ist. Die Frage «Was denkst du gerade?» ist als Einforderung von Rechenschaft nicht so ungeläufig. Bemühung um eine Antwort über leichthinniges «Ach, nichts» oder «Eigentlich nichts Besonderes» hinaus könnte die Suche nach dem auslösen, was einigermaßen sichtbar im Bewußtseinsstrom vorbeitrieb, durchaus ja mehreres gleichzeitig. Und manches Mal mag dann der Befund nicht zufriedenzustellen, weil sich ja die Nachfrage der Ahnung einer getrübten Befindlichkeit verdankte, durch Verdruß getrübt, durch Beängstigungen oder sonst verborgen Gehaltenes. In solchem Fall scheint die Blickfixierung auf die unmittelbar zugängliche «Oberfläche» des Bewußtseins gern das Ergebnis eines Prozesses mit dem Ziel zu sein, nicht so leicht handhabbare Emotionalitäten dem Blick zu entziehen … dem fremden so gut wie dem eigenen, der «unschuldig» bleiben darf, denn Unehrlichkeit oder Destabilisierung bleibt erspart. Da frage ich mich nun, ob sich nicht gelegentlich Gedichte oder auch anderes Kunstwerk nach diesem Muster im Bewußtseinsstrom verdichten: im fortwährenden Scan der Bewußtseins-«Oberfläche» konsistent erfaßt, aber doch Camouflage für Unterströmungen mit ihrer eigenen und letztlich durch den schönen Schein hindurch erahnbaren Gewalt.

 


Altona, im Dezember 2003
 

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