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Robert Wohlleben:

Sonett – funktioniert die Form?

 

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Container für Sonette



1967 begann ich mit den Freunden Jens Cords und Frank Böhm die schließlich auf fünfzehn Nummern gediehene Reihe der «Meiendorfer Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes», großformatige Blätter, in denen Text und Graphik kombiniert waren. 1968 dann gemeinsam mit Frank Böhm die Reihe der «Meiendorfer Drucke», die in 100 Stücken produzierte Nummer 1 von uns bestritten: zwölf Gedichte von mir und zwölf Zeichnungen von Frank. Mit sogenannten Signierstempeln jeder Buchstabe einzeln gestempelt, dann von Jens Cords vom Sieb gedruckt. Kartoniert als schönes hellgraues Quadrat mit 21 cm Seitenlänge. Textbeispiel daraus:

 

Schon fallen mir anheim
dein Siebengestirn, trudelnder Mond,
dein Mars dort links überm Hauptbahnhof.

Wie dein Gesicht in Architektur zerfällt:
Im Lift herrschen Enge und Rotlicht,
weil die Wiesen der Neuen Heimat gehören
und naß sind
(jetzt im Herbst).

Ja, längst,
wie die U-Bahn bedeutsam scheppert,
gehört die Nacht
Helena Rubinstein und Mampe.

Gleichzeitig und in gleicher Aufmachung, zeichnerisch von Jens Cords begleitet, erschien «Kräckerakra» als Nummer 2 mit einer derb erotischen Passage aus dem «Phantasus» von Arno Holz, in Plattdeutsch als Tarnsprache gehalten. Als ich die beiden Broschüren in der Hand hatte erschrak ich doch ein bißchen ob der bibliophilen Anmutung und wollte gegensteuern. Nummer 3 bestand deshalb nur aus einem dreimal gefalzten und zweimal geklammerten unaufgeschnittenen Bogen ohne Umschlag: «Veilchen und Mährrettich» von Alfons Teschau alias Wohlleben. Das zitierte Sprachverwilderungs-Beispiel stammt daher. Modell für die Minimalform von Nummer 3 waren mir Alfred Richard Meyers alias Munkepunkes «Lyrische Flugblätter». Die dort verwendete Fadenheftung war mir allerdings zu teuer.

Die «Meiendorfer Drucke» setzten sich mit Arno Holz, zweimal Klaus M. Rarisch, Ralf Thenior, Wolfgang Uster und zweimal Wohlleben bis Nummer 10 fort. Darunter von Rarisch «Das Ende der Mafia»: bissige Paraphrasierung von Marcel Reich-Ranickis Artikel über das Saulgauer Abschiedstreffen der Gruppe 47 als nach Sizilien verlegtes Heldenepos. 1987 legte ich erstmals Hand an einen Computer, einen längst wehmütig entsorgten Atari ST, und drei Monate später erschien als Meiendorfer Druck 11 «Donnerwetter. Meteorologisches Handbuch unter besonderer Berücksichtigung kulturatmosphärisch-klimatokultureller Aspekte» von Rarisch und mir: ein Werkstattspaß mit rund 500 teils sehr quietschenden Zweizeilern über schlechtes Wetter à la «Was Dante kurz Inferno nannte, / ist unser Höllenklima, das bekannte» (Rarisch).

1988 erschien dann Meiendorfer Druck Nr. 13 als erstes Heft mit Sonetten: «Eisprung I» von Richard Klaus, dem Kriegsinvaliden mit gelähmten Beinen und von Produktivität fast platzend. 1991 gestorben. Der junge Richard Klaus mußte als Richtschütze der Vierlingsflak auf einem umgebauten Walfänger am 2. Weltkrieg «teilnehmen»: «… unterm Beschuß durch die Spitfires als einziger auf meinem Sitz festgeschnallt, die Trommellader konnten Deckung suchen … Der Richt- und Vernicht-Schütze dem Tod ebenso wie der Zufälligkeit des Lebens preisgegeben», schrieb er mir in einem Brief. Richard Klaus war in den frühen 60er Jahren in Kontakt mit dem Kreis der «Ultimisten» um Klaus M. Rarisch und Dieter Volkmann. Aus «Eisprung I»:

 

Va1et

Zieht ein das Fahrgestell, es faulen schon
die Gurken, über Reif gärt schwere Krätze;
der Himmel dottert Staub durch Spinnennetze,
aus Trichtern quakt der Kröte letzter Ton.

