s Ehmalige Front-Sonette

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Archivierte Aushänge-Sonette
ab Juli 2000


Ernst-Jürgen Dreyer:

Gebet

Den Nächsten lieben sollst du, steht geschrieben.
Verzeih mir, Herr! ich hasse meine Nachbarn.
Steht mir Helene Harth, die böse Sieben,
im Weg mit ihrem zoophoben Dachsparrn,

spinnt in halbstundenlangen Diatriben
vorm Haus Herr Stierle-Stackelberg sein Fachgarn,
so will ich beide grüßen – aber lieben?
das, Gütiger, liegt außerhalb des Machbarn.

Kannst du nicht gegen ihr Beiseitestieren,
mit dem sie die Entschlossenheit kaschieren,
den Kirschbaum gegenüber meinem Fenster

zu fällen, um dort Müll zu deponieren,
Gerechter, mich desensibilisieren?
und mich beruhigen: »Du siehst Gespenster«?

    Anmerkung:
    Da sich die namentliche Nennung der
    Nachbarn von selbst verbot, setzt der
    Dichter erfundene Namen, die sich
    allenfalls durch Zufall mit den
    Namen existierender Personen
    überschneiden können.

    «O zartes Blau des Nebels überm Stau»
    = Meiendorfer Druck 59

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Hans Adler:

AFFENTHEATER

Ja, Herr Kollega, wenn wir Flügel hätten,
Dann starrten wir nicht fiebernd vor Verlangen
ins Weite durch des Käfigs Gitterstangen
nach flammendroten Wolkensilhouetten.

So klirren wir uns Trost mit unsern Ketten –
Wir hören, ergo sind wir nicht gefangen, –
Und wimmern unser namenloses Bangen
Zum Himmel in rachitischen Sonetten.

Gefügig zappeln wir wie Marionetten,
Nervöse Marionetten mit Gehirnen,
Die an die Drähte nicht recht glauben wollen,

Und spielen – kalten Schweiß auf müden Stirnen –
Mit Ernst und Pathos unsre Jammerrollen
in dieser traurigsten der Operetten.

    Hans Adler:
    Affentheater. Gedichte.
    Leipzig, Wien, Zürich:
    E. P. Tal u. Co., Verlag 1920

    Rechte nicht bey mir

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Ab 2. X. 2000:

Herbert Laschet (HEL):

IV

Ich will es recht verstanden haben: das
was ich hier tu ist niemands nutz und frommen
kein krebs den ’s schert     kein knurrhahn der ’s verbellt
Ich fülle bücher in ein leckes faß

Die bucht ist noch vom lichtersturz benommen
da haben wir (ich weiß nicht wo der rest
sich rumtreibt) lampen aufgehängt zum test
Und das orchester watet auf den strand

Und schaff ich hier nicht meine gegenwelt
schaff ich sie nirgends     bleib ich ungeworden
Das ist nicht euer das ist mein problem

Schaut in das weiß und macht es euch bequem
Ich lade bis die leichter überborden
das strandgut auf vom wurmbelaßnen sand

HEL: autogensonette. Meiendorfer Druck 45

Rechte bei fulgura frango

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Erste Dezemberhälfte 2000:

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Ab 16. Dezember 2000:

Sonett im Porsche

Nun laß die Hände endlich fest am Steuer
Und grapsch mir nicht mehr ständig unters Kleid!
Jetzt weißt du wieder mal Bescheid.
Nimm dich in acht, daß ich dir keine scheuer!

Schon als ich einstieg, war’s mir nicht geheuer;
Daß ich’s getan hab, tut mir ewig leid!
Du kennst nur: Saufen und Die-Beine-breit;
Damit entzündest du bei mir kein Feuer!

Und dazu ist mein Schlüpfer auch zu teuer;
Mit dem Gefinger dehnst du ihn zu weit.
Jedoch was red ich! Du wirst nie gescheit!

Du weißt doch: Jedes Ding hat seine Zeit.
Und nimmermehr ist immer Ewigkeit.
Paß auf! Die Kurve! Unser schöner neuer – – –

 

Klaus Gubener

Rechte bei Klaus Gubener

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Ab 1. Februar 2001:

Die letzten Zehn
von Arno Holz

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Ab 2. Februar 2001 im Sprechsaal:

Aus Nacht und Eis
Grabschrift für Frank Böhm
von Robert Wohlleben

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Ab 5. März 2001

Brigitte Lange:

ACH, BACH …

Ach, Bach, ich bin in d-moll fortgegangen
und habe alle Fugen dicht gemacht,
auf der Empore nochmal Licht gemacht
und später viel Bekümmernis gefangen.

Zwar half der Geist der Schwachheit wieder auf,
im Dickicht jener neuen Oberkeeten;
doch wars, wie im Exil Zinnober beten,
gab um ein Haar die alten Lieder drauf.

Da ich zurück bin in die Stadt – alleine,
denn Er hat Guts an mir getan, nee, nee,
will ich Ihn loben, mache kein Gegreine,

sing Ihm sehr bald ein neues Lied, in E.
So ruht denn wohl, ihr einzigen Gebeine.
Ach, Bach, daß ich an deinem Grabe steh.

1.10.95

Aus HEL: Sodoms Himmel (Meiendorfer Druck 39)

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Ab 24. März 2001 im Sprechsaal:

Zweckjahre
von Richard Klaus († 1991)
Meiendorfer Druck 13

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Ab 7. April 2001:

Traum von der Stiefelspitze
von Klaus M. Rarisch

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Ab 7. Mai 2001:

Nr. 60
von William Shakespeare
in Übertragung von RW

Ab 7. Mai 2001 im Sprechsaal:

Diwan
von RW
Meiendorfer Druck 28

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Ab 1. Juni 2001:

RW:

Berg des Lebens



Was wohnt im Berg, was hat dort sein Verlies,
sein heimliches Versteck vielleicht gefunden?
Hineinverwunschen, ins Gestein verschwunden
vor allem, was als schwindend sich erwies.

Seither verwittert Fels. Geröll und Kies
verfüllten talwärts Mulden, Klüfte, Schrunden.
Was anflog, ward Gewächs, zum Wald verbunden.
Es wächst sich fort, was aus dem Boden stieß.

Getier geht hin und hört vielleicht ein Singen
mit steten Wassern aus der Tiefe dringen …
dann steht es still, als wäre es erschreckt.

Und Wind verspinnt verworrne Strömungsschlingen,
als wollt er Wolken um den Gipfel zwingen,
bis sich, was innen haust, als Blitz entdeckt.

Für Swantje zum 16. Mai 2001

Aus Nacht und Eis (Meiendorfer Druck Nr. 49)

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Ab 1. Juni 2001 im Sprechsaal:

Den Sonettisten
von Klaus M. Rarisch
Meiendorfer Druck 40

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Ab 15. September 2001 in Kapitelübersicht und Sprechsaal:

Sterbenslänglich
von Klaus M. Rarisch
Meiendorfer Druck 20

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Ab 11. Oktober 2001:

Feuerland
von Robert Wohlleben
Meiendorfer Druck 22

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Ab 24. November 2001:

RW:

Preisungen


Oh heiße Dusche Du, Du sanfter Fön!
Oh warme Bö, oh lauer Hauch aus Kalmen!
Du schattenschöner Hain verwunschner Palmen!
Windharfenweich umweht mich dein Getön!

Wo bleibt Dein Bodycheck, bis daß ich stöhn …?
Geröllawine runter auf die Almen!
Wir Weidegrund mit buntem Kraut und Halmen!
Zermalmt sind Du und ich … der Rest obszön:

Das abgelaufne Bad (gefrierend Nässe).
Die Schlierenmuster ungeputzter Fenster.
Die Blumen sind aus Eis und kristallin.

Im blinden Spiegel stets dieselbe Fresse.
Der zugehängte Spiegel für Gespenster.
Solln wir das sein? Oh ja, geselle mîn!

Aus Nacht und Eis (Meiendorfer Druck Nr. 49)

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Ab 23. Dezember 2001 in Kapitelübersicht und Sprechsaal:

Warum
von Klaus M. Rarisch
aus Meiendorfer Druck 20

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Ab 22. Februar 2002 in Kapitelübersicht und Sprechsaal:

Mauer
von RW
aus Meiendorfer Druck 26

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Ab 11. November 2003 in der Kapitelübersicht:

Ernst-Jürgen Dreyer:

Auf ein altes Bild

Komm, spielen wir die Venus von Giorgione,
die hingegossen schläft im Niemandsland;
ein langer Arm begleitet sie, die Hand
liegt lässig in der erogenen Zone.

Komm, spiele du die liebliche Ikone!
Das Bettzeug stehe für die Leinewand.
Mein Arm geleitet deinen Leib; entspannt
ruht meine Hand in deiner krausen Krone.

So hingegossen träume ich, umschilft
im Kahn dahinzugleiten von der Insel;
flach ist das Wasser, unterm Kiel ist Schlick.

Die Tiefe wächst. Der Maler greift zum Pinsel.
Ein Engel führt des Meisters Hand und hilft
und stöpselt uns in eins zum Magnifique.

Verkaarstung und andere Sonette
(Meiendorfer Druck Nr. 53)

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Ab 8. März 2004 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch:

STILZCHEN

Noch einmal will dein innres Stilzchen rumpeln.
Es absentiert sich von der stumpfen Herde
gehörnter Ochsen und behufter Pferde;
es fühlt den Seelenkern zum Nullum schrumpeln,

verlornes Söhnlein unter dumpfen Kumpeln,
negiert als trüber Gast das Stirb und Werde,
vertut vor Wut sich, stampft sich in die Erde –
da zieht ihn wer ans Licht zum Weiterhumpeln.

Und jener spricht: Wenn du dich sehen läßt
als Plumpsack ohne Frack, als Butzemann,
vergiß den einen nicht im Krähennest,

den über dir, der dich noch dann und wann
zu seinem hohen Zweck gebrauchen kann.
Gib her dein Geld, zahl ein bei Pay-Invest!

Des Glaubens aber (Meiendorfer Druck Nr. 55)

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Ab 26. August 2004 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch:

NUR EINE ROSE ALS STÜTZE

Ein Arbeitsplatz für tausend Arbeitslose.
Was tun? Verlosen? Oder auch verschenken?
Neunhundertneunundneunzig andre kränken
sich ölsardinengleich in enger Dose.

Sie denken nicht global. Denn läßt die Chose
ganz ohne sie sich halbwegs logisch denken?
Wer sinkt, muß tief ins Sinken sich versenken,
da blüht als Stütze ihm die Niemandsrose.

Maschinen stehen still, kann keiner schmieren.
Die Maschinisten können nur verlieren.
Man weiß: der Preis ist heiß, es fehlt an Ölen.

Die Arbeitsleere fristet man in Höhlen.
Da tönt ein allseits hochgeschätzter Köhler:
Uns stirbt der Staat. Ich bin sein letzter Öler.

Entferntere Nirwanen (Meiendorfer Druck Nr. 60)

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Ab 26. August 2004 in der Kapitelübersicht (alternativ):

Matthias Koeppel:

Troglodyten

Die Rose, – Arbeitslosen-Niemandsrose,
für wahr, ein kaum zu treffend schönes Bild!
Doch steckt mir in die Ölsardinendose
den Köhler nicht, auch wenn man ihn jetzt schilt.

Vom Ölfleck reinige man ihm die Hose,
damit als Saubermann er weiter gilt;
dass neun plus neun mal hundert Arbeitslose
beruhigt sind und dass man ihn nicht killt.

Die unverschuldet armen Troglodyten,
die kauern dumpf in Plattenbauten-Höhlen.
Und nichts zu tun! – Sie kleben nicht mal Tüten.

Doch lesend könnten sie sich stets beölen
an Trend-Autoren – mit so Bettgeschichten,
und solchen, die gottlob, Sonette dichten.

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Ab 24. November 2004 in der Kapitelübersicht:

Koller Gotthardpost
Rudolf Koller: Die Gotthardpost (1873)

Kunsthaus Zürich


Robert Wohlleben:

Fahr hin!


Gedichte sind seit alters Massengut,
aus grauer Vorzeit finden sich noch Trümmer.
Vielleicht sind ihre treuen Publikümmer
nur blindlings hergeloffne Gassenbrut?

Ob wer nun kriegen, lieben oder jassen tut,
den Doppelkopf hie schlauer und hie dümmer,
teils ganz Clarté, teils gänzlich ohne Schümmer –
sorgt ein Gedicht, daß er gelassen ruht. *

Der Orpheuskarren, dem die Achse ächzt,
er poltert hin wie Kollers Gotthardpost.
In Reim und Versfuß fügt sich Hott wie Hü.

Sei’s flott geträllert oder flau gekrächzt –
am Rain des abgefahrnen Weges sproßt
manch dunkler Wortreflex zum Aperçu.

22. XI. 2004

 


* Am 29. 8. 1915 notiert Gorch Fock im Tagebuch:
»Im Norden und Osten heftiges Feuer. Unsere Artillerie trommelt den russischen Rückzugsmarsch.« Im selben Kontext:
»Ringsum atmet die Sonntagswelt. Kornblumen nicken im Winde. Storms ›Abseits‹, Uhlands ›Tag des Herrn‹, Lenaus Gedichte gehen mir durch den Sinn.«

Für den Kaminsims (Meiendorfer Druck Nr. 58)

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Ab 11. Juli 2005 in der Kapitelübersicht:

Ernst-Jürgen Dreyer:

Falls …

Erneut schminkt sich als Strategie die Taktik;
auf den TV-Kanälen segelt zickzack
des Kanzlers und der Kandidaten Schnickschnack:
»Ins offne Meer! und drüber die Galaktik!«

Ein Brausen aber hinter der Didaktik
durchwächst den Text. Das möderische Hickhack
des Hahnenkampfs verblaßt zum stummen Trictrac:
Die Stühle schwimmen schon – wir fühlen Faktik

mit uns im Sog in eine Zukunft gleiten,
breit wie der Nil inmitten der Sahara,
breit wie die Wolga, wie der Brahmaputra.

Noch einmal flüchtet euch ins Kamasutra:
Grün wölbt sichs abwärts, und was tost vom Weiten,
ist nicht die See. Es ist der Niagara.

O zartes Blau des Nebels überm Stau
(Meiendorfer Druck Nr. 59)

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Ab 9. Februar 2006 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Entscheidungen (An mich)


Macht hoch die Tür! Wars nicht allmählich Zeit,
die rein- und rauswolln ab- und auszuzählen?
Sie nach Bedarf zu rädern und zu pfählen,
bis daß kein Hansel mehr zum Himmel schreit?

Bloß keine Bange jetzt: Die Tor macht weit!
Hier gehts nicht drum, das liebe Herz zu quälen.
Hier heißts, gelassen die Courage stählen,
ob auch ein Abgrund Gift und Galle speit.

Auf Grund des Dolus in Verzicht und Pflicht
zur Last gelegt: der Sünden Siebenzahl
in all dem Wirrsal zwischen Sein und Schein.

Verspricht die Rolle für das Selbstgericht
die Aussicht auf gerechtes Tribunal? –
Ich weiß schon: Einer muß der Bluthund sein.

für Klaus M. Rarisch zum Siebzigsten

Für den Kaminsims (Meiendorfer Druck Nr. 58)

Ab 5. März 2006 alternativ in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch:

Entscheidung gegen mich

Für Robert Wohlleben

Ich könnte mich ja an mich selber wenden.
Die Tür ist hoch, das Tor steht immer weit.
Ich wär der Hansel, der zum Himmel schreit
vor Qualen, ausgelöst durch pralle Lenden,

und nicht gelöscht mit eignen schwachen Händen.
Der Abgrund, der mir Gift und Galle speit
von nun an bis in alle Ewigkeit,
er klaffte breit. Es würde niemals enden.

Doch besser leist’ ich auf mein Ich Verzicht
und schleppe andere zum Tribunal;
denn meine Sünden sind es nicht allein,

auch die der Feinde müssen vor Gericht.
Die Richter dort sind ungerecht? Egal!
Ich Erdenwurm will nicht der Bluthund sein.

Memento mori (Meiendorfer Druck Nr. 64)

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Ab 9. Juni 2006 in der Kapitelübersicht:

Matthias Koeppel:

Pfußßpall
(Ommarsch à Raunaltünjuh)

Drr Hörrgutt dut, wosz ühm geföllt.
Örr tschuf dm Manschn, duch zevorr
dar pauhte örr doss Pfußßpalltorr,
hott zwui tarvunn gleuch hünngestöllt.

Drr Hörrgutt schprachh: jitzzt föhlt mür norr
oin Geignur, drr mütt Ardamm spöllt;
dar wordte Öwar uffgestöllt.
duch Ardamm tschoßß ünz fultsche Torr.

Drr Hörrgutt schprachh: Wullt ühr norr pfeuguln,
donn mößßt ühr Pfußßpallschpülar zeuguln!
Mütt Tschwuineschteigur pfüngk öss arn –

Pudulzki, Pallarck, Olli Kahrn –
dar tschumpft drr Hörr: Hhau rüchtig rünn you,
wür prauchn nuch ’nn Raunaltünjhu!

Mai 2006

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Ab 19. Juni 2006 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Filmkunst


Das Filmprogramm für jeden Lebensgang …
bestehts aus ewig neu gedrehten Streifen?
Verschlang sich nicht beim Schnitt der Plot zu Schleifen,
so daß die Story vor- und rückwärts sprang?

Die Tonspur liefert Lärm samt Sang und Klang,
dieweil Akteure durch die Szenen schweifen.
Das Licht strahlt auf, verlischt, im Dunkeln pfeifen
nur Mann und Maus, ein Weltkind mittenmang.

Die Nachtvorstellung für die Eingeweihten
bringt Vor- und Rückschau aller Kostbarkeiten,
von denen sonst im Hauptprogramm nichts bleibt.

Da kippt das Licht und kontern sich die Seiten,
da läuft die Handlung in entzerrten Zeiten.
Was zählt die Frage, wer am Drehbuch schreibt?

Für den Kaminsims (Meiendorfer Druck Nr. 58)

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Ab 4. Juli 2006 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Für den Kaminsims


Ach weh …! wer rauscht nun durch die Nacht
nach Norden, Süden oder Westen?
Wer lauscht noch nach den letzten Gästen
den Reden nach, verstummt und lacht?

Wer tauscht die falschen Bärte, macht
das Licht aus in den Kummerkästen?
Wer bauscht nun Sorgen und Gebresten
zu gantz verwirrter Wörterfracht?

Verglasend stocken Wasserfälle
und junge Sterne stehn verwaist
an ihrer halbverkohlten Stelle.

Obwohl noch Rauch die Augen beißt,
empfängt der Blick versehrte Helle
vom Himmel, wo die Leere kreißt.

Für RG

Volketswil (ZH), 30. VI. / 1. VII. 2006

Für den Kaminsims
(Meiendorfer Druck Nr. 58)

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Ab 7. Oktober 2006 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Rabenrapport


Da schau: Die Raben sind zurückgekehrt.
Und hör: Was als Erinnerung und Wissen
gedacht war, ist zerkrächzt und ganz zerschlissen.
Du ahnst: Die Kunde läßt Dich unbelehrt.

Was Dich des Tags, was Dich im Traum versehrt,
das taugt zu trostlosen Gewissensbissen:
die je gehißten Banner abgerissen,
die je durchstreiften Marken längst verheert.

Im Sand zerbröckelt ein Libellenkopf,
im Stackgeröll vergeht ein Möwenflügel …
ihr Flug und Ziel entglitten schon zu sehr.

Du packst Dich selber am Rebellenzopf,
verpaßt wohl auch den Wappenlöwen Zügel,
gehst nicht perdü … doch mit Dir selbst zu Kehr.

Mergoscia (TI), 2. August 2006
für K. Peter Grune, Waterloo, NY


Für den Kaminsims (Meiendorfer Druck Nr. 58)

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Ab 15. Oktober 2006 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch:

Zynische Zitate

Zum Zauber Satanischer Verse

Zitierend einen Kaiser von Byzanz –
hat so der Papst das Christentum verteidigt,
auf dessen Heilsparolen er vereidigt?
Entkleidete er sich des Amtsgewands,

entledigend sich eigenen Verstands,
hat er die Stimme wölfisch nur bekreidigt,
bestreitend, daß er den Islam beleidigt?
Vielleicht aus Neid auf fremden Glaubens Glanz?

Entehrt das Schwert der Mensch, der Frieden lehrt?
Verdient der Gläubige das Paradies
als Mörder, wie es der Prophet verhieß?

Die Heiden, die ein Märtyrer bekehrt,
sind sie vor der Verdammnis nun bewahrt?
Und bleibt dem Teufel schließlich nichts erspart?

Memento mori (Meiendorfer Druck Nr. 64)

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Ab 5. März 2007 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Überschach


Und gäbs an Feldern mehr als acht mal acht?
Und lösten sie sich auch mal aus den Nähten?
Und hätte da das Werk von Schneidgeräten
die Zahl verhundert- oder -tausendfacht?

Und die Figuren … ob sie ihre Macht
hinaus in ausgestülpte Räume blähten?
Entwickelten sie neue Qualitäten
für Zug und Schlagen in entgrenzter Schlacht?

Da stehn in Frage Sendung, Rang und Name.
Da ist ein Feld für Ein- bis Endloszüger.
Beständig bleiben Trieb und Wille wach.

Ein König und sein Volk bis hin zur Dame
befinden sich zum Schluß dann endlich klüger
und ganz allein beim Matt im Überschach.

Altona, 4. März 2007
für Albrecht Barfod

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Ab 25. April 2007 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Die Welt ist schlecht

in einem andern Ton


Konstante fünf vor zwölfe weist die Klock:
Die Schlechtigkeit der Welt ist hochverläßlich
und unentrinnbar, wie längst unvergeßlich
besiegelt mit Sonetten des Barock.

Prinzip ist klar: Es gärtnert jeder Bock,
schützt beste Absicht vor, beträgt sich gräßlich,
weiß nichts von Schuld, bis sich am Ende häßlich
die Fratze zeigt: ein immer neuer Schock.

Beliebter Irrtum: Eine Satanshaxe
sei Merkmal all der bösen Schandgesellen
und ihrer rastlos regen Schlangenbrut.

Nee, nee! sind Menschen, die die Seelenachse
justieren, dann auf Dauerfeuer stellen:
aus altem Erbe ewig Tunichtgut.

Ottensen, 29. III. 2007
für Klaus M. Rarisch

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Ab 11. September 2007 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch:

Müll

für Ernst-Jürgen Dreyer

Längst ist die Welt von Pol zu Pol vermüllt,
doch wir vermissen immer noch den Schleier,
der uns das Elend trügerisch verhüllt.
Wir beten hoffnungslos nach alter Leier

und sind von Selbstzerstörungswut erfüllt.
Von Zwängen fühlen wir uns frei und freier,
wenn uns der Urlaub blüht: drei Wochen Sylt.
Wer das nicht glaubt, der lese nur den Dreyer.

Vergebens glaubten wir an einen Reinen –
es blieb uns nur ein Leichentuch aus Leinen.
Geziefer überlebt auf Fliegenbeinen.

Erwarten wir, daß wer das Urteil spricht?
Errichtet keiner je das Weltgericht?
Es dichtet einer uns ein Weltgedicht.

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Ab 7. November 2007 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Mahnung zur Güte


Was hat uns aufgebracht und so erbost,
daß sich die Augenlider enger stellen?
Daß an der Stirn die Zornesadern schwellen,
in den Pupillen dumpfe Glut verglost?

Enthemmt durch die Neuronennetze tost,
was alles fortreißt, was doch könnt’ mit schnellen
Reflexen Würde retten vorm Zerspellen.
Doch nein: nicht bei sich und nicht recht bei Trost.

Wozu bloß potenziert sich all der Schrecken,
als wären Galle, Gift und Zähneblecken
was wert und für den Weltenzustand not?

Der Geifer und der Schaum vorm Maul erwecken
nur Abscheu, statt Signale aufzustecken,
vermeldend: alles gut und ganz im Lot.

Ottensen, 7. XI. 2007

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Ab 23. Februar 2008 in der Kapitelübersicht:

Ernst-Jürgen Dreyer:

Werch ein Illtum

mit einem Vers von Klaus M. Rarisch

Ich kaufte einen Krimi – »Nahtlos braun« –
und freute mich auf Unzucht in den Dünen,
auf nackte Phrynen unter nackten Hünen,
und nahtlos Braunen »dabei« zuzuschaun.

Wie hatt’ ich mich betrogen und verhaun!
Anstatt um Nymphen ging es um Rankünen
Gesinnungsroter mit Gesinnungsgrünen,
um Neonazimord statt um den Faun!

Der sonnenlichtumflossene Nudist
ward Neo-, Anti und Sozialfaschist –
erkannte er, wem da sein Bildnis glich?

Von wegen Freiheit, Sonne, Sand und Strand!
Er wütet: »Rechts von mir ist nur die Wand!«
und »Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!«

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Ab 19. April 2008 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

On a wing and a prayer

für PR

Im Abendgrauen ists wie leichter Schritt.
Was kommt uns nun zum Nachtmeerflug shanghaien?
Ein Käuzchenflug führt hin zu kleinem Schreien,
uns scheint: Viel tiefer unten schreit es mit.

Der Film im Kopf läuft hin von Riß zu Schnitt,
ist abgespielt, beginnt schon zu verschneien.
Doch hin ist hin, Kopie nicht auszuleihen.
Erinnert bleibt die Tonspur mit »Kiwitt«.

Was noch? Ein bißchen Bilderflucht von Brandung,
die sacht in Meeresleuchten übergeht,
ein Inselsaum mit Zeichen von Versandung …

Wohin solls gehn? Was meint der Paraklet?
Was reicht denn wohl für letztgewollte Landung?
Ein Flügel nur? Zur Not noch ein Gebet …?

—oooOooo—

Ab 20. Mai 2008 in der Kapitelübersicht:

Ausnahmsweise mal kein Sonett

Rudi Faßbender:

Der Hüter des Kastens

Sein Blick ist vom Vorüberflug der Bälle
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob der strammen Bälle Welle
ihn hilflos überquellend überfällt.

Des Gegners Tanz papieren leichter Schritte,
fast sindelar auf engstem Raum gedreht,
verwirbelt Freund und Feind, bis aus der Mitte
erneut ein Schuß in den Triangel geht.

Nur manchmal blockt ein Bein die delle Pille,
er atmet durch, denkt: «Na, datt war ma Schwein!»,
entspannt nur kurz und in die Stille
wünscht er, es möge Sabbat sein.

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Ab 1. September 2008 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch (Quartette) &
Matthias Koeppel (Terzette):


Englar im Eppan

Ob man hier Rilkes Geist begegnet?
Denn eine Gräfin ist vorhanden;
man will an ihrem Busen landen;
vorausgesetzt, daß es nicht regnet.

Die Muse hat uns hier gesegnet.
Andreas Hofer lag in Banden;
bekümmert fragt man sich: seit wann denn?
Man weiß es nicht; i kenn den Weg net.

Und Hühner gackern rings ums Schloß;
es kräht der Hahn, doch Rilke schweigt?
Der einst das Leben hier genoß,

schleicht nun ums Haus herum und zeigt
verzaubert sich als weiße Ziege
und meckert, anstatt daß er schwiege.

Memento mori (Meiendorfer Druck Nr. 64)

Schloßkapelle Englar
Matthias Koeppel:
Hauskapelle St. Sebastian von Schloß Englar (2008)

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Ab 29. März 2009 in der Kapitelübersicht:

Sabine Römmer:

Es taut

Auf allen Straßen schliert der Brei,
zerfließt zu Unbehagen
aus langen, kalten Tagen.
Der Himmel trägt den letzten Schrei,

ein bißchen Weiß, ein bißchen Blei,
und aus diversen Lagen,
als würde es sich fragen,
ob es bald Zeit sei, blinzelt Blau,

noch etwas pubertär verwirrt:
ein Heißsporn, der an Kraft verliert,
bei seinen aussichtslosen,

leicht frostigen Symbiosen.
Die Erde töpfert unbeirrt:
erst Schneeglöckchen, dann Rosen.

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Ab 27. Juni 2009 in der Kapitelübersicht:

Herbert Rosendorfer:

Kater Boris spricht

Ein Turm von Trauer überragt das Land
des Grames. Pyramide steht daneben;
ein Hohnkanal durchzieht das triste Leben,
im Gras ich eine tote Amsel fand.

Ich bin, so sagt ein Gott, dazu imstand,
aus Kummer einen Teppich dir zu weben,
und dessen Farben, Schwarz und Grau, ergeben
das Tränenwappen, weit und ohne Rand.

Die Tinten sind vertrocknet, alles leer,
der Regen rinnt bis in der Seele Kern,
und irgendeiner, irgendwo und irgendwer

sucht ganz vergeblich in der Nacht den Stern.
Es dunkelt, es ist kalt und es ist schwer,
und hatt ich doch die ganze Welt so gern.

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Ab Ende August 2009 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Ebene von Nazca

Die Trajektorie stimmte. Doch sieh an:
Voraus ein Netz von wirren Landebahnen,
verzackte Linien, die sich quer verzahnen,
wie’s niemand niemals nicht berechnen kann.

Wer hat sich da verscharrt und hat sich dann
verirrt im Wahn, dem endlos filigranen
Gewirk, als könnt er über Kopf entahnen,
was jetzt der Kurs wär … oder irgendwann?

Nach nirgendwo in aller Weit- und Breite
all rückwärts Eingeschnittnes abgesteckt.
Da ist nichts mehr mit sicherem Geleite.

Wir starten durch. Und bleiben unentdeckt
das stets Vermale- oder Benedeite,
das ewig unbekannte Flugobjekt.

für JM

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Ab 21. September 2009 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Abenteuerreise

Robert Wohlleben spricht


»Wohin des Wegs?« Da schweigt der Wandrer still
und könnte doch leichthin Romane dichten,
das Vorbestimmte taghell zu belichten …
als Garn zu fein fürs ungefüge Spill.

Es führt sein Weg vielleicht dahin, wo schrill
ein Lärmen aufbricht aus verworfnen Schichten.
Dann wär von einem Wirrsal zu berichten,
wie ers schon kennt. Und gar nicht kennen will.

Ihn gibts nur einmal … oder kommt er wieder?
Er stand, entstellt von bitterem Gelächter,
auf hoher Kanzel oder vor Gericht.

Er sieht uns an durch kaum noch offne Lider.
Vorab gerichtet oder als Gerechter.
Wohin des Wegs? Wir fragen lieber nicht.

für Mirko Schädel
anläßlich der Übersetzung »Die Monikins«

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Ab 13. Dezember 2009 in der Kapitelübersicht:

Raphael B. Schwartz:

toter code

die leiche liegt am kompilierten teich
verkeilt ins wrack von der frisierten kutsche
aus dem kadaver quakt die alte hutsche
der vollmond scheint in seiner schleife bleich

ich folg dem unkenruf zum fundort gleich
wo ich prompt gegen unsern herrgott putsche
den voodoospruch mir aus den fingern lutsche
ein laufzeitfehler linkt zum geisterreich

dem nebelschleier dieser subroutine
entsteigt der zombie mit der alten leier
spielt streng die klinggedichte und besiegelt

sein schicksal abseits der funktionsmaschine
verharrt vor schönheit wie erstarrt am weiher
wo er sich selbstverliebt im quelltext spiegelt

für Robert Wohlleben

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Ab 18. Mai 2010 in der Kapitelübersicht:

Frank Wittmer

Zürichhorn

Schreitst du den See entlang
– du schreist dabei die Kehle
dir wund und weißt, die Stele
ist Lot –, dann spür den Zwang.

der schwere Rebbehang
schmerzt künftgen Weines Seele.
Die Zeit gibt dir Befehle,
der See schreit nach dir bang.

Schweigt die Maschine nie:
»Heureka! In die Knie!«
– der Mensch spricht sein Gebetsel;

leis, einsam rostet sie
und klingelt »Ting-ge-li« …
   – Du fragst? Es bleibt das Rätsel.

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Ab 5. September 2010 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch

DU DARFST!

Dem Deutschen sind die Schweizer Banken lieb,
denn Steuern zahlt er nicht besonders gern.
Berlin ist böse, mild dagegen Bern.
Zwar schätzt auch dort man nicht den Frankendieb,

jedoch es zeugt von keinem kranken Trieb,
kommt jemand her von einem andern Stern,
allwo das Eidgenössische recht fern –
Er darf! Es trifft ihn da kein Prankenhieb.

Es wußte schon im alten Rom der Kaiser,
der tüchtig war in seinem Hauptgeschäft
mit dem Bedürfnis, das uns nimmer äfft:

Es stinkt nicht! Also galt er auch als Weiser.
Zum Vorbild nahm sich dies die schlaue Schweiz,
wo Geiz hat staatlich anerkannten Reiz.

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Ab 16. September 2010 in der Kapitelübersicht:

Albrecht Barfod

Die Dunkeln Schwaden

Die Dunkeln Schwaden überm Mond,
zieh’n decken-hin bis ins Gehäus’,
es träumt sich grausam, und ich scheu’s,
von draußen knispert’s leise droh’nd –

– Was prim nicht ist ... das terzt ... das nônt ...
Nôn-Zahlen ... endlos in der Reus’ ...
am Fenster immer noch White Noise
– Das Zahlenreich ist neu verzont!

Es stetigt nun des Schnees Stimm’.
Die Mondin kehrt mit treuem Licht.
Fühl’ stillen Atem neben mir:

Der Schlaf ist nimmer mehr so schlimm –
die Welle trug, die Welle spricht.
Weiß ich doch, wo ich bin mit dir.

In memoriam Albrecht Barfod

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Ab 9. Mai 2011 in der Kapitelübersicht:

RW:

Beobachtung der Bodenstation



Leicht und schwer zugleich erscheint Bezug:
Ernst wie heiter stehn die Himmel offen.
Nüchtern wankt die Welt, bis sie besoffen
Abends sich erklärt: Es war genug.

Unten auf den Wassern furcht ein Bug,
Nacht belädt den Strom mit Schwebestoffen.
Droben im Gewölk erwächst ein Hoffen,
Prägt sich flüchtig auf dem Schwalbenflug.

Also soll im Federwerk der Zirren
Ton wie Tröstung eingeschrieben sein.
Rings ins All entflieht das stete Schwirren.

Im Erinnern hält sich lautlos ein
Cantus firmus ohne Trug und Irren,
Klingt in Träumen nach. Als Sein? Als Schein?

Für Lena und Patrick
zum 24. Juli 2009
und aktuell für eine Hochzeit in Ribe

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Ab 11. Juni 2011 in der Kapitelübersicht:

RW:

Leinen los


 

Die Kimmung längt sich hin am Erdballrund,
hoch überwölbt vom immer fernen Heben.
Die Dünung rollt in Gischt, als ging ihr Streben
im Zweifel hin zu fernem Mahlstromschlund.

Laß fallen Anker! Wär da auch kein Grund,
sich einzugraben, endlich Halt zu geben.
Wie Fahrten sich ins Kartenblatt verweben,
gings hin durch Tief und Flach und Belt und Sund.

Der Wind, der Strom, die Abdrift eingeschätzt,
Besteck fürs letzte Etmal aufgemacht …
die solten See ist Braut. Und wer ihr Schatz?

Das hieß: Den Kurs auf raume See gesetzt,
die Segel flatternd in den Wind gebracht,
gings auf den Törn zum letzten Liegeplatz.

Epitaph für Dietrich Wolters
Ottensen, 10. Juni 2011

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Ab 3. Januar 2012 in der Kapitelübersicht:

RW:

Ein Eislauf


 

Nun schweigt die Briefschaft still. Im Abendlicht
verblassen Blick um Blick die Bleistiftschlingen.
Zu Schatten finden sich die Käuzchenschwingen,
die Rufe holt ein Wind, bewahrt sie nicht.

Dann Nacht. Erinnerung eicht ihr Gewicht,
verfasert sich mit hochpräzis geringen
Zersträhnungen ins Niemandsland von Dingen,
wo sie verloren geht in Nebelschicht.

Ist kalt jetzt, doch noch gar kein festes Eis.
Die Vogelschau zeigt leergemähte Flächen
mit Zeilen nackten Astwerks schwarz auf Schnee.

Gefroren streckt sich weit, schwarzblank und weiß,
noch ohne längs den Rissen aufzubrechen,
fürs stete Überhin ein Bodensee.

Epitaph für Ernst-Jürgen Dreyer
Ottensen, im Dezember 2011

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Ab 27. Juli 2012 in der Kapitelübersicht:

RW:

Leichthin gesagt (An mich)


 

Der Prediger weiß Zeit für vielerlei …
zuviel für unsre dreieinhalb Minuten?
Mißlingt die letzte halbe im Vermuten,
wie nicht zu hassen, doch zu lieben sei?

Grad angezählt, ists aus und stracks vorbei
mit dem Gewirr des Bösen, Faden, Guten.
Erinnerung schwoll an. Um zu verfluten.
Längst angeknickt, verdirbt das Weltenei.

Die Bilder stauen sich in blindem Schweigen.
Sie überlagern sich, bis irgendwann
und spät Schimären aus den Chiffern steigen.

Sie ordnen sich im Kreis und treten an
zum Tanz. Beschließen aber wird den Reigen
dann sowieso der Bi-Ba-Butzemann.

Für Karl in Geneva, N. Y.
Ottensen, 26. VI. 2012

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Ab 9. September 2012 in der Kapitelübersicht:

RW:

Tagelied


 

Schon Lerche? Oder noch die Nachtigall?
Erfinde sich den Text zu den Gesängen,
wer sich beschieden weiß von diesen Klängen,
das Wort erfaßt zu ihrem Silbenfall.

Die Strophen schallen auf mit weitem Hall
in ein Gespinst von Melodiengängen,
drauf aus, kristallne Sphären zu zersprengen,
hinauszuschwingen ins entgrenzte All …

um einst wohl doch den Weg zurück zu finden
vorbei an Lichterschein in dunklen Weiten
entlang dem Rest von Spur, von Sinn zu Sinn.

Bevor der Hall und all das Singen schwinden,
soll stille Rückschau das Gedächtnis leiten.
Die Sonn’ geht auf. Wo fällt der Schatten hin?

Mergoscia (TI), 5/6. VIII. 2012
anläßlich einer Hochzeit am Zürichsee

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Ab 23. Dezember 2012 in der Kapitelübersicht:

RW:

Auf dem Damm nach Helmsand


 

Die Haut der Welt so grau wie Himmels Haut.
Die Zeile Deich beschreibt, mit einem Grate,
das ganze Feste, fern und im Ornate
der Windverformung niedrig hergestaut.

So weit gekommen: kaum ein Atmen weit.
Am Stack beginnt, von Möwenruf beschieden,
geringer Hinterlassenschaft der Tiden
Vergang in Sprüchen gegen Endlichkeit …

gerinnt wohl wann zu Nebel überm Watt.
Darinnen treiben leicht erkennbar Schatten,
verrenken sich im stummen Ringelreihn.

Kein Ahnen, was es zu bedeuten hat,
woher die Wesen ihren Willen hatten …
ihr Tanz scheint end- wie anfangslos zu sein.

April 1963 / Mai 2008
für Karl Grune († 15. Dezember 2012)

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Ab 29. April 2013 in der Kapitelübersicht:

RW:

Leichthin gesagt (An mich)


 

Der Prediger weiß Zeit für vielerlei …
zuviel für unsre dreieinhalb Minuten?
Mißlingt die letzte halbe im Vermuten,
wie nicht zu hassen, doch zu lieben sei?

Grad angezählt, ists aus und stracks vorbei
mit dem Gewirr des Bösen, Faden, Guten.
Erinnerung schwoll an. Um zu verfluten.
Längst angeknickt, verdirbt das Weltenei.

Die Bilder stauen sich in blindem Schweigen.
Sie überlagern sich, bis irgendwann
und spät Schimären aus den Chiffern steigen.

Sie ordnen sich im Kreis und treten an
zum Tanz. Beschließen aber wird den Reigen
dann sowieso der Bi-Ba-Butzemann.

Ottensen, 26. VI. 2012
für Karl Grune in Geneva, N. Y. († 15. Dezember 2012)

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Ab 25. November 2013 in der Kapitelübersicht:

RW:

Teestube im Bauzentrum, Ende der Fünfziger


 

Komplett von Chi bis Rho und A bis Zett
und hin durch sonst noch relevante Lettern
liegt aus, was Dichter in die Winde schmettern
als freien Rhythmus, Ode und Sonett.

Vom Alpenglühen bis zum Strato-Jet,
von schlagenden bis zu amönen Wettern
soll sich die Welt in Sprachstruktur verbrettern,
auf daß sie endlich Zweck und Ursach hätt.

Im Wurzelgrund des Seins beginnt ein Keimen
von Merseburgschen Sprüchen und von Reimen,
sie treiben aus und sprießen à rebours.

Jetzt nur kein Schneiden, Häckseln und Verleimen …
Papier und Bleistift braucht man schließlich nur
für eine leidlich lyrische Figur.

Ottensen, 13. Januar 2004
für Karl Grune in Waterloo, N. Y.
(† 15. Dezember 2012 in Geneva, N. Y.)

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Ab 8. April 2014 in der Kapitelübersicht:

Steve B. Peinemann († 1. April 2014)

MASSVOLLES SONETT


 

kannitverstan! davorne sitzen sie
und mühn sich für ihr geld, mir zuzuhören.
was soll ich weiter fremde Kreise stören.
der wortsinn disapp-irrt mysteriously.

prost paranoijahr! hör ichs lauthals rufen
dass man mir unverhofft den cul verbläu.
es schreitet fort der alte paranoi
und pig-as-us droht mit den scharfen hufen.

halbernst verbrat ich teutschen tichterfleiss,
enfant terrible, merklich windverweht
mit blut im haar und hirn in bleichem weiss

und schwenk kulturvoll meinen magren steiss
froh mono-lockend, mensch, so lang es geht …
und bis big brother mir das licht abdreht.

(für Robert Wohlleben und zur Einleitung einer Lesung)

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Ab 29. Juli 2014 in der Kapitelübersicht:

Klaus M. Rarisch

GRÜBELEI


 

Ich rate, Lieber, dir nur eines: lebe!
Kaum auf der Welt, schon lagst du in der Wiege.
Dein grader Weg lag vor dir, ohne Biege.
Man hat dir eingebleut nur eines: strebe!

Ich aber wünsch dir dies: daß Gott dir gebe
ein Leben ohne Strebertum und Siege.
Freund Hein erwartet dich und spricht: Ich kriege
dich schließlich doch, so oder so! Erbebe!

Als du vom rechten Weg stracks abgeirrt,
da wurde dein Gehirn wachsweich verwirrt,
da litt dein Kopf an Schwindligkeitsverfaltung.

So mußten dich die Sorgen schier zerreiben.
Gibt’s Sinn? Das mußte dir verborgen bleiben.
Der Sinn ist simpel: Sinnlichkeitserhaltung.

enthalten in
Matthias Koeppel & Klaus M. Rarisch:
MACHT DIE SEELEN WEIT!
Tenzone aus 159 Sonetten

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Ab 24. Februar 2015 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben

Kinderspiel


 

Nicht auf die Striche treten … und dann schnell
durch all die Felder hin zum Angestrebten,
dem allen Horizonten Eingewebten,
wo es sich zeigt, mal glosend, mal zu grell.

Die Hunde geben Laut, und ihr Gebell
– die Tonspur für den Film vom Durchgelebten –
markiert die Spur des Nu um Nu Entschwebten …
verstummt. Der Meute glättet sich das Fell.

Wir kommen zu Punkt Eins: das Protokoll.
Wir schaun zurück und sichten die Gedanken:
was den Bewußtseinsfluß hinuntertreibt,

in Wirbeln kreist … falls uns nicht was verscholl.
Der letzte Punkt: Wir ahnen die Ananken.
Nun wissen wir, was fehlt. Erst recht, was bleibt.

Grabschrift für H. L.
Ottensen, 19. XII. 2014

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Ab 1. Mai 2015 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben

Alt werden


 

In Kladde ohne Ton gefragt: was war?
Den Tigern springen Funken von den Ketten.
Die Stadt brennt. Schwarzgepudert die Reinetten.
Der Sterne flic flac. Falsch und wunderbar.

Mit Flügeln schlägt ein abgeknallter Star.
Den Triggerfinger kann nu nix mehr retten.
Dann dreh die Platte um. Laß Ella scatten.
Im Jive verkettet jetzt sich Paar um Paar.

Im Schädel bleicht die Mahd der Bordgeschütze.
Kartoffelsackbedeckte Haufen. Kamen
von fern hierher. Wo Tod das Leben frißt.

Ich leb. Den Schädel deckt die Baskenmütze.
Die Bilder führ ich mit. Und all die Namen.
Von der und dem. Da weiß ich doch: was ist.

Für mich

Robert Wohlleben

Aus: Falsch und wunderbar (Meiendorfer Druck 22)

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Ab 8. Juni 2015 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben

Bauförderung


 

Wer jetzt ein Haus hat, bleibe still gefaßt …
bestands nicht mal aus gut gemischten Karten?
Die Makler, Banker warens, die ihn narrten:
auf seine Asche aus … sprich »dust to dust«.

Trotz Dorngestrüpp im hellsten Mittagsglast
versprach sich ihm ein bunt erblühter Garten,
im Mauerwerk der Schwamm, die Risse, Scharten
verstellten sich als läßlich leichte Last.

Nun spinnts und spukts in den Versorgungsnetzen:
die Heizung kalt, Elektrik zum Entsetzen,
das Telephon ein stummes Institut.

Die Helfer denken nicht daran zu hetzen,
man wartet, grämt sich, sammelt sich zur Wut …
und im Klosett, das fehlt noch, steigt die Flut.

Für Ernst-Jürgen Dreyer
Ottensen, 1. XII. 2007

Aus: On a Wing and a Prayer (Meiendorfer Druck 63)

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Ab 21. Dezember 2015 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben

Zeit


 

Am Himmel hin verfließt der Wolkenzug,
in Wellen geht ein Wind. Die Baumgestalten
als Semaphore für geheimes Walten
verraten sich mit schwirrem Vogelflug.

Ein Regen, den die Luft vom Meer her trug,
versickert nach und nach in Bodenfalten,
für kleine Weile vieles grün zu halten,
bis Kälte einfällt, immer früh genug.

Und immer neu, in Wiederkehr verborgen,
wird ein Vergehen in die Welt gehext,
dann wundert stets, was austrieb und verblich.

Ein erster Tag aus Abend und aus Morgen
begann den Takt, auf daß Erinnern wächst.
Das Muster bleibt, doch wandelt sich wie Dich.

Fü Swantje zum 16. Mai 2012

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Ab 11. Juli 2016 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Lonely Are the Brave

An wen denkt, selbst zuletzt, der brave Mann
in seinen Bänglich- und Vergänglichkeiten,
verhängt in allerlei verhangnen Zeiten,
als Angeerbtes peu à peu zerrann?

Zu flüchtig blieb, was er zu Träumen spann,
es reichte grad für knapp verpaßte Pleiten.
Drauf pfeifen oder tapfer widerstreiten,
auf daß von ungefähr und irgendwann

mit Möbiusschem Trick ein Blatt sich wende
und ihn hinausläßt aus den Hexenringen:
nun endlich zügellos und vogelfrei.

Dann spreitet er ins Licht die leeren Hände,
steigt aus dem Wust der abgefallnen Schlingen
hin vors Vexierbild »Me, Myself, and I«.

Ottensen, 29. II. 2016

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Ab 3. August 2016 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Die Jagd nach dem Glück

Der Wechsel bleibt: Die Nacht fällt ein – es tagt.
Notturni klingen auf, dann Tagelieder,
den Eulen fährts, dann Lerchen ins Gefieder –
dies alles sei zerdacht und hergesagt.

Die wilde Meute, die das Glück bejagt,
durchsprengt die Wortsaat, reitet Aufwuchs nieder.
Da findet sich kein »Für«, nur wildes »Wider«.
Dies auszuschrein sei unbeirrt gewagt!

Im Schwarz und Weiß der Welt gings Zug um Zug
mit Zahl und Letter fort durchs Feldergitter:
Das Anfangswort gehörte ausgereimt.

Getreu am Feldrain wandte sich der Pflug,
daß ausgesät ward, was am Ende bitter
entsprießt … zu bösen Blumen ausgekeimt.

Fällanden (ZH), 2. VIII. 2016
Für Klaus M. Rarisch
(* 17. Januar 1936, † 20. Juli 2016)

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Ab 25. September 2016 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Passage

Wann löst sich nun der nächste Schuß vor’n Bug,
Ins knappe Abseits seines Ziels gelenkt?
Doch noch wohl flott, noch immer nicht versenkt …
Es bleibt beim Kurs: hin unterm Möwenflug.

Rebellenstander unterm Wolkenspuk,
Flibustern steht das Zeug in Wind geschwenkt.
Am Rad der eine, der die Peilung denkt,
Hat Durst auf einen Schluck im Nobiskrug.

Rapporte kommen aus dem Krähennest:
Nichts ist, wie’s soll, wir sitzen in der Falle.
Im Geist der Gasten wuchs und wächst ein Groll,

Seit sich das alte Spiel erkennen läßt:
Salut auch dies, für uns und schließlich alle.
Ein Schuß vor’n Bug … am Ende trifft er voll.

Für Bernd Löschmann zum 15. Juli 2016

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Ab 20. Dezember 2016 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Chimären

Vom Himmelsjahrmarkt lärmts verdächtig her …
wer sucht sich da Vergnügen und Entzücken,
um sich den Jammertälern zu entrücken,
die einstens er durchstreunte, kreuz und quer?

Nun gibts von allem alles und viel mehr,
das Spiegelkabinett ganz ohne Tücken,
Verlosung ohne Nieten schafft Beglücken,
Versprechen blühen rings und keines leer.

Dann sammeln sich, als ob sie müde wären
– all die Begegnung mit dem Ungefähren
nur mühevoll begreifbar und zu schnell –

und nicht bereit, d’accord sich zu erklären,
von überall und namenlos Chimären,
besetzen unbemerkt das Karussell.

Ottensen, 13. XI. 2016
für Matthias Koeppel

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Ab 13. März 2017 in der Kapitelübersicht:

Robert Wohlleben:

Kartomantie

Was dieser heute braut … wann säuft ers aus?
Wann kommt der Durst? Die Zunge klirrt im Winde …
Wo fällt der Schatten, daß er Frieden finde?
Wie löst sich bloß harmonisch all der Graus?

Zu Haus im Saus und Braus von Mann und Maus,
traut im Verein mit Weib mitsamt dem Kinde
gelänge Ruhestiftung nur gelinde,
zerfällt ein Bau aus Lusche bis zum Daus.

Aus Lochgestanz in langverschollnen Karten
tönt schrill der Marsch, den mancher sich drauf pfeift.
Der Pfiff war unterm wohlbestellten Garten,

im in der Teufe heimlich Ausgescharrten
– der Wetterschacht auf Dauer ausgesteift –,
im Alten Mann still vor sich hin gereift.

Ottensen, 8. XII. 2016
für Herbert Laschet Toussaint = HEL
zum 12. III. 2017



 


Rechte im wesentlichen bei fulgura frango,
im übrigen bei den Urhebern