Scheiß noch mal allerkräftigst, Hundesohn,
und hoffe, daß man dein Geschlecht verketze;
dolch flugs den Anus noch der Fuhrknechtsmetze
und blöke dann Valet zum Trunk aus Mohn.

Was lohnt sich sonst, da weder Glast noch Sinn
den letzten Zitadellen rein verblieben?
Begreife, daß die Dinge abgeschrieben,

aus denen Labe dir noch trächtig rann –
dein blödes Hirn hat sich erquickt daran,
engstirnig wie im Flaschenbauch der Dschinn.

Die Nummern 15 bis 17 von 1989 waren dann gleich drei Hefte mit Sonetten: «Fünfzehn maurerische Sonette für einen Holzschneider» vom «Ultimisten» Dieter Volkmann, später irgendwann im psychiatrischen Gulag verschollen, «Der grinsende Vater» von mir und «Eisprung II» von Richard Klaus. Die Anfangsbuchstaben der Titel von Volkmanns fünfzehn Sonetten ergeben «Meister vom Stuhl» … sonstiger maurerischer Bezug ist mir entgangen, abgesehn allenfalls vom Titel des letzten Sonetts:

 

Loge

O komm! und laß uns Ev’ und Adam spielen,
Doch vor der Apfelspeise, bitt ich aus:
Ich geh zuerst in unser Puppenhaus
Und schenke bunte Kiesel Dir, von vielen.

Wie schön sich Hände um die Steinchen schmiegen –
Ich träume oft bei Deinem Mädchenspiel
Und sah die Frau, in Leere und Gefühl;
Wenn später sie verstreut am Boden liegen.

O fühltest Du mein Herz vor Sterben zittern –
So ernten wir, verstreut, die Einsamkeit
Und werden, einzeln, Tote vor der Zeit,

Die sich auf Straßen jedes Du verbittern.
Wir winken, irgendwem, von Turm zu Turm;
Und unsre Tage teilen Wunsch und Wurm.

Meiendorfer Druck Nr. 20 mit 160 Seiten und festem Einband war das bisher größte Sonett-Unternehmen des Mikroverlags: «Die Geigerzähler hören auf zu ticken. Neunundneunzig Sonette mit einem Selbstkommentar» von Klaus M. Rarisch. Die ersten Sequenzen waren schon in Rarischens Büchern «not zucht und ordnung» (1963) und «Das gerettete Abendland» (1982) enthalten. Alles in allem eine vorläufige Summa. Ein frühes Sonett von ihm ist Auftakt:

 

Tod im Café

Ein Dichter will sich aufs Papier verschwenden –
Statt dessen nimmt ein Weib an ihm Gefallen.
Man trinkt und schweigt in langen Intervallen.
Dem Dichter zieht es süßlich in den Lenden ...

Da flammt sie auf – der Wein aus den Kristallen
Verzischt, als Essig rinnt er von den Wänden –
Manon hielt eben Flieder noch in Händen? –
Jetzt krampft sie Asche in geborstnen Krallen.

Ringsher fängt zähes Lachen an zu fließen,
Wie Sand aus einem leeren Portemonnaie.
Die Kellner lassen es sich nicht verdrießen –

Der Dichter zahlt und hetzt aus dem Café.
Er muß sich jetzt in freie Rhythmen gießen:
Die liest er morgen auf der Sturmsoirée!

Von den seither erschienenen 31 Meiendorfer Drucken enthalten 21 zum Teil oder ausschließlich Sonette, so daß es momentan 26 sonetthaltige Titel sind. Nun kommt Titelpoesie. Mit «Eisprung III» war Richard Klaus noch einmal vertreten, Klaus M. Rarisch mit «Bilanz», «Ausfluß der Muse», «Der Nachgeborene» und «Weibsbilder», Ernst-Jürgen Dreyer mit «Gift und Gülle», «Kotblech», «Bodenhaltung» und «Gottvaters Glans». Von mir die Hefte «Falsch und wunderbar», «Zug und Gegenzug», «Alstercafé», «Kino», «Sternzeichen» und «Aus Nacht und Eis». «Hieb- und stichfest. Tenzone und Coda» ist der Sonettenstreit zwischen Rarisch und Lothar Klünner. Anderwärts Sonettbeiträge unter anderem noch von Albrecht Barfod und vom Spaßmacher Karl Riha.

Über die Jahre ist bei Ernst-Jürgen Dreyer das Corpus seiner «Müll-Sonette» gehörig gewachsen, von seinen bisher vier Sonett-Heften nur unvollständig abgedeckt: gewiß eine Gegenwelt dessen, was ihm beim Übertragen der Sonette und anderer Gedichte von Petrarca, Guido Cavalcanti (um 1255–1300) und des Rumänen Mihail Eminescu (1850–1889) untergekommen ist. Im Meiendorfer Druck «Kotblech» (Nr. 38) steht dies Sonett gedruckt – mit apart eigenwilligem Reimschema in den beiden Quartetten und «reich» gereimter Nabelschnur:

 

Trennung

Gehusch von Schuhen; allgemeines Rennen –
wie Murmeln des empörten Meeres quillt
von den Garagen her Geräusch des Zornes:
»… nichts an als um den Hals ein Kabel nur …«

Das Murmeln schwillt und wird fuchsteufelswild:
»… sich so nach der Geburt davon zu trennen …«
WAS liegt im Müll? ein Was? ein Neugebornes
mit violett-verdrehter Nabelschnur?

»Wer kennt die Frau?! Daß ihr doch einer sage:
Ein Kind gehört nicht in den Müllcontainer;
und wenn – sie lernens nie! –, kommt allenfalls

nein, nicht die Wertmülltonne! sondern jener
– der mit dem Biomüll – dafür in Frage!
in DIE kommt nur das Kabel um den Hals!«

Im bösen Minidrama – Ernst-Jürgen Dreyer ist auch Dramatiker – treten offensichtlich enge Verwandte der Nachbarn aus seinem Sonett «Gebet» auf.

Merkwürdig ist mir die Kontaktaufnahme zum jetzt in Berlin ansässigen social-beat-Aktivisten Herbert Laschet Toussaint alias HEL … von ihm bisher vier Meiendorfer Drucke, davon drei mit Sonetten: «Sodoms Himmel», «autogensonette» und «mehr- & kehrwert». In der kurzlebigen, aber hübsch buntscheckigen und entsprechend abonnierten Literaturzeitschrift «Göthe’s Rächer» stieß ich vor Jahren auf ein Sonett von ihm:

 

Francesco Petrarca an Laura
Apokryph

Es war vor Siena ausspann richtung Rom
Aus stiegst Du hocktest hobst den rock zum pissen
da stand mein Gianni auf dem hodenkissen
Die schatten groß wie ein gestürzter dom

Dann seh ich Deine lefzen glatt braun rein
schön wie ein krug den töpferhände rillen
O goldner tau den morgenrausch zu stillen!
schlaraffengras! es regnet herben wein

Ich sorge Laura daß Dich niemand kennt
und weiß wie’s wirklich zwischen uns gewesen
ich rückte noch Dein kleid – Auf pergament

wird nichts von solchem spiel zu lesen stehn
(und dies gedicht das kriegt kein mensch zu lesen)
Die bürger sollen’s hoch geminnet sehn

Ich bat die Redaktion um HELs Adresse und ihn dringlich um mehr Sonette. Ernst-Jürgen Dreyer dagegen konnte sich mit HELs Petrarca-Sonett – in «Sodoms Himmel» enthalten – gar nicht anfreunden … vom Übersetzer des Petrarcaschen «Canzoniere» nun vielleicht auch nicht zu erwarten. Jedenfalls machen mir HELs Bild- und Wortwelt und flinke Boutaden Eindruck, wie sie in seinen folgenden Sonettheften mehr und mehr zu Tage treten und – die gelegentlichen Sonette von Albrecht Barfod, sein «Mauerlos II» zum Beispiel, tuns ähnlich – Gedanken in ungebahntes Gelände scheuchen. In «mehr- und kehrwert» so:

 

Du wußtest nicht   du scheffelst den gewinn
Jetzt weißt du und du blutest die Verluste
Wo soll der geist mit seinen schulden hin
die ’r sonst im haben zu verbuchen wußte

Und was du weißt es weht dir übern rand
wie sand der silikon wär trüg er mehrwert
Und was du nicht weißt weht dich zu wie sand
der keinen Sandstein schont als seinen kehrwert

Den jungen grus   die erde drückt ihn alt
Granit steigt auf   verjüngt sich   wird zerrieben
Der wind streut keime auf den regenwald
Was da entsteht steht nirgendwo geschrieben

es ist dahin bevor es noch entstand
Mit licht bezahlt die axt die Schwarze Hand

So sind Sonette mehr und mehr Konstante in der Reihe der Meiendorfer Drucke geworden. Über den Daumen kamen bisher 438 Sonette zusammen. Es ist also nur zum Teil ein Witz, wenn ich seit 1997 auf der Eingangsseite meines Website den «Zentralverlag für Sonettwesen» annonciere. Witz ist natürlich das Mißverhältnis zwischen der Wuchtigkeit des Etiketts und der doch gefährlich gegen null tendierenden Breitenwirkung der Produktion. In dieser Hinsicht funktioniert die Form nicht. Aber welche Gedichtform tut das schon … und muß sie es denn? Inzwischen lege ich wieder in nur hundert Stücken auf und kann vielleicht bald überlegen, aufs Stefan Georgesche Maß von dreizehn zu reduzieren: zwölf für die Freunde, eins für die Masse.

Kurzer Hinweis auf die Produktionsbedingungen. Als gegen Ende 1993 mein Finanzamt einen Verlust aus Verlagstätigkeit nicht angerechnet wissen wollte, weil keine «Gewinnerzielungsabsicht» gegeben und deshalb mein Unternehmen als Liebhaberei zu werten sei, riß mich das zu einem ausführlichsten Widerspruch hin. Zwei Absätze daraus:

 

Nicht mit einem Kapital operieren zu können setzt meiner Verlegerei schmerzhafte Grenzen. Soweit es um die Produktion geht, kann ich noch zum schönen Teil «Kapital durch Arbeit substituieren». Aber schlicht außer Reichweite sind die Möglichkeiten größerer Verlage: Anzeigenkampagnen, Autoren auf Lesereise schicken, Buchhandlungen «pflegen», Pressekonferenzen finanzieren, Präsenz auf Buchmessen, Verlagsvertreter auf die Reise schicken, und was der schönen Dinge mehr sind. – Verschiedene von mir angesprochene Buchhandelsvertreter haben zwar meine Produktion schön gefunden, aber mit Rücksicht auf ihre ökonomischen Zwänge abgewinkt: Ohne voraufgegangenes Marketing wäre nichts drin. Der Buchhandel wolle nur noch Umsatz machen, aber sich für nichts anstrengen.

Für all das fehlt mir das Geld. Ich bin drauf angewiesen, daß der eine Rezensent, die andre Rezensentin meine Meiendorfer Drucke in der Presse oder im Rundfunk bespricht. Darauf kann ich mich bis zu einem gewissen Grad auch verlassen. Der in einlaufenden Bestellungen gemessene Erfolg ist wechselnd. Und reicht bisher per Saldo nicht. – Besonders niederschmetternd 1992: Zu den «handfesten» Meiendorfer Drucken 21–25 ist bisher eine einzige Radio-Rezension erschienen (SFB). Anscheinend ist der breitgestreute Schrotschuß meiner Besprechungsexemplare von der Herbstbuchmesse untergemangelt worden. Und die Redaktionen sind heute erfahrungsgemäß so «krüsch», daß 1993 schon als unanständig veraltet gilt, was 1992 erschienen ist.

Dem Widerspruch wurde stattgegeben.
 

